Hermine wachte auf und setzte sich auf. Sie rieb sich ihre Augen und sah den Geschenkeberg neben ihrem Bett liegen.
Sie setzte sich auf den Boden ihres Zimmers und begann auszupacken. Ron und Harry hatten ihr ein dickes Buch geschickt, „Zaubertränke für Fortgeschrittene II", Hagrid hatte ihr ein selbstgebasteltes Amulett mit einem Löwenanhänger geschenkt, der leise brüllte und sich bewegte, von Molly Weasley hatte sie den üblichen Pulli und die Pasteten bekommen und Ginny hatte ihr ein dunkelgrünes T-Shirt gekauft, das beide vor ein paar Wochen in Hogsmeade bewundert hatten.
Nun blieb nur noch ein großes, dick umwickeltes, rechteckiges Geschenk übrig. Hermine nahm es in die Hände und wunderte sich, von wem das wohl stammte. Ihre Eltern würden ihr nachher ihre Geschenke persönlich überreichen und von allen anderen hatte sie doch schon etwas bekommen. Vielleicht war ja eine Karte drin.
Hermine packte das Geschenk aus. Es war ein Buch. Aber nicht nur irgendeines. Hermine berührte es ehrfurchtsvoll und streichelte mit den Fingern vorsichtig über den ledernen, abgegriffenen Einband.
Die Geschichte Hogwarts' lag vor ihr, in einer Originalfassung, soviel konnte Hermine sehen, auch wenn sie sich mit antiken Büchern oder Gegenständen nicht wirklich auskannte. Sie schlug die ersten Seiten vorsichtig auf.
In alter Schrift, teilweise Runen, konnte Hermine die ersten Sätze der Präambel entziffern. Sie war mit „Rowena Ravenclaw" unterschrieben. Wie es schien, hatte Ravenclaw eine Art Tagebuch verfasst, in der sie die Gründung von Hogwarts festhielt.
Hermine blätterte weiter. Ihr fiel auf, dass sich zum einen die Schrift änderte, weil ein anderer Autor weitergeschrieben hatte und zum anderen musste auf das Buch irgendwann ein Ausdehnungszauber gelegt worden sein, denn auf die einzelnen Seiten passten überdurchschnittlich viele Sätze.
Auf diesem Werk also basierte ihre Schullektüre. Hermine wusste, dass ihr Geschenk unbezahlbar sein musste. Sie erinnerte sich an die Horkruxe und sah, dass es ein hervorragender Gegenstand sein würde. Hermine untersuchte das Buch eingehend, konnte aber beim besten Willen keine dunklen Künste daran finden.
Sie suchte nach einem Anhaltspunkt auf das Alter, aber als das Buch geschrieben worden war, hatte man zumindest hier auf Hogwarts noch keine römische Zeitzählung gehabt.
Dann erst begann Hermine sich zu wundern. Wer machte ihr ein solches Geschenk? Harry? Nein, er besaß zwar viel Geld, aber auch nicht so viel und was für Gründe sollte er haben, ihr ein derartiges Geschenk zu machen? Ron kam überhaupt nicht infrage. Wer besaß solche Bücher? Dumbledore vielleicht, aber warum sollte er ihr dieses Buch schicken? Noch dazu kommentarlos? Nein, das war eine absurde Idee… aber wer sonst…?
Gedankenverloren stöberte Hermine in dem dicken Geschenkpapier. Sie entwirrte es und eine Weihnachtskarte fiel heraus. „Für Hermine Granger- frohe Weihnachten.", las Hermine halblaut vor. Da tauchte auf einmal etwas mehr Schrift auf, kaum dass sie fertiggelesen hatte. „Geh mit mir aus. Richtig. Schöne Ferien und ein gutes neues Jahr. D.M. Draco Malfoy.", las Hermine. Malfoy hatte ihr dieses Buch geschickt? Wo hatte er es gestohlen?
Dann überlegte Hermine rationaler und ihr wurde klar, dass Malfoy wahrscheinlich so viel Geld besaß, dass er sich kaufen konnte, was er wollte und dass er vermutlich bei sich zu Hause eine riesige Privatbibliothek mit allerhand Antiquitäten hatte. Was den Wert des Geschenks zweifelsohne relativierte und ganz besonders deswegen, weil er im Gegenzug ein Date wollte.
Hermine sah das Buch bewundernd an. Sie wollte es besitzen, es war wunderschön und sie liebte die Geschichte Hogwarts'. Aber… nein. Nein. Sie würde Malfoy das Buch zurückschicken. So einfach.
Hermine holte altes Zeitungspapier und wickelte das alte Buch vorsichtig darin ein und legte es dann in einen Karton. Es tat ihr in der Seele weh, es zurückgeben zu müssen, aber sie würde sich nicht von Malfoy bezahlen lassen, dass sie sich auf ein weiteres Rendezvous mit ihm einließ.
Jetzt, wo sie es bedachte, was fiel Malfoy überhaupt ein? War sie etwa Pansy, die man mit Geschenken bestach? Oder eine Edelhure?
Hermine schnappte sich wutentbrannt eine Feder und einen Fetzen Pergament und schrieb rasch darauf: Malfoy, bin ich ein Callgirl, das du dafür bezahlst, dass es dich als Alibifreundin begleitet? Lass mich gefälligst in Ruhe und intrigiere woanders!
Sie faltete den Zettel, pinnte ihn auf den Karton, belegte das Ganze mit einem Leichtigkeitszauber und band ihn der Schuleule um, die Hagrids Geschenk gebracht hatte und sich noch ausruhte.
Wie hatte Malfoy denn diesen schweren Wälzer verschickt? Bestimmt hatte er entweder einen Hauselfen damit beauftragt oder ein paar arme Eulen gequält. So machte man ihr sicher keine Freude.
Hermine schickte die Schuleule los, dann ging sie in die Küche, um mit ihren Eltern zu frühstücken und Geschenke zu verteilen.
Die restlichen Ferien wollte Hermine wie immer bei den Weasleys verbringen. Mrs Weasley hatte sie eingeladen, und Ginny hatte auf ihre Anwesenheit bestanden, aber Hermine hatte wegen Ron ein blödes Gefühl im Magen. Sie hatten es bewusst vermieden, miteinander allein zu sein oder zu streiten.
Aber jedes Mal, wenn Ron ihr in die Augen blickte, entdeckte Hermine den Kummer darin. Es tat ihr so unendlich leid. Hermine schämte sich auch vor Ron. Normalerweise war sie diejenige, die mit den Gefühlssachen gut umgehen konnte oder überhaupt wusste, wo es lang ging. Aber dieses Mal hatte sie sich einfach nur bescheuert benommen und Ron zu ignorieren oder vielmehr das, was geschehen war, war unfair gewesen und zeugte Hermines Meinung nach nicht gerade von Charakterstärke.
Sie würde sich bei Ron angemessen entschuldigen und ihm die Sache richtig erklären ohne davonzurennen. Das war sie ihrem besten Freund schuldig. Und auch Harry, denn sogar ihm war aufgefallen, dass etwas zwischen Ron und Hermine nicht stimmte.
Bei den Weasleys wurde Hermine wie ein Familienmitglied empfangen und umarmt. Sie bedankte sich wortreich für alle Geschenke und umarmte sogar Ron. Mit ihren Eltern hätte Hermine jetzt über Hogwarts und ihr Leben als Schüler geplaudert und ihnen von der Magie vorgeschwärmt, aber hier drehte sich alles nur um Voldemort und die Verteidigungsstrategien des Ordens.
Sie sah Harry deutlich an, dass er sich lieber einen sorgen- und voldemortfreien Weihnachtsabend gewünscht hätte, aber die anderen nahmen darauf keine Rücksicht, sondern bezogen ihn mit ins Gespräch ein.
Während dem Gespräch deutete Mrs Weasley auf die leere Plätzchenschale. „Hermine, Ron, wollt ihr nicht in die Küche gehen und nachfüllen?" Hermine war überrascht, nahm aber die Schale und ging mit Ron im Schlepptau ins Nachbarzimmer.
Sie wusste nicht, was sie zu Ron sagen sollte. Wie sie sich entschuldigen sollte. Ron holte aus einer riesigen Dose neue Plätzchen und schüttete sie achtlos in die Schale. „Ron, ich-", begann Hermine vorsichtig. „Hermine!", sagte Ron im selben Moment. Hermine ließ ihn reden. „Ich… ich…" Ron sah auf seine Hände. „Ich glaube, ich liebe dich, Hermine. Ich verstehe nicht, warum… wir…", stotterte er unsicher.
Hermines Herz schlug schneller. Ron… warum in aller Welt noch mal war sie nicht auf ihn eingegangen? Mit ihm konnte es doch was werden, oder? Sonst gab es doch niemanden, der an ihr, dem Streber, ernsthaft Interesse zeigen würde. Keiner außer Ron nahm sie ernst, das zeigten ihr doch Malfoys Avancen- wenn man es überhaupt als solche bezeichnen konnte- um sie lächerlich zu machen.
Ron kam näher und nahm vorsichtig Hermines Hand.
Hermine war gerührt von Rons Geständnis, aber was empfand sie eigentlich dabei?
Ihr Herz pochte. Sollte es das, wenn sie nur rein brüderliche Gefühle für Ron hegte?
Rons andere Hand zog sie näher zu ihm und er begann vorsichtig, sie zu küssen. Hermine war äußerlich wie versteinert, aber ihr Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Liebte sie Ron? Konnte es etwas werden?
Nach einer gefühlten Ewigkeit löste sich Ron von ihr und hatte einen dermaßen glücklichen Gesichtsausdruck, dass Hermine es nicht übers Herz brachte, ihm am Weihnachtsabend zu sagen, dass sie jetzt nichts für ihn empfand, außer ihrer Freundschaft.
„Ron", sagte sie nach einer Weile leise, „Das bedeutet nicht, dass wir jetzt zusammen sind… ich brauche einfach noch länger, verstehst du? Lass uns sehen, ob es was wird. Ich muss darüber nachdenken." Ron nickte verständnisvoll, wirkte aber glücklich.
Hermine nahm die Plätzchenschale und brachte sie ins Wohnzimmer zurück. Sie hatte das Gefühl, dass alle Augen auf ihr und Ron ruhten. Hatten sie alle mitgehört? Hermine sah sich nach Langziehohren um, sah aber keine. Unsicher lächelte sie, als sie die Schale abstellte.
Fred zwinkerte Hermine zu. Sie errötete. Dann wandte sich die Aufmerksamkeit wieder dem Thema Voldemort zu. Hermine fand es schwer, mit den Mitgliedern des Orden des Phönix offen zu sprechen, da es immer Dinge gab, die nur Dumbledore, Harry, Ron und sie wussten.
Anfang Januar kehrten sie nach Hogwarts zurück. Hermine fiel auf, dass Harry immer müder aussah und sich selbst von allen anderen ausgrenzte. Wie Sirius damals, als er wieder vor der Aussicht gestanden hatte, im Grimmauld Platz alleine mit Kreacher zu versauern.
Hermine wusste, dass Harry von Voldemort in seinen Träumen heimgesucht wurde und dass er sich nun, wo Hermine und Ron des Öfteren händehaltend in Rons Zimmer saßen, unerwünscht und unnötig vorkam.
Also sprach sie ihn darauf an, als sie zu dritt im noch ausgestorbenen Gemeinschaftsraum der Gryffindors saßen.
„Harry, was ist los mit dir seit Weihnachten? Klar war es nicht gerade so toll, alles mit den Leuten aus dem Orden durchzukauen und wir-" sie sah sich nach Ron um- „wissen, dass du immer noch diese Träume hast und-"
„Nein, ihr wisst nichts!", sagte Harry gepresst. Lauter fuhr er fort: „Ihr habt nicht den ganzen Ballast mit Voldemort, ihr seid- versteht mich nicht falsch, ich freue mich für euch- nicht das fünfte Rad am Wagen…" Er errötete; offenbar hatte er nicht so schreien wollen.
Hermine errötete auch.
„Welches Auto hat denn fünf Räder, Harry?", fragte Ron mit einem Gesichtsausdruck, der deutlich besagte, dass er Muggel für verrückt hielt.
„Ron, das ist ein Muggelsprichwort- und es geht hier nicht um Autos!", sagte Hermine unwirsch. „Aber-"
Hermine seufzte laut und ignorierte Ron, ebenso wie Harry, der trübselig ins Feuer starrte. „Hör mal Harry, es tut mir leid. Wirklich. Ich wünschte, wir könnten Ginny mit ins Boot holen." Mit einem Seitenblick auf Rons empörte Miene und seinen halbgeöffneten Mund, fügte Hermine rasch hinzu: „Aber mir ist durchaus klar, dass das nicht geht. Hör mal, Harry, hier in Hogwarts bist du sicher, fürs Erste, jeder von uns. Vergiss Voldemort einfach mal für eine Sekunde. Spiel Quidditch, oder Schach, oder verabrede dich mit Ginny- oder was auch immer- aber lass ihn nicht an dich ran!"
Ron starrte Hermine wütend und erstaunt an. „Seit wann schlägst du uns vor, Quidditch zu spielen? Und Ginny-" „RON!", sagte Hermine scharf und klang dabei so stark nach Mrs Weasley, dass Ron tatsächlich still war und Harry lachte. Die Situation war entschärft. „Komm Ron, fliegen wir 'ne Runde im Stadion.", meinte er eindeutig besser gelaunt und beide hasteten in ihren Schlafsaal, um ihre Besen zu holen.
Hermine schnappte sich die Geschichte Hogwarts' und begann, wieder einmal, zu lesen, auf der Suche nach einem Gegenstand, der als Horkrux infrage kommen würde. Doch kaum hatte sie das Buch aufgeschlagen, kam ihr Malfoy in den Sinn, ein Thema, das sie die letzten Tage erfolgreich aus dem Kopf verbannt hatte.
Sie schlug das Buch zu und holte stattdessen einen Runentext hervor, um diesen zu übersetzen. Er war schwer, und im Fuchsbau hatte sie nicht die notwendige Ruhe gehabt, diese Hausaufgabe zu erledigen.
Doch nach dem dritten Übersetzungfehler, der ihr selbst aufgefallen war, ließ Hermine ihre Feder sinken und resignierte.
Malfoy.
Schon wieder.
Hermine dachte gleichzeitig an Ron. Verzweifelt suchte sie in ihrem Innersten nach Gefühlen, die sie für beide hatte.
Ron war nett, gutaussehend und sie mochte ihn wahnsinnig gern und sie wollte ihn nicht enttäuschen, das tat ihr in der Seele weh.
Malfoy war ein arroganter, widerlicher, gutaussehender, idiotischer- naja, was auch immer. Sie hasste ihn und gleichzeitig schaffte er es, sie nervös zu machen, stellte Hermine fest. Ihr Herz schlug schneller und sie zappelte mit ihren Beinen herum.
Bei Ron hatte sie nicht dieses Gefühl. Sie war durch und durch loyal zu ihm und Harry und wenn es hart auf hart kommen würde, würde sie sich für ihre Freunde und nicht für Malfoy entscheiden. Überhaupt, er verarschte sie ohnehin nur, warum verglich sie ihn und Ron eigentlich, wo doch bei Ron sonnenklar war, dass er es ernst meinte.
Hermine zog sich ihre Winterjacke an, wickelte ihren Gryffindorschal um ihren Hals und ging nach draußen, um die verwirrenden Gedanken los zu werden. Sie ging über den gefrorenen Boden zu dem Quidditchstadion und winkte Harry und Ron zu, um dann hinüber zum See zu gehen.
Er war eine Eisfläche. Für schottische Verhältnisse war der Winter wirklich kalt und es war ihr total unverständlich, wie ihre zwei Freunde bei dieser klirrenden Kälte nur freiwillig auf ihre Besen steigen konnten.
Vorsichtig setzte Hermine einen Fuß auf die Eisfläche und dann ihren zweiten. Nichts knackte und vorsichtig tastete Hermine sich weiter vor, bis sie etliche Meter vom Ufer entfernt war. Hätte sie doch nur Schlittschuhe, dachte sie, wie damals, als Kind beim Eislaufen.
Der See unter ihr wurde tiefer und das Eis wurde klarer, sodass Hermine seine wahre Dicke ausmachen konnte. Das Eis würde sie locker tragen.
Vergnügt rutschte sie darauf herum, bis sie drei Gestalten vom Schloss her kommen sah, zwei große, breite und eine kleinere, schmälere. Hermine fühlte sich sofort schuldig. Durften Schüler, besonders Vertrauensschüler und Schulsprecher, überhaupt auf die Eisfläche?
Doch dann sah sie, dass die drei Gestalten offenbar Schüler waren und sie beobachtete sie beim Näherkommen und winkte ihnen zu, bis ihr einfiel, dass es ja nicht unbedingt Gryffindors sein mussten.
Die kleinste der drei Gestalten schien auf sie aufmerksam zu werden und stürzte schnell herbei an den Uferrand. „Granger! Was tust du denn da?", schrie- unverkennbar- Draco Malfoy. „Komm runter da!"
Hermine schnaubte. „Was interessiert's dich denn, Malfoy? Hau ab und nimm deine zwei Bodyguards gleich mit!", rief sie ärgerlich zurück. Nirgends konnte man seine Ruhe haben. Ihr Ärger überdeckte ihre Nervosität.
„Nein, erst, wenn du herkommst!", antwortete Malfoy. Er setzte keinen Fuß auf das Eis. Hermine kicherte und erstickte das Geräusch mit ihrem Schal. War Malfoy noch nie Schlittschuhlaufen gewesen? Warum hatte er Angst vor dem Eis?
Hermine setzte sich auf das Eis, zog ihre Stiefel aus und holte ihren Zauberstab aus ihrer Manteltasche. Lautlos machte sie ein paar Bewegungen und verwandelte die Stiefel in ein Paar gelb- roter Schlittschuhe. Sie zog sie wieder an und machte ein paar vorsichtige Bewegungen. Es musste schon Jahre her sein, dass sie zum letzten Mal laufen gegangen war… aber zu ihrer Freude stellte sie fest, dass sie es nicht verlernt hatte und fuhr übermütig noch weiter vom Uferrand weg.
Sie sah, dass Malfoy ihr Tun beobachtete und hilflos mit seinen Armen gestikulierte, während er ihr immer wieder zurief, vernünftig zu sein und herzukommen. Sie winkte ihm zu, rief aber nichts mehr, um in der Kälte nicht heiser zu werden.
Sie konnte gut sehen, dass Malfoy drüben eine ziemliche Panik bekam und rastlos am Uferrand entlangschritt. Haha, was für ein Idiot.
Hermine glitt, den Blick auf das Eis gerichtet, Richtung Mitte des Sees. Das Eis war locker noch dick genug- und wofür war sie eine Hexe? Sollte es dennoch rissig werden, konnte sie sich locker selbst befreien…
Sie setzte sich hin, etwas außer Atem.
Sie sah, wie Malfoy immer noch herumrannte und es freute sie- das Eis war ganz offensichtlich sein Schwachpunkt, er konnte es gar nicht sehen, wenn sich jemand- oder im Speziellen sie- Nein! Soweit wollte sie gar nicht denken- darauf befand.
Hermine legte sich auf den Rücken und streckte sich aus. Das harte, kalte Eis ließ sie irgendwie lebendig fühlen und sie betrachtete die grauen, tristen Wolken weit über sich und sie kniff ihre Augen zusammen, um in den einzelnen Grauschattierungen Formen und Tiere zu erkennen.
Auf einmal hörte sie wieder, wie jemand, ganz nah dieses Mal, ihren Namen rief. „Granger!"
Sie setzte sich überrascht auf.
„Granger, bist du lebensmüde? Spring mit auf!"
Malfoy flog mit seinem Nimbus 2001 geradewegs auf sie zu und verharrte in der Luft neben ihr.
Seine grauen Augen blickten unverwandt in die ihren. Beinahe, so kam es Hermine vor, hatte er einen flehenden Gesichtsausdruck. Er streckte seine Hand aus, um Hermine auf seinen Besen heraufzuhelfen.
„Was soll denn das Malfoy? Ich habe um keine ‚Rettung' gebeten!", zischte Hermine und runzelte die Stirn, „Und außerdem, was fällt dir überhaupt ein, mich zu belästigen, nachdem, was du an Weihnachten abgezogen hast!"
Er machte ein verwirrtes Gesicht. Dann: „Wenn du das Buch meinst, Hermi-"
„Ja, ich meine das Buch, du widerl-"
„Granger, stopp! Das war ein Missverständnis, das können wir nachher ausdiskutieren, aber jetzt komm, bitte!" Und er schüttelte seinen immer noch ausgestreckten Arm auffordernd.
„Ähem, nein, Malfoy.", erwiderte Hermine entschieden.
Erstens, sie hasste Fliegen.
Zweitens, was würden Harry und Ron sagen, wenn sie sie an Malfoy geklammert sähen.
Drittens, sie war überhaupt nicht in akuter Gefahr, auch wenn Malfoy das glaubte.
Viertens, konnte sie selber es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren, so nah bei Malfoy zu sein, auch wenn es durch fünf noch so dicke Kleidungsschichten war…
Malfoy ließ seinen Arm sinken und atmete hörbar aus. „Komm schon, bitte!"
Hermine sah, wie sich zwei andere Gestalten auf Besen näherten.
„Hey, Frettchen, was tust du da? Hör auf, meine Freundin zu belästigen!", ertönte Rons Stimme und Malfoy zuckte sichtlich zusammen. „Freundin!", formte er mit seinen Lippen und starrte Hermine ungläubig an.
Ron und Harry landeten neben ihr. Hermine verwandelte ihre Schlittschuhe mit einem Schlenker ihres Zauberstabes zurück und stieg hinter Ron auf seinen Besen und klammerte sich an ihm fest. „Los, gehen wir!", sagte sie zu Ron und Harry und beide erhoben sich in die Luft.
Sie grinste Malfoy an und vergrub dann ihr Gesicht in Rons Quidditchumhang, um von dem fürchterlichen Flug und dem Fahrtwind nichts mitzubekommen.
Sie landeten auf den Treppen vor dem Schlossportal und kaum war Hermine abgestiegen, bedrängten beide Freunde sie. „Was wollte Malfoy denn?" „Was hat er gesagt, der Todesser?"
„Ron, Harry, ich weiß nicht. Eigentlich hat er noch gar nicht viel gesagt oder getan, da seid ihr schon aufgetaucht." „Aber-"
„Hört mal", sagte Hermine in strengem Ton, „Wollen wir jede Aktion, jedes Wort, das das Frettchen in unserer Gegenwart von sich gibt, auf seinen Schwachsinnigkeitsgrad analysieren?"
Ron gab klein bei, doch Harry schüttelte seinen Kopf. Sie wusste, für jetzt würde er es auf sich beruhen lassen, weil Ron schon nachgegeben hatte, aber insgeheim feilte Harry weiter an seiner Todesser- Theorie.
Zusammen gingen sie in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Harry holte seine Badesachen und verschwand in Richtung Vertrauensschülerbad und ließ Hermine und Ron alleine zurück. Eine peinliche, seltsame Stille entstand.
Hermine wusste nicht, was sie mit Ron reden sollte, jetzt wo Harry weg war; über Snape und Malfoy lästern war mittlerweile sogar Harry und Ron langweilig, nachdem in den Ferien nichts Neues passiert war, und selbst der Orden und Voldemort waren so gründlich durchgekaut worden, dass keinem mehr danach war, darüber zu reden.
Ron kam nach einer Weile mit einem schiefen, unsicheren Grinsen zu der Couch herüber, auf der sich Hermine breit gemacht hatte und setzte sich nahe neben sie. Er legte einen Arm um sie und küsste zögerlich ihre Wange.
Nach einer Weile gab Hermine nach und ließ zu, dass Ron sie auf den Mund küsste. Sie knutschten eine Zeitlang herum und Ron ließ seine Hände an Hermine herumwandern. Rasch entzog sie sich ihm und sagte: „Halt, Ron, Harry kommt doch bestimmt bald zurück… ich finde nicht, dass er uns so sehen sollte…"
Ron sah sie mit einem undefinierbaren Blick an und zuckte mit den Schultern. Nach einer Weile Schweigens sagte er schließlich: „Bin ich nicht gut genug? Warum ist es dir nicht egal, was Harry denkt? Ich glaube nicht, dass er was dagegen hat." Und Ron gestikulierte zwischen sich und Hermine.
Hermine seufzte laut. „Nein, das nicht, aber wir sind beide seine Freunde, verstehst du, Ron, er kommt sich ausgegrenzt vor- hast du das nicht bemerkt? Und gerade jetzt, wo es für ihn schwer ist, braucht er unseren Rückhalt! Wir sollten ihm nicht das Gefühl geben, dass er überflüssig ist, er braucht unsere Hilfe!"
„Also darum geht es: Harry. Immer nur Harry! Was ist mit mir, verdammt noch mal?", Rons Stimme steigerte sich und am Schluss schrie er. „Warum bist du dann nicht mit ihm zusammen, wenn er viel mehr zählt als ich!" Er stand auf und ging, mit dem Fuß in einen Sessel tretend, zu seinem Schlafsaal.
„Werd' doch mal erwachsen, Ronald!"
Ron drehte sich um und Hermine sah seinen wütenden Gesichtsausdruck; sein ganzer Kopf war rot. „Ich bin nicht erwachsen!"
„Nein, bist du nicht", schrie Hermine zurück, nun ebenfalls in Rage, „sonst wärst du nicht bei jedem bisschen eifersüchtig! Wenn du etwas selbstloser wärst, würdest du sehen, dass Harry eine weitaus größere Last zu schultern hat als du, Ron!"
Ron ließ ein wütendes Schnauben hören und verschwand endgültig.
Hermine ließ sich zurück auf die Couch fallen und begrub ihren Kopf in den Händen. Sie hasste es, mit Ron zu streiten. Bei Merlin, warum musste er auch immer so kompliziert sein? Hatte er sich seit dem Trimagischen Turnier nicht weiterentwickelt, hatte nicht aus seinen Fehlern gelernt?
Sie weinte leise. Jemand tappte auf ihre Schulter. „Hermine?"
Sie blickte auf und sah in Harrys besorgtes Gesicht. Sie konnte seine Schaumbad- Orgie förmlich riechen und musste beinahe lächeln. „Ron.", sagte sie leise.
Harry zuckte mit seinen Schultern und tätschelte ihr ungeschickt den Rücken. Dann ging auch er in den Schlafsaal und nach ein paar Minuten kam Ron heraus, einen reumütigen Blick im Gesicht.
„Hey, 'Mine, es tut mir leid… du hattest Recht, ich hätte nicht… ich war…", murmelte er. „HERmine", antwortete sie und lächelte Ron an.
„Komm mit!", sagte er und beide verließen, ihre Hände haltend, den Gemeinschaftsraum.
„Wohin gehen wir?", wollte Hermine wissen. Ron grinste und zuckte mit seinen Schultern. Bei dem Portrait von Sir Cadogan hielt er an und sagte zu Hermine: „Warte hier, ok? Es wird nicht lange dauern, ich versprech's dir." Hermine wartete und unterhielt sich mit dem Ritter, der wieder einmal verzweifelt versuchte, auf sein dickes Pony zu steigen.
Nach einer Weile kam Ron zurück und lächelte breit; zusammen gingen sie weiter. Hermine wusste auf einmal auf halbem Wege, wohin er sie führen würde: den Raum der Wünsche.
Ron ging ein paar Mal auf und ab und öffnete dann die Tür; ein Tisch stand in dem Raum, und Unmengen von Essen, zusammen mit Kerzen und zwei Tellern; in der Ecke war ein Kamin mit munter knisterndem Feuer.
Hermine war erstaunt; dann fiel ihr ein, dass Ron wahrscheinlich Dobby beauftragt hatte, den Raum in letzter Sekunde entsprechend zu präparieren und das missfiel ihr; aber um des lieben Friedens willen schluckte sie ihren Tadel herunter und küsste Ron auf die Wange.
Beide setzten sich und begannen zu essen. Hermine beobachtete Ron unterdessen mit leichtem Widerwillen; seine Tischmanieren ließen meist zu wünschen übrig, wenn er nicht unter Mrs Weasleys strengen Augen war, und Ron stopfte seine Steaks und Bratkartoffeln mit unanständiger Begeisterung in sich hinein.
Wiederum wusste Hermine nicht, was sie sagen sollte. Also fragte sie höflich: „Wie war denn eigentlich Quidditch mit Harry? War es nicht kalt vorhin?"
Ron zuckte mit seinen Schultern und erklärte zwischen zwei Bissen: „Naja, ging schon, wir hatten ja dicke Kleidung an."
Hermine nickte und tat sich etwas Nachspeise auf. Solange sie aßen, fragte sich Hermine, wie sie das Gespräch in Gang bringen konnte. Dann kam Ron herüber und beide verfielen wieder in eine Übungsstunde Knutschen.
Hermine war nicht so ganz und leidenschaftlich bei der Sache wie Ron. Ihre einzige Gemeinsamkeit bestand darin, ihre Zeit mit Küssen zu vergeuden; sie brachten kein Gespräch zustande und Hermine empfand auch nicht sonderlich viel, wenn sie auf Ron einging und vorsichtige Zärtlichkeiten austauschte. Sie hatte jemand anderen im Hinterkopf.
Ron zog sie ganz nahe an seinen Körper heran und streichelte unbeholfen über ihren Rücken, ihre Hüfte.
Hermine war mit ihren Gedanken woanders und überlegte… es war einfach nicht richtig, sie fühlte nichts, wenn überhaupt, leichten Widerwillen… ihre Gefühle Ron gegenüber würden sich nicht ändern, das wusste sie auf einmal.
Da hörte sie einen erstickten Laut, ein Geräusch, als würde sich jemand beinahe übergeben. Was…
Ron hatte es auch gehört und beide lösten sich voneinander und sahen sich zu der Lärmquelle um.
Malfoy stand in der Tür.
Mit einem Ausdruck im Gesicht, als müsste er sich wirklich übergeben.
