Erinnerst du dich noch an die sonnigen Tage damals, als wir zusammen waren? Wenn wir hinaus gerannt sind, um die große Welt zu erkunden? Voller Freude, Abenteuerlust und Glück? Erinnerst du dich?

Ich erinnere mich, wie als wenn es gestern wäre. Doch das ist es nicht. Es ist lange her, zu lange. Jeden Tag denke ich an diese Zeit, denn ich will keinen Tag, den ich mit dir hatte, vergessen. Es waren die schönsten meines Lebens. Du und deine Lebensfreude haben mich mitgerissen, heraus aus den tragischen und depressiven Gedanken, hinaus in das Leben, welches ich nur mit dir genießen konnte.

Ohne dich wirkt es sehr trostlos hier. Mit dir ist die Sonne gegangen. Hört sich komisch an, oder? Aber es ist so. Doch die Sonne ist nicht abrupt gegangen, nein, sie ist untergegangen langsam und gleichmäßig. So wie du untergegangen bist.

Ich könnte sagen, dass ich gemerkt habe, dass du krank warst. Ich könnte sagen, dass es mir schon lange klar war. Doch das war es nicht. Aber was ist schlimmer? Ein Freund, der nicht merkt, dass man krank ist, oder ein Freund, der es merkt, aber verschweigt?

Keines von beiden würde ich sagen.

Doch für mich ist es immer noch verwunderlich, dass es keiner gemerkt hat. Natürlich könnte ich jetzt irgendwelche Ausreden erfinden, um mich zu entschuldigen, oder gar zu rechtfertigen, wieso ich es nicht gemerkt habe, aber das wäre feige und gelogen. Denn ich habe es ganz einfach nicht erkannt. Natürlich habe ich wie jeder andere gesehen, dass du dünner und kraftloser wurdest, aber ich habe es nicht hinterfragt. Ich habe dir geglaubt, war zu faul, um dem Ganzen etwas weiter auf den Grund zu gehen, wo es wahrscheinlich sowieso nichts gegeben hätte.

Ich bin blind durch die Welt gegangen. Habe dein Leiden von mir geschoben, mich auf mich konzentriert, und mich in meinem Ruhm gesonnt. Wie jeder andere auch. Und das war dein Untergang. Ich glaube, wenn sich nur jemand mehr auf dich eingelassen hätte, nur ein kleines bißchen, hättest du es geschafft, und würdest jetzt neben mir hier unter dem Baum sitzen, anstatt darunter begraben zu liegen.

Manchmal bin ich hier und stelle mir vor wie es gewesen wäre, wenn du nicht gestorben wärst. Wir hätten ein Haus gehabt, Kinder, es wäre das perfekte Leben gewesen, vorausgesetzt du hättest mich zurückgenommen. Denn ich habe dich geliebt. Die ganze Zeit, ohne Unterbrechung. Und ich denke nicht, dass sich das jemals ändern wird.

Doch in solchen Momenten sehe ich die Realität vor mir, die schockierende und bittere Wahrheit.

Als wir dich fanden, lagst du still und durchnässt, während des Sturms, am Ufer des großen Sees. Madam Pomfrey hatte uns angewiesen dich zu suchen, weil du abgehauen warst. Typisch, hatte ich mir gedacht. Typisch Ginny. Macht einfach was sie will. Und dann lagst du da. Klein und verloren, vor deinem Stein. Der Stein, an dem ich dich sooft nach unserer Trennung sitzen gesehen habe.

Normalerweise sagt man doch immer „Und als ich dich sah wusste ich, dass du tot warst". Ich habe das nicht gewusst. Wir sind auf dich zu gerannt, geschockt, verzweifelt, verwirrt. Als wir bei dir waren, hatte Hermine sofort begonnen dich zu versorgen, dich zu untersuchen. Ja sie ist so schlau... Du wärst stolz auf sie gewesen, wenn du sie gesehen hättest. Ron hatte nur da gestanden, genauso wie ich. Starr, und mit leerem Blick. Unfähig sich zu bewegen.

Ich glaube in genau diesem Moment habe ich es bemerkt, dass du tot warst. Bemerkt, nicht realisiert. Realisiert habe ich es, als wir uns am Abend zusammengesetzt hatten, auf unseren Stammplatz. Hermine und Ron auf der Couch, ich in dem Sessel. Dein Sessel war leer geblieben. Wir hatte nichts gesagt an diesem Abend, nur auf den Sessel gestarrt.

Seitdem habe ich mich verändert. Selbst ich merke das. Ich bin nachdenklicher und unkonzentrierter geworden. In jeder Situation wandern meine Gedanken zu dir, und erinnern sich daran, dass du nicht mehr unter uns bist.

Anfangs habe ich versucht weiter Quidditch zu spielen, vor allem um deinetwillen. Ich wusste, dass du nie gewollt hättest, dass ich aufhöre. Ich habe mich bemüht, um allen und speziell mir zu zeigen, dass alles ok war. Aber ich wurde aus dem Team geschmissen. Meine Leistungen hatten sich so verschlechtert, dass das Team durch mich nur verlor.

Und da merkte ich, dass nicht alles ok war. Es hatte lange gedauert, doch da wurde es mir erst richtig klar. Du fehlst in meinem Leben so sehr, dass ich mir wünsche, lieber bei dir zu sein, als hier unten zu sitzen und darauf zu warten, dich irgendwann in einigen Jahrzehnten wiederzusehen. Weil ich denke, ich werde dich wiedersehen. Wenn es einen Himmel oder auch nur einen ähnlichen Ort gibt, dann bist du dort.

Hermine hat bereits vor einiger Zeit begonnen Briefe an dich zu schreiben und sie sagt es geht ihr dadurch besser. Jeder denkt, dass sie es am Besten verkraftet hat, doch ich nicht. Sie ist zu ihrem alltäglichem Leben zurückgekehrt, arbeitet fast noch härter. Sie verkriecht sich hinter ihren Büchern vor der realen Welt und ihren Gefühlen, und ich glaube irgendwann wird alles aus ihr heraus brechen. Davor habe ich Angst. Du hast mir einmal gesagt, sie wäre dein Vorbild, oder so etwas ähnliches. Als ich ihr das vor ein paar Wochen gesagt habe, hat sie sich einfach umgedreht und ist gegangen. Ohne etwas zu sagen. Aber ich habe gehört wie sie, als sie um die Ecke war, angefangen hat zu weinen.

Ja, keiner von uns kommt damit klar. Auch nicht Ron. Er ist aggressiv und unkontrolliert geworden. Ohne Grund beschimpft er Leute und wirft Flüche auf sie. Einfach so.

Wir haben uns alle verändert seit du weg bist. Früher hast du uns verändert, andere Menschen aus uns gemacht. Dein Tod hat uns wieder in alte Muster fallen lassen. Was bleibt ist nur die Erinnerung an dich und unsere Liebe für dich. Irgendwann werden wir es vielleicht überwunden haben, und an die guten Zeiten zurückdenken. Vielleicht werden wir uns dann wieder wie früher verhalten, als du noch da warst. Aber wenn, wenn wir das jemals schaffen sollten, wird es noch lange dauern.

Das schlimmste Gefühl ist jedoch, dass man keinen Schuldigen hat. Keinen, an dem seine Wut und Aggression wegen deinem Verschwinden auslassen kann. Weil, es muss einen Grund geben, dass du das getan hast. Aber dieser Grund ist mir und den Anderen schleierhaft.

Du warst schön, geradezu umwerfend. Wir haben dich geliebt, wie du warst und wir werden dich weiter lieben. Und wenn wir an dich zurückdenken, denken wir nicht an die Ginny in ihren letzten Tagen, nein, wir, und speziell ich, denken an die Ginny, die glücklich auf ihrem Besen durch die Lüfte geflogen ist. Die mich mit einem Lächeln geküsst, und so alle Probleme weggewischt hat.

Wahrscheinlich werde ich immer die Schuld bei mir suchen. Hätte ich dir jemals gesagt, dass ich dich noch liebe, denkst du ich hätte dir helfen können? Denkst du es hätte eine Möglichkeit gegeben dich zu retten? Jeden Tag stelle ich mir diese Frage und jeden Tag komme ich auf dieselbe Antwort: Natürlich hätte es das.

Dein Tod hat uns allen die Augen geöffnet. Auch den Schülern in Hogwarts. Nach deiner Beerdigung hat Professor McGonagall eine Schweigeminute im Unterricht für dich einlegen lassen. Auch hat Madam Pomfrey in der Großen Halle vor allen Schülern einen Vortrag über Bulimie gehalten. Im Schloss steht eine Gedenktafel... All so was.

Aber verdammt nochmal, es ist keine Ersatz. Jeden Tag wenn ich an dich denke, zieht sich meine Herz zusammen, in dem Wissen, dass du nie mehr kommen wirst. Ich vermisse dich so sehr, dass ich es gar nicht in Worte fassen kann. Mein Kopf scheint vor Fragen und meine Herz vor Sehnsucht an dich zu explodieren.

In ewiger Liebe,

Harry

P.S. Halt mir dort oben einen Platz neben dir frei.