Ich dachte oft über mein Leben nach. Mein Leben war eigentlich gar nicht so schlecht. Oder zumindest war es mal nicht so schlecht gewesen.

Früher hatte mein Leben aus guten und ein paar schlechten Tagen bestanden. Inzwischen bestand es aus schlechten und sehr schlechten Tagen. Und heute war mal wieder so ein sehr schlechter Tag.

Inzwischen war es Nachmittag und ich schleppte mich langsam durch die Gänge. Wir hatten bis gerade eben noch Zauberkunst gehabt, und ich war komplett erschöpft.

Sobald der Unterricht vorbei gewesen war, hatte ich langsam zusammen gepackt. Fast alle Schüler waren schon gegangen gewesen, als ich zur Tür geschlurft war.

Ich hatte absichtlich diesen Umweg genommen. Ich genoss es durch die hellen, sonnendurchfluteten Korridore zu laufen, die still und einsam vor mir lagen. Hier musste ich nicht lachen, oder fröhlich wirken. Ich konnte einfach mal ich selbst sein.

Das Mittagessen lag schon lange zurück, und ich hatte bereits nichts mehr davon im Magen. Ich lachte gequält auf. Was für einen Ironie! Ich hatte keinen Hunger, und doch aß ich. Aber ich hatte auch diese Heißhungerattacken, und doch kotzte ich das Essen wieder aus. Aber ich konnte nichts dagegen tun. Es war ein innerlicher Zwang, und ich musste es tun. Ohne das fühlte ich mich unwohl, ja ich ekelt mich geradezu vor mir selbst.

Ich setzte einen Fuß vor den Anderen, ohne auf meinen Weg zu achten. Ich lief einfach in Gedanken versunken vor mich hin. Die Einsamkeit tat gut.

Meine Augen schlossen sich halb, aber ich stoppte nicht. Ich ließ meine Arme baumeln, und verlor mich geradezu in der Wärme und dem roten Licht der Sonne, das durch meine halb geschlossenen Lider schien.

Der Tag war zu viel für mich gewesen. Ich war so unendlich müde, und fertig. Meine Nacht war mal wieder zu kurz gewesen, und ich hatte einen Stille-Zauber um mein Bett gelegt, um die Anderen nicht mit meinem Herumwälzen und Stöhnen zu wecken.

Inzwischen zog ich meine Füße eher über den Boden, als das ich sie wirklich hob. Meine Augen schlossen sich noch ein Stück.

Und dann fiel ich.

Hart knallte ich auf den Boden auf. Meine Augen öffneten sich sofort wieder. Schnell legte ich meine Arme schützend um meinen Kopf, bevor auch dieser auf den Steinboden aufschlug.

Genau das war mir schon einmal passiert. Ich hatte gedacht, dass es ein Einschlafen vor Erschöpfung gewesen war, aber so war es nicht. Es war wie eine Ohnmacht. Ein Zusammenbrechen. Ein Rückzug vor der Welt. Aber dieser Rückzug dauerte nicht lange an.

Noch im Fallen, war ich zurückgekehrt, und hatte mich geschützt. Mich und meinen Kopf.

„Ginny!" Die Stimme erhalte schallend von hinten und ich konnte das Poltern von Schritten hören, die sich mir schnell näherten, höchstwahrscheinlich rennend. Ich erkannte die Stimme sofort.

„Amber", murmelte ich und schaute hoch. „Oh Ginny!" Sie warf sich neben mich und nahm mich in den Arm. „Was ist mit dir passiert? Du bist plötzlich einfach so zusammengebrochen... Geht es dir gut?" Sie warf einen schnellen Blick über meinen Körper, wie um zu schauen, ob ich verletzt war.

„Mir geht es gut", meinte ich nur bestätigend und rappelte mich langsam auf. Sobald sie merkte, dass ich aufstehen wollte, nahm sie meine Arm und half mir in eine sitzende Position zu kommen. Als ich mich jedoch auf meine Füße stellen wollte, hielt sie mich an den Schultern fest und drückte mich an die Wand hinter mir.

„Du bliebst jetzt erstmal hier sitzen, bis ich wirklich weiß, dass es dir gut geht." Sie sah mich prüfend an, und redete dann ruhig und ernst weiter. „Und lüg mich nicht an. Dir geht es nicht gut."

Ihr Blick ruhte lange auf mir, bevor ich etwas erwiderte. „Doch mir geht es gut. Ich habe heute früh nur etaws wenig gegessen, und der Tag war so anstrengend. Und wenn du denkst, das es mir nicht gut geht, wieso fragst du dann überhaupt?" Ich schaute sie mit großen Augen an, und wartete darauf, dass sie etwas sagte.

„Naja, zumindest war das nicht gelogen", murmelte sie, ohne auf meine letzte Bemerkung einzugehen. „Aber Ginny... Du isst in letzter Zeit sehr wenig, eigentlich fast gar nichts mehr. Seit diesem einen Morgen in unserem Zimmer, habe ich dich fast nie aus den Augen gelassen... Rate mal, wieso ich dir, in diesem verlassenen Korridor bin?"

Ich hatte es nicht bemerkt. Zu keiner Zeit war mir bewusst gewesen, dass sie wirklich so gut Bescheid wusste.

„Ich mache mir Sorgen um dich. Und jetzt, wo du zusammen gebrochen bist... sind sie anscheinend auch berechtigt."

„Nein." Ich zischte das Wort und entzog mich ihrem Griff. Schnell stand ich auf, obwohl ich noch etwas schwankte. „Mir geht es gut, glaub mir." Ich straffte die Schultern und sah sie von oben herab an.

„Das glaube ich dir nicht. Schau doch mal wie du zitterst." Sie nahm meine Hand und hielt sie vorsichtig in ihrer. „Vielleicht sollte ich dich zu Madam Pomfrey bringen", überlegte sie laut, und schaute aus dem Fenster.

Meine Augen weiteten sich vor Schreck. Das konnte sie nicht tun... „Na gut." Ich probierte sie zu beschwichtigen.

„Das ist mir schon einmal passiert. Vor ungefähr zwei Wochen. Es war auf dem Mädchenklo. Ich bin zusammengebrochen, aber mir ging es danach gleich wieder gut." Liebevoll schaute ich sie an und unterdrückte ein Schaudern. Nie wieder wollte ich so alleine und schwach herumliegen. Es war erniedrigend gewesen. Aber ich hatte nichts tun können.

Auf eine komische Art und Weise war es auch befriedigend gewesen, erlöst von den Sorgen und Problemen der Welt, wie in einer Art Trance... Damals war es viel schlimmer gewesen als heute.

„Wieso?" Es war dieses eine Wort, und doch löste es viel in mir aus.

Wieso... das hatte ich mich auch oft gefragt, und, so viel ich auch darüber nachdachte, ich kam immer nur auf diese eine Person. Harry. Aber ich wollte ihm nicht die Schuld dafür geben. Durch ihn hatte ich nur früher erkannt was der Unterschied zwischen mir und den anderen Mädchen war. Ich glaube es wäre so oder so passiert, es war unausweichlich gewesen... doch durch Harry hatte ich es wenigstens relativ früh erkannt.

„Ach, naja, die Trennung von Harry hängt mir immer noch nach." Ich wollte sie nicht anlügen, nein, auf keinen Fall. In letzter Zeit hatte ich soviel gelogen, doch es ging nicht anders.

Und ich hatte das Gefühl, dass ich Amber zumindest teilweise vertrauen konnte. Wahrscheinlich gerade weil wir nicht so gute Freundinnen gewesen waren. Natürlich, wir hatten uns immer gut verstanden aber mehr auch nicht.

„Oh Süße, das wird schon wieder." Amber nahm mich tröstend in den Arm, und barg mein Gesicht an ihrer Schulter. „Du bist eines der schlauesten, hübschesten und tollsten Mädchen, die ich kenne. Du bist viel zu gut für ihn."

Wie Unrecht sie doch hatte. Alles was sie sagte, war eine komplette Lüge. Wahrscheinlich sagte sie es nur aus Mitleid, doch ich kannte die Wahrheit. Oder sie glaubte es wirklich, aber das war eher... nein, es war auf jeden Fall unvorstellbar.

Ich lächelte sie gezwungen an und nahm sie am Arm. „Gehst du schon mal vor? Ich möchte nochmal auf Toilette gehen."

„Ja, aber komm schnell nach, sonst mache ich mir wieder Sorgen."

„Mir passiert schon nichts", sagte ich freundlich und ging um eine Ecke, weg aus ihrem Blickfeld.

Sie war lieb, aber sie wusste zu viel. Keiner hatte bisher etwas gemerkt, außer sie.

Ich hatte aber auch nie mit jemandem darüber gesprochen... Mit wem auch? Hermine? Nein, sie war eher mein unerreichbares Vorbild, was würde sie nur von mir denken. Meine Brüder? Nein, sie würden mich auslachen und mich nicht verstehen. Harry? Nein, dann gab es gar keine Chance mehr, dass wir je wieder zusammen kommen würden.

Ich seufzte.

Allein auf der Welt... ich hatte nie gedacht, dass ich einmal so einsam sein würde.