„Naja ich denke..." Madam Pomfreys Stimme klang unsicher. Ich hatte sie noch nie so gehört. Normalerweise wusste sie immer, was zu tun war. „Ich denke, wir müssen sie ins St. Mungo bringen. Es gibt keine andere Möglichkeit. Magersucht ist eine ernst zunehmende Krankheit. Nicht nur Muggle leiden darunter. Diese Krankheit wird meist zu spät erkannt, und es ist schwer den Betroffenen zu helfen, wenn sie schon so tief drin stecken. Auch kann sie zum Tod führen und -"

„Danke Poppy, ich glaube ich habe verstanden." McGonagalls Stimme klang leise, und seltsam dumpf. Ich konnte mir ihren Ausdruck vorstellen ohne in zu sehen. Die Augenbrauen sorgenvoll zusammengezogen, die Stirn in Falten gelegt, die Lippen zusammengepresst.

„Also eine Therapie? Ich muss sofort Albus davon berichten... nie hätte ich gedacht, dass so etwas einmal auf Hogwarts passieren würde. Eigentlich stand Hogwarts doch immer für die besten Jahr im Leben oder?" Ihre Stimme nahm einen seltsam wehmütigen Klang an, und wurde sehnsüchtig.

Leicht strich mir eine Hand über die Wange und ich erschauderte innerlich. Sie war eiskalt. Ich wusste nicht wessen Hand es war, aber nach einigen Augenblicken verschwand sie auch wieder.

Fast gleichzeitig mit dem Verschwinden der Hand hörte ich sich entfernende Schritte, und einige Augenblicke später eine zuschlagende Tür. Jemand seufzte, und ich schätzte, dass es Madam Pomfrey war. Anscheinend war Professor McGonagall direkt zu Dumbledore aufgebrochen.

In mir regte sich etwas. Langsam begann ich meine Glieder zu strecken und meinen Kopf zu drehen. Ich hatte das große Bedürfnis, mich zu bewegen, und am Leben zu sein. Mein Inneres wollte nach draußen an die Luft, in den Regen stürmen und sich den Wassermassen aussetzen, die man anhand des regelmäßigen Klatschens an die Fenster, hören konnte.

Sobald ich die Augen aufschlug war mir klar, dass das ein Fehler gewesen war. Ich hätte warten sollen, bis ich alles in meinem Kopf wieder geordnet hatte. Bis ich das Gehörte, die falschen Annahmen, verarbeitet hatte. Bis Madam Pomfrey weg gewesen wäre.

Ohne groß darüber nachzudenken sah ich sie direkt an. Unter ihrer weißen Haube schauten kleine, gelockte, graue Haare hervor. Auch ansonsten war sie nur in weiß und schwarz gekleidet. Schwarz empfand ich an einem Ort der Heilung und des Lebens als absolut unpassend.

Aus ihren großen braunen Augen sah sie mich direkt an. Madam Pomfrey hatte die Hände vor der Brust fest ineinander gekrallt, anscheinend um Halt zu finden. Nervös zitterten ihre Arme, und ich musste innerlich fast lachen. Was hatte sie denn? Eigentlich musste sie sich keine Angst machen.

Offensichtlich dachte sie ja über eine Therapie nach. Aber dafür musste es ja erstmal einen Grund geben, und diesen hatte sie ja auch schon genannt. Magersucht. Eine Krankheit, unter der ich nicht litt. Ich war nicht krank. Keineswegs. Also brauchte ich auch keine Therapie.

„Miss Weasley..." Langsam lief sie auf mich zu und ließ sich dann vorsichtig auf der Seite meines Bettes nieder. „Sie sind zusammengebrochen. Miss Nolan hat Sie sofort hierher gebracht, und ich habe Sie mit einigen kurzzeitigen Stärkungstränken versorgt..."

Unruhig schaute sie sich um. Dann gab sie sich einen Ruck und sah mir direkt in die Augen. „Miss Weasley, ich glaube Sie leiden unter Magersucht."

Ich musste mich zurückhalten, um nicht zu lachen. „Nein Madam Pomfrey, sie irren sich. Mit mir ist alles ok. Die Schule ist zwar etwas anstrengend, aber ansonsten ist bei mir alles ok." Ich lächelte sie lieb an. Jeder konnte sich ja mal irren.

Mit traurigen Augen schüttete sie ihren Kopf. „Nein Miss Weasley, ich glaube Sie irren sich. Ihr Körper weißt deutliche Spuren der Abmagerung auf. Ihnen geht es extrem schlecht. Sie sollten aufpassen. In diesem Stadium ist Magersucht schon sehr gefährlich, sie kann zum Tod führen und das schneller, als Sie denken."

Ihr mahnender Blick bohrte sich in meinen Kopf und ich schaute irritiert weg. Ich hatte ihr doch bereits gesagt, dass sie sich täuschte und ich musste das ja wohl besser wissen als sie, oder?

Mir ging es gut. Ich wollte doch nur schön sein, dann würde ich auch aufhören. Ich war nicht krank, oder irgendetwas, und eine Therapie brauchte ich erst recht nicht...

„Nein sie verstehen nicht: Ich bin nicht krank." Klar und deutlich sprach ich die Worte aus. Langsam nervte es mich aber echt. Wie oft sollte ich ihr es noch sagen, bis sie es verstand? Hatte sie nicht wichtigeres zu tun, als sich mit mir hier herum zu streiten?

„Doch, das sind Sie. Morgen werden wir Sie ins St. Mungo einliefern. Normalerweise kann jeder selbst entscheiden, ob er sich einer Therapie unterzieht, doch bei Ihnen müssen wir Sie allein schon wegen Ihrem gesundheitlichem Wohl dort einweisen."

Langsam wurde ich wütend. „Wie oft den noch? Ich bin nicht krank. Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe, ich will schlafen." Schnaubend ließ ich mich in meine Kissen zurückfallen. Hatte sie irgendetwas an meinen Worten nicht kapiert?

Madam Pomfrey erhob sich seufzend und warf mir noch einen langen Blick zu. Mit einem Kopfschütteln drehte sie sich um, und ging in Richtung ihres Büros. Sobald sich dessen Tür geschlossen hatte, sprang ich auf, und raste in Richtung der Tür vom Krankenflügel. Ich riss sie auf und stürmte die Treppen herunter.

Ohne um mich zu blicken, oder auf das Getuschel und die Blicke der anderen Schüler zu achten, rannte ich. Wie in Trance, nahm ich nichts außer meinem Ziel war. Ich registrierte Leute, die meinen Namen riefen, doch ich beachtete sie nicht. Ich rannte wie in meiner eigenen kleinen Welt.

Sobald ich durch das Portal nach draußen kam, schlug mir der kalte Wind entgegen. Er verwirbelte meine Haare, und für einen Moment nahm ich nichts mehr außer der schneidenden Kälte war. Der Regen prasselte auf mich hinab, und durchweichte meine Kleider innerhalb von Sekunden. Kein Schüler außer mir hatte sich bei diesem Wetter nach draußen gewagt, und somit stand ich allein auf den Ländereien von Hogwarts.

Doch das war nicht mein Ziel gewesen. Ich trieb meine Beine an sich weiter zu bewegen. Aber ich begann zu schwanken. Meine Schritte wurden langsamer, und unsicherer. Ich rutschte andauernd aus, und musste mich erneut aufrappeln. Der Regen machte den Boden glitschig, und ließ mich zittern.

Der Wind pfiff, und die großen grauen Wolken, die den ganzen Himmel bedeckten, ließen mich innerlich erschaudern.

Doch ich kämpfte mich voran. Wenn sie mich wegschicken wollten, konnten sie das tun. Aber ich wollte es ihnen beweisen, dass ich nicht krank war. Ich wollte ihnen zeigen, was ich schaffen konnte.

Plötzlich fiel ich erneut in den schmutzigen, braunen Schlamm. Ich wollte mich mit den Händen auffangen, doch auch diese rutschten weg. Ich landete bäuchlings im Matsch. Schwer atmend lag ich da, und sah auf. Und da sah ich es, mein Ziel.

Schwerfällig kroch ich zu dem Stein. Meine Beine wollten mich nicht mehr tragen, und das Zittern, machte es nur noch schwerer. Der Wind wurde noch stärker, und meine Harre klebten nass, und kalt an meinem Körper.

Mit schwindender Kraft erreichte ich den Stein. Er stand an der Spitze des großen Sees, und ging mir, wenn ich stand, ungefähr bis zur Hüfte. Hierher hatte ich mich immer zurückgezogen, wenn ich meine Ruhe haben wollte.

Unter größter Anstrengung stieg ich auf den Stein. Mir war schwindelig, und ich wusste nicht mehr, wo oben und unten war. Alles drehte sich, und ich fühlte nichts mehr außer dem schneidendem Wind, dem prasselndem Regen, und der Kälte des Steins, auf dem ich hockte.

Ich zwang meine Beine dazu sich durchzudrücken. Ich wusste nicht, woher ich diese Kraft noch nahm, doch ich merkte, dass ich auch nicht mehr hatte.

Und dann stand ich. Ich stand auf dem Stein, am Ufer des schwarzen Sees. Der Wind blies mich fast herunter, und der Regen fiel auf mich herab. Die Naturgewalten stürmten auf mich ein, als wenn sie mich vernichten wollten.

Doch ich war glücklich. Seit langer Zeit spürte ich wieder etwas. Zwar keine Gefühle in dem Sinn, nein, aber ich war nicht mehr bewusstlos, gefangen in meiner selbst.

Ich breitete meine Arme aus und ließ mich noch mehr von dem Wind mitreißen. Ich schloss die Augen und stellte mir vor zu fliegen. Hinauf in die Lüfte, hin und her gewirbelt von Wind und Regen, im Einklang mit mir selbst und allem anderen.

Ich stellte mir eine Welt vor, und in der ich das war, was ich sein wollte. Perfekt, und geliebt.

Aber nicht alleine, nein. Eine Welt mit meinen Freunden, und meiner Familie. Aber vor allem mit Harry. Harry, den ich über alles liebte.