Erst mal Entschuldigung, dass das mit dem Updaten so lang gedauert hat. Ich war auf Exkursion in der DomRep- was sehr schön, informativ und anstrengend war- und dann hat mein Laptop den Geist aufgegeben. Eine Woche vor Ablauf der Garantie, Glück gehabt.
Naja, jedenfalls gibts jetzt ein extra langes Kapitel. Hoffe, es gefällt euch. :)
Hermine rannte.
Oh Gott, war das peinlich. Malfoy und schlimmer noch Professor Snape hatten sie so durchnässt und förmlich entblößt gesehen. Hermine lief durch die Geheimgänge zum Gryffindorgemeinschaftsraum, um bloß keinem anderen zu begegnen.
Sie rief der Fetten Dame das Passwort entgegen, huschte hinein und lief in ihren Schlafsaal. Hermine schälte sich aus dem Top und schleuderte es wütend und mit brennenden Augen und Wangen in die Ecke. Das war so beschämend, so unwürdig, so demütigend, so bloßgestellt- wie sollte sie sich nach dieser Blamage jemals wieder in den Zaubertrankunterricht setzen können?
Sie suchte sich einen Pyjama heraus und wickelte sich in ihre Bettdecke ein.
Es war alles Draco Malfoys Schuld. Seine Kommentare und seine betont lässige Sitzhaltung hatten sie schier zur Weißglut getrieben. Was war sie, eine Putzfrau? Nur, weil er seinen arroganten Reinblut- Arsch nicht dazu bewegen konnte, seine gerechtfertigte Strafe anzutreten- was fiel ihm überhaupt ein, sich mit Ron duellieren zu wollen!- war das alles in diesem Desaster geendet.
Hermine beschloss zu schlafen, obwohl es noch nicht spät war und löschte das Licht. Mitten in der Nacht hörte sie ein konstantes Klopfen an ihrer Fensterscheibe. Verschlafen richtete sie sich auf und sah, dass eine Eule draußen wartete. Sie kannte das Tier irgendwoher, da war sie sicher, sie hatte sie schon öfter mal gesehen…
Hermine öffnete das Fenster und die Eule schwebte herein und ließ sich auf dem Nachtkästchen nieder. Hermine bemerkte, dass sie keinen Brief trug, sondern… ihren Zauberstab. „Oh!", machte sie und band ihn rasch los. „Danke!", flüsterte sie und streichelte die Eule.
Malfoy musste ihr den Zauberstab geschickt haben. Stirnrunzelnd nahm sie zur Kenntnis, dass sie ihm eigentlich dafür dankbar sein musste, denn so blieb ihr der unvermeidlich scheinende Gang zu Snape erspart.
Warum hatte Draco das getan? Sie hatte ihn mit schmutzigem Wasser übergossen, geschlagen und allein mit einem wütenden Snape zurückgelassen. Draco? Eigentlich war es immer noch Malfoy…
Hermine ging am nächsten Morgen alleine in die große Halle zum Frühstücken. Sie wollte nicht unbedingt als erstes in der Früh Harrys und Rons Fragen zu dem gestrigen Abend beantworten. Sie setzte sich an ihren üblichen Platz, löffelte ihr Müsli und las den Tagespropheten, als sie nachdenklich ihren Kopf hob und über das Zaubereiministerium nachdachte. Zufällig fiel ihr Blick an den Tisch der Slytherins, wo Draco Malfoy ihren gedankenverlorenen Blick mit einem leichten Lächeln erwiderte.
Hermine erwachte aus ihren Grübeleien und wurde feuerrot im Gesicht und ließ ihren Löffel fallen; Milch spritzte auf ihren Umhang und sie stand auf, um mit glühendem Gesicht aus der Halle zu hasten. Sie wusste einfach, dass Malfoys dreckiges Grinsen bedeutete, dass er sich an gestern Abend erinnerte.
Sie eilte Richtung Bibliothek, überlegte es sich aber in der letzten Sekunde anders und ging wieder zurück in ihren Gemeinschaftsraum.
Dort las sie den ganzen Vormittag und fertigte endlich ihre Übersetzung für Alte Runen an. Zur Mittagessenszeit erschienen schließlich Ron und Harry und wünschten ihr einen guten Morgen.
Ron fragte sogleich: „Wie war es denn gestern mit Malfoy und Snape?" Hermine fühlte, wie sie schon wieder rot wurde. Aber Ron und Harry waren ihre besten Freunde, sie wusste, die beiden würden nicht lachen, wenn sie ihnen die Wahrheit erzählte.
Harry blieb ruhig und bedauerte sie, Ron aber begann sofort zu schimpfen, während sie gemeinsam zum Mittagessen hinuntergingen. Rons Schimpftiraden hielten an.
„Ron, sei doch mal bitte leiser, es müssen ja nicht alle hören!", versuchte Harry erfolglos, seinen Freund zu beschwichtigen. „Wir hassen Snape und Malfoy auch, aber…"
„Ich gehe zu McGonagall und rede mit ihr!", sagte Ron laut und bestimmt.
„Nein, Ron, es bringt gar nichts, sich bei Professor McGonagall zu beschweren!", fauchte Hermine, „Ich will nicht, dass diese ganze Geschichte breitgetreten wird und am Schluss ende ich noch damit, dass ich wieder mit Malfoy eine Strafe bekomme! Ron, vergiss es einfach, das ist es doch nicht wert…"
Ron aber ließ sich aus irgendeinem Grunde nicht beruhigen. Sie betraten die noch relativ leere große Halle. „Vielleicht… hat es dir ja gefallen, dass Malfoy dich gesehen hat… immerhin verteidigst du ihn die ganze Zeit!"
„Was? Wie bitte? Was faselst du denn da? Ich verteidige niemanden und niemandem gefällt es, bloßgestellt zu werden!", sagte Hermine völlig entgeistert.
„Ja, schau dich doch mal an! Und wenn wir zusammen sind, dann… bist du nicht bei der Sache, weichst mir immer dann aus, wenn… und dann, im Raum der Wünsche, bist du ihm sogar nachgelaufen! Und hast mich stehen lassen."
Hermine blieb auf dem Weg zum Gryffindortisch stehen. „Also, das zwischen uns hat nun wirklich nichts mit der Strafarbeit zu tun, Ronald. Und überhaupt, was fällt dir eigentlich ein? Wie redest du mit mir? Wenn du dich recht erinnerst, ich habe NIE gesagt, dass ich deine Freundin bin, weißt du noch? Ich habe gesagt, ich brauche Zeit, aber wenn du, Ronald, keine Zeit hast, und meine Gefühle nicht respektierst—"
„Du respektierst meine Gefühle nicht! Seit dem Weihnachtsball-"
„Gut, Ron, hervorragend, der Weihnachtsball, die alte Leier. Wenn du mich damals einfach gefragt hättest, ob ich mit dir dahin gehe, anstatt meinen Tanzpartner vor kranker Eifersucht zu- zu- diffamieren, ja- glaubst du, du hast mich nicht dabei verletzt?"
„Na und? Es war Viktor Krum!"
Hermine sah rot; es war ihr egal, dass alle Anwesenden zuhörten.
„Du verstehst gar nichts! Dann beenden wir es jetzt gleich, sofort! Ich liebe dich nicht auf diese Art und Weise! Ach ja, Ron, du machst mich krank. Ich bin nicht dein verdammter Besitz! Es ist aus, aus und vorbei!"
Hermine holte tief Luft und sah, wie Malfoy gerade am Slytherintisch Platz nahm; den letzten Teil des Gesprächs hatte er wohl oder übel mitbekommen.
„Ja, schön, damit du zu ihm laufen kannst!", brüllte Ron zurück.
„Was ich tue oder nicht, geht dich einen feuchten Dreck an, Ronald!"
„Er ist ein Todesser!"
„Das wissen wir nicht!"
„Ha! Du verteidigst ihn schon wieder!"
„Nein, tu ich nicht, ich betrachte es nur rational! Wie vielen Leuten hast du schon Unrecht getan mit voreiligen Schlüssen?"
„Darum geht's hier nicht, seit diesem Schuljahr hast du eine ungesunde Besessenheit, was ihn anbelangt!"
Hermine warf ihre Hände in die Luft und machte kehrt, rannte aus der Halle und stürmte davon. Ron war derjenige, der einfach nicht begriff, worum es ging. In seinem blinden Hass auf irgendwen, insbesondere Snape, Malfoy und Krum, hatte er immer abstruse Verschwörungstheorien von sich gegeben und noch keine davon war richtig gewesen.
Abgesehen davon hatte er schlichtweg nicht das Recht, Hermines Probleme einem Lehrer anzutragen, um Snape und Malfoy dranzukriegen. Außerdem bestimmte er nicht über sie, aber Ron verstand das einfach nicht.
Hermine ließ sich auf die nächstbeste Treppe sinken und begrub den Kopf in den Armen. Ein paar Tränen tropften auf den kalten Stein.
Sie hasste es, mit Ron zu streiten.
Jemand setzte sich neben sie. „Geh weg!", murmelte Hermine; egal, wer es war, sie wollte niemanden sehen.
„Nein."
„Harry, bitte."
„Es tut mir Leid, Hermine, dass es so gekommen ist.", murmelte ihr bester Freund. „Ist es… magst du… Malfoy wirklich?", fragte er nach einer Weile.
Hermine zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, Harry… auf der einen Seite ist er ein totales Arschloch, wie wir ihn kennen- und auf der anderen Seite schenkt er mir die Geschichte Hogwarts' in der Originalfassung und..."
„Ich vertraue dir, Hermine.", sagte Harry nur und stand plötzlich auf und ging.
Im nächsten Moment hörte sie, wie sich jemand anderes näherte und Harrys Platz einnahm. Hermine stöhnte leise. „Ich will alleine sein!"
Damit riss sie ihren Kopf von ihren Armen und sprang auf. Sie blickte hinab auf die schönen, hellblonden Haare von keinem anderen als Malfoy.
„Du!", sagte sie zornig. Draco Malfoy war die letzte Person auf Erden, die sie im Moment sehen wollte. Er war allen Übels Wurzel.
Er blickte sie mit seinen grauen Augen abwartend an und Hermine wischte sich die Tränen mit einer fahrigen Bewegung aus den Augen und fühlte, wie sie erneut nervös wurde. „Nein!", spie sie aus und stampfte davon, die Fäuste geballt, ihre aufwallenden Gefühle unterdrückend.
„Granger, warte! Warte doch!", rief er ihr hinterher und folgte ihr. Unbeirrt setzte Hermine ihren Weg fort, doch Malfoy wirbelte sie herum. „Warte! Ich will doch nur-"
„Lass mich sofort los!", zischte Hermine uns riss sich los. „Ich will dich nie wieder sehen, du arrogantes, perverses Frettchen! Petrificus totalus!" Sie boxte ihm hart in den Magen, sah seine Augen hervorquellen und sagte zu ihm: „Sei froh, dass ich dir nicht die Nase breche, wie du Harry. Das war unterste Schublade, du Todesser!" Damit ging sie dann davon. Malfoy hatte Nerven sie anzusprechen. Waren denn alle um sie herum verrückt geworden? Sie würde ihm nie verzeihen, dass er sie gestern angestarrt hatte.
Hermine floh in ihren Schlafsaal, weil sie sich im Grunde dafür schämte, was sie gerade eben mit Malfoy getan hatte und wollte sich auf ihr Bett setzen, doch da saß schon jemand. Ginny war vom Fuchsbau zurückgekommen.
„Was hat mein Bruder da gerade erzählt? Du und Malfoy?"
Hermine starrte sie an. Ron war Ginnys Bruder, jetzt musste sie aufpassen, was sie sagte.
„Also Ron und ich, wir hatten einen Streit, wegen etwas richtig Bescheuertem. Irgendwie ist es dann ausgeartet und er hat mit Malfoy und dem Weihnachtsball in der vierten Klasse angefangen und… da ist mir einfach der Kragen geplatzt. Ich habe dir ja schon mal erzählt, dass ich nicht so viel für ihn empfinde und… und obwohl ich ihm wirklich eine Chance geben wollte, hat es für mich nicht geklappt. Deswegen ist es jetzt vorbei."
„Gut!", sagte Ginny, erleichtert klingend. „Aber was ist jetzt mit dem Frettchen?"
Hermine wurde wieder rot. Sie erzählte Ginny die Geschichte von der Geschichte Hogwarts' bis zum durchnässten T- Shirt und schloss damit: „Ich will ihn gar nicht mehr sehen, er macht mich wahnsinnig!"
„Schaut so aus, als wäre der Schuss nach hinten losgegangen, Hermine.", stellte Ginny schließlich fest. „Weißt du was? Ich glaube, wir müssen mal wieder zusammen nach Hogsmeade gehen, nur wir beide und lassen es uns so richtig gutgehen. Was sagst du? Nächsten Samstag, treffen wir uns… um zwei nachmittags in den Drei Besen? Ich geh vorher mit Harry zu Madame Puddifoot- er hat mich endlich gefragt, aber danach… er versteht das schon.", grinste Ginny.
Hermine stimmte zu. Vielleicht war ein Nachmittag mit ihrer besten Freundin wirklich das, was sie brauchte, nachdem sie die letzten drei Tage nur von Harry, Ron und Malfoy umgeben gewesen war.
Die nächsten Tage zogen sich hin wie Kaugummi. Während der Zaubertrankstunden vermied Hermine es, sich zu melden oder Snape auch nur anzusehen. Nach einer Weile jedoch fühlte Hermine ihr altes Ich zurückkehren.
Was sollte das, sie musste sich definitiv nicht verbergen, vor Snape nicht und vor Malfoy schon gar nicht. Wenn, dann musste es eher umgekehrt sein. Beide wie heiße Luft zu behandeln brachte sie auch nicht weiter. Also begann sie wieder, Snapes Fragen zu beantworten- zu seinem großen Missfallen, wie jeder sehen konnte, und weil sie für Malfoy einen besonderen Platz in ihrem Herz reserviert hatte, hatte Hermine für ihn auch gleich eine Überraschung in petto.
Sie erinnerte sich an eine Idee, die sie in der zweiten Klasse gehabt hatte: ein Ablenkmanöver für Snape, damit sie die Baumschlangenhaut aus seinem Büro hatte stehlen können.
Sie brauten ein Euphorie- Elixier. Hermine wusste seit der fünften Klasse alles darüber, denn zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon längst Zaubertränke für Fortgeschrittene I- III durchgearbeitet. So war es beispielsweise eine der Haupteigenschaften des Trankes, Verbrennungen und Schwellungen hervorzurufen, wenn man seine Hand darin eintauchte oder sich versehentlich damit bekleckerte. Wenn man ihn dagegen einfach nur trank, tröpfchenweise, machte er nichts aus, sondern entfaltete seine sagenhafte Wirkung.
Aber Hermine hatte nicht vor, Malfoy eine dosierte Menge einzuflößen, sondern ihm die volle Ladung abbekommen zu lassen. Nur durfte ihre Handschrift nicht durchscheinen- aber wer verdächtigte schon die Oberstreberin der Gryffindors?
Von Zonko's hatte sich Hermine das Sparpaket von Dr. Filibusters nasszündendem Feuerwerk per Eulenversand kommen lassen, Freds und Georges Riesenfeuerwerk war leider für ihre Zwecke nicht zu brauchen…
Ausnahmsweise saß sie in der ersten Reihe, alleine, weil sie nicht am selben Tisch sitzen wollte wie Ron. Oder vielmehr, Ron wollte nicht am selben Tisch arbeiten wie sie; ständig machte er abwertende Geräusche, schubste ihre fertig geschnittenen Zutaten „versehentlich" vom Tisch und behandelte sie, als wäre sie gar nicht da.
Deswegen hatte Hermine sich umgesetzt. Snape achtete in der Regel nicht auf sie, sondern war vielmehr damit beschäftigt, über Harrys und Rons klägliche Versuche zu lästern.
Hermine drehte sich um und sah Snape über Harrys Kessel gebeugt. Alle anderen waren fieberhaft damit beschäftigt, ihre Tränke korrekt zu brauen beziehungsweise die Fehler auszubessern. Bis auf Malfoy, der sich mit einem sadistischen Grinsen umgewandt hatte, um wieder einmal zuzusehen, wie Snape die Gryffindors rund machte.
Sie holte aus ihrer Tasche einen Feuerwerkskracher und tippte ihn mit ihrem Zauberstab verstohlen an, dann ließ sie ihn mit einem Schwebezauber in Malfoys Kessel wandern.
Malfoy hörte das satte Platschen. Rasch drehte er sich um.
Knall.
Sein Kessel explodierte und ließ Tröpfchen auf die ganze Klasse niederprasseln und auf Malfoy selbst den Großteil des Inhalts.
Sofort brach ein Tumult los. Die Schüler schrien, die etwas mehr abbekommen hatte; auch Hermine hatte Tränen in den Augen, weil es sie so stark verbrannte; wenigstens hatte sie ihren Zaubertrank rechtzeitig abgefüllt und verkorkt; durch die Spritzer und den Müll, der durch die Gegend geflogen und in ihrem Kessel gelandet war, hatte ihr restlicher Trank begonnen, gefährlich zu kochen und zu brodeln.
Sie wagte einen Blick auf Malfoy. Sein ehemals so hübsches Gesicht war verquollen und erdbeerrot; außerdem würgte er etwas und begann, obwohl er unheimliche Schmerzen haben musste, unkontrolliert zu lachen.
Der Idiot hatte wohl seinen Mund offen gehabt, als das Euphorie- Elixier explodierte.
Malfoy lachte laut weiter.
Hermine hatte ihn noch nie so lachen hören. Wenn er lachte, dann verzog er sein Gesicht zu einem höhnischen Grinsen und machte mit seiner gedehnten Stimme abwertende, verletzende Bemerkungen.
Snape, der so gut wie gar nichts abbekommen hatte, eilte nach vorn zu Malfoy und musterte seinen Schüler, dann den Trank. Mit einem Handschuh fischte er die Überreste des Krachers aus dem Trank.
Mit seinen schwarzen Augen taxierte Snape die Reihe zwischen Hermine und Harry und Ron. Seamus und Dean schienen für Snape die Schuldigen zu sein- ausnahmsweise weder Ron noch Harry, weil Snape gerade die Kessel der beiden während dem Vorfall inspiziert hatte und er gesehen hätte, wenn sie etwas geworfen hätten.
Hermine überging er glatt mit seinem Rundblick. Dann schickte er einen der wenigen Unverletzten in den Krankenflügel, um das Gegengift, den Ernüchterungstrank, zu holen.
Brav reihte sich Hermine in die Schlange der Verletzten ein und nahm einen Löffel des Tranks von Snape entgegen. Malfoy musste von Crabbe und Goyle festgehalten werden, damit Snape ihm schließlich ein paar Löffel einflößen konnte.
Man konnte förmlich zusehen, wie Malfoy ernüchterte und das Lachen abstarb. Verwirrt rappelte er sich auf und es dauerte ein paar Sekunden, bis er realisiert hatte, was gerade passiert war. „Malfoy, gehen Sie in den Krankenflügel und lassen Sie sich verarzten, Sie hat es am schlimmsten getroffen."
Malfoy betastete sein Gesicht. Die Brandwunden waren trotz Gegengift nicht ganz verheilt.
Die Glocke läutete und Hermine riss sich los und ging rasch aus dem Kerker. Nichts wie raus aus dem Schlangennest; zu spät bemerkte sie, dass Malfoy ihr ganz dicht folgte, weil er sich gerade auf den Weg zu Madame Pomfrey machte.
Die anderen Schüler waren noch im Klassenzimmer und Malfoy schloss die Tür hinter sich. Hermine wollte davonlaufen, aber er war wieder schneller und packte sie am Arm. „Granger! Ich weiß, dass du es warst, weil Finnigan und Thomas auch hinter zu Potty und Wiesel geschaut haben!", zischte er.
Hermine blickte ihn wütend an. Verdammt, er wusste es schon wieder!
Malfoy ließ sie los und sagte mit normaler Stimme: „Aber wenigstens weiß ich jetzt, dass du wieder normal bist, wenn du wieder versuchst, mir zu schaden." Damit kam er näher. Hermine zog ihren Zauberstab hervor und deutete auf Malfoy: „Verpetze es und ich verhexe dich das nächste Mal, wenn ich dich sehe, und zwar so, dass es nicht ein einfacher Ernüchterungstrank richtet."
„Ha, Granger.", lachte Malfoy auf. „Das traust du dich doch eh nicht."
Sie sah seine Brandwunden im Gesicht, die es entstellten. „Wenn du dich da mal nicht irrst… wie wäre ein untergeschobener Vielsafttrank mit einem Haar eines Frettchens? Ich wette, du würdest dich sogar ganz in ein Tier verwandeln, Malfoy."
Er packte Hermines Arm erneut und drängte sie gegen die Kerkerwände zurück. „Vorsicht.", warnte er. Hermine konnte in seine Augen sehen. Dieses Grau erinnerte sie an das Grau der Wolken, die sie beim Schlittschuhlaufen beobachtet hatte. Fasziniert von der Farbe versank sie beinahe darin. Ihre Knie wurden schwach…
Nach einer Weile, in der sie einfach nichts denken konnte, senkte sie ihren Kopf und sagte zu dem Slytherin: „Geh weg, du bist hässlich…!" Vor Überraschung trat er einen Schritt zurück, das blanke Erstaunen ins Gesicht geschrieben. „Das hat noch nie…", murmelte er; dann befühlte er seine Wangen und erinnerte sich, dass sie immer noch von den Brandwunden übersät waren.
Hermine nahm die Chance wahr und duckte sich unter ihm weg, um schnell zu Alte Runen zu eilen, bevor er sie noch einmal aufhielt. Sie merkte erst jetzt, dass sie ihren Atem angehalten hatte.
Verdammt noch mal, jedes Mal, wenn sie ihm zu nahe kam, hörte sie auf zu denken und erstarrte wie ein dummes Reh im Scheinwerferlicht eines Autos.
Hermine ließ sich auf ihren Platz in Alte Runen fallen und versteckte sich hinter ihrem dicken Wörterbuch. Stumm übersetzte sie den Text, den sie vorgelegt bekamen und als Malfoy schließlich vollständig geheilt von Madame Pomfrey in den Unterricht kam, war sie fest damit beschäftigt, ihn zu ignorieren.
Doch daraus wurde nichts. Malfoy ging äußerst knapp an ihrem Pult vorbei und fegte wie aus Versehen einen Stapel Pergamente von Hermines Tisch. Sie blickte starr auf. „Schau mich an, Granger. Bin ich noch hässlich?", flüsterte er mit rauer Stimme und fuhr mit seinen Fingerspitzen über seine Wange. „Du bist nicht mein Typ!", zischelte Hermine zurück und wollte ihm die Pergamente entreißen. Aber- diesmal völlig unabsichtlich- blieb sie an ihrem Tintenfaß hängen und wischte es über die Tischkante. Die schwarze Tinte ergoss sich über Malfoy.
Erschrocken blickte sie ihn nun doch an. Nun, er mochte zwar wiederhergestellt sein, aber er war über und über mit Tinte beschmiert, was nicht gerade attraktiv wirkte und das flüsterte sie ihm auch zu.
Malfoys Augen verengten sich und als ihn die Professorin ermahnte stand er auf, sprach einen Reinigungszauber über seine Umhänge und ging nach hinten in die letzte Reihe.
Hermine war heilfroh, als der Tag vorbei war. Morgen war Samstag und sie würde sich, nach einem Vormittag Hausaufgabe machen, nachmittags mit Ginny treffen.
Am nächsten Morgen stand Hermine frühzeitig auf, um ihren Hausarbeiten gerecht zu werden, wenn sie schon den halben Tag in Hogsmeade herumhängen würde. Ginny kam bald nach ihr in den Gemeinschaftsraum, in einem sehr hübschen, sehr luftigen Kleid. Obwohl es Winter war.
Hermine zog ihre Augenbrauen nach oben. „Für Harry.", strahlte Ginny. Aus einer kleinen Handtasche holte sie einen zerknitterten Flyer und gab ihn Hermine. „Schau mal… heute Abend, in den Drei Besen tritt eine Band auf- wir können tanzen! Also, wenn du um zwei nachkommst, zieh dir was Hübsches an!" Ginny zwinkerte ihr zu und eilte davon, bevor Hermine protestieren konnte.
Resignierend warf sie ihre Hände in die Luft. Ginny wusste doch, dass sie derartige Veranstaltungen hasste.
Dennoch beschloss Hermine, ihrer Freundin den Gefallen zu tun und zog sich einen Festumhang an. Was konnte es schaden, sich einmal im Jahr schick herzurichten, es ja nur für Ginny, sagte Hermine sich und ging dann gegen zwei hinunter nach Hogsmeade.
Sie ging in die Drei Besen. Ginny war noch nicht da. Sie ließ sich von Madame Rosmerta einen freien Tisch zeigen- Ginny hatte reserviert- und bestellte sich ein Butterbier. Wahrscheinlich war Ginny bei Harry hängen geblieben. Hermine öffnete ihre kleine Handtasche, die innen magisch vergrößert war und zog ein dickes Buch heraus, um die Wartezeit wenigstens sinnvoll zu nutzen.
Nach einer Weile bemerkte sie, wie jemand ihr gegenüber den Stuhl herauszog und sich setzte. „Hey!", sagte sie, während sie das Buch zuschlug und aufblickte, „Du bist zu spät, Gin-"
Hermine unterbrach sich.
„Hallo, Hermine.", sagte Draco Malfoy locker.
„Der Platz ist bereits reserviert." Hermine fasste sich schnell.
Malfoy lächelte, beinahe freundlich. „Deine Wiesel- Freundin war so nett, mir ihren Platz abzutreten. Im Grunde genommen hatte sie nie vor, ihn überhaupt erst einzunehmen."
Hermine wurde blass vor Wut. Nicht auf Malfoy, zur Abwechslung mal, sondern auf Ginny. Was sollte dieser Verrat? Wahrscheinlich knutschte sie gerade in Madame Puddifoots mit Harry herum und amüsierte sich bei dem Gedanken daran, dass sie Hermine ein „Date" verschafft hatte.
„Du siehst gut aus!", machte ihr Malfoy ein Kompliment. „Ich würde ja gerne glauben, dass du dich mir zuliebe so angezogen hast, aber das wäre… vermessen."
Hermine wurde schlagartig klar, dass es keinen Tanzabend in den Drei Besen geben würde. Es war ja nicht einmal eine Bühne aufgebaut worden. Ginny hatte sie hereingelegt, damit sie sich für Malfoy so herausputzte.
„Tut mir leid, Malfoy", sagte Hermine kurzentschlossen, „das muss wohl ein Missverständnis sein. Ich gehe wieder zurück ins Schloss. Und ja, es wäre vermessen, das zu glauben. Aber bei deiner Arroganz würde es mich auch nicht sonderlich wundern."
Hermine wollte aufstehen, doch sie konnte nicht. Es war, als wenn sie mit einem elastischen Gummiband an dem Stuhl festgebunden wäre. Sie ließ sich zurücksinken. „Was soll das, Malfoy? Lass mich sofort gehen! Finite Incantatem!" Sie versuchte es noch einmal, doch nichts passierte, außer dass sie wieder auf den Stuhl gezogen wurde.
Malfoy konnte ein schadenfrohes Grinsen nicht verbergen. „Ich habe damit nichts zu tun!", sagte er einfach. Hermine warf ihm einen ungläubigen Blick zu. Malfoy und unschuldig? Lächerlich.
„Malfoy…", sagte sie langsam und warnend.
„Ich war es nicht!", wiederholte er- in Hermines Ohren- wenig überzeugend.
Sie holte ihren Zauberstab aus ihrer Tasche und deutete auf seine Brust. „Granger, bitte. Ich habe nichts damit zu tun.", sagte er noch einmal.
„Impedimenta!", sagte Hermine und im selben Moment, als Malfoy gewahr wurde, dass sie ihn verhexen wollte, wollte er fliehen, doch eine Urgewalt zog ihn wieder zurück auf seinen Stuhl und der Fluch traf ihn mitten in der Brust.
Er erstarrte für eine kurze Zeit und Hermine realisierte überrascht, dass es auch Malfoy unmöglich war, aufzustehen. Er konnte wohl doch nichts dafür, denn warum sollte er sich selbst an einen Stuhl kleben?
Malfoy erwachte aus seiner Starre und versuchte erneut, wegzukommen. Fehlanzeige. Mit einem teuflischen Grinsen wandte er sich Hermine zu und sagte: „Wenigstens läufst du mir diesmal nicht davon. Ich für meinen Teil glaube ja, dass wir das deiner kleinen Wieselfreundin zu verdanken haben."
Hermine seufzte geschlagen. „Interessiert dich denn nicht, wie wir hier wieder wegkommen?"
„Nein. Im Moment nicht."
Hermine kochte zwar innerlich, aber sie konnte rein gar nichts gegen ihre missliche Lage unternehmen und so versuchte sie, ruhig Blut zu bewahren und sich ihren Ärger nicht anmerken zu lassen.
Sie nippte an ihrem Butterbier und starrte stur an Malfoy vorbei und beobachtete die Leute am Nachbartisch.
Sie würde Ginny umbringen, wenn sie hier loskam. Ihre Freundin hatte das hier geplant. Hermine war wirklich wütend. Sie wusste genau, dass sie sich selbst nicht eingestand, dass sie Malfoy attraktiv fand und einfach auf ihn stand, irgendwie. Und genau deswegen würde sie ihn ganz sicher nicht ansehen. Wahrscheinlich brauchte er dann nicht einmal Legilimentik zu beherrschen, um ihre verräterischen Gedanken lesen zu können.
Nach einer Weile, in der sie vor sich hinbrütete, sagte Malfoy schließlich: „Eigentlich wollte ich mich mit dir unterhalten, Hermine." Nach einer Pause: „An einem öffentlichen Ort, an dem ich vor einem hinterhältigen Mordanschlag verschont bleibe. Also: findest du mich wirklich hässlich?"
Der letzte Satz brachte Hermine endlich dazu, ihn anzublicken. Sie schnappte aus ihrer vorgetäuschten Taubheit und sah ihm ins Gesicht. „Aha! Es war ja klar, dass du nur über dich sprechen willst- genauer gesagt, dein Aussehen, Malfoy. Du bewertest es wirklich über. Was die anderen alle an dir finden- tja, ich weiß es nicht."
Wahrheit, Lüge, Lüge. Sie hatte sehr wohl Augen im Kopf und Malfoy sah wahnsinnig gut aus- und das wusste er.
„Ich werde mit dir nicht meine kostbare Zeit verschwenden und über dein Aussehen diskutieren. Wie eitel kann man eigentlich sein?", fügte sie hinzu. Nein, sie wollte wirklich nicht über ihn reden… seine ungewöhnlichen Augen, in denen sie versank, seine halblangen Haare, die ihm ins Gesicht fielen… Nein. Nein, nein, nein.
Er lehnte sich vor, über den Tisch. „Ich glaube, du findest mich sehr attraktiv, Granger.", gurrte Malfoy mit tiefer, besänftigender Stimme. Hermine hasste ihn dafür, denn sie wurde sofort rot- selbst seine Stimme wirkte anziehend.
Malfoy ließ sich in seinen Stuhl zurücksinken und grinste sie befriedigt an. „Ich glaube, du stehst insgeheim auf mich und gibst es nur nicht zu, weil du nicht so sein willst wie alle anderen Mädchen.", setzte er nach.
Hermine ballte ihre Fäuste unter dem Tisch. Er traf geradewegs ins Schwarze. Sie konnte nicht sagen, ob er es ernst meinte oder ob er sie nur aufziehen wollte. Hoffentlich Letzteres und er durchschaute sie nicht.
„Nein, Malfoy, träum nur weiter, du arroganter Arsch.", sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. Wann war diese Tortur denn endlich vorüber?
Er wechselte das Thema. „Weißt du was mich schon immer mal interessiert hat?", fragte er und legte seinen Hände auf den Tisch. „Potter und Weasley- wen hast du lieber? Und warst du vor Weasley mal mit Potter zusammen?"
Hermine hätte nun doch lieber ihn als sich als Gesprächsthema gehabt. Sie warf ihm einen finsteren Blick zu.
„Scheinen ja beide nicht so das Gelbe vom Ei gewesen zu sein…Sei froh, dass es mit Wiesel vorbei ist.", sagte Malfoy halb zu sich selbst.
„Nein!", giftete Hermine ihn an. Er zog die Augenbrauen hoch. „Sie waren gut! Du vermisst ihn?" „Nein! Schrei nicht so herum, Malfoy, das geht niemanden hier drin was an und ich war nur ein paar Wochen mit Ron zusammen, mehr war da nicht."
Verdammt, so viel Information hatte sie dem neugierigen Idioten gar nicht geben wollen. Aber aus irgendeinem Grund lag ihr daran, dass Malfoy wusste, dass sie nicht mit Harry und Ron geschlafen hatte.
Es war nämlich irgendwie nicht richtig… Harry und Ron waren doch eigentlich mehr wie zwei Brüder, die sie nie gehabt hatte. Selbst Ron. Nein, er war einfach nicht mehr. Und konnte es auch nicht werden, sie beide waren zu verschieden und immer nur am Streiten.
„Ach so….", sagte Malfoy gedehnt. „Hattest du stattdessen dann einen Muggelfreund?"
„Ich weiß nicht, warum du das ‚Muggel' so betonst, aber nein, hatte ich nicht und können wir jetzt mal über was anderes reden als über mich?", sagte Hermine leise, damit nur Malfoy es hören konnte; so langsam hatten sich die Drei Besen gefüllt und es war so ein ungewöhnliches Bild, die beiden erklärten Erzfeinde an einem Tisch zu sehen, dass ihnen alle Aufmerksamkeit galt.
„Bist du prüde, Granger? Oder gibt es etwa nichts über dein Liebesleben zu sagen?", ärgerte- und quälte- Malfoy sie.
„Weder noch! Und würde es dir etwas ausmachen, endlich leiser zu sprechen!", fauchte Hermine. Was wollte er nur von ihr? Warum führten sie diese Art von Gespräch?
Malfoy grinste sie schelmisch an. „Ich tippe eher auf ‚sowohl als auch', wie es sich anhört. Stimmt es nicht?"
„Ich… ich habe Ron… geküsst.", erwiderte Hermine aufgebracht. Schon wieder zu viel gesagt. Malfoy schaffte es jedes Mal, sie so aufzuregen, dass sie ihre guten Vorsätze vergaß oder den Drang hatte, sich für Nichtigkeiten rechtfertigen zu müssen.
Malfoy sah sie offen feixend an. „Geknutscht mit dem Wieselchen." Er lachte und nahm einen Schluck Butterbier. Hermine starrte ihn wütend an. Warum war es ihr nicht egal, was er von Ron hielt? Sie konnte Malfoy einfach ignorieren…
„Ja, Malfoy, es kann ja nicht jeder herumhuren wie du.", zischte Hermine und versuchte erneut, von dem Stuhl aufzustehen. Hilflos und vor Wut schnaufend ließ sie sich wieder zurückfallen.
„Jeder Mann hat eben seine Bedürfnisse.", griente Malfoy.
„Und nur Arschlöcher geben dem nach, egal, was eine Frau dabei empfindet!" Hermine kochte vor Wut. Wie es dieses arrogante Frettchen nur schaffte, dass sich ihm viele seiner Mitschülerinnen an den Hals warfen- allen voran Pansy Parkinson- war ihr unverständlich.
Sie blickte Malfoy ins Gesicht und sah, dass er lautlos lachte und sich köstlich amüsierte.
„Warum lachst du?", fragte Hermine und ballte ihre Hände zu Fäusten.
„Weil…", er brachte zunächst keinen Ton heraus, „Weil diese Mädchen, die meine Bedürfnisse decken, zugleich die ihrigen befriedigen- und sie gar nichts anderes wollen."
Auf Hermines finsteren Blick hin fügte er anstandshalber hinzu: „Nun ja, ich will nicht ausschließen, dass die ein oder andere…" „- fast alle-", warf Hermine außer sich ein, „ähm… irregeleitete… Gefühle… hatten…", beendete Malfoy den Satz.
Hermine beschloss, sein Lachen zu ignorieren und fuhr nun leiser und sicherer fort: „Siehst du, Malfoy, darum verstehe ich nicht, was du ausgerechnet von mir willst. Eine weitere ‚Trophäe'?" Sie versuchte angestrengt, allen Ärger aus ihrer Stimme zu verbannen. „Ich weiß nicht, was du dir in den Kopf gesetzt hast, und ich will es auch gar nicht wissen, ehrlich gesagt, aber verabschiede dich von der Vorstellung, dass ich irgendwann in deinem Bett lande, denn dafür bin ich mir zu schade."
Sie sah, dass Malfoys nicht mehr lachte, sondern einigermaßen ernst aussah. „Das glaube ich nicht, Granger. Ich wette dagegen." Sie sah noch, dass er wieder grinste und sie fragte sich, was in aller Welt er jetzt gleich wieder sagen würde, da spürte sie, wie er nach ihren geballten Händen griff, sie mitsamt ihrem Oberkörper nach vorne zog und sie küsste.
Draco Malfoy küsste sie.
Vor allen Leuten.
Hermine versuchte, ihre Hände freizubekommen, aber er hielt sie fest.
Seine Lippen waren sehr weich. Sie spürte, wie seine Zähne an ihrer Unterlippe knabberten.
Es fühlte sich gut an und Hermine gab ihren sinnlosen Widerstand fürs Erste auf und küsste zögerlich zurück. Was blieb ihr anderes übrig, als es zuzulassen? Je eher Malfoy bekam, was er wollte, umso früher hörte er wieder auf. Und sie wünschte sich nichts sehnlicher, denn halb Hogwarts saß in den Drei Besen und bekam das entwürdigende Spektakel mit.
Malfoy ließ bald ihre Armgelenke los und hob seine Hand an ihr Gesicht. Hermine bemerkte, dass er seine Augen geschlossen hatte und sah ihre Chance, sich loszureißen.
Mit einem Ruck stieß sie Malfoy zurück, stand impulsiv auf- oh, der Fluch war gebrochen- und gab ihm eine klatschende Ohrfeige. Malfoy starrte sie mit errötender Wange perplex an, bevor Hermine mit hochrotem Gesicht aus den Drei Besen rauschte.
Jetzt würden alle glauben, dass sie mit Malfoy zusammen war. Verdammt, nein! Hermine schalt sich selbst, nicht in Gedanken zu fluchen. Sie wollte nur noch eines: in ihren Schlafsaal zurückkehren und Malfoy in aller Seelenruhe hassen, dafür, dass er sie öffentlich der Lächerlichkeit preisgab.
Sie machte sich auf den Weg nach Hogwarts, da hörte sie schon eine Stimme hinter sich ihren Namen rufen. Sie drehte sich um und sah, dass Malfoy hinter ihr herrannte. Nein, er würde jetzt nicht mit ihr zurückgehen. Hermine machte panisch auf dem Absatz kehrt und hastete zum Honigtopf.
Wie immer war der Laden mit Schülern überfüllt und Hermine quetschte sich hinein, zwischen den Regalen und Mitschülern hindurch bis zur Kellertreppe. „He, Granger!", hörte sie Malfoy rufen und sah, wie er sich hinter ihr her quälte.
In einem passenden Augenblick, als Malfoy sich gerade freikämpfte und das Ladenpersonal abgelenkt war, huschte Hermine in den Keller. „Alohomora!", keuchte sie und glitt in den Geheimgang. Rasch schloss sie die Falltür hinter sich und stolperte mit ihren Absatzschuhen die Treppe hinunter.
„Mist!", schimpfte Hermine halblaut, als sie sich nach ein paar Stufen fing und sich schwer atmend aufrichtete. Sie zog ihre Schuhe aus und rannte barfuß weiter. Sie musste so schnell wie möglich nach Hogwarts, denn Malfoy würde sie, wenn sie nicht rechtzeitig kam, bestimmt vor dem Portrait der Fetten Dame abfangen wollen.
Mit den Schuhen in der einen Hand, den steinernen Rand der Rutsche in der anderen, kletterte Hermine bis zur Statue der buckligen Hexe hoch und öffnete den Buckel einen Spalt breit. Da niemand in Sicht war, stieg Hermine aus dem Tunnel und richtete sich auf.
Sie stellte ihre Schuhe zu Boden. „Miss Granger! Was tun Sie hier?", fragte Professor Snape mit schneidender Stimme. Hermine richtete sich zittrig auf und antwortete: „Ich bin auf dem Weg zum Gryffindorturm, Sir." Sie bemerkte, wie Snapes Blick über ihren Körper glitt und mit einem Mal wurde ihr bewusst, wie sie aussehen musste: verschwitzt, das schöne Abendkleid dreckbespritzt, ihre Füße mit Erde beschmiert und vor ihr ihre hochhackigen Sandalen.
„Soso.", machte Snape höhnisch. „Ich glaube, Sie gehen nicht in Ihren Gemeinschafsraum, ich glaube Sie kommen mit mir mit. Ihr Gryffindors habt ausgefallene Plätze, einfach so zu erscheinen… Potter habe ich dort auch schon erwischt.", murmelte er vor sich hin und Hermine folgte ihm äußerst widerwillig.
In Snapes Büro angekommen, wies er sie an, sich zu setzen. Hermine hatte sich indessen hundert Ausreden ausgedacht, eine unglaubwürdiger als die andere. Wie sollte sie sich aus dem Schlamassel je wieder herauswinden? Snape brauchte auch gar nichts von dem Geheimgang erfahren, andernfalls drohte gewissen Leuten- sie eingeschlossen- bestimmt ein Schulverweis.
„Sie von allen Leuten hier auf dem Schloss werden mit Sicherheit sagen können, was für ein Zaubertrank das ist.", sagte Snape mit indifferenter Stimme.
„…", flüsterte Hermine heiser. „Wie bitte? Ich habe Sie nicht verstanden." Hermine räusperte sich. „Das ist Veritaserum, Professor." Snape nickte und Hermine schwante Übles.
Snape stellte ein Glas Wasser vor sie und tröpfelte von der kleinen Ampulle etwas hinein. „Sie werden das trinken, Miss Granger. Ich werde endlich all den seltsamen Geschehnissen auf den Grund gehen, von denen ich weiß, dass Sie und Potter darin stecken."
Bebend ergriff Hermine das Glas und trank es aus. Sie wusste, dass sie besser daran tat, andernfalls würde Snape es ihr aufzwingen… obwohl er das nicht durfte.
„Woher sind Sie soeben gekommen?", wollte er wissen.
Hermine verspürte den Drang, Snape alles zu gestehen, angefangen von dem Vielsafttrank in der zweiten Klasse oder dass sie sein Logikrätsel vor dem Stein der Weisen genial gefunden hatte… endend bei dem Geheimgang der Statue.
„Aus Hogsmeade…", sagte sie nur, dem Drang, alles andere auszuplappern, widerstehend. „Warum stehen Sie dann dort in dem Gang herum? Das ist nicht der direkte Weg zum Gryffindorturm.", sagte Snape langsam.
„Wie gesagt, ich bin direkt aus Hogsmeade gekommen und ob es der direkte Weg ist… vielleicht.", sagte Hermine mit einem Leichtigkeitsgefühl im Kopf; sie sagte jedenfalls nicht die Unwahrheit… bestimmt gab es von der Hexe aus einen Geheimgang in ihren Turm… „Alle Wege führen nach Rom.", murmelte sie halblaut.
„Sie bleiben wohl eine Besserwisserin, selbst mit Veritaserum.", fauchte Snape. „Ja, ich denke schon.", bekräftigte Hermine ohne groß nachzudenken. „Nun denn… Was hat es mit der Statue auf sich?", fragte Snape eindringlich.
Hermine überlegte, alles war so leicht und drehte sich… die Wahrheit, die Wahrheit… und noch bevor sie wusste, was sie tat, begann sie zu erklären: „Diese Statue stellt eine bekannte Hexe aus dem Mittelalter dar. Beatrice de Beauvais. Sie war bekannt als große Heilerin, die nach Paris-" „Ja, ja, schon gut, Miss Granger." Snape wollte ihren Vortrag aus Geschichte der Zauberei nicht hören. Na gut. Also kam sie auch nicht zum entscheidenden Punkt, oder?
„Was wissen Sie über den Feuerwerkskracher in meinem Unterricht." Lethargisch redete Hermine weiter, als ob sie von einem Pergament ablesen würde: „Nun, das waren nicht Seamus und Dean, auch nicht Harry und Ron." Sie versuchte verzweifelt, das Reden einzustellen. Sie hatte schon zu viel gesagt, aber bei diesem Trank half es nicht. „Der wahre Täter-"
Knall. „war ich.", flüsterte Hermine, aber ihre Worte gingen unter, als die Bürotür aufflog, gegen ein Regal knallte und ein paar Gläser mit toten Kreaturen herausfielen und am Boden zerschellten. „Professor Snape, Sir, Hermine und ich waren in Hogsmeade!", keuchte Malfoy. Hermine drehte sich um sah ihn in der Tür stehen, abgehetzt.
„Los, gehen Sie, Miss Granger!", zischte Snape wütend und verscheuchte sie beide. Hermine wusste, dass Veritaserum nicht erlaubt war, deswegen hatte er sie gehen lassen. „Alles in Ordnung, Granger?", fragte Malfoy, nachdem sie schweigend nebeneinander gegangen waren. „Ja, ich denke schon. Dank dir.", antwortete Hermine wahrheitsgemäß.
„Was?"
„Ich habe Professor Snape gerade erzählt, dass ich es war, die den Kracher in seinem Klassenzimmer losgelassen hat."
„Und warum würdest du ihm das erzählen?", fragte Malfoy entgeistert. Hermine fühlte weiterhin das Bedürfnis, die Wahrheit zu sprechen. „Weil er mir Veritaserum gegeben hat. Ich muss die Wahrheit sagen."
Malfoy starrte sie erst fassungslos an; dann machte sich auf seinem Gesicht ein Ausdruck breit als wäre Weihnachten vorverlegt worden. Er zerrte sie in das nächste leere Klassenzimmer.
„Granger, dann erzähl mal, wie findest du mich?"
Hermine fühlte unterschwellige Wut, weil er es schamlos ausnutzte… aber es half nichts… „Ich weiß nicht, was ich von dir halten soll… du siehst sehr gut aus und kannst höflich sein, wenn du willst… aber dann wiederum macht mich dein Grinsen wahnsinnig…" Ihre Stimme verlor sich, hauptsächlich, weil Hermine es selber nicht so genau wusste.
„Würdest du mit mir gehen?", fragte Malfoy mit interessiertem Gesichtsausdruck. „Ja, das würde ich.", gab Hermine unwillig zu.
„Würdest du auch mit mir schlafen?", fragte er begierig weiter. Selbst in ihrem träumerischen, leichten Geisteszustand wurde Hermine rot. „Antworte!", befahl er, als Hermine nicht sofort redete. „Wenn ich dich lieben würde: ja."
„Hast du mit Potter oder Weasley geschlafen?" „Sie sind meine besten Freunde, also nein."
„Hast du überhaupt schon mal mit jemandem…?" „Nein, Malfoy, hab ich nicht.", antwortete Hermine, zunehmend gereizt. Es war unfair, dass er sie über ihre intimsten Details ausfragen konnte, während sie ihm hilflos ausgeliefert war. Sie empfand mittlerweile mehr als nur Gleichmut, die Wirkung des Serums ließ also langsam nach, aber der Drang zu antworten bestand leider weiterhin.
Er schnaubte verächtlich. „In welcher Welt lebst du eigentlich Granger?" „In der Zaubererwelt, hier auf Hogwarts." Sie sah, wie er die Augen verdrehte.
„Bist du in mich verliebt oder warst du es schon mal?" „Ja, vielleicht und nein."
„Mochtest du den Kuss in den Drei Besen?" „Nein, es war mir zu peinlich, weil alle zugesehen haben.", antwortete Hermine sofort ohne groß nachzudenken; sie konnte jetzt spüren, wie die Wirkung so plötzlich nachließ wie sie eingetreten war und sie sich wieder normal fühlte.
„Willst du, dass ich dich noch mal küsse?" „Nein, das will ich nicht.", murmelte sie. Lüge. Sie wollte es, hier, in dem verlassenen Klassenzimmer, wo sie niemand sehen konnte… Hermines Herz schlug schneller. Sie hatte gerade eben ernsthaft gedacht, dass sie jetzt gerne Draco Malfoy küssen würde?
Ihre Wangen färbten sich rosa.
Malfoy sah sie enttäuscht an. „Granger, du bist und bleibst mir ein Mysterium.", sagte er.
