Hermine eilte die Treppe vom Astronomieturm herunter und verdrückte sich schleunigst zurück zu den Gryffindors. Auch sie hatte keinen Freibrief, in der Schule herumzustromern. Aber die Gefahr des Erwischtwerdens war immer noch weniger schlimm als Hermines schlechtes Gewissen, das sich während der Nacht immer wieder gemeldet hatte.
Sie konnte einfach keinen Schüler, und wenn es Draco Malfoy persönlich war, einfach wehrlos auf einem Turm liegen lassen. Immerhin war sie Schulsprecherin. Also war sie früher als sonst an einem Sonntagmorgen aufgestanden und gegangen, um Malfoy aus dessen misslicher Lage zu befreien. Ganz davon zu schweigen, dass er sie verpetzt hätte, wenn ihn ein anderer als sie gefunden hätte.
Malfoy war ja ganz nett gewesen, ausnahmsweise. Dass er sogar wusste, wie man sich entschuldigte, überraschte Hermine immer noch. Oder er war einfach zu schusselig gewesen, eine Nachwirkung des Fluchs. Wohl eher. Hermine verstand immer noch nicht, wie er nur ihr Herzbegehren sein konnte.
Schon gar nicht, wo er so hinterhältig versucht hatte, sie herumzubekommen. Außerdem hatte Hermine ja gesehen, wie er mit Pansy herumknutschte. Erst sie, dann ein paar Stunden später ich, na sicher, Malfoy. Such dir deine Püppchen woanders, dachte Hermine leicht angesäuert. Arme Parkinson. Die ahnte vielleicht noch gar nichts von ihrem „Glück".
Im Gemeinschafsraum angekommen, wartete Ginny schon auf Hermine. Kaum war Hermine zu dem Portraitloch hereingeklettert, packte Ginny sie schon und schleifte die verdutzte Hermine in die verlassene Sesselecke. „Hermine, wir müssen mal miteinander reden!", sagte Hermine Freundin. „Worüber denn?" „Ach, Hermine, wegen was wohl. Wegen gestern." „Oh, ach so!", lachte Hermine, „Malfoy habe ich schon wieder befreit, keine Sorge."
„Nein, nicht das.", widersprach Ginny Hermine geduldig. „Ich meine etwas anderes. Von mir aus könnte er nämlich dort oben krepieren. Aber es geht um dich und um ihn!" Hermine starrte Ginny an. „Ginny?", murmelte sie.
„Jetzt tu nicht so, Hermine! Erzähl mir nicht, du hast Malfoys Gesichtsausdruck nicht gesehen, als er dich angesehen hat und berühren wollte!" „Was, ja, doch, er hat ausgesehen wie immer!", antwortete Hermine und schüttelte sich.
„Er hat dich angesehen wie Harry mich. Und Harry sieht mich neuerdings immer so an, als wäre ich unerreichbar.", redete Ginny weiter, ohne auf Hermine einzugehen. Hermine riss geschockt die Augen auf. „Nein! Wir reden hier von Malfoy!", zischte sie. „Eben!", erwiderte Ginny. „Deswegen will ich ja mit dir reden! Aber Hermine, du hättest auch mal deinen Blick sehen müssen. Als wolltest du auf ihn eingehen, so sah es aus."
„Nein!", rief Hermine etwas zu laut und zu schnell aus. Ginny musterte sie zufrieden. „Ginny!" Rons Schwester hatte einen siebten Sinn für derlei Dinge. Aber sie konnte einfach nicht wissen, was ihr gestern durch den Kopf geschossen war, bevor sie Malfoy attackiert hatte und Ginny konnte auch nicht wissen, was ihr Specula Anima gezeigt hatte.
„Ich glaube, ihr habt euch ineinander verliebt. Und keiner gibt es zu.", stellte Ginny erbarmungslos fest. Hermine errötete unwillkürlich. „Nein, haben wir nicht!", sagte sie empört. Doch ihre Freundin lächelte sie einfach nur an. „Harry… Ron… Sag ja nichts von deinen horrenden Vermutungen.", flüsterte Hermine. „Oh Merlin, du kennst die beiden doch. Die verstehen nicht mal den Wink mit dem Zaunpfahl. Und ich werde mich hüten, ein Sterbenswörtchen zu verlieren!", versprach Ginny. Dankbar nickte Hermine.
Die Feststellung von Ginny trug aber auch gar nichts zu Hermines Seelenheil bei. Im Gegenteil. Sie schwor sich, Malfoy nun nur noch erbitterter zu bekämpfen, wie eine lästige Insektenplage. Ron und Harry, das wusste sie, würden sie dabei kräftig unterstützen. Denn sie hassten Malfoy genauso stark wie sie selbst.
In Hermine wuchs im Laufe der Tage ein neuer Plan, als sie hörte, dass Malfoy den Gryffindors wieder Punkte abgezogen hatte. Ihr war es ein Leichtes herauszufinden, wann Malfoy nachts als Vertrauensschüler unterwegs war und die Gänge patrouillierte. Zu diesem Zeitpunkt war er praktisch am verwundbarsten, weil er erstens nicht mit einem Angriff rechnen musste und zweitens war er alleine unterwegs und nicht mit seinen hinderlichen Anhängseln. Außer er nutzte natürlich die Zeit mit Parkinson, aber das würde ihn 50 Punkte kosten.
Mit irgendeinem fadenscheinigen Grund eilte Hermine zwei Wochen nach dem Gespräch mit Ginny eines Abends zu Professor McGonagalls Büro, weil sie wusste, dass Malfoy wegen seiner Patrouille ebenfalls dort erscheinen musste, denn McGonagall teilte den zu begehenden Bereich ein und diesen Abend würde Malfoy dort erscheinen, um sich instruieren zu lassen.
Hermine sprach gerade mit McGonagall über die anstehende Halloweenparty, die Hermine mitorganisierte, als es klopfte und Malfoy eintrat. „Guten Abend, Professor.", grüßte er höflich. „Granger.", fügte er gewohnt abfällig hinzu. „Mr. Malfoy, ich muss Sie bitten, Ihren Ton zu mäßigen!", fauchte ihn McGonagall an. Hermine grinste ihn schadenfroh an. „Miss Granger, Sie können gehen, Mr. Malfoy, Sie übernehmen heute den Nordflügel des Schlosses, einschließlich Astronomieturm und Gryffindorturm. Und wehe, mir kommen irgendwelche Beschwerden zu Ohren…"
Hermine winkte ihrem Professor kurz zu und verschwand. McGonagalls Moralpredigt für Malfoy musste sie sich wirklich nicht antun. Wenn Malfoy den Nordflügel kontrollieren musste, war es nur eine Frage der Zeit, bis er die Statue der Buckligen Hexe passieren würde. Dort würde Hermine auf ihn warten, denn die Öffnung in der Statue bot ein unschlagbares Versteck vor Leuten, die diesen Geheimgang nach Hogsmeade nicht kannten. Und nur Harry, Ron, seine Brüder und sie kannten ihn.
„Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin", flüsterte Hermine und entrollte die Karte der Rumtreiber. Ohne jemand zu begegnen erreicht Hermine die Bucklige Hexe. „Dissendium", sagte sie leise und tippte die Statue an. Der Buckel öffnete sich, Hermine glitt hinein und verschloss den Eingang so weit, dass sie nur noch einen kleinen Spalt zum Spähen hatte.
Dann holte sie ihre kleine Galleone hervor, mit der sie die DA- Mitglieder versammeln konnte. Wenn sie sich recht erinnerte, schuldete Malfoy ihnen allen noch etwas- durch seinen Verrat an Umbridge. Hermine geduldete sich ungefähr eine Stunde, als sich der Punkt, der mit Draco Malfoy beschriftet war, langsam näherte. Zeit zu handeln.
Sie tippte ihre Galleone an und teilte den DA- Mitgliedern mit, dass bei der Buckligen Hexe Hilfe benötigt würde. Dann schaute sie durch den Spalt nach draußen. Sieh da! Malfoy schlenderte daher. Aha, wähnte er sich also unbeobachtet, ließ er auch das arrogante Gehabe und das Stolzieren sein. Hermine grinste in sich hinein und schob ihren Zauberstab durch den Spalt. „Aguamenti!", wisperte sie und ein Wasserstrahl spritzte aus ihrem Zauberstab, sodass sich eine riesige Wasserlache am Boden bildete.
Draco schaute genervt auf die Uhr. Ach, halb neun schon. Zeit, sich zu McGonagalls Büro aufzumachen. Wenn er zu spät kam, machte diese alte Hexe- im wahrsten Sinne des Wortes- immer gleich einen Aufstand. „Ciao!", murmelte er und verließ die Kerker.
Bei dem Büro angekommen, klopfte er und trat ein. Hermine Granger stand schon dort. Als sie ihn so hochnäsig anblickte, ließ er dazu herab, sie abfällig zu begrüßen. Hätte er besser nicht getan, denn McGonagall war dies gerade recht, um ihm wieder einmal eine Predigt zu halten. Granger nutzte den Augenblick, um zu verschwinden und ihm einen schadenfrohen Blick zuzuwerfen.
Warum konnte sie ihm nicht wie ganz normale Mädchen einfach nur verliebte Blicke zuwerfen? Das würde seine bescheidene Situation nämlich um Einiges erleichtern. Er könnte ein paar Mal mit ihr ausgehen und sie ein bisschen kennenlernen, bevor er sich endgültig für Hermine oder für seine Abstammung entscheiden könnte. Aber so einfach machte sie es ihm leider nicht.
Und seine Mutter, die ihm letztens einen Brief geschrieben hatte, war ihm auch keine große Hilfe gewesen. Da brauchte man einmal die Unterstützung seiner Eltern, und dann kam das zurück! Draco rezitierte aus dem Gedächtnis:
„Lieber Draco,
danke der Nachfrage, mir geht es bestens. Das Manor ist noch nicht gefallen, ich werde es nicht zulassen, dass die Todesser Dein und mein Zuhause einnehmen. Ich hoffe, Draco, dass Du unser Gespräch vor ein paar Wochen noch nicht vergessen hast und über alles nachdenkst! Da Du in Hogwarts bist, wähne ich Dich aus der Schusslinie. Also nutze die Zeit!
Auch wenn ich Deine Mutter bin, so kennst Du meine Geschichte nicht. Draco, meine Eltern haben mich, eine Black, ungefragt an Lucius Malfoy verheiratet. Um die Reinblütigkeit zu wahren, sagten sie, ungeachtet meiner eigenen Gefühle, die zunächst nicht Lucius galten! Ich hatte nie die Wahl über mich zu entscheiden. Das war damals so. Nimm Du Dein Leben selbst in die Hand!
Bedenke: Du weißt, was Du hast, wenn Du ein Malfoy ‚bleibst'. Aber das, was Du dann vielleicht verlierst, wirst Du Dein Lebtag nicht mehr vergessen. Eines jedoch solltest Du wissen, Draco: ich werde Dich, egal bei welcher Entscheidung, immer unterstützen. Du musst nicht Lucius sein, das weißt Du…"
„Mr. Malfoy! Hören Sie mir vielleicht einmal zu?", schrie ihn McGonagall an und Draco zuckte zusammen. „Natürlich, Professor. Ich übernehme den Nordflügel und die zwei Türme." „Beim nächsten Mal ziehe ich Ihnen Punkte ab, Mr. Malfoy, und Sie werden nachsitzen. Gehen Sie gefälligst Ihren Verpflichtungen gewissenhaft nach!"Draco nickte und verließ das Büro.
Während er gelangweilt die Portraits an den Wänden betrachtete, ärgerte er sich über seine Mutter. War ja schön, dass er ihren Segen hatte, aber wirklich half ihm das auch nicht weiter. Überhaupt, es war alles die Schuld von Snape. Er hatte gewusst, dass er durch diesen Trank jede Menge Ärger heraufbeschwören würde.
Draco marschierte in den fünften Stock, in dem eine unglaublich hässliche Statue stand. Gedankenlos betrachtete er die Portraits, die in dem Gang hingen. Ein Ritter mit einem dicken Pony fuchtelte mit seinem Schwert gerade vor seiner Nase herum, als es ihm urplötzlich die Füße wegzog und Draco mit den Armen rudernd in einer riesigen Wasserlache am Boden landete.
„Scheiße!", entfuhr es ihm, als er sich langsam aufrichtete und sich misstrauisch umsah. Das Wasser… er hätte schwören können, dass es gerade eben noch nicht dagewesen war, als er in den Gang getreten war. Ihm fiel gerade diese komische Statue auf, als der Ritter in dem Portrait lauthals über ihn zu lachen begann. Draco fuhr ärgerlich herum.
Noch bevor er etwas zu dem lächerlichen Ritter sagen konnte und seine Kleidung trockenen konnte, begannen seine Beine wie irre zu zucken. Er merkte, dass ein Tarantallegra ihn getroffen haben musste. Jetzt war er gezwungen, wie ein Verrückter durch die Wasserpfütze zu tanzen. Wo war nur sein Angreifer?
Draco war unfähig, seinen Zauberstab zu ziehen und den Fluch zu beenden. Jetzt hörte er auch noch Schritte, und der Gang füllte sich mit Schülern. Wütenden Schülern. Allen voran Potter und Weasley. Dahinter sah er die kleine Weasley, Finnigan, Thomas, Luna Lovegood, seine Ex Cho Chang, Longbottom, etliche Hufflepuffs und Ravenclaws und offensichtlich halb Gryffindor. Alle, die er jemals drangsaliert hatte. Nur Granger fehlte noch. Hermine.
„Finite!", ertönte es hinter Draco und seine Beine stoppten sofort. Erschöpft musste er noch ein Bad in der Lache nehmen.
„Was wollt ihr?", fragte er schwach, als er erkannte, dass es die DA war, die vor ihm stand. „Malfoy!", rief Hermine und Draco drehte sich langsam um. Er konnte ihre Abneigung förmlich spüren. "Du bist das gewesen!", zischte er. Sie nickte.
„Habe ich dir nicht versprochen, dass du es bereuen wirst, wenn du uns wieder ungerechtfertigt Punkte abziehst, Malfoy?", rief Hermine wütend. „Dass du uns in Ruhe lassen sollst? Geh nach Slytherin und versprühe dort dein Gift, aber lass uns in Ruhe damit! Du hast hier und jetzt die Wahl: entweder du lässt es, oder ich verwandle dich wieder in ein Frettchen!"
Draco sah in die wütenden Gesichter der anderen. Für ein bisschen Macht bei Umbridge hatte er sie alle verraten. Für Ideale, die ihm nicht mehr viel bedeuteten. Irgendwie verspürte er so etwas wie Reue deswegen. Aber nicht viel. Immerhin war es Potter. „Was für eine Wahl habe ich denn!", sagte er schließlich. Potter lachte. „Eine weise Entscheidung, Malfoy, und jetzt verpiss dich, oder wie Hermine gesagt hat, wird es dir wirklich leidtun!"
Die Horde an Schülern drehte sich um und ging, während Draco nachdenklich und nass stehen blieb. Grangers, Hermines Werk. Hogwarts hielt zusammen, merkte er. Auch wenn ihn Potter und seine DA niemals verzaubern würden, dessen war sich Draco sicher- immerhin waren es viele Gryffindors- hatten sie ihm eindrucksvoll demonstriert, dass sein Name hier unerwünscht war. Aber er hatte es sich ja selbst zuzuschreiben. Irgendwie.
Er hob seinen Kopf und blickte in Hermines braune Augen. Er schauderte ein bisschen. Es war etwas… unheimlich und ungewohnt, wenn sie ihn so ansah. Außerdem wurden seine Knie weich. „Du hast das alles geplant, oder?", fragte er in gewohnt arrogantem Ton. „Ich wollte nicht, aber du hast mir keine andere Wahl gelassen, Draco Malfoy!", sagte Hermine mit neutraler Stimme. „Und sei du gewarnt…", flüsterte sie, bevor sie sich umdrehte und verschwand.
Draco blickte ihr hinterher. Das Mädchen hatte Temperament und Verstand, das musste man ihr lassen. Draco trocknete seine Kleidung und setzte seinen Kontrollgang fort als wäre nichts geschehen. Zuvor aber untersuchte er diese hässliche Statue. Aber er konnte nichts daran finden.
