Hermine kochte. Er hatte es vollkommen ausgenutzt, dass Snape sie das Veritaserum hatte trinken lassen. Er hatte ihr sehr persönliche Fragen gestellt und war in ihre Privatsphäre eingedrungen. Malfoy war und blieb ein hinterlistiges, arrogantes Arschloch, dem man in keinster Weise vertrauen konnte.
Wütend hieb sie auf ihr Kopfkissen ein. Auf der anderen Seite hatte sie in seinen grauen Augen so etwas wie ehrliche Enttäuschung gelesen, als sie ihn zurückgewiesen hatte. Hermine schoss Blut in den Kopf, als sie daran dachte, dass ihm vielleicht doch etwas an ihr lag; aber wenn, dann hatte er eine seltsame Art und Weise, es zu zeigen.
Ungeachtet dessen musste sie Malfoy loswerden. Er und sie… nein, das war einfach undenkbar. Der einzige Weg war ihm zu zeigen, dass sie schon einen Freund hatte und er nur seine Zeit vergeudete. Aber wie sollte sie das anstellen, überlegte Hermine angestrengt. Besonders, wo sie keinen Freund hatte, mit dem sie öffentlich auftreten konnte.
Nein, es musste etwas sein, das nur für Draco Malfoys Augen und Ohren bestimmt war.
Alle Gedanken, die Ron beinhalteten, schloss Hermine gleich kategorisch aus. Ron würde es in den falschen Hals bekommen und am Ende noch glauben, dass Hermine doch was von ihm wollte.
Da kam ihr eine brillante Idee, die ihr sehr viel Selbstbewusstsein abfordern würde, aber ihrer Ansicht nach trotzdem genial war…
Merlin, war es anstrengend, McLaggen zu küssen. Hermine konnte McLaggen nicht sonderlich leiden und die Person, die gerade in seinem Körper steckte, auch nicht. War es immer so… schlecht? In dem Besenschrank war es auf einmal unglaublich heiß. Sie spürte, wie sich seine Hände an ihrem Körper vorantasteten. Nein, was tat er denn da? Er sollte das doch nicht genießen!
Da trat Malfoy auf einmal einen Schritt zurück und stürzte davon. Hermine war verwundert, so miserabel konnte sie doch gar nicht gewesen sein… da fiel ihr ein, dass sich Malfoy sicherlich in seinen eigenen Körper zurückverwandelte.
Hermine war trotz der viel zu frühen Unterbrechung froh, dass sie ihren Punkt klar gemacht hatte und Malfoy nun überzeugt davon war, dass sie eine heimliche Affäre mit McLaggen hätte.
Gut gelaunt ging sie in den Unterricht. In Verwandlung saß Malfoy vor ihr und sah so aus wie immer und wie immer passte er nicht auf. Aber er würdigte sie keines Blickes und hatte seine Aufmerksamkeit ganz wo anders, also verdächtigte er bestimmt nicht sie hinter der ganzen Besenschrank- Geschichte.
Umso größer war Hermines Überraschung, als sie am Abend Eulenpost bekam. Ginny, die immer am neugierigsten und deshalb als erste vor Ort war, nahm dem Waldkauz die Notiz ab und weil sie an Hermine adressiert war, las Ginny den Inhalt auch gleich laut vor.
Hermine war verärgert- kannte dieses Mädchen keine Privatsphäre? Aber gleichzeitig war sie auch erleichtert, dass Ginny wenigstens nicht so laut redete, dass es der gesamte Gemeinschaftsraum mitbekam.
„Morgen um elf, Hermine.", grinste Ginny. Hermine seufzte laut. „Ich weiß nicht, Ginny.", sagte sie ehrlich. Einerseits juckte es sie schon, den Grund für das Treffen zu erfahren, andererseits wusste sie jetzt, nach einem herrlichen, unbeschwerten, malfoyfreien Nachmittag, dass ihre McLaggen- Strategie- warum auch immer- nicht aufgegangen war.
Jetzt hatte sie sich wohl ganz umsonst zum Deppen gemacht. Ihre Wangen fühlten sich heiß an.
Ginny legte ihren Kopf schief. „Hermine, mach dir doch nichts vor. Spätestens nach zwei Tagen, wenn Malfoy dich in Ruhe lässt, willst du doch wieder, dass er dich ‚belästigt' und dir Beachtung schenkt."
Hermines Gesicht färbte sich zu ihrem Unwillen etwas rosa. Sie knetete ihre Hände. „Aber, Ginny, woher soll ich wissen, ob er es ernst meint? Und… ich weiß nicht, ob ich dem so nachgeben kann."
Ginny blickte sie halb vorwurfsvoll an. „Man kann nicht baden gehen ohne nass zu werden. Ich schätze, du musst es einfach mal drauf ankommen lassen, Hermine. Sonst findest du nie einen Freund. Und lass dich einfach mal gehen, du siehst dann schon, was passiert. Genau den Ratschlag hast du mir mit Harry auch dauernd gegeben. Und wenn es dir nicht gefällt, kannst du Malfoy immer noch in die Wüste schicken."
Hermine öffnete ihren Mund, um Ginny zu widersprechen, aber weil sie keine schlüssigen Gegenargumente besaß, schloss sie ihn wieder und nickte ergeben. „Also gut, dann geh ich da morgen Nacht hin und schau mir die Sache mal an." „Ja, und ohne jeglichen Hintergedanken, Hermine. Keine Streiche, Mordgedanken oder was auch immer!", warnte Ginny sie sogleich.
Hermine machte sich während ihrem Kontrollgang auf den Weg zum Wahrsageturm. Eines hatte sie schon gelernt: bei ihren Turmtreffen mit Malfoy war immer Vorsicht geboten, egal mit welcher Absicht sie hingingen. Sie hatte ihren Zauberstab aus jahrelangem Argwohn mit eingesteckt, auch wenn sie sich fest vorgenommen hatte, Malfoy nicht zu verhexen.
Ohne dass jemand von ihr Notiz nahm, schlich sie sich in einem Geheimgang zu dem leeren Wahrsageklassenzimmer hinauf. Zaghaft und leise zog sie den Wandteppich beiseite und blickte in den Gang. Malfoy war schon da und lehnte an der Wand. Unanständigerweise hatte er sein Knie abgewinkelt und seinen Fuß an der Wand postiert.
Hermine hasste das und zog jedem Schüler fünf Punkte ab, den sie dabei erwischte, weil es völlig unnötig die Mauer verschmutzte und die Hauselfen den Dreck wieder wegschrubben mussten.
Er blickte nicht in ihre Richtung, sondern in die des Hauptganges, aus der er sie vermutete. Geschwind trat Hermine hervor.
„MALFOY!", rief sie, „Fuß weg von der Wand. Fünf Punkte Abzug für Slytherin!"
Er zuckte schuldbewusst zusammen, trat einen Schritt in den Gang und drehte sich zu ihr um.
„Ist es bei dir zu Hause so üblich, die Wände zu versauen? Haben dir deine Eltern keinen Anstand beigebracht?", fragte Hermine provokativ hochnäsig. Sie wusste, sie war nicht hier um ihn zu reizen, aber wie kein anderer Mensch auf Erden brachte er es fertig, sie aufzustacheln und ihre schlechten Seiten hervorzurufen.
Malfoy grinste nun. „Granger!", sagte er in einem durchaus erfreuten Ton, wenngleich von oben herab, „Haben dir deine Eltern nicht beigebracht, dass es unhöflich ist, andere anzuschreien? Oder dass es äußerst rüpelhaft ist, jemandem verbotene Substanzen unterzujubeln und dann einfach so in einen Besenschrank zu zerren und abzuknutschen?"
Hermine wurde rot. „Ich… also… das kann ich erklären, Malfoy!", stotterte sie. Oh nein, war das peinlich. Warum war er immer so schlagfertig?
Malfoy feixte und trat näher an sie heran. Hermine wollte ihm ausweichen, aber ihr Stolz verbot ihr, rückwärts wegzugehen. Mit eisernem Willen verharrte sie auf ihrem Standpunkt und unterdrücke das Verlangen, ihre Arme abwehrend zu verschränken. Malfoy streckte seine Hand aus und berührte ihre Wangen mit seinen langen Fingern.
Hermine konnte dem Impuls, ihren Kopf wegzudrehen, nicht widerstehen. „Wie eloquent du doch bist, Granger. Ich dachte, ich bekäme eine Erklärung, aber nachdem dich meine Nähe so offensichtlich aus dem Konzept bringt… werde ich es dir erklären, Granger.", sagte er mit leiser und tiefer Stimme.
Sein Griff an ihrem Kinn verstärkte sich und Hermine spürte, wie er ihren Kopf wieder zu ihm hin drehte, sodass sie ihn ansehen musste. Dann ließ er sie los und beugte sich vor.
‚Tu doch was', schrie sie innerlich, ‚reiß dich los!' Aber sie rührte sich nicht.
Malfoys Hände glitten an ihre Seite und hielten ihre Arme fest, aber nicht so, dass es wehtat. Dann flüsterte er ihr ins Ohr. „Ich glaube, Granger, dass du mich sehr, sehr attraktiv findest. Und ich glaube auch, dass du dir das nach wie vor nicht so wirklich eingestehst. Habe ich nicht Recht? Es war wirklich sehr unhöflich von dir, mir den Vielsafttrank zu verabreichen, Hermine."
Hermine schauderte, als sie ihren Namen von ihm hörte. Ihr Gesicht brannte. Ihre Knie waren weich geworden wegen seiner Nähe. Wieso war sie für ihn ein offenes Buch? Und warum reagierte sie auf seine Stimme so sehr?
„Und weißt du, was ich noch glaube?", murmelte Malfoy weiter. Hermine schüttelte leicht ihren Kopf.
„Ich glaube", schnurrte Malfoy mit einer für Hermine verführerischen Stimme, „dass du ganz gerne mal richtig leben willst, nicht immer nur der Bücherwurm sein willst… sonst hättest du mich nicht in den Besenschrank gezogen und wärest heute gar nicht hier. Sei mal ein bisschen lockerer, Granger, und sieh, wo es uns heute noch hinführt…"
Hermine wollte sich gar nicht fragen, wo genau es Malfoys Meinung nach hinführen sollte und woher glaubte er zu wissen… sie erwachte aus ihrer Starre, befreite ihre Arme und drückte Malfoy weg.
Er sah sie mit einem raubtierhaften Lächeln an, das Hermine gar nicht gefiel.
„Ich… das siehst du völlig falsch, Malfoy!", stieß Hermine ärgerlich hervor. Sie war wütend. Einerseits, weil er sie besser zu kennen schien als manchmal selbst Harry und Ron und andererseits, weil er die Frechheit besaß, einfach anzunehmen, dass sie mit ihm freiwillig schlafen würde.
„So?", fragte er, wieder von oben herab, als wüsste er es besser als Hermine selbst.
„Das mit McLaggen hatte absolut nichts damit zu tun, dass ich dich küssen wollte!", sagte Hermine und die Röte in ihrem Gesicht vertiefte sich noch.
Malfoy hatte eine Augenbraue nach oben gezogen und sah sie spöttisch an. „Also wolltest du mich küssen.", warf er ein.
Hermine wurde noch verdrossener. „Das hab ich nie gesagt, Malfoy!", fauchte sie. „Unterbrich mich gefälligst nicht immer und dreh mir nicht die Worte im Mund um!" In normalerem Ton und gleichzeitig dem Gefühl, einen Fehler zu begehen, fuhr sie fort: „Ich dachte… dass du, wenn du merken würdest, dass ich eine heimliche Affäre mit einem anderen hätte, aufgeben würdest und mich in Ruhe ließest."
Malfoy sah sie verdutzt an. Dann lachte er laut los und die Häme schwang nur so mit dabei. „War das ein Witz, Granger? Du und eine heimliche, leidenschaftliche Affäre? Was hast du dir denn dabei gedacht? Das ist ja grotesk, lächerlich sogar!" Er stolperte etwas rückwärts und musste sich vor Lachen an die Wand lehnen.
Hermine blickte ihn finster an. Was für ein Arschloch, er hatte doch überhaupt keine Ahnung von ihr.
Er hielt sie für nichts mehr als eine prüde Streberin, war so von sich selbst eingenommen, so ein Idiot, einfach nur noch frustrierend. AHHHH. Sie platzte gleich.
Das Lachen würde ihm gleich vergehen. Sie konnte auch anders.
Hermine stürzte los, auf den lachenden Draco Malfoy zu. Mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, scheuerte sie ihm eine, sodass sein Kopf herumflog und bevor er überhaupt reagieren konnte, hatte Hermine seine Arme gepackt und ihn gegen die Wand gedrückt. Bevor sie so etwas wie Bedauern oder Zögern empfinden konnte, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn.
Sie spürte seine weichen Lippen auf ihren, seinen Körper an ihrem. Sie verließ sich ganz und gar auf ihr Gefühl, um es richtig zu machen. Um ihm zu beweisen, dass auch sie leidenschaftlich sein konnte. Dass es Seiten an ihr gab, die er nicht kannte und dass er merkte, wie falsch er lag.
Sie merkte, wie sich Malfoy offenbar fasste. Ehe Hermine sich versah, hatte er den Spieß umgedreht und jetzt war sie diejenige, deren Rücken hart in die Wand gepresst war und Malfoy erwiderte ihren Kuss jetzt ungestüm.
Hermine dachte zum ersten Mal in ihrem Leben nicht rational nach, sie genoss es einfach. Sie spürte Malfoys Hände an ihrer Hüfte und wie sie sich sanft unter ihr T- Shirt arbeiteten und ihre Haut berührten. Sie bekam eine Gänsehaut und verspürte ein Verlangen nach mehr. Nun wurde sie doch etwas nervös.
Er schien es zu spüren, denn er löste sich von ihr und trat einen Schritt zurück.
Hermine strich sich verlegen eine Haarsträhne hinters Ohr und blickte peinlich berührt zu Boden.
„Wow, Granger, wenn ich gewusst hätte, wie ich dich aus der Reserve locken kann…", spöttelte Malfoy.
Hermine atmete langsam und tief ein und hielt sich an der Steinmauer fest, weil ihre Knie noch so wackelig waren. Bei Merlin, Morgana und Dumbledore, sie hatte gerade mit Draco Malfoy herumgemacht. Ihr Herz trommelte in ihrer Brust. Sie wusste nicht, was sie daraus machen sollte. Es war eine unüberlegte Aktion gewesen, sie hatte nicht daran gedacht, was das für sie bedeuten würde. Und sie hatte es gemocht, sogar genossen. Es hatte sich richtig angefühlt.
Die Röte kehrte auf ihre Wangen zurück.
„Alles in Ordnung, Granger?", fragte Malfoy und sie glaubte, einen besorgten Unterton herauszuhören. Er trat auf sie zu und zog sie in eine aufrechte Position. „Granger?" Er zog seine Augenbrauen zusammen und als sie in seine Augen sah, bemerkte sie neben der außergewöhnlichen Farbe wirklich eine Art Sorge.
„Uhm, ja, Malfoy. Alles okay.", murmelte Hermine matt und berührte unbewusst ihre Lippen. Am liebsten wollte sie das Gefühl auf ewig konservieren, aber… Malfoy… Sie wich seinem Blick aus, sie konnte ihm jetzt nicht in die Augen sehen. Sie wollte einfach nur… weg.
Hermine hörte auf einmal gedämpfte Stimmen. Ihr Herz schlug wieder schneller. Sie bekamen Besuch! Ihr Geschrei vor ein paar Minuten war nicht unbemerkt geblieben. Rasch duckte sie sich unter Malfoys Armen weg und hastete zu dem Geheimgang, aus dem sie gekommen war.
Malfoy war ihr jetzt ganz egal, Hauptsache sie kam rechtzeitig in den Gryffindorturm und konnte ihr Schulsprecherabzeichen retten.
