Warum musste alles nur so kompliziert sein, fragte sich Hermine. Jetzt hatte sie mit ihrem dummen Verhalten ihren besten Freund gekränkt und was wäre, wenn er jetzt wieder nicht mehr mit ihr sprechen würde? Am liebsten wäre sie im Bett geblieben, aber Ginny würde das zu verhindern wissen.
Es war Sonntagmorgen und die Wintersonne strahlte in ihr Zimmer. Hermine starrte die Decke an und verschränkte ihre Arme. Ron und Malfoy. Malfoy und Ron. Jetzt hatte sie es sich mit beiden verscherzt, auch wenn das mit Malfoy durchaus beabsichtigt gewesen war.
Sie wusste nicht, wie lange sie so dagelegen hatte; irgendwann kam Ginny in ihren Schlafsaal und weckte alle auf. Lavender und Parvati protestierten halblaut und Hermine, die sie nicht verärgern wollte, schnappte sich schnell frische Kleidung und verschwand ins Bad. Ginny folgte ihr. „Was war denn das mit Ron gestern Abend?", fragte sie, „Hat er schon wieder irgendwas gemacht?"
Hermine begann, sich die Zähne zu putzen, um Zeit zu gewinnen. Ginny sah ihr ungeduldig zu. Nachdem sie den Schaum ausgespuckt hatte, erwiderte Hermine: „Nein, es war nicht Rons, sondern meine Schuld. Wir haben uns vor einiger Zeit geküsst… und ich… habe ihm dann einfach nicht meine Absichten klar gemacht… und dann hat er mich gestern mit Malfoy gesehen."
Ginnys Augen wurden groß. „Du und Ron?" Hermine wurde rot. „Ja, einmal, es hat sich so ergeben aber es war einfach… nichts. Gefühlsmäßig. Wir sind nur Freunde, von meiner Seite aus." Ginny nickte. „Ja, das kann ich verstehen… ich meine, Ron ist mein Bruder- aber ich würde ihn auch nicht nehmen." Sie lachte albern.
Gemeinsam gingen sie hinunter zum Frühstücken. Als die Eulenpost kam, landete ein Waldkauz vor Hermine und streckte ihr erwartungsvoll sein Bein hin. „Oh, Hagrid wird mal wieder geschrieben haben.", freute sich Hermine. Sie hatten ihn schon lange nicht mehr besucht.
Doch als sie das Pergament entfaltete, sah sie, dass es eine viel elegantere Schrift war als Hagrids Gekritzel. Ihr Blick flog nach unten. Unterzeichnet mit „D.M." „Was!", entfuhr es Hermine.
Ginny nahm ihr das Pergament ab und las ihn halblaut vor. „ ‚Triff mich heute Nachmittag um zwei bei der Peitschenden Weide. Draco Malfoy.' Oh Mensch Hermine, da musst du hingehen! Wenn Malfoy sich schon das Quidditchspiel Ravenclaw gegen Hufflepuff entgehen lässt, dann muss es wichtig sein!"
„Nein, Ginny, nein.", lehnte Hermine sofort kategorisch ab. „Ich… ähm… also, ich gehe schon mit Harry und Ron zum Quidditchspiel und dann ist eh die Arbeitsgruppe angesagt."
Ginny legte ihren Kopf auf die Seite. „Zufälligerweise weiß ich, dass du Quidditch hasst, Hermine.", sagte sie triumphierend.
Hermine wurde rot. Sie war einfach nicht gut im Lügen. „Gehst du zum Spiel?", fragte sie dann, einer Eingebung folgend. „Klar!", erwiderte Ginny, „Ich muss wissen, wie sich Boot als Hüter schlägt, immerhin spielen wir als nächstes gegen Ravenclaw. Und du gehst zu Malfoy!"
Hermine nickte geistesabwesend. Wenn Ginny nicht da war, dann war es ihr ein Leichtes, für den Nachmittag einfach in die Bibliothek zu verschwinden- ihrem Arithmantikaufsatz würden ein paar Zoll mehr auch nicht schaden… und sie konnte sich optimal auf ihre Arbeitsgruppe vorbereiten. Vielleicht konnten sie, Padma, Ernie und Malfoy die Arithmantikübungen durchgehen, die sie jetzt dann bearbeiten würde.
Hermine ging mit Ginny zurück in den Gemeinschaftsraum und begann dort, einen Aufsatz für Snape zu schreiben. Nach dem Mittagessen war sie fertig und Ginny zerrte sie mit in die Mädchenschlafsäle. Geduldig ließ Hermine Ginnys Ratschläge über „Dates" über sich ergehen, nickte dazu und wartete ergeben, bis sich Ginny endlich verabschiedete und mit Harry und Ron zum Quidditchfeld hinunterging.
Hermine packte ihre Tasche und eilte durch das wie ausgestorben wirkende Schloss in die Bibliothek. Malfoy samt Quidditch konnte sie mal- nachher würde sie ihn eh zu Gesicht bekommen und nachdem Lunas magisch verstärkte Stimme bis zur Bibliothek herüberwehte, würde sie auch erfahren, wie das Spiel ausgegangen war.
Hermine schlug ihr Übungsbuch auf und begann, ein paar Aufgaben zu lösen.
Sie versuchte sich gerade an einer besonders kniffeligen Aufgabe von Professor Vektor, als sich jemand zu ihr an den Tisch setzte. Hermine zuckte zusammen und blickte auf.
Malfoy saß ihr gegenüber und sein Gesichtsausdruck war überraschenderweise nicht verärgert, weil sie ihn versetzt hatte, sondern er schien sich zu amüsieren; ja, sein typisches Grinsen schien sogar Überlegenheit auszudrücken.
Hermine holte tief Luft und schnaufte extra laut und genervt wieder aus, nur um sich dann wieder ihrer Arbeit zu widmen. Doch Malfoys pure Anwesenheit lenkte sie ungemein ab und dass er das so einfach konnte, störte sie unglaublich.
Also ließ sie nach einer halben Ewigkeit ihre Feder sinken und blickte entnervt auf. Fragend blickte sie Malfoy an. Jetzt grinste er von einem bis zum anderen Ohr.
Unter dem Tisch ballte Hermine wütend ihre linke Hand zu einer Faust. Jetzt hatte er erreicht, was er gewollt hatte: ihr ungeteilte Aufmerksamkeit. Bevor er etwas sagen konnte, sagte Hermine scharf: „Was ist los, Malfoy? Willst du mich hier vom Arbeiten abhalten?"
„Ich mach' doch gar nichts, wie kann es da sein, dass ich dich ablenke?", fragte er zurück und lehnte sich dabei vor.
Hermine verengte ihre Augen. „Wie soll ich sagen, schon deine pure Existenz wirkt… störend." Wütend wollte Hermine die Lösung der Aufgabe auf das Pergament schreiben, doch sie war so ungehalten, dass sie mit ihrer Feder durch das Pergament stach. Leise murmelte sie einen Fluch.
Malfoy sagte nichts dazu.
Hermine holte abermals tief Luft und ließ ihren Ärger entweichen, sodass sie ihrem erklärten Erzfeind ganz ruhig begreiflich machen konnte, wie wenig ihr an seiner Gesellschaft lag.
„Ich wusste, dass du hier sein würdest und nicht an meinem Treffpunkt.", sagte Malfoy da.
Hermine überhörte den Kommentar geflissentlich und sagte stattdessen: „Malfoy, jetzt hör mir mal gut zu: ich bin nicht eine deiner üblichen Tussis. Du hast mich- unfair- besiegt und mit gestern hab ich meine Schuld getilgt. Was in aller Welt lässt dich glauben, mir hätte es Spaß gemacht?" Dann, als Nachgedanken fügte sie hinzu: „Mit dir?"
„Ich denke, du schuldest mir mehr als einen Nachmittag, Granger.", antwortete Malfoy beiläufig, offenbar nicht im Geringsten beleidigt. „Wenn man bedenkt, wie viele Tage ich wegen dir im Krankenflügel verbringen musste."
Hermine gab zurück: „Irgendwie ist mir schleierhaft, warum Professor McGonagall jemanden wie dich, Malfoy, Arithmantik wählen hat lassen. Mir scheint, du kannst nicht richtig rechnen- addiere all die Stunden, die meine Freunde und ich wegen dir im Krankenflügel verbringen mussten und ich würde sagen wir sind langsam quitt."
Hermine, die keine weitere Lust auf unsinnige Diskussionen hatte, stopfte ihr Pergament in ihre Tasche und stand auf.
„Jetzt warte, Granger!", rief Malfoy ärgerlich. Oder befehlshaberisch. Hermine konnte es nicht so genau unterscheiden. Er stand auf und hastete ihr hinterher. Hermine eilte zum Gryffindorturm, Malfoy im Schlepptau. Sie raunte dem Portrait der Dicken Dame das Passwort zu und ehe sich Malfoy versah, hatte sie ihn abgehängt. Von innen hörte sie, wie er ihren Nachnamen herumschrie und gegen die Wand klopfte.
Sie lachte laut, wohlwissend, dass er es draußen hören musste. Das Klopfen erstarb.
Hermine blieb jedoch das Lachen im Halse stecken, als sie nach draußen sah und bemerkte, wie alle Schüler über den Campus ins Schloss liefen.
Das bedeutet, dass das Spiel vorbei war und dass sie sich jetzt dann gleich mit ihrer Arbeitsgruppe und einem wahrscheinlich aufgebrachten Malfoy treffen musste.
Hermine kletterte rasch wieder aus dem Portrait, bevor die anderen Schüler ankamen und verschwand in den siebten Stock, wo sie sich im Raum der Wünsche verstecken wollte.
Drinnen ließ sie sich auf eine sehr bequeme Couch fallen und stellte ihre Tasche neben sich ab. „Endlich.", murmelte sie leise. Ruhe. Sie schaute auf die Uhr. Eine gute Viertelstunde blieb ihr noch, herunterzukommen und sich auf das Treffen mit Malfoy vorzubereiten.
Natürlich hatte Hermine nicht die Absicht, ihn an ihren Studienergebnissen teilhaben zu lassen. Erstens war er ihr Konkurrent und zweitens, nach dieser Aktion von gerade eben, verdiente er es einfach nicht, an dem gemeinsamen Lernerfolg zu partizipieren.
Hermine überlegte, bis es Zeit war, dann ging sie hinunter in die Große Halle, wo die anderen bestimmt schon warteten.
Ernie war tatsächlich schon da und beinahe zeitgleich mit Hermine erschien auch Padma, aber von Malfoy war weit und breit keine Spur. Nach zehn Minuten war auch Ernie und Padma anzusehen, dass sie sichtlich genervt waren von der Warterei.
Hermine weihte sie daher rasch in ihren Plan ein. „Ich bin dafür, dass wir Malfoy diesmal ausschließen. Ich meine, wir müssen ihn dabeihaben, das hat Dumbledore gesagt, aber er hat eine Abreibung verdient. Wisst ihr noch, als er die DA auffliegen hat lassen?", kramte Hermine die alten Geschichten wieder hervor.
Ernie und Padma nickten, mit gerunzelter Stirn. „Naja, ich finde, wir sollten Malfoy mit einem Confundus- Zauber belegen, damit er alles falsch mitschreibt und ein T bekommt. Kennt ihr außerdem den Muffliato? Wann immer wir etwas Wichtiges zu sagen haben, wende ich ihn an und er wird es nicht mitbekommen… signalisiert mir, wann.", erklärte Hermine hastig.
Ernie und Padma waren einverstanden, auch wenn Ernie einwarf, dass das sicherlich nicht im Sinne Dumbledores und der Einigkeit zwischen den Häusern sei.
„Wir reden hier über Malfoy.", erinnerte Hermine ihn. „Glaubst du, dass er jemals auch nur den Versuch unternehmen wird, sich zu integrieren? Sich dafür entschuldigt, uns jahrelang beschimpft zu haben und dass seine Eltern, Todesser, gegen unsere Familien gekämpft haben?"
Ernie nickte. Hermine wusste zwar innerlich, dass es nun nicht mehr so war, weil sich Malfoy irgendwie geändert hatte, aber wie er sich geändert hatte, das konnte sie nicht direkt festhalten.
Alsbald kam Malfoy wie beiläufig in die Große Halle geschlendert. Hermine spießte ihn mit ihren Blicken auf. Insgeheim aber war sie dankbar für seine absichtliche Verspätung, weil das ihren Plan erheblich erleichterte und rechtfertigte.
Ernie teilte Malfoy fast unfreundlich mit, dass er 15 Minuten zu spät war und sie bereits abgemacht hatten, in einem leeren Klassenzimmer neben der Bibliothek zu lernen. Der Vorteil bestand darin, dass sie sich in normaler Lautstärke unterhalten konnten, aber nicht weit hatten, um möglicherweise etwas nachzuschlagen.
In dem Klassenzimmer schoben sie ein paar Tische zusammen und Hermine schnappte sich den Stuhl neben Ernie, um nicht neben Malfoy sitzen zu müssen. „Fangen wir an mit… Verteidigung gegen die Dunklen Künste?", fragte Padma, „Wir haben noch einen Aufsatz und ein paar andere Hausaufgaben offen." „Ja", stimmte Hermine zu, „und nachher könnten wir noch einen Blick auf Arithmantik werfen."
Malfoy nickte gönnerhaft.
Hermine, Padma und Ernie tauschten Blicke aus. Hermine packte ihren Zauberstab, richtete ihn unter dem Tisch auf Malfoy und dachte so nachdrücklich wie sie konnte: „Confundo!"
Malfoy zuckte kurz zusammen und er nahm einen halb verträumten Gesichtsausdruck an, bevor sich sein vorheriger Gesichtsausdruck wieder einstellte.
Genug, damit Padma und Ernie es sahen.
Zu dritt arbeiteten sie nun das Wichtigste heraus. Wie zu erwarten, brachte sich Malfoy überhaupt nicht ein. Ob das an dem Verwirrtheitszauber lag oder es seine natürliche Einstellung war, war nicht definierbar.
Als Malfoy ein zweites Pergament zum Schreiben benutzte, flüsterte Hermine kaum hörbar: „Accio Pergament!" und das vollbeschriebene Dokument rutschte unauffällig in ihre Hände. Mit möglichst neutralem Gesichtsausdruck las Hermine Malfoys schöne Handschrift. Alles war falsch, meistens hatte er so ziemlich genau das Gegenteil von dem geschrieben, was sie gesagt hatten.
Sie nickte Padma und Ernie unmerklich zu und schnippte das Pergament wieder zu Malfoy hinüber.
Draco wachte auf und erinnerte sich sofort an das Gespräch mit Blaise am Vorabend. Wenn man es denn Gespräch nennen konnte. Blaise hatte nur gelacht, als er ihm von seinem Ausflug mit Granger erzählt hatte. Es war ziemlich peinlich gewesen, weil der ganze Gemeinschaftsraum auf sie aufmerksam geworden war.
Draco wollte zwar aufstehen, aber er brachte es nicht fertig, sich aus dem Bett zu hieven und ins Bad zu gehen. Stattdessen seufzte er ergeben und überlegte, wie er Granger wohl dazu bringen konnte, freundlicher zu ihm zu sein.
Wahrscheinlich musste er nur ein paar Mal mit ihr ausgehen und dann war sein seltsames Verlangen nach ihr, dem unnahbaren Bücherwurm, gestillt.
Draco kramte aus seinem Nachtkästchen ein Stück Pergament hervor, bat Granger um ein Treffen und verschickte den Brief nach einem Besuch im Bad. Sie musste wohl oder übel erkennen, dass es ihm wichtig war, trotz des verkorksten Besuches in Hogsmeade, wenn er sogar Quidditch sausen ließ und das, obwohl er im nächsten Spiel von Slytherin direkt gegen Summerby, den Sucher der Hufflepuffs, antreten musste und er erst noch eine vernünftige Taktik gegen dessen Spielweise brauchte.
Aber egal. Er spielte ohnehin besser als Summerby, er sollte den Schnatz auch ohne spezielle Taktik fangen können. Ein paar miese Tricks oder gar ein kleiner, unschuldiger Verwechslungszauber würden den Sieg Slytherins sichern, wenn er und seine Mannschaft einen schlechten Tag erwischen sollten.
Draco erinnerte sich, dass Granger immer eine der Ersten beim Frühstück war, weil sie die Zeit brauchte, um noch Zeitung zu lesen. Warum sie sich überhaupt die Mühe machte, war Draco unverständlich; aber dann fiel ihm ein, dass sie ein Schlammblut war und nicht von ihren Eltern über die neuesten Geschehnisse im Ministerium informiert werden konnte.
Er beeilte sich, in die Große Halle zu gelangen, um dort Grangers Reaktion auf seinen Brief sehen zu können. Als Draco eintraf, saß Granger schon da, den Tagespropheten, eine Schüssel Müsli und ein Glas Orangensaft vor sich.
Draco nahm sich einen Pfannkuchen und kanadischen Ahornsirup und beobachtete Granger verstohlen. Er kam sich albern dabei vor, aber natürlich sollte nicht ganz Hogwarts mitbekommen, wie er ein Gryffindor- Schlammblut beim Frühstücken beobachtete. Das würde Gerüchte geben… und er würde womöglich bei seinem eigenen Haus in Ungnade fallen, weil er in eine Muggelgeborene verliebt war.
Halt.
Nein, Draco war nicht verliebt, überlegte er und leckte Sirup von seinen Fingern (bevor Pansy das wieder einmal machen wollte). In jemanden, der so widerborstig war wie die Klugscheißerin Granger, konnte man nicht verliebt sein. Außer man hieß Ronald Weasley. Der gestrige Tag war ja schon richtungsweisend gewesen. Granger musste ihn hassen, wenn sie Dinge tat, die ihr selbst zuwider waren.
Draco schnaubte leise. Nein, er war mehr daran interessiert, irgendeine mädchenhafte Reaktion, wie sie alle anderen in seiner Gegenwart zeigten, aus dem scheinbar unnahbaren, asexuellen Wesen Granger herauszubekommen.
Er beobachtete, wie sich das kleine Wiesel zu Granger gesellte und danach Potter und das größere Wiesel.
Nach einer Weile kamen die Posteulen. Draco ignorierte seine eigenen und beobachtete, wie Granger seinen Brief mit einem Lächeln öffnete, das aber rasch einem schockiertem Gesichtsausdruck Platz machte. Zu seinem Ärger schnappte sich Ginny Weasley den Brief und las ihn Granger vor. Dann diskutierten sie und Hermine sah recht missmutig drein.
Draco wusste, dass sie ganz sicher nicht vorhatte, unten am See zu erscheinen. Wahrscheinlich würde sie wieder in der Bibliothek sitzen und den Streber heraushängen lassen.
Zur vereinbarten Uhrzeit ging Draco schnurstracks in die Schulbibliothek und sah Granger an ihrem Lieblingstisch sitzen und emsig in ein Heft kritzeln. Er näherte sich so leise wie möglich und setzte sich dann Hermine gegenüber.
Sie blickte auf, ließ einen genervten Ton hören und vertiefte sich wieder in ihre Arbeit. Draco behielt sein überlegenes Grinsen, das er extra für sie aufgesetzt hatte, bei, und wartete. Nicht mehr lang, dann…
„Was ist los, Malfoy? Willst du mich hier vom Arbeiten abhalten?", fauchte Granger, die Kratzbürste.
Draco wusste, dass er sie nervte, aber sie war ein ebenbürtiger Gegner und er wollte sich mit ihr streiten, um zu sehen, wie sie herausgab.
Doch heute war ihre Geduld sichtlich schnell am Ende, denn sie ergriff die Flucht nach vorne in ihren Gemeinschaftsraum, den Draco nicht betreten konnte. Ärgerlich klopfte er gegen die Wand, doch nach einer Weile ließ er es bleiben, als das Portrait mit der korpulenten Frau zu schimpfen begann und er Granger innen hämisch lachen hörte.
Draco ging zurück zu seinem eigenen Gemeinschaftsraum und bemerkte, wie die ersten von dem Quidditchspiel zurückkamen. Er wollte seine Ruhe und verzog sich in seinen Schlafsaal.
Was war nur mit Granger los? Warum war sie so? Es war nicht, dass sie ein elender Streber war. McMillan war das auch. Aber im Gegensatz zu Granger war er umgänglich. Sie dagegen…
Was machte er sich nur aus ihr, fragte sich Draco zum hundertsten Mal an diesem Tag. Noch nicht einmal zu Hogsmeadewochenenden zog sie sich hübsche, weibliche Kleidung an. Oder war das, um ihn zu provozieren?
Da fiel ihm etwas anderes ein. Granger hatte ihn dermaßen abgelenkt, dass er ihr nächstes Zusammentreffen vergessen hatte. Draco sah auf die Uhr und bemerkte, dass er schon seit zehn Minuten bei seiner Arbeitsgruppe sein sollte.
Er rannte mit seiner Tasche bis zur Eingangshalle, dann ging er lässig und mit leichtem Grinsen für Granger in die Große Halle, wo sie, Patil und McMillan bereits auf ihn warteten. Er konnte sagen, dass sie ziemlich verärgert waren, aber er dachte gar nicht daran, sich zu entschuldigen. Sie würden wohl oder übel damit leben müssen.
Dann wurde alles neblig und intransparent.
Draco wurde am nächsten Morgen von Blaise geweckt, der ihn heftig schüttelte und sagte: „Hey, Draco, in einer Stunde beginnt Zaubertränke! Beeil dich, sonst verpasst du noch das Frühstück!" Draco drehte sich um und fühlte etwas Warmes neben sich. Was… er rieb sich die Augen und… „Pansy! Raus aus meinem Bett!"
Draco sprang auf und fragte sich, was zur Hölle passiert war, dass Parkinson in seinem Bett lag, beinahe unbekleidet. Er konnte sich nicht daran erinnern, wie er- oder noch schlimmer, sie- in sein Bett gelangt war.
Als er ein paar Minuten später mir Blaise zum Frühstück ging, fragte er ihn danach.
Blaise grinste. „Du warst gestern Nachmittag total komisch drauf. Jedenfalls, Goyle, Theodore und ich dachten, du bräuchtest eine kleine Aufmunterung und haben ein bisschen Feuerwhisky organisiert. Dann kam auf einmal Pansy daher und du hast sie ständig mit ‚Granger' angesprochen, du warst schon ziemlich dicht. Irgendwann hat sie dich davon überzeugt, dass sie Pansy ist und dass ihr in deinen Schlafsaal geht. Was dann passiert ist… ich kann es nur vermuten." Er zwinkerte Draco zu.
Draco zerraufte sich das Haar, bis ihm wieder einfiel, dass das Potters typische Geste war, und murmelte ein paar Flüche. Er musste herausfinden, was gestern Abend passiert war. Da kam ihm die erste Stunde Zaubertränke gerade gelegen. Er brauchte nämlich etwas von Snape.
Snape sammelte zu Beginn der Stunde Aufsätze ein. Draco konnte sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, diesen überhaupt geschrieben zu haben. Er wühlte in seiner Tasche, um Zeit zu gewinnen; anschließend konnte er behaupten, das Pergament im Schlafsaal liegen gelassen zu haben, denn Snape würde es ihm durchgehen lassen.
Aber er fand eine Pergamentrolle, fein säuberlich mit „Zaubertränke" beschriftet. Rasch ließ er sie in Snapes Arme fallen. Scheiße, musste er zu gewesen sein, wenn er sich nicht einmal mehr an den Nachmittag erinnern konnte… das Kopfweh, das er verspürte, sprach zumindest dafür.
Nach der Stunde ging er zu Snape und verlangte dessen Denkarium zu benutzen. Snape war zwar misstrauisch, aber willigte ein, den Zauber durchzuführen, der Dracos Erinnerungen seit letztem Nachmittag dem Denkarium zufügte.
Draco tauchte in seine eigene Erinnerung ein und sah sich eifrig auf ein Pergament schreiben, zusammen mit Granger, Patil und McMillan. Die gesamte Umgebung wirkte etwas nebulös, aber Draco dachte sich nichts weiter dabei. Er bemerkte allerdings, wie Granger und die anderen immer wieder Blicke austauschten und miteinander sprachen, ohne dass sein Selbst es wahrnahm.
Argwöhnisch trat Draco näher hinzu und betrachtete sich beim Schreiben. Nein, Malen. Wann immer die anderen nur miteinander sprachen und er sie ignorierte, malte er auf sein Pergament. Wann immer sie ihn miteinbezogen, schrieb er mit. Draco bemerkte, dass er allerdings nie etwas Sinnvolles beitrug, sondern alles die anderen machen ließ.
Da fiel ihm etwas siedend heiß ein. Snapes Aufsatz. Sie schrieben gerade den Zaubertrankaufsatz und er bekritzelte das Blatt! Rasch trat er hinzu und blickte genauer auf das Pergament. Er las seinen eigenen Aufsatz durch und bemerkte, dass am Rand kleine Zeichnungen waren und schlimmer noch, alles falsch war. Das Einzige, das er richtig gemacht hatte, waren das Datum und sein Name am oberen Rand des Pergaments.
„Scheiße.", murmelte er mit einem flauen Gefühl im Magen. Gar nicht gut. Snape würde es bald bemerken, wenn er die Aufsätze korrigierte.
Draco beobachtete Granger genau, doch er konnte nicht feststellen, was oder wie sie es machte, ihn so taub und durcheinander zu bringen. Intuitiv allerdings wusste er, dass sie etwas im Schilde führte- das konnte man an ihrem schuldbewusstem Gesicht deutlich ablesen.
Als sie fertig waren und gingen, verfolgte Draco sein Ich. Er wusste, dass er normalerweise in die Kerker von Slytherin gegangen wäre, doch seine Erinnerung zeigte ihm deutlich, dass er hinunter zu den Hufflepuffs ging.
Auf dem Weg dorthin traf er offenbar Blaise, der gerade ein paar verirrte Erstklässler bei ihrem Gemeinschaftsraum absetzte und ihnen großzügig Punkte dafür abzog. „Draco, was tust du denn da?", fragte Blaise überrascht. „Alter, schaust du müde aus… hat Granger euch alle auf Trab gehalten? Komm, ich hätte Lust auf 'ne kleine Party im Gemeinschaftsraum." Draco nickte.
Sie gingen gemeinsam zu den Slytherins und Blaise holte, wie er gesagt hatte, den Feuerwhisky und Draco sah sich selbst zu, wie er sich betrank. „Noch mehr von dem Wasser!", lallte er, sobald er sein Glas geleert hatte. Blaise lachte und meinte: „Wasser… das ist der Euphemismus des Jahres!"
Draco sah, wie Pansy hereinkam und sich sofort zu ihm gesellte. Zu seiner Verwirrung hörte er sich selbst immer wieder „Granger" sagen, mit verzerrter Stimme. Pansy schien das nicht weiter zu stören und Blaise sagte nicht minder betrunken: „Sie hat dich heute nachhaltig gestört, wenn du sie nicht mal im Vollrausch vergisst!"
Einige Zeit später saß Pansy auf seinem Schoß und irgendwann gingen sie dann in Dracos Schlafsaal. Draco hätte sich nicht mitansehen müssen, um zu wissen, was passiert war. Er beobachtete sich und Pansy und dachte an Hermine Granger.
Nach einer Weile wurde es immer dunkler und Draco bemerkte, dass er und Pansy nun nebeneinander lagen und am Einschlafen waren. Es zog ihn zurück in Professor Snapes Büro. Er wusste, dass nicht so viel Zeit vergangen war, da die Erinnerungen nicht in Echtzeit wiedergegeben wurden. Es mochte vielleicht eine Viertelstunde später sein.
Draco ging ein paar Schritte auf Snape zu, der ihn stirnrunzelnd ansah. Wahrscheinlich wollte er eine Erklärung haben wegen des Denkariums. Doch Draco sagte: „Professor, ich habe vorhin bemerkt, dass ich aus Versehen meinen Arithmantikaufsatz eingesteckt und abgegeben habe statt meines Zaubertrankaufsatzes."
Unwirsch deutete Snape auf den Stapel Pergamentrollen, die auf seinem Schreibtisch lagen. „Vor den Ferien liegt er aber auf meinem Schreibtisch, Draco.", sagte Snape zu ihm. Weil Snape früher ein gern gesehener Gast im Hause Malfoy gewesen war, duzte er Draco selbstverständlich, wenn sie allein waren.
Draco durchwühlte den Stoß Blätter und zog seine Pergamentrolle hervor. Gut leserlich stand „Zaubertränke" darauf, daher stopfte er sie rasch in seine Tasche und verließ hastig Snapes Büro.
Während er zum Gemeinschaftsraum der Slytherins ging, überlegte Draco und die ganze Erinnerung verwirrte ihn noch mehr. Das war mehr als einfach nur ein Filmriss nach einer Trinkorgie am Vorabend und da war noch Grangers schuldbewusster Gesichtsausdruck… Verwirrung.
Das war es.
Draco schnappte nach Luft. Des Rätsels Lösung war so einfach! Sie hatten einen Confundus- Zauber über ihn gelegt. Deswegen war er zu den Hufflepuffs statt zu sich gegangen, hatte Pansy mit Granger verwechselt, den Whisky mit Wasser und statt der richtigen Lösung nur Blödsinn auf sein Pergament geschrieben.
Draco ballte seine Hände zusammen und blieb stehen, lehnte sich gegen die kalten Steinmauern. In seiner Nähe begann eine der Rüstungen „O du fröhliche" zu singen und Draco fiel ein, dass ja Weihnachten vor der Tür stand. Nur noch vier Tage, dann würden sie im Hogwartsexpress nach Hause fahren.
Er konnte Granger ein Weihnachtsgeschenk kaufen. Frauen liebten Geschenke, Blumen, Schmuckstücke. Ob Granger auch dazugehörte, war zwar fragwürdig, aber an Weihnachten würde sie sich bestimmt freuen. Auch wenn sie ihn immer noch hasste. Sie musste sich ja nicht in ihn verlieben und später heiraten wollen, bei Merlin, nein. Aber ausgehen und… etwas mehr. Das war nicht zu viel verlangt, wenn man alle anderen anschaute.
Gleichzeitig fragte sich Draco, warum er sich überhaupt so viel Mühe um Granger machte. Alles drehte sich nur noch um sie und angefangen hatte alles mit einem verdammten Zaubertrank.
Über Reviews freue ich mich immer.
