Das Feuer prasselte ohne, dass ich die Wärme fühlte. Der Stress und die Anspannung saßen mir zu tief in den Knochen, sodass ich angespannt auf meinem Stuhl hin und her rutschte und mich über meinen Aufsatz beugte.
Zaubertränke, Verwandlung, Kräuterkunde... Innerhalb der letzten vier Stunden hatte ich drei Aufsätze geschrieben. Ich war komplett fertig.
Zufrieden legte ich meine Feder beiseite und streckte meine Arme nach vorne. Ich drehte entspannt meinen Kopf nach links und rechts. Mit einem Wink meines Zauberstabs schickte ich meine Sachen nach oben in meinen Schlafsaal, und erhob mich langsam.
Entspannt ging ich zu meinem Lieblingssessel und ließ mich darin nieder. So gut wie keiner war hier im Gemeinschaftsraum, weil wir ausnahmsweise eine Freistunde hatten. Im Gegensatz zum Großteil der restlichen Schülerschaft.
Ich zog die Beine an und ließ meine Gedanken wandern. Die letzten Tage waren anstrengend gewesen...
„Ginny, steh auf, wir müssen zu Zaubertränke!" Jemand rüttelte mich unsanft an der Schulter, und ich schlug die Augen auf. Amber. „Was ist denn los?", murmelte ich verschlafen. „Du bist eingeschlafen schnell, wir müssen los." Sie zerrte mich hoch und drückte mir etwas in die Hand. „Hier deine Tasche und jetzt komm."
Sie nahm meine Hand und zog mich zum Portal. „Komm schon!" Meine Hand entglitt ihrem Griff, und sie drehte sich um. „ Ginny was... Ginny!" Und es wurde schwarz.
Schon immer hatte ich die Dunkelheit als etwas schönes wahrgenommen. Im Dunkeln konnte man nichts sehen. Auch mich und meinen Körper nicht. Im Dunkeln verschmolz ich mit den Schatten, form- und körperlos.
Auch jetzt war ich mitten in diesem Schwarz gefangen... Obwohl, gefangen nicht wirklich. Ich genoss es wohl eher. Ich sah nichts. Ich hörte nichts. Ich spürte nichts, nicht nur körperlich, sondern auch mental.
Meine Gefühle hatten in den letzten Tagen verrückt gespielt. Oft wusste ich nicht mehr, was ich eigentlich genau fühlte. Liebe oder Hass, Freude oder Schmerz...
Zwar hatten in letzter Zeit die negativen Gefühle überwogen, aber es war schwer zu unterscheiden. Ich konnte sie nicht mehr genau trennen, nichts war mehr schwarz oder weiß, alles war nur noch ein undurchsichtiges grau. Es war zum verrückt werden,
Möglicherweise lag das daran, dass meine Konzentration in der vergangenen Zeit erschreckend nachgelassen hatte. Im Unterricht war ich teilnahmslos und müde. Inzwischen merkte ich das selbst. Aber ich wusste nicht genau woran es lag...
Wahrscheinlich konnte ich auch deswegen meine Gefühle nicht mehr ordentlich definieren. Meine Gedanken schweiften oft ab. Manchmal schien mein Gehirn geradezu explodieren.
Aber das Schwarz war beruhigend, tröstlich. Ich konnte mich konzentrieren, nachdenken, erinnern...
„Harry!" Entrüstet sah ich ihn an. Immer wieder schaute er ihnen hinterher. Langsam hielt ich es nicht mehr aus.
„Was denn?" Er sah ernsthaft verwirrt aus, so, als wenn er es nicht merken würde. Aber ich sah sie, seine Blicke. Und zwar nicht seine Blicke für mich, nein, seine Blicke für die anderen Mädchen.
„Nicht dein Ernst oder?" Mit hochgezogenen Augenbrauen sah ich ihn an. Das konnte doch nicht wirklich sein ernst sein. Es war doch so offensichtlich.
„Was ist denn bitte?" Er klang genervt und schaute mich gelangweilt an. Aber gleichzeitig sah er auch wütend aus...
„Ach du merkst es nicht mal? Das ist aber nett!" Meine Stimme wurde lauter und zornig. Wieso schaute er ihnen hinterher? Er hatte keinen Grund dazu. Ich war hübsch.
Viele Jungs machten mir Komplimente, auch wenn es Harry immer störte. Natürlich gefiel mir das, welchem Mädchen denn bitte nicht, aber für mich waren sie bedeutungslos. Alles was zählte war Harrys Meinung, denn er war meine Freund. Und ich liebte ihn.
„Was soll ich denn verdammt nochmal merken? Hä?" Auch Harrys Stimme wurde lauter und sein Blick zornig. Er hatte die Arme in die Luft geworfen, und mich böse angestarrt.
Ich kochte innerlich. Wie konnte er nur? „Ach jetzt machen wir einen auf dumm oder was? Mh? Verkauf mich nicht für blöd, ich seh doch wie du allen Mädchen hinterher gaffst. Allen die auch nur ein bißchen dünner sind als ich!"
Sein Mund fiel auf und er starrte mich entgeistert an. „Was? Das meinst du doch jetzt wohl nicht ernst oder? Ich starre niemandem hinterher! Ich schaue doch nur dich an, Ginny. Das was du da sagst ist lächerlich."
Er schrie beinahe, und die ersten begannen sich zu uns um zudrehen. Doch mir war das egal. Zwar standen wir mitten auf dem Gang, aber ich fühlte mich wie in meiner eigenen Welt. Eine Blase um mich und Harry, aufgeladen mit negativer Energie.
„Nein, das ist nicht lächerlich! Selbst Hermine sagt das, und du weißt, wie objektiv Hermine bei so etwas ist." Na gut, objektiv war Hermine eigentlich nicht, aber das war mir im Moment egal. „Langsam glaube ich du liebst mich gar nicht mehr, weil, wenn du es tun würdest, hättest du nur Augen für mich."
Mein Gesicht war inzwischen wutverzerrt, genauso wie Harrys. Schon länger beobachtete ich sein Verhalten, doch langsam reichte es mir. Durch sein Verhalten stellte er mich in der Öffentlichkeit bloß, und das ließ ich mir langsam nicht mehr gefallen, dazu war mein Selbstwertgefühl zu groß.
„Ich muss zugeben, Ginny, langsam bin ich mir da selbst nicht mehr so sicher. Dein Verhalten nervt mich so was von an. Echt, ich weiß nicht, was mir dir passiert ist, aber was auch immer es ist, es kotzt mich an." Mit einem abwertenden Blick musterte er mich.
„Ach jetzt liegt es wieder an mir? Natürlich, der große Held hat ja keine Fehler! Weißt du was, wenn ich dich so an nerve, dann verschwinde ich lieber. Wenn es dir dann besser geht!" Wutschnaubend drehte ich mich um und stolzierte mit wehendem Haar davon. Doch da fiel mir noch etwas ein. „Ach Harry", noch einmal drehte ich mich um und sah ihn zuckersüß an, „ich wünsch dir viel Spaß dabei, die dünnen Schlampen aufzureißen!" Ohne einen Blick zurück lief ich mit hoch erhobenem Kinn zum Gemeinschaftsraum.
Ungern erinnerte ich mich an diesen Moment zurück... Ich war der Grund für unsere Trennung gewesen. Meine Eifersucht. Zwar war sie begründet gewesen, aber ich hätte wohl etwas toleranter sein können. Mein Körper war zu dieser Zeit nicht schön gewesen, auch wenn ich es damals gedacht hatte.
Langsam lichtete sich das Schwarz. Zwar konnte ich immer noch nicht die Augen aufschlagen, geschweige denn mich bewegen, aber ich begann Dinge zu hören. Mir wurde bewusst, dass ich bewusstlos gewesen sein musste. Oder es immer noch war. So sicher war ich mir da nicht...
„... nicht früher etwas gesagt? Schauen Sie doch mal, wie dünn sie ist? Sie haben das doch bestimmt schon vor einer Weile gemerkt oder gesehen. Sie sind doch ihre Freundin!" Ich erkannte die Stimme von Madam Pomfrey. Wo war ich? Wieso war sie bei mir? War ich etwas im Krankenflügel? Angst stieg in mir auf.
„Nun ja, ja irgendwie schon, aber sie hat mir alles erklärt... Ich dachte, sie schafft das schon irgendwie!" Amber klang verzweifelt. Sie war also auch da. Langsam überkam mich eine Idee, was passiert war,
„Anscheinend ja nicht! Und jetzt gehen Sie! Miss Weasley braucht ihre Ruhe, ansonsten wird es ihr noch schlechter gehen, wenn das überhaupt möglich ist." Ihre Stimme klang wütend.
„Natürlich." Langsam entfernten sich Schritte, und die Tür fiel ins Schloss.
In meinem Kopf ratterte es und ich versuchte mich zu konzentrieren, aber da brachte mich die Stimme von Madam Pomfrey wieder aus meine Überlegungen. Sie murmelte und ich hörte nur einige Worte, aber allein das ließ mir kalte Schauer über den Rücken laufen. St. Mungos, Therapie, Krankheit, ...
Plötzlich hörte ich erneut wie sich die Tür öffnete. Jemand betrat den Raum. „Professor McGonagall!" Madam Pomfreys Stimme klang erleichtert.
„Poppy! Oh Merlin! Miss Weasley, was ist mit ihr passiert?" Ich hörte eilige Schritte. Madam Pomfreys Stimme klang auf einmal ruhig und bedächtig. „Miss Nolan hat Miss Weasley hierher gebracht. Ich weiß nicht genau, was mit ihr passiert ist, doch ich habe eine Vermutung, und diese scheint sich zu bestätigen."
Eine unangenehme Stille breitete sich aus, bis Professor McGonagalls Stimme ertönte. Leise und vorsichtig. „Was tun wir jetzt?"
