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ABUSE – Kapitel 3

Rick kam nachhause und sah seine Mutter, die über einem Glas Scotch am Küchentresen saß und auf seinem Ipad etwas zu lesen schien. Im Normalfall war es immer Wein, vorzugsweise teurer Rotwein, wieso die Änderung in ihrem Verhalten. Zu stärkeren Sachen griff sie normalerweise nur, wenn etwas passiert war.

„Mutter?", fragte er vorsichtig.

„Sch … sprich leise."

Verwundert sah er die rothaarige Frau an, legte seinen Mantel über die Rückenlehne der Couch und begab sich zu ihr. Schnell schien sie etwas, das sie gelesen hatte, zu schließen.

„Geht es Alexis gut?", fragte er leise.

„Wunderbar", doch konnte sie die Verwunderung und Verwirrtheit aus seinem Gesicht ablesen.

„Kate … sie schläft in deinem Schlafzimmer, ich habe die Türe nur angelehnt, um sie zu hören. Falls etwas sein sollte."

„Kate?" Er schien zu beabsichtigen in Richtung seines Schlafzimmers zu gehen.

„Nein, Richard. Lass sie in Ruhe schlafen. Sie braucht all den Schlaf, den sie bekommen kann", und vorsichtig und langsam, über dem einen oder anderen Glas Scotch, erzählte sie ihm, was sie an diesem Abend erlebt hatte und wieso seine Partnerin in seinem Bett lag.

„Richard, ich wäre dir sehr dankbar, wenn du nicht in dein Schlafzimmer gehen könntest. Es könnte sein, dass sie auf einen Mann, auch wenn es du bist, im Moment nicht so gut reagiert. Ich habe etwas recherchiert … sie wird sich wahrscheinlich einkapseln, zurückziehen … hätte sie die Stiegen steigen können, hätte sie im Gästezimmer geschlafen … aber so …"

Von seinem Gesicht konnte Martha ablesen, dass er schockiert war. Ihm standen Tränen in den Augen und wahrscheinlich verlangte sein Kopf, sie zu sehen, um sich zu versichern, dass es ihr gut ging, sie am Leben war.

Er legte einen Arm um die Schultern seiner Mutter und dankte ihr von tiefstem Herzen für ihren Einsatz. Niemals wäre er so mutig gewesen, versicherte er Martha.
Seine Überwachungsaktion war schon wahrhaftig töricht gewesen, hätte sie ihn entdeckt, und das wäre passiert, wenn es ihr gut gegangen wäre, hätte sie die gemeinsame Partnerschaft aufgekündigt, ihm mehrmals wissen lassen, dass er in ihre Privatsphäre eingedrungen sei und dies alle Grenzen überschreite, die zwischen ihnen existieren würden.

In den Armen ihres Sohnes konnte sie kurzzeitig ihren Tränen freien Lauf lassen, ihm erzählen, wie viel Angst sie empfunden hatte, als dieser Mann vor ihr stand, der unberechenbar schien.

Und er befolgte Marthas Bitte, Kate nicht aufzusuchen, richtete sich sein Nachtlager auf der Couch, um zur Verfügung zu stehen, falls die junge Polizistin Hilfe benötigen würde. Doch die alternde Schauspielerin versicherte ihm, dass dies nicht passieren würde. Sie brachte Kate ein weiteres Glas Wasser, stellte es auf den Nachtisch und studierte das Gesicht der dunkelhaarigen Frau. Ihr Haar war zusammengebunden, an der Stelle an der ihr Hals in die Schulter überging, waren mittlerweile blaue Stellen zu sein, ihre Lippe war angeschwollen und schillerte in diversen Farben.

Sie setzte sich an den Bettrand, strich vorsichtig mit den Fingerspitzen über das geschundene Gesicht und bewunderte die ansonsten makellose Haut, die feinen dichten Augenbrauen, die langen Wimpern und das Muttermal unter ihrem linken Auge. Vorsichtig schob sie die Decke etwas höher, um sie zuzudecken.

„Schöne Träume meine Liebe", flüsterte sie und platzierte sanft einen Kuss auf Kates Stirn, „jetzt bist du sicher. Hier passiert dir nichts."

Sekundenlang schien es, als würde Kate sich bewegen doch es war nur ihr Mundwinkel, der sich leicht anhob, bevor er sich wieder senkte.

Martha zog sich um, nahm ihre Decke mit in Ricks Schlafzimmer und nahm in einem der Ledersessel in der einen Ecke Platz, um über Kate zu wachen. Niemals würde sie sich verzeihen, würde sie einen Alptraum komplett durchleben müssen.

Lange dauerte es allerdings nicht, bis Kates Schlaf unruhiger wurde, sie sich von einer Seite auf die andere wendete. Als sie einen Schrie von sich gab, stand Richard im Türrahmen und wollte sie am liebsten in seine Arme schließen, doch schien seine Mutter im Recht zu sein, mit der Annahme, dass es nicht sinnvoll wäre, sie eventuell sogar traumatisieren könnte und dafür bedeutete sie ihm einfach viel zu viel.

So stand er wie angewurzelt an demselben Platz, während die Rothaarige ihre Arme um die junge Frau schloss, auf sie einredete und diese sich allmählich wieder beruhigte. Als sie kurz davor war, ihre Augen zu öffnen, verließ er den Platz mit dem Wissen, dass sie in guten Händen war.

Irgendwann blitzten die ersten Sonnenstrahlen durch die hohen Fenster des Lofts. Wenn man den Menschen auf der Straße zusah, schien es ein Tag wie jeder andere zu sein, doch in diesen vier Wänden, war alles anders.

Martha hatte den Captain angerufen und ihm verständlich gemacht, dass Detektive Beckett einige freie Tage aus persönlichen Gründen brauche, sie aber nicht die Freiheit besäße ihm die Details nennen zu können. Eine Tatsache, die Martha bewusst und mehr als nur wichtig war.

Rückblickend musste sie zugeben, dass es einst auch einmal einen Mann gegeben hat in ihrem Leben, kurz bevor Richard auf die Welt kam. Niemals hatte sie in all den Jahren ein Wort darüber verloren, ihm stets jegliches Wort über seinen Vater verschwiegen aus gutem Grund. Obwohl er auch für eine Behörde des Staates gearbeitet hatte, war körperliche Züchtigung beruflich und privat stets an der Tagesordnung. Sobald sie herausgefunden hatte, dass sie schwanger war, hatte sie ihre Sachen gepackt und ihn verlassen, ihm lediglich einen Brief hinterlassen. Am Abend zuvor war wieder alles eskaliert, er hatte sie geschlagen, doch die Angst, die sie verspürt hatte, drehte sich lediglich um ihr ungeborenes Kind. Nicht ein Wort hat sie jemals über Edward erzählt, wollte sie doch das Mysterium des unbekannten Vaters erhalten.
Damals hatte Martha eine Freundin gehabt – Julianne – eine Kellnerin in New York und diese nahm sie bei sich in ihrer winzigen Wohnung auf, bis Martha Fußfassen konnte. Sie half ihr, eine eigene Wohnung zu finden und verschaffte ihr einen Job als Kellnerin am Broadway. In den kleinen Theatern rund um Washington hatte sie zuvor bereits Theater gespielt, doch erst in New York wurde sie wirklich entdeckt – sie mit ihrer beinahe weißen Haut wie Porzellan, ihrem roten Haar wie Feuer und den blauen Augen, wie der Ozean.

Vorsichtig löste sich Martha von Kate, die irgendwann in der Nacht näher an sie gerutscht war, als würde sie den Kontakt suchen. Zwei weitere Male, hatte sie sich im Bett von der einen auf die andere Seite geworfen, gestöhnt, der Welt mitgeteilt, dass sie dies und das nicht wolle. Stets war Martha da, strich ihr über die Schulter, murmelte beruhigende Worte in ihr Ort und innerhalb weniger Augenblicke hatte sie sich beruhigt.

„Wie oft?", fragte Rick, als er Martha eine Tasse frischgebrühten Kaffee reichte.

„Drei, vielleicht vier Mal", sagte sie sanft und glitt auf den Barstuhl.

„Hat sie schlimme Schmerzen?"

„Momentan nicht, die Schmerzmittel, die man ihr verschrieben hat, sind quasi Bomben, sie beinhalten auch ein leichtes Schlafmittel, was die Heilung unterstützen soll. Sie wird heute auch viel schlafen." Sie nahm einen Schluck des Kaffees. „Du musst mir versprechen Richard, wenn sie rauskommen sollte, dass du sie in Ruhe lässt. Nichts wäre schlimmer, als wenn du sie bedrängen würdest."

„Mutter …"

„Nein, Richard", sagte sie und erhob den Finger in ihrer so typischen Geste. „Keine Diskussionen. Sie braucht Zeit, viel Zeit. So etwas verarbeitet man nicht von heute auf morgen. Vielleicht sollten wir ein extra Schloss anbringen lassen, falls dieser Mann herausfindet, wo wir wohnen?"

Und tatsächlich wachte Kate irgendwann auf und kam vorsichtigen Schrittes, stets ihre Rippen haltend, ging sie ins Wohnzimmer. Rick lächelte ihr entgegen und war gerade dabei, Gemüse zu schneiden.

„Castle …", flüsterte sie beinahe und sah nur auf den Boden.

Er musste sich wahrhaftig bemühen, nicht auf sie zuzugehen, sie in seine Arme zu schließen und ihr zu garantieren, dass ihr niemals wieder jemand Schmerzen zufügen würde.

„Kaffee?", fragte er vorsichtig und sie nickte nur, versuchte auf den Barstuhl zu klettern, doch die Schmerzen schienen sie zu übermannen und sie ließ wieder davon ab.

Kommentarlos reichte er ihr eine Tasse Kaffee, so, wie er sie ihr immer brachte – zuckerfreier Vanillesirup, fettarme Milch. Er war ausgerüstet, seit damals, als ihr Apartment explodiert war.

Sie dankte ihm. Langesamen Schrittes ging sie in Richtung Sofa, doch auch dort war das Hinsetzen keine einfache Aufgabe. Castle musste seinen Blick abwenden. Obwohl leise Jazz-Musik im Hintergrund spielte, schien das Apartment ungewöhnlich still. Alexis war in ihrem Zimmer und schrieb an einem Essay über den Spanischen Bürgerkrieg, Martha war in die Apotheke gegangen, um weitere Schmerzmittel und Ähnliches zu besorgen. Die normalerweise so starke und selbstbewusste Katherine Beckett saß auf seinem Sofa, trank ihren Kaffee schluckweise und sprach kein Wort.

Als sich die Eingangstüre öffnete, schrak Kate zusammen, verschüttete etwas von dem Kaffee.

„Entschuldigung…", murmelte sie nur hektisch und versuchte sich auf den Boden zu bücken, doch bevor sie auch nur annähernd die Schmerzen überwunden hatte, war Castle bereits mit einem Stück Küchenrolle neben ihr, kniete sich auf den Boden und wischte es weg.

Als Rick sich wieder erhob, sah er, dass sie auch die Jogging-Hose angeschüttet hatte und hielt ihr ein Stück des saugstarken Papiers hin, welches sie wortlos entgegennahm und auf die Hose presste.

„Oh … Kate, du bist ja wach", sagte sie sanft und stellte die Einkaufstaschen auf die Couch, setzte sich vorsichtig neben sie. „Ich habe dir etwas mitgebracht." Es war eine Papiertragetasche von „Forever 21". „Soll ich dir beim Umziehen helfen?"

Ohne dass Castle die Antwort hören konnte, gingen die zwei Frauen in sein Schlafzimmer.

Vorsichtig half Martha Kate aus dem T-Shirt. Mittlerweile war beinahe ihr ganzer Brustkorb in diversen Schattierungen von blau und grün verfärbt und ihr standen die Tränen in den Augen, als sie mitansehen musste, wie schwer es der jungen Frau fiel, etwas Banales wie das Ausziehen eines Oberteils zu bewältigen.

Ihre Nacktheit vor Martha schien ihr nichts auszumachen, sie versuchte nichts zu verbergen, wendete ihren geschundenen Körper nicht ab. Im Spital hatten sie ihr die Kette mit dem Ring ihrer Mutter abgenommen, sie lag immer noch auf dem Nachttisch, neben der Uhr ihres Vaters.

„Sollen wir die Bandagen lösen?", fragte Martha.

„Ich weiß es nicht."

„Hast du starke Schmerzen, wenn du dich bewegst? Atmest?"

Kate nickte nur, die Antwort reichte aus. Immerhin waren die Rippen gebrochen, nicht unbedingt etwas Alltägliches. Abgesehen davon, die gebrochene Hand, die blauen Flecken, die sich beinahe über den ganzen Körper erstreckten.

„Hm … dann lassen wir sie erst einmal dort, wo sie jetzt sind. Oh Katie …", sagte sie nur und setzte sich neben sie auf das Bett, legte ihren Arm sanft um sie. Martha wusste nicht, was sie sagen konnte, um den Schmerz zu lindern, am liebsten hätte sie all die furchtbaren Erinnerungen auf sich genommen, um dieses junge Wesen davon zu befreien, das in seinem Leben schon zu viel erlebt hatte.

Mit der anderen Hand griff die Schauspielerin nach der Einkaufstasche und stellte sie vor sich.

„Ich habe dir etwas eigenes Gewand mitgebracht", sagte sie und griff hinein. Zwei mittelblaue Jogginghosen, diverse ärmellose und kurzärmelige T-Shirts mit diversen Ausschnitten, zwei Sweatshirt Jacken, Halstücher, Slips, Socken und einige elastische, bügellose, sportliche BHs – falls sie sich danach fühlen sollte. Außerdem befanden sich Toiletteartikel darin – Zahnbürste, Bürste, Duschgel und Shampoo, Deodorant, alles was man benötigte.

„Wenn du duschen gehen möchtest, nehmen wir die elastischen Binden ab", erklärte Martha und versuchte aus Kates Gesicht abzulesen, was in ihr gerade vorging.

„Duschen wäre gut", antwortete sie nach einiger Zeit und vorsichtig löste Martha das Material von ihrem Brustkorb

„Müssen wir den Gips einpacken?", fragte sie unwissend.

„Nein, damit kann man duschen."

Langsam erhob sich Kate vom Bett, vorsichtig und unter Schmerzen. Martha erkannte, wie dünn Kate war und sie stellte sich die Frage, ob sie immer schon so schlank gewesen war.

Martha brachte die Toilettartikel ins Badezimmer, legte Kate einige Handtücher aus dem Schrank heraus und betrat abermals den Schlafraum, in dem Kate am Fenster stand.

„Ich werde hier warten", erklärte die rothaarige Frau und begann Kleidung für Kate herzurichten, als diese ins Badezimmer ging.

Irgendwann hörte sie das Wasser in der Dusche laufen. Währenddessen löste sie die Etiketten aus allem Gekauften, legte etwas, das sie jetzt anziehen konnte auf die Seite, während sie den Rest zum Waschen herrichtete.

Als Kate schließlich aus dem Badezimmer kam, hatte sie ein Handtuch um ihren Körper und eines über ihr Haar gewickelt, natürlich hielt es kaum auf ihrem Haupt, da man mit einer Hand schwer solch schwierige Aufgaben lösen konnte.

Wortlos verband Martha wieder die Rippen und half Kate in frische Kleidung.

Wortlos legte sich Kate wieder in das große Bett, mit schmerzverzerrtem Gesicht, nachdem sie eine Schmerztablette mit einem Glas Wasser hinabgespült hatte.

Immer wieder kam Kate in den folgenden Stunden in die Küche, holte sich etwas zu essen. Irgendwann sah Alexis nach ihr, doch da schlief die junge Polizistin. Martha und Rick hatten ihr nur das Notwendigste mitgeteilt, sie aber nicht im Unklaren gelassen, damit sie auf Leute achtete, die eventuell das Haus beobachteten.

„Wie lange wird das anhalten"; fragte Castle Martha, als er mit seinem Laptop im Wohnzimmer saß und versuchte ein paar Seiten abzufassen.

„Tage, Wochen … Richard, das ist etwas … das ist alles nicht so einfach!"

„Woher weißt du das?"

„Ich hatte eine Freundin, noch bevor du auf die Welt kamst Richard, die hatte etwas Ähnliches erlebt." Und so begann Martha ihm ihr Leben zu erzählen, bevor sie ihm das erste Mal in ihren Armen gehalten hatte und beinah vergessen hatte, wer sein Vater war.

Die alternde Schauspielerin war schon immer gut in ihrem Fach gewesen, wusste, wie sie es ihrem Sohn gegenüber verpacken musste, um sich selbst nicht zu verraten. Jeden einzelnen Tag hätte sie ihm einfach sagen können, wer sein Vater war, doch wollte sie nicht, dass er jemals mit diesem Mann in Kontakt komme. So tauschte sie die Rolle mit Julianne, die sie nun seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Natürlich war sie danach noch einige Male verheiratet gewesen, doch der einzige Mann, dem sie sich jemals komplett zugehörig fühlte, war ihr Sohn – er hatte sie aus dem typischen Vorstadtleben gerissen, das sie wahrscheinlich ohne ihn gefristet hätte. Er war es gewesen, der sie realisieren ließ, dass diese Beziehung zu seinem Vater nicht gesund war.

„Und wie lange hat sie gebracht, bis sie sich wieder … du weißt was ich meine, Mutter."

„Es waren einige Wochen, doch hatte Julianne nicht die Zeit, sich länger damit zu beschäftigen, da sie ein Kind erwartete und sich mehr als nur darauf freute. Vielleicht hat das Kind sie damals aus dem Schlamassel gerettet. Wer kann es wissen?"

„Und wie sieht es bei Kate aus? Welches Gefühl hast du?"

„Richard, egal wie lange sie braucht, egal wie viel Zeit ihre Heilung in Anspruch nimmt, du musst sie ihr geben, ohne Fragen zu stellen. Wenn sie bereit ist, dann wird sie sich jemandem gegenüber öffnen, jemandem sagen, wie es überhaupt zu dieser Beziehung kommen konnte. Dieser Mann, Richard, muss etwas in der Hand gehabt haben, um sie an sich zu binden, irgendetwas. Doch bis dieser Punkt eintritt, haben wir nur eine Aufgabe und das ist, alles von ihr fernzuhalten, was sie in ein noch tieferes Loch stürzen lassen könnte. Alles."