Kapitel 2 – Erkenntnis
Frau Drainage schreibt gerade die Hausaufgaben an die Tafel, als die Klasse unruhig wird. Doch sie schenkt dem keine Beachtung. Ich hingegen sehe auf die Uhr. Der Unterricht dauert nur noch drei Minuten. Betrübt schaue ich aus dem Fenster. Meine Gefühle sind ein Chaos. Lura ist seit einer Woche weg. Es fühlt sich an, als hätte man mit ein Stück meiner selbst entrissen. Sinnlos male ich Dinge auf meinen Block und betrachte die Wolken. Es ist ein grauer Tag und bisher hat man die Sonne nur einmal gesehen und das war in der Mittagspause vor gut drei Stunden. Der erste Tag nach den Ferien. Ich hatte ihn mir anders vorgestellt. Doch auch heute war es ein Tag wie jeder, oder? Irgendetwas in mir sagt mir, dass das nicht stimmt. Es ist falsch so zu denken. Aber warum? Wieder sehe ich auf die Uhr. Zwei Minuten noch. Ein unbekanntes Gefühl wird geweckt. Nach Hause wollte ich noch nie, nicht freiwillig. Aber Luras Anwesenheit hatte es erträglicher gemacht. Jetzt, wo er weg ist, kommt mir das Haus seltsam leer vor. Bevor ich weiter über diese Gefühle nachdenken kann klingelt es. Schnell stopfe ich das Buch und mein Block in den Rucksack, der neben mir auf dem freien Platz sitzen darf. Ein letztes Mal sehe ich an die Tafel. Frau Drainage bedenkt uns mit einem strafenden Blick. „Der Lehrer beendet den Unterricht." „Ich dachte, Sie sind eine Frau", brüllt Julien, ein Klassenkamerad mit einem IQ von -250. Einige aus der Klasse lachen oder kichern. Ich verdrehe nur genervt die Augen. /Idiot./ Nachdem unsere Lehrerin eindringlich darauf bestand, dass wir alle Stühle hochstellen – ich muss die gesamte letzte Reihe machen – lässt Sie uns gehen. Schnell laufe ich zu meinem Spind und schmeiße unbedacht irgendwelche Bücher rein, die ich gerade greife. Dann lasse ich die Spindtür unsanft zufallen und drehe mich um. Am Ende des Ganges sieht Kathy, die Ex-Freundin von Lura, zu mir herüber. Das letzte, was ich jetzt will, ist mit ihr reden. Also mache ich auf dem Absatz kehrt und gehe durch die Glastür. Draußen ist es kühl und es nieselt. Kurz zögere ich, doch mit langsamen Schritten gehe ich die Stufen der Eingangstür hinunter und stopfe mir die Kopfhörer in die Ohren. Ohne mich noch einmal umzudrehen ziehe ich die Kapuze über meinen Kopf und laufe los. Nach Hause möchte ich zwar nicht, aber Kathy über den Weg laufen ist auch nicht gerade auf dem ersten Platz von den Dingen, die ich mir wünsche. Dennoch nehme ich einen Umweg durch Seitenstraßen. Die ersten Töne erklingen und ich versinke in Gedanken.
Mittlerweile regnet es. Und das nicht gerade wenig. Ich senke den Blick und laufe weiter. Mit der Schulter ramme ich einen jungen, nehme es aber nur halb wahr. Er ist nicht aus dem Weg gegangen. Warum sollte ich also? Eine Hand hielt mich am Arm fest. Langsam sehe ich auf. Drei Jungs stehen um mich. Dadurch, dass sich ihre Münder bewegen weiß ich, dass sie etwas sagen. Widerwillig nehme ich die Stöpsel aus meinem Ohr. „Was?" Für einen kurzen Augenblick starren mich die drei an. Dann richtet sich der größte der drei ganz auf. Natürlich ist er derjenige, den ich angerempelt habe. Um zwei Köpfe überragt er mich, doch das beeindruckt mich wenig. Wie das jetzt ablaufen wird weiß ich genau. „Findest dich wohl ganz hart, was?" Der Spott in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Meine Reaktion ist das heben einer Braue, was ihm anscheinend nicht gefällt, denn er baut sich jetzt ganz vor mir auf und seine Stimme bekommt einen drohenden Unterton. „Wenn du dich brav entschuldigst lassen wir dich laufen" Seine Freunde fangen an zu lachen. /Haha -.-/ „Aha." Für einen Augenblick sehe ich Verwirrung in seinen Zügen, doch dann ist da nur noch leichte Wut. „Also?" Was denkt sich der Typ eigentlich? Mit einem spöttischen Grinsen drehe ich mich ganz zu ihm. „Was willst du mir denn bitte tun? Du hast wahrscheinlich genauso viel drauf, wie ein Marienkäfer." Jetzt lachen seine Freunde wegen mir und schreien „Kampfansage". Die kommen sich bestimmt ganz cool vor. Ich werfe ihnen nur einen abfälligen Blick zu, denn mehr sind sie nicht wert. Der größte von ihnen ballt die Fäuste. „Ich hab kein Problem damit kleine Mädchen zu schlagen!" „Und ich nicht, kleinen Jungs wie dir weh zu tun." Es dauert nicht mehr lange, dann ist das Maß voll. Das weiß ich genau. „Also was ist, Kleiner?" Das ist es. Als nächstes spüre ich nur, wie mein Kopf zur linken Seite fliegt. Ein metallischer Geschmack macht sich in meinem Mund breit und ich spüre etwas warmes meine Nase runter laufen. Die Jungs sind allesamt still. Langsam drehe ich meinen Kopf zu ihnen und lächle. Verwirrt sehen sie mich an. „War das alles?!" Grinsend hebe ich eine Augenbraue. „Da ist ja selbst mein Wackelpudding gefährlicher!" Nun breite ich die Arme aus und schiebe die Beine etwas auseinander. „Hier. Bitte." Sie sehen mich verwirrt an. „Ach, du willst nicht? Dann ich." Mit diesem Satz lege ich all meine Wut und Frustration der letzten Tage in meine Faust und haue sie ihm gegen die rechte Wange. Gleichzeitig rutsche ich nach vorne, hebe mein linkes Knie und ramme es ihm in den Bauch. Als er sich jammernd und wimmernd nach vorne beugt und seinen Bauch umfasst, hauche ich ihm zuckersüß ins Ohr: „Ich bin nicht klein!" Danach drehe ich mich zu seinen 'Freunden' „Wollt ihr auch?" Schnell schütteln sie die Köpfe, stützen ihren 'Boss' und gehen weg. Auf dem Weg murmeln sie noch etwas, dass mich nicht interessiert. Mürrisch stelle ich fest, dass ich komplett nass bin. Mit dem Handrücken streiche ich mir durch das Gesicht um das Blut aus meiner Nase weg zu wischen. Wahrscheinlich habe ich es jetzt nur verschmiert. Niedergeschlagen sehe ich auf die roten Streifen auf meiner Hand. /Was ist das?/ War nicht genau das eine der Situationen, die ich vermeiden wollte? Mehr hatte Lura nicht verlangt. Und dennoch tat ich es immer wieder. Kann man nicht einfach seine Gefühle ausschalten? Langsam wird mir eins klar: Ich gehöre nicht hierher.
