Nach einigen Tagen stand Hermines Plan fest. Malfoy würde für alles büßen. Auch für seine Streiche Harry und Ron gegenüber. Es war endlich an der Zeit, dass jemand Malfoy zeigte, wo seine Grenzen lagen; denn Grenzen waren dem Malfoysprössling ganz offensichtlich fremd.
Nicht umsonst war Hermine die fähigste Hexe ihres Alters. Nur benötigte sie etwas Zeit, um sich eine gute Strategie zurechtzulegen. Das Beste war erst einmal, zu lesen.
Sie griff neben sich in ihr Bücherregal und zog das unscheinbare dicke Buch heraus, das sie vor ein paar Tagen in der Winkelgasse gekauft hatte. Scriptum exsecrationem et contrarii stand in kleinen, verschnörkelten Buchstaben auf dem Buchrücken. Buch der Flüche und Gegenflüche. Perfekt.
Hermine strich darüber und öffnete es. Da es Samstag war, hatte sie den ganzen Tag Zeit, sich neue Sprüche anzueignen. Sie nahm das Buch und ging in ein leeres Zauberkunstklassenzimmer. Hier sollte sie eigentlich ungestört bleiben.
Als sie schon eine Weile geübt hatte, ging die Tür auf. Halb erwartete Hermine, dass es mal wieder das Frettchen sein würde. Allerdings waren es nur Harry und Ron.
„Hermine!", beschwerte sich Harry, „Was tust du denn hier? Warum hast du uns nicht Bescheid gesagt, wohin du gehst? Wir hätten dich begleitet! So mussten wir dich auf der Karte suchen."
Seit dem ersten Schultag, als Malfoy Hermine geklammert und über's Ohr gehauen hatte, ließen sie ihre besten Freunde kaum noch aus den Augen.
„Lust auf ein kleines Duell?", fragte sie die beiden. „Übst du für Malfoy?", fragte Ron. Hermine nickte. Harry machte sich kampfbereit. Hermine lächelte leicht. Durch die vielen DA- Stunden wusste sie, welchen Zauber Harry zuerst ausführen würde.
„Expelliarmus!", rief Harry. „Protego!", hielt Hermine dagegen. Harry war ein sehr guter Gegner. Gegen ihn hatte sie erst ein oder zwei Mal gewinnen können.
Erbittert feuerten sie aufeinander die Flüche ab, Hermine auch einige der neuen, die sie gerade eben gelernt hatte. Nach einer Weile konnten sie nicht mehr. „Aufhören!", japste Harry und Hermine ließ erschöpft ihren Zauberstab sinken. „Du bist gut, Hermine!", keuchte Harry. Sie brachte nur ein Nicken zustande, denn zu mehr hatte sie im Moment nicht die Kraft.
Für heute beschloss sie, es gut sein zu lassen. Hausaufgaben musste sie ja auch noch erledigen. Als sie mit Ron und Harry durch einen geheimen Abkürzungsgang zurück in den Gryffindorturm ging, beschlossen sie gerade den Zeitpunkt eines neuen DA- Treffens, als auf einmal Malfoy und Parkinson im Gang auftauchten.
Beide schienen sehr mit einem Kuss beschäftigt. Hermine wollte sich gerade taktvoll umdrehen und wieder gehen, als Ron seinen Zauberstab zog und „He, Malfoy!" rief, woraufhin der Angesprochene und Pansy auseinander fuhren. „Das Narbengesicht, das Wiesel und das Schlammblut!", spie Malfoy aus, während Pansy davonlief.
Hermine sah Rot. „Vorsicht, Malfoy. Das nächste Mal, wenn ich dich mit Parkinson im Schloss erwische, gibt's satte 50 Punkte Abzug für dich. Und wage es ja nicht, einem Gryffindor zu schaden. Denn dafür wirst du bezahlen!", sagte sie scharf.
Irgendwie tat ihr Pansy leid, aber hier ging es um ihren Erzfeind. Und um ihr Herzbegehren.
„Du hast gehört, was Hermine gesagt hat!", sagte Harry, „Verzieh dich!" Damit gingen er und Ron vor und schubsten Malfoy aus dem Weg. Malfoy knurrte nur, wagte es aber nicht, einem von ihnen einen Fluch aufzuhalsen.
Hermine rührte sich nicht vom Fleck. Eine komische Art der Verzweiflung hatte sie ergriffen. Malfoy strich sich seinen Umhang glatt. Dann zischte er: „Heute Nacht, halb elf im Astronomieturm. Alleine."
Hermine löste sich aus ihrer Starre und lief Harry und Ron hinterher. Was wollte Malfoy nur von ihr? Sich duellieren? Das konnte er sich aber an den Hut stecken. Sie würde nicht hingehen und stattdessen weiterüben.
Doch den ganzen Tag über ließ ihr das „Angebot" keine Ruhe. Beim Abendessen in der Großen Halle schließlich erzählte sie es ihren beiden besten Freunden. „Geh hin!", sagte Ron sofort, „Du hast allen Grund, dich an ihm zu rächen und wenn du ihn besiegst, hast du diese unsägliche Plage los!" Hermine hatte gewusst, dass Ron so reagieren würde.
„Harry?", fragte sie. Harry nickte bedächtig mit dem Kopf. „Ich weiß nicht.", murmelte er. „Was ist, wenn es eine Falle wie in der ersten Klasse ist und er dich wieder mal hinhängt? Du könntest deines Schülersprecheramtes enthoben werden.", gab Harry zu Bedenken.
„Nein, das nicht, ich muss heute Nacht ohnehin kontrollieren." „Aber wenn, dann sieh dich vor und Ron und ich gehen unter dem Tarnumhang mit, nur zur Sicherheit!", meinte Harry. Hermine nickte. Nun gab es noch eine Person, die sie um ihre Meinung fragen wollte: Ginny Weasley.
Sie zerrte Ginny vom Gemeinschaftsraum in die Mädchenschlafsäle und beide ließen sich auf Hermines Bett fallen. „Ginny, Malfoy hat mich zu einem Treffen im Astronomieturm ‚eingeladen'!", platzte Hermine heraus. „Harry, Ron und ich glauben, dass er mich zu einem Duell herausfordern will."
Hermines Freundin blickte sie zweifelnd an. „Malfoy?", wiederholte Ginny. „Und du, Harry und Ron!", rief sie aus. „Was ist mit uns?", wollte Hermine wissen. „Ihr", schloss Ginny lahm, „habt doch alle drei überhaupt keine Ahnung, was nächtliche Treffen auf dem Astronomieturm bedeuten."
Hermine schaut sie unsicher an. „Nein?"
„Kennst du die Gerüchte nicht?", lachte Ginny auf einmal. „Das ist der ruhige, ungestörte Platz für Pärchen überhaupt, weil sich keiner der Lehrer und Vertrauensschüler die Mühe macht, dort hinaufzusteigen. Komm schon, Hermine, zähl mal eins und eins zusammen. Es war Malfoy, der dich gefragt hat!"
Der Schürzenjäger Malfoy, fiel es Hermine wie Schuppen von den Augen. Wie konnte sie nur so doof sein? Na warte, dachte sie, der kann was erleben, Nerhegeb hin oder her. Was fällt diesem Widerling eigentlich ein!
Ginny gluckste. „Du wirst doch wohl nicht ernsthaft hingehen, oder, Hermine?" „Doch. Der kann was erleben!", giftete Hermine. „Ich komme unter dem Tarnumhang mit!", beschloss Ginny. „Den musst du dir nur schon mit Harry und Ron teilen!"
Draco bekam Hermine nur noch im gemeinsamen Unterricht zu sehen und wenn er ihren Blick auffangen konnte, dann sah er in ihrem nur Abscheu. Er musste dringend diesen blöden Spiegel finden, damit er endlich Klarheit bekam. Bis zu diesem Zeitpunkt hätte er wohl nie Ruhe.
Nach einer Woche Suchen hatte ein Slytherin schließlich den Spiegel gefunden. Draco schickte alle Zuschauer aus dem Raum. Welch originelles Versteck für den Spiegel, dachte er höhnisch. Wenn er so gefährlich war, wie das Buch Tausend magische Gegenstände der letzten 1000 Jahre behauptete, dann war es typisch Dumbledore, ihn einfach so in ein unbenutztes Klassenzimmer zu stellen.
Draco trat nun näher und klopfte gegen den Rahmen. Eibenholz, stellte er verwundert fest. Es war eine Rarität und kein normaler Mensch nahm es her, um einen Spiegel darin zu rahmen. Er verspürte ein unangenehmes Kribbeln im Magen, als er mit der Hand den Rahmen entlangfuhr, bis er oben auf eine Gravur stieß. Warum scheute er sich so sehr, in den Spiegel zu blicken?
Er besah sich die Gravur nun genauer, las die Inschrift. „NERHEGEB Z REH NIE DREBAZ TILT NANIEDTH CIN", lautete diese. Es gab keinen Zweifel, was dieser Spiegel zu zeigen pflegte.
Draco riss sich zusammen und stellte sich vor den Spiegel. Zuerst sah er nur sein eigenes Spiegelbild und wollte schon abwinken, als er sah, wie seine eigenen Konturen verschwammen und Hermines Gestalt annahmen. Durch den Spiegel konnte er sie deutlicher erkennen als nur durch den Rauch des Trankes. Hermine winkte ihm traurig zu. Sie schien etwas zu sagen und Draco presste sein Ohr an die Spiegelfläche, aber er hörte nichts.
Nachdem er eine lange Zeit in den Spiegel gestarrt hatte, ganz versunken in dem Bild, hörte er einen lauten Knall und ein lautes Gackern. Peeves. Draco sprang auf und riss sich los. Nun verstand er die Phrase über die Gefährlichkeit des Spiegels: man drohte in ihm zu versinken.
„Draaacilein", säuselte es da über seinem Kopf und Draco erblickte Peeves, der kopfüber in der Luft hing. „Peeves!", fauchte er. Woher wusste der Geist, wie Pansy ihn in sehr privaten Stunden zu nennen pflegte? „Spionierst du mir nach?", zischte er ärgerlich. „Ach Draaaaco- Spatz! Das würde mir doch nieeeemals einfallen!", machte sich der Geist über ihn lustig. Dann ließ er ein paar Wasserbomben auf Dracos Kopf fallen und entschwebte laut lachend.
Draco schauderte ob der ungebetenen kalten Dusche und zauberte sich trocken.
Also sollte es tatsächlich Granger sein, die sein Herzbegehren darstellte. Und sie hatte den Trank wohl doch richtig gebraut. Draco sah ein, dass es gar nichts nutzen würde, wenn er sich darüber aufregte. Malfoys waren nicht so leicht zu erzürnen. Aber das Ganze hieß noch lange nicht, dass er es akzeptieren musste.
Apropos Granger. Er hatte Blaise noch etwas zu beweisen. Nun, wenn sie ihm über den Weg lief, dann würde er sie schon dazu bringen, sich mit ihm zu treffen…
Die nächsten Tage hatte Draco aber kein Glück. Es war, als würde ihm die Gryffindor aus dem Weg gehen. Und das, obwohl er sie im ganzen Schloss suchte, manchmal sogar in Begleitung von Blaise, der sich köstlich zu amüsieren schien. Am Samstag dagegen hatte sich Pansy an seine Fersen geheftet.
Vielleicht hätte er ihr keine Hoffnungen machen sollen, letztens bei dem nächtlichen Treffen auf dem Turm. Oder, Pansy hatte ein paar hingeworfene Äußerungen als „Hoffnung machen" aufgefasst. Das war wahrscheinlicher. Heute jedoch begleitete sie ihn. Ausnahmsweise.
Woher wusste eigentlich Potter immer so haargenau, wo er zu finden war, wenn er sich selbst für unauffindbar hielt, fragte sich Draco, während er mit Pansy im Schloss umherwanderte. Ein Mysterium, das er Granger vielleicht auch entlocken konnte, wenn er sie erst einmal so weit hatte.
Draco zerrte Pansy bevorzugt durch all die Geheimgänge rund um den Gryffindorturm, bis sich diese zu wehren begann. „Draco! Was soll denn das? Du schleppst mich quer durch das Schloss, ohne jeglichen Plan! Lass uns doch…", doch Draco unterbrach sie, indem er sie zu sich zog und küsste. Das würde ihren Mund schon versiegeln, hoffte er. Außerdem war er gerade eben nicht unterwegs, um mit Pansy ein ruhiges Plätzchen zu finden, auch wenn sie das offenbar glaubte… obwohl…
„He, Malfoy!", unterbrach eine Stimme sein und Pansys Tun. Draco erschrak und beide ließen einander los. Bevor er nachgedacht hatte, hatte die übliche Beleidigung schon seine Lippen verlassen: „Das Narbengesicht, das Wiesel und das Schlammblut!"
Er sah, wie Potter und Weasley sich schützend um Granger stellten. Als er sich nicht vor Pansy stellte, ergriff diese kurzerhand die Flucht.
Nun ergriff Granger das Wort und missbrauchte schon wieder ihre Stellung als Schulsprecherin. Sie musste ihn wirklich hassen. Aber solange sie Potter und Wiesel keinen Wink gab, würden diese ihn auch nicht angreifen. Nicht umsonst war Granger Weasleys und Potters externes Gehirn.
Knurrend musste er es zulassen, wie ihn die Gryffindorjungen anrempelten und in dem Geheimgang verschwanden. Nun stand er Granger gegenüber. Nun, so aufgebracht wie die jetzt war, würde sie ihm eher eine Ohrfeige verpassen, wenn er jetzt zu ihr hinging. Also sagte er nur leise: „Heute Nacht, halb elf im Astronomieturm. Alleine." Bis dahin hätte sie sich schon wieder beruhigt, hoffte er.
Granger erwiderte nichts, er sah lediglich ihre verwirrte Miene. Draco war nun seinerseits überrascht. Kapierte sie nicht, was er sagen wollte? Wohl eher nicht, schloss er, als Bewegung in sie kam und sie Potter und dem Wiesel hinterherrannte. Kommentarlos hatte ihn nämlich noch nie ein Mädchen verlassen, nachdem er es zu einem Treffen überredet hatte. Aber Granger war ja nicht gerade das typische Mädchen.
Draco ging hocherhobenen Hauptes zurück zu dem Slytherinkerker. Er hatte Blaise etwas Wichtiges zu erzählen.
Einige Stunden später überkam ihn eine unbekannte, seltsame Nervosität. Er konnte kaum etwas zu Abend essen und musste stattdessen ständig an Granger denken, die er heute Nacht treffen wollte. Ob sie den Schneid besitzen würde, herumzustreunen? Ach was, sie, das Wiesel und Potter, das wusste man, machten das doch ständig. Warum sie dabei allerdings so gut wie nie erwischt wurden, war Draco auch ein Wunder. Bei Weasleys Dummheit müssten sie doch geradewegs in Argus Filchs Arme stolpern…
Um zehn machte er sich schließlich auf den Weg. Man musste Zeit einplanen, um den anderen Vertrauensschülern und den Lehrern zu entgehen. Am Fuß des Astronomieturms atmete Draco schließlich auf und erklomm die Stufen. Oben angekommen, sah er Granger an der Brüstung lehnen, das Gesicht zu ihm gewandt.
