Kapitel 3 – Briefe

Zu Hause war es still, als ich die Tür aufschloss. Normalerweise ist ein Licht an, da es draußen – auch durch das Wetter – schon sehr dunkel ist. Doch nichts. Nur Stille und Dunkelheit. Müde trete ich ein, ziehe mir irgendwie die Schuhe aus und schmeiße sie in eine Ecke des Flures. Zu faul, um mir die nassen Sachen auszuziehen, laufe ich in die Küche. Leer. Kurz lächle ich. Doch dann fällt mir der Grund auf und ich höre sofort auf. Kopfschüttelnd laufe ich zum Kühlschrank und öffne ihn. Drinnen befinden sich nur Belag für Brot, Käse für Pizzen und Saftflaschen. Müde schließe ich die Kühlschranktür und öffne das Gefrierfach. Von dort nehme ich mir eine Packung Eis, hole aus einer anderen Schublade einen Löffel und schleppe mich die Treppe im Flur hoch bis in mein Zimmer. Mit dem Fuß öffne ich die angelehnte Tür und betätige mit dem Ellenbogen den Lichtschalter neben der Tür. Irgendwie schiebe ich meinen Rucksack von den Schultern und kicke ihn, nachdem er auf den Boden fällt, Richtung Schreibtisch. Ich selbst nehme Kurs in Richtung Sitzecke. Unvorsichtig lasse ich mich in meinen Sitzsack fallen und mache die Eispackung auf. Mit dem Löffel beginne ich zu essen. Als ich das erste Mal das kühle Schockladeneis in meinen Mund schiebe spüre ich, wie mir etwas anders vorkommt. In meinem Zimmer ist etwas, das vorher nicht hier war. Stirnrunzelnd stehe ich auf und laufe durch mein Zimmer. Widerwillig setze ich mich wieder, als ich nichts finde. Doch es lässt mir keine Ruhe. Ich ertappe mich dabei, wie ich immer wieder durch mein Zimmer streife. Nachdem mein Eis halb leer ist gebe ich die Suche auf. Genervt nehme ich die Cola-Flasche, die neben meinem Sitzsack steht und trinke sie leer. Dann stehe ich auf, gehe zu meinem Schreibtisch und lasse sie in den Mülleimer fallen. Gerade als ich wieder zu meiner Ecke gehe fällt es mir auf. Wie eine irre stürze ich zurück, stütze mich an der unordentlichen Oberfläche meines Tisches ab und starre ihn an. Den Brief, der mir vorher nicht aufgefallen ist. Es ist kein Absender vermerkt, dafür ist die Adresse umso genauer. Riley Blow Driverstreet 23 Oberes Dachgeschoss Mehr brauchte es nicht. Der Brief war mir unheimlich. Wenn der Absender so genau weiß, wo ich wohne, warum gibt er mir den Brief nicht gleich selbst? Ist es ein Liebesbrief? Das erklärt, warum ich den Brief nicht persönlich erhalten habe. Aber...wer sollte sich denn bitte in mich verlieben? Jetzt erst fällt mir ein, dass ich noch Blute. Mürrisch gehe ich in das Badezimmer nebenan. Sofort habe ich die Bilder von Luras Abschied im Kopf. Diesen Raum zu betreten tut weh. Also gehe ich runter, in das andere Badezimmer. Dort wasche ich mir Hände und Gesicht. Daher meine Nase nicht gebrochen ist und ich auch sonst keinen großen Schaden habe, beschließe ich diesen Vorfall zu vergessen. Lura wäre bestimmt sauer. Das ist er immer, wenn ich mich prügle. Doch er ist nicht mehr da. Heißt, ich kann mich mit jedem schlagen, es stört keinen. Mia und Damien interessiert eh nicht, was ich tue. Ihnen sind meine Noten und meine Zukunft egal. Solange ich sie nicht in Verrufung bringe darf ich bei ihnen wohnen. Ein guter Deal, wenn ich so darüber nachdenke. Für Lura waren sie die besten Eltern der Welt. Bei mir haben sie schon nach meinem fünften Lebensjahr die Hoffnung aufgegeben und haben angefangen, mich zu hassen. Damien – als mein Vater – hat mich früher auch geschlagen. Doch dann habe ich angefangen mich zu prügeln und er hat es gelassen. Ich weiß bis heute nicht warum. Vielleicht hat er Angst, dass ich ihm gegenüber auch gewalttätig werde. Mir ist es egal. Langsam gehe ich in mein Zimmer zurück und sehe den Brief misstrauisch an. Leider siegt die Neugier und ich öffne ihn.

Ich lese den letzten Satz. Mit gehobenen Augenbrauen lege ich den Brief vor mir hin. „Schwachsinn!" Verächtlich starre ich den Brief an. Hexen und Zauberer? Wer glaubt denn den Müll?! Aus irgendeinem Grund komme ich mir verarscht vor. Eine siebenjährige wäre darauf reingefallen, aber ich bin 14! Blind vor Wut nehme ich den Brief und zerreiße ihn in der Mitte. Dann höre ich unten das Schloss und die fröhliche Stimme von Mia. „Ja, er hat es verdient. Riley?!" Kaum erwähnt sie meinen Namen ist die Fröhlichkeit aus ihrer Stimme gewichen. Schnell werfe ich den Brief zurück in den Umschlag und gehe aus meinem Zimmer. Ich lehne mich oben an das Geländer, sehe runter und bemerke, dass Mia mich anlächelt. „Komm bitte runter. Nein, packst erst deine Sachen!" Ich runzle die Stirn. „Na du hast deinen Brief doch gelesen, oder?" Nun ist ihr Lächeln weg. Und ich schnaube verächtlich. „Für wie dumm haltet ihr mich?" Nun legen Mia und Damien die Stirn in Falten. „Dachtet ihr echt, ich falle auf so etwas..." Ich suche nach den richtigen Worten. „...bescheuertes herein? Ich bin nicht dumm!" „Du denkst, das war ein Joke?" „Was denn sonst?" Sarkastisch lächle ich sie an. „Nein, das war natürlich alles die Wahrheit und ich lerne jetzt Mäuse aus einem Hut zu zaubern." Nun meldet sich Damien zu Wort. „Riley...in diesem Brief steht die Wahrheit." Seine Miene ist total ernst. Ich muss unwillkürlich schlucken. „K-Klar." Vergeblich versuche ich, alles an Spott in dieses Wort zu legen. Wenn Damien so ernst schaut, meint er es ernst. Das habe ich gelernt. Aber...das ist doch unmöglich, oder?