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Kapitel 5

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Während Kate in seinen Armen schlief, studierte Rick ihre fragilen Gesichtszüge, die perfekte Nase, die weichen Lippen, die Wangenknochen und die geschlossenen Augen. Erst sah er den Schatten unter ihren Augen, den Schatten der ihn erkennen ließ, dass sie in den letzten Tagen nicht gut geschlafen hatte. Ihre Haut war so weiß und vorsichtig strich er mit seinen Fingern über ihre Wangen. Weich war ihre Haut, weich, fein und ohne all das Make-up sah sie aus, als wäre sie kaum älter als zwanzig, besonders in einem Moment wie diesem, zusammengekauert.

Da es allmählich kälter wurde und diese Kälte auch in ihm hochkroch, nahm er sie in seine Arme, roch an ihrem Haar.

Vorsichtig hob er Kate hoch, merkte wieder einmal, wie leicht sie war, platzierte, weil niemand ihn beobachtete, einen Kuss auf ihrer Stirn und trug sie vorsichtig ins Schlafzimmer hinunter, wo er sie ins Bett legte und zudeckte.

Rasch löschte er die Kerzen aus, trug die wichtigsten Sachen vom Dach hinunter und setzte sich in den Stuhl, in dem Martha gesessen hatte, in dem Martha sie beobachtete hatte. Und studierte sie, die schlafende Form, in all ihrer Unschuld.

Nachdem er sich ein Glas Wasser geholt hatte, konnte er nicht anders als sich auf das Bett neben sie zu setzen. Ihr Haar fiel ihr ins Gesicht und er strich es aus diesem heraus. Sie deckte sich ab, er deckte sie wieder zu. Ihr Mund öffnete sich und am liebsten hätte er sie auf diese wohlgeformten Lippen geküsst, wissend, dass dies nie der Fall sein konnte, nicht nach all dem, was in den letzten Wochen vorgefallen war.

Schlaf fand Castle keinen, stattdessen konnte er nicht genug davon bekommen, sie anzustarren, alles aufzusaugen. Er genoss es, sie ansehen zu können, ohne von ihr ermahnt zu werden, dies nicht zu tun. Ohne, dass sie ihm einen bösen Blick zurückwerfen konnte.

Irgendwann begann sie sich plötzlich zu wenden, ihre Lider flatterten, ihre Hände begannen sich wild zu bewegen und irgendwann sagte sie Sachen, die Rick nicht verstand, warf sich im Bett umher, obwohl das für ihren geschundenen Körper keine Einfachheit war, stöhnte dazwischen vor Schmerz auf.

Lange konnte er sich das nicht ansehen, bis seine Hände an ihre Schultern glitten und sie rüttelten, leise flüsterte er ihren Namen, immer und immer wieder. Schließlich schlug sie ihre Augen auf und starrte ihn an. Angsterfüllt.

Bevor Castle einen Arm um sie legen konnte, begann sie zu weinen. Er reichte ihr ein Glas Wasser, die Taschentücher und für einen kurzen Moment ließ sie es zu, dass sie in seine Arme sank, ihren Kopf an seine Brust lehnte. Doch es dauerte eine Weile, bis sie wieder einschlief. Während dieser Minuten hatte sie zugelassen, dass er sie hielt, sie berührte. Ihr Wärme schenkte.

Doch als sie am darauffolgenden Tag aufwachte, Rick an ihrer Seite war, schrak sie auf, flüchtete förmlich, ohne sich viel Zeit zu geben, ins Bad. Castle wusste nicht, wie er reagieren sollte. Nachlaufen? Ihr Zeit geben? Wahrscheinlich war das Letztere die beste Lösung.

Er ließ die Türe zum Schlafzimmer offen, nahm selbst im Wohnzimmer platz, versuchte nicht immer in das Zimmer zu schauen. Es war nicht einfach, absolut nicht, weil die Nacht, die sie an seinen Körper geschmiegt verbracht hatte, würde er niemals vergessen können. Niemals. Keinen einzigen Augenblick, den er über sie gewacht hatte, würde er jemals wieder aus seinem Gedächtnis streichen. Keinen einzelnen. Und das wollte er auch nicht. Trotz der Situation, all dem, was vorgefallen war, jeder Augenblick, den sie ihn erlaubte in ihrer Nähe zu sein, erschien kostbar.

Doch sie kam nicht aus dem Schlafzimmer. Als Rick Essen zubereitet hatte, platzierte er alles auf einem Tablett – Salat, Putenfleisch mit Gemüse und Reis, Orangensaft. Die kleine Blume, die er in eine dezente Vase steckte, musste er einfach dazustellen.

„Kate, ich stelle dein Mahl auf die Anrichte", kommentierte er und warf vorsichtig einen Blick in das Zimmer. Er entdeckte sie, mit angezogenen Beinen in dem Ohrensessel sitzen, den sonst gerne Martha benützte, wenn sie in diesem Zimmer war.

Irgendwann hielt er es einfach nicht mehr aus und sah, dass der Teller leer war, das leere Glas auf dem Nachttisch stand und sie zusammengerollt, wie ein Embryo, im Bett lag – wie in Trance. Sie reagierte nicht auf ihren Namen, reagierte nicht darauf, dass er das Zimmer betreten hatte, die Reste des Mahls mitnahm, das Glas nachfüllte. Auf nichts zeigte sie irgendeine Art von Reaktion. Vielleicht schlief sie auch nur, dachte sich Castle.

Es vergingen Stunden, die Sonne war bereits am Untergehen, als sie das Wohnzimmer betrat, mit gesenktem Haupt, einfach nur in Richtung Kühlschrank ging. Sie entnahm ihm die Flasche Orangensaft, konnte aber mit einer Hand den Verschluss nicht öffnen.

Wortlos trat Rick an sie heran, öffnete die Flasche für sie, schenkte ihr ein Glas ein, nahm dann wieder mit seinem Laptop am Schoß platz auf der Couch. Drängen wäre ein Fehler gewesen, er hatte inzwischen mit Martha telefoniert und diese hatte ihm mehrmals geraten, sie einfach in Frieden zu lassen. Einfach in Frieden.

Martha hatte ihrem Sohn zugesichert, dass sie sich später um sie kümmern werde, versuchen werde, ein Gespräch mit ihr zu finden.

Seine ganze Hoffnung, dass der gemeinsam verbrachte Abend, sie aus ihrer inneren Zerrissenheit zu holen, sie wissen zu lassen, dass er nicht so war wie der Mann, vor dem sie gerettet werden musste, schien vergebens gewesen zu sein.

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Tage vergingen, Rick hatte Martha wissen lassen, dass Kate die Einsamkeit ihres Zimmers bevorzugte. Er brachte ihr etwas zu essen, zu trinken, ihre Medikamente – doch sobald die Liste abgehakt war, ließ sie ihn stillschweigend wissen, dass sie allein sein wollte.

„Darling?", fragte Martha, als sie den Türrahmen klopfte, bevor sie in Ricks eigentliches Schlafzimmer eintrat, zwei Tassen Tee in der Hand, ein gebundenes Buch unterm Arm.

„Martha." Kates Stimme war sanft. Normalerweise hätte man ein Lächeln erwartet, in einem Moment wie diesem besonders.

Der Blick ließ die alternde Schauspielerin wissen, dass es in Ordnung war einzutreten, sich neben sie aufs Bett zu setzen. Ohne ein Wort zu sagen, reichte sie Kate die Tasse Tee.

„Wie geht es heute?", fragte sie vorsichtig, „Wie sind die Schmerzen?"

„Erträglich", antwortete sie und schlug das Buch zu, welches sie las.

„Eine Val McDermid …", kommentierte Martha, „irgendwann waren mir die Fälle egal, ich wollte nur noch wissen, ob Tony und Carol irgendwann zusammenkommen." Sie schmunzelte.

„Mir fehlen noch dreißig Seiten."

„Ein ganz anderer Stil als Ricks. So europäisch."

„Hm …", antwortete Kate nur.

Kurze Zeit herrschte Stille, man hörte nur den Fernseher im Wohnzimmer laufen.

Martha legte das in Leder gebundene Buch auf Kates Oberschenkel, aus der Tasche ihrer Jacke zog sie eine Füllfeder und platzierte sie auf diesem.

Vor zwei Tagen hatte sie Alexis erwischt, wie sie im Wohnzimmer vor dem Fernseher gesessen hatte, sich alte Episoden von „Dr. Quinn – Ärztin aus Leidenschaft" ansah, und akribisch schrieb. Martha fragte nicht, was das Mädchen notierte, was in ihrem Leben vorging. Es ging sie nichts an. Wenn Alexis etwas loswerden wollte, würde sie es ihr erzählen. Obwohl sicherlich im Moment viele Sachen durch den Kopf des jungen rothaarigen Wesens gingen, da sie mit all dem, was Kate zugestoßen war, auch umzugehen musste, auch wenn es nicht direkt ihre Angelegenheit war. Immerhin lebte sie mit der verstörten jungen Frau unter einem Dach, sah, wie schwer es ihr fiel, mit ihren Verletzungen umzugehen, mit all dem, was ihr zugestoßen war.

„Das ist für dich", erklärte Martha und ließ Kate das Buch in ihrer Hand sehen. „Mir war es immer ein guter Freund, ein Freund der Geheimnisse nicht ausplaudert, immer zur Stelle ist und sich an all das erinnern kann, was ich vergessen wollte." Sie machte eine kurze Pause. „Du musst mit all dem, was du erlebt hast, umgehen lernen. Mir hat es geholfen, alles aufzuschreiben. Alles, was passiert ist. Meine Gedanken. Meine Hoffnungen. Ängste. Einfach alles.

Kate legte ihre Hand über das Buch.

„Niemand wird dieses Buch angreifen. Niemand liest Alexis Tagebuch, auch wenn es offen am Couchtisch liegt. Niemand liest Richards Tagebuch auf seinem Laptop. Und meines, mein Liebes, liest auch keiner." Mit einem Grinsen musste sie sich an einige ihrer männlichen Eroberungen erinnern, die in diesen Büchern verewigt waren. „Egal wo es liegt, niemand wird es öffnen. Vertraue mir. Jedes Geheimnis, welches du ihm anvertraust, wird sicher sein."

Martha konnte sich nicht erinnern, wie viele Tagebücher es waren, die sie vollgeschrieben hatte – bei ihr waren es allerdings keine schön gebundenen Lederausgaben, sondern lediglich Schulhefte, dafür exklusivere Ware kein Geld vorhanden war. Über die Jahre hatte sie sie in einer großen Kiste gesammelt, unter alten Kostümen vergraben, damit niemand sie finden würde.

Sie hatte nicht gedacht, dass sie mehr als vierzig Jahre nach dem schlimmsten Ereignis, welches ihr jemals zugestoßen war, wieder daran erinnert werden würde. Nächtens träumte sie von der erhobenen Hand, dem Geruch, den er aussandte, den Blick, den er ihr damals zugeworfen hatte – bevor alles eskaliert war.

„Welches Stück probst du im Moment?", fragte Kate vorsichtig.

Martha hatte vieles erwartet, aber keine Frage der jungen Frau bezüglich ihrer Karriere.

„Oh, die Übersetzung eines deutschen Stückes mit dem Titel „Der Mustergatte". Das Lustige ist, dass es eigentlich ein britischer Schwank war, bevor man in den 1930er Jahren einen Film daraus machte, der in Deutschland relativ populär geworden ist, trotz all der politischen Probleme. Auf alle Fälle hat man daraus irgendwann einmal ein Theaterstück geschrieben, welches sich an Averys Werk orientiert und nun wieder übersetzt. Eine Komödie."

Sie unterhielten sich über die katastrophalen Kostüme, dass Martha eine Frau spielte, die tatsächlich in ihren 50ern war und keine jugendliche Liebhaberin oder sterbende Mutter. Abgesehen davon gab es nicht viel Gesprächsstoff.

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Kates Tagebuch – 1. Eintrag

Ich weiß nicht, wie viele Jahre vergangen sind, seitdem ich in ein Buch wie dieses geschrieben habe. War ich ein Teenager? Wahrscheinlich. Ich glaube, Mom hat mir das letzte geschenkt. Ich habe es nie vollgeschrieben. Irgendwo muss es bis heute sein.

Nur wie soll ich dieses hier beginnen? Mit der Hoffnung, dass ich alles überlebt habe? Die Schläge? Tritte? Die sexuellen Übergriffe? Oder soll ich mich fragen, wie ich so blind sein konnte? So unglaublich blind?

Seit Tagen gehen mir die ersten Momente mit Adam durch den Kopf, wie alles begonnen hat. Die Verabredung mit Lanie, die sie im letzten Moment absagte. Via SMS. Das zweite Glas Wein, welches ich gerade trank. Es schien, als wäre er in der Bar zufällig auf mich gestoßen. Mein Haar war schlampig zusammengebunden, meine Jeans am Knie schmutzig – Details, die ich nicht vergessen kann.

Castle war in den Hamptons mit Gina. Seit Wochen hatte ich nichts von ihm gehört. Ich vermisste ihn. Oftmals erwischte ich mich, wie ich den leeren Sessel anstarrte. Wieso auch immer.

Adam bestellte ein Bier. Corona. Wir unterhielten uns über alles und nichts – kurz: belanglose Sachen. Das Wetter, den Fakt, dass ich kaum bis nicht ins Kino ging. Gerne las. Keine Haustiere oder Kinder hatte. Er lobte mein Parfum. Merkte an, dass ich irgendwie nach Kirschen riechen würde.

Er fragte mich nicht nach meinem Job. Wieso auch? Er wusste es bereits. Er wusste bereits alles über mich.

Wie konnte ich so blind sein?

Aus heutiger Sicht ging alles viel, viel zu schnell. Viel schneller als sonst.

Am selben Abend gingen wir in die Wohnung und seine Lippen ließen mich alles um mich herum vergessen. Seine Hände schienen genau zu wissen, wo sie mich berühren mussten. Es war einfach unglaublich.

Doch war ich erstaunt, dass er noch in meinem Bett lag, als ich in der Früh aufwachte. Sein Arm war um mich gelegt. Seine Nase in meine Haare gepresst. Er hatte so anders gerochen als Castle – nicht nach teurem Aftershave, sondern lediglich nach Seife. Einfach und sauber. Einfach so anders als der Mann, der einfach in die Hamptons gefahren war. Und er sah auch so anders aus. Keine markante breite Brust, große Hände und ein verführerisches Lächeln. Groß, schlank, drahtig. Doch mit einer unglaublichen Kraft konnte er zuschlagen.

Normalerweise, wenn ich mich auf einen ONS einlasse, gibt es genau drei Regeln, damit es auch ein One-Night-Stand bleibt und keine Beziehung daraus wird: immer in der eigenen Wohnung. Immer mit Kondom. Der Mann schläft nicht in meinem Bett und ist vor dem Frühstück gegangen.

Bei Adam habe ich bereits beim ersten Mal eine Regel gebrochen. Wir frühstückten gemeinsam. Omelettes.

Wie konnte ich mich so irren? Normalerweise kann ich Menschen ganz gut lesen, doch zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich so unglaublich blenden lassen.

Könnte ich die Zeit zurückdrehen, hätte ich Lanie angerufen, bevor ich mir das zweite Glas Wein bestellt hätte.

Und nun bin ich in Castles Wohnung. Schlafe in seinem Schlafzimmer und er kümmert sich mit seiner Familie rührend um mich. Trotzdem sind die Schmerzen teilweise unglaublich. Sobald er mich berührt, kann ich nur an Adam denken, obwohl ich mich bemühe, diese nicht zu tun. Es ist nicht mehr so schlimm wie am ersten Tag.

Vor allem – was hätte ich ohne Martha gemacht?

Sie hat mich gerettet.

Vor Adam und vor mir selbst.

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In den folgenden Tagen bemühte Castle sich, ihr all den Freiraum zu geben, der möglich war. Er sprach sie nur an, wenn sie im Raum war, klopfte an die Türe, bevor er eintrat. Auch als er ihre Wäsche zusammenlegte, hatte er das Gefühl, in ihre Privatsphäre einzudringen.

So saß er eines Abends bei einem Glas Rotwein am Couchtisch, seit Tagen hatte er keine Seite geschrieben, mit der er zufrieden war. Immer wieder war Nikki eine andere Person geworden, als sie eigentlich sein sollte. Nicht einmal beim freien Schreiben konnte er eine vernünftige Formulierung zu Papier bringen. Was auch immer das Problem war, er musste es beseitigen. Wenn er auf sie aufpasste, brauchte er etwas zu tun, er würde sonst durchdrehen. Aus der Haut fahren.

„Mutter", sagte er freundlich, als sie sich ein Glas Wein einschenkte und sich neben ihn setzte.

„Wie war dein Tag, Richard?"

„Ruhig. Zu ruhig."

„Du musst ihr Zeit geben. Wir haben keine Ahnung, was alles vorgefallen ist mit Adam. Keine Ahnung."

„Sie sollte einen Therapeuten …"

„Nein", antwortete sie und legte ihre Hand auf die seine. „Kate Beckett würde niemals freiwillig einen Therapeuten aufsuchen. Es würde über die Krankenkasse in ihrer Akte landen, abgesehen davon wird sie es nicht einsehen."

„Du kennst sie viel zu wenig, um das zu wissen."

„Richard, ich kenne vielleicht Kate nicht so gut wie du, doch kenne ich Frauen, die in derselben Situation waren, die ähnliche Sachen erlebt haben. Man muss ihnen Zeit geben, auch um einen eigenen Weg zu finden, um damit umgehen zu können."

„Hm …"

„Ich habe ihr ein Tagebuch besorgt. Manchmal ist es ein therapeutisches Hilfsmittel, so wie du es nennen würdest. Ich nenne es einfach eine Möglichkeit, um Gedanken loszuwerden, die man niemandem mitteilen kann oder möchte."

„Aber …"

„Und du musst mir versprechen, Richard, versprich es mir, dass du die Finger von diesem Buch lässt. Egal wo sie es liegen lässt, du wirst es nicht lesen. Keine Seite. Kein Wort." Martha meinte es ernst, blickte ihrem Sohn tief in die Augen, bevor dieser zustimmend nickte. „Wenn du es lesen würdest, Richard, hättest du ihr Vertrauen für immer verloren. Wenn sie bereit ist, wird sie dir mitteilen, was passiert ist, vielleicht lässt sie dich die Einträge lesen – falls sie welche verfasst - vielleicht wird sie niemals jemandem davon erzählen. Das können wir nicht wissen. Doch man muss ihr die Möglichkeit haben, zuerst einmal mit sich selbst und der Situation zurechtzukommen."

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Es verstrichen einige Tage und es schien, als würde sich Kate bemühen, mehr Zeit in den gemeinsamen Räumlichkeiten zu verbringen. Die anfängliche Distanz wurde weniger. Der Abstand auf der Couch wurde geringer. Wenn Alexis oder Martha im Raum waren, schien es ihr leichter zu fallen, neben ihnen zu sitzen. Rick nahm es nicht persönlich, schien es doch logisch, dass es einfacher für sie war, bei den Frauen zu sitzen, nach all dem, was sie erlebt hatte. Trotzdem rechnete Rick es ihr hoch an, dass sie sich Mühe gab.

Am letzten Abend hatten sie sich einen alten Katherine Hepburn Film angesehen – „Philadelphia Story". Ein Klassiker. Etwa nach der Hälfte spürte er, wie sich ihr Kopf auf seine Schulter neigte, da ihn die Haare kitzelten, die sie zuvor mit Marthas Hilfe gewaschen hatte und zum Trocknen offen trug. Schließlich schlief sie auf seiner Schulter, ihren eingegipsten Arm auf einem extra Polster liegend. Für diesen einen Augenblick schloss Rick die Augen, versuchte ihn sich einzuprägen. So nahe war sie ihm schon lange nicht mehr von sich aus gekommen. All die Male, die sie Hilfe benötigt hatte, wertete er nicht.

Als sie wieder ihr Augen öffnete, schrak sie nicht hoch. Nein. Sie ließ ihren Kopf sogar noch etwas auf seiner Schulter ruhen und Rick konnte nicht anders, als sie zu beobachten. Während sie geschlafen hatte, war sie noch näher an seine Seite gerückt, bis sie schließlich mit ihrer Schulter die seine berührt hatte, ihre Hand auf der seinen ruhte, diese wiederum am eigenen Oberschenkel.

Alles schien vertraut und einfach, als wäre niemals etwas passiert. Als hätte sie nicht diverse Grausamkeiten erlebt.

Und nach all den Wochen, die sie in seinem Loft verbracht hatte, wollte er, dass sie wieder einmal die Füße auf die Straßen New Yorks setze. Da es nun beinahe drei Wochen waren, die sie bei ihm wohnte, musste sie über früh oder spät das Haus wieder verlassen, sonst würde es zu einem Problem werden, einem großen.

Immer wieder hatte Rick gelesen, dass Leute, die nach einem traumatischen Erlebnis das Haus nicht verließen, Gefahr liefen, agoraphobische Erlebnisse zu bekommen. Und genau davor wollte er Kate bewahren.

An diesem Tag trug sie schwarze Yogahosen, die eigentlich Alexis gehörten, doch hatte das Mädchen sie ihr irgendwann einmal freiwillig gegeben, ohne eine Aufforderung erhalten zu haben oder etwas Ähnliches. Es waren schwarze Hosen mit einem Drachen auf der Seite, in roter Farbe. Einem starken Drachen. Einem mächtigen Drachen. Ihr mittelblaues Shirt kannte Rick bereits, es war eine der Farben, die ihre Augen strahlen ließen. Er liebte diesen Blauton an ihr, ebenso wie den Glanz, den ein Smaragdgrün mit sich brachte, wenn sie es trug, oder ein warmes Weinrot.

„Kate …?", formulierte er vorsichtig, um ihre Aufmerksamkeit von dem Kreuzworträtsel der New York Times auf sich zu lenken.

„Hm …?"

„Ich würde gerne mit dir ausgehen. Essen. Zu Mittag."

Kate blickte ihn nur an. Es fühlte sich an, als würde er in eine absolute Leere blicken. Er konnte sie in Momenten wie diesen nicht mehr lesen, wie vor all dem. Früher war dies kein Problem gewesen – aus ihren Augen ablesen zu können, wie es ihr ging, in ihrem Inneren. Auch wenn es oftmals Hoffnungen in ihm erzeugt hatte, die nicht eingehalten werden konnten, weil sie nicht bereit war. Heute war es Leere, in die er blickte, Hoffnungslosigkeit im Gegensatz zur Hoffnung von früher. Angst, Panik. Unsicherheit. Das nicht mehr vorhandene Selbstvertrauen.

Die Stärke, die sie sonst immer ausgestrahlt hatte, fehlte. Komplett.

„Ich kann nicht", sagte sie beinahe schüchtern.

Richard setzte sich neben sie auf die Couch, näher als sonst.

„Was ist, wenn er unten auf mich wartet. Auf uns wartet. Er ist unberechenbar. Ich kann nicht."

„Kate, er wird nicht warten …

„Ich kann nicht …", erklärte sie abermals, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Ihre Hand hingegen legte sie auf Ricks Oberarm. „… noch nicht."

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Ende Kapitel 5

#+#+#

A/N: Danke an den Beta, dass sie mich wieder einmal auf den richtigen Weg zurückgeleitet hat … manchmal brauch ich wahrlich einen Tritt