Kapitel 6 – Winkelgasse

Wir sind ewig gefahren. Nein, wir fahren ewig. Mein Handyakku blinkt und ich muss widerwillig die Musik ausschalten. Ein Gespräch möchte ich immer noch vermeiden. Doch ein Blick auf Damien und ich weiß, dass er reden will. Und wird. „…Riley…?" Unmerklich nicke ich, starre aber weiterhin aus dem Fenster. „Mia hat dich wirklich geliebt. Dass wir dich so behandelt haben, hatte einen Grund." Wieder nicke ich nur, höre jetzt aber genauer hin. Damien wird nervös. „Als wir dich damals…adoptiert haben, hatten wir ein Gespräch mir deinen…Eltern." Es fällt ihm hörbar schwer. Kurzflüchtig werfe ich einen Blick auf ihn. Warum ist mir das nicht früher aufgefallen? Ich sehe keinem in der Familie ähnlich. Keinem! Dennoch habe ich nie Verdacht geschöpft. Aber ich nehme es Mia und Damien nicht übel. Aus irgendeinem Grund nehme ich es Lura viel übler. Ich dachte, ich könnte ihm vertrauen. Ich habe ihm vertraut. Mir tut es aus irgendeinem Grund in der Brust weh. Das atmen ist schwer geworden. /Vertraue keinem!/ Das ist meine neue Lebenseinstellung. „Hat Lura es gewusst?" Versehentlich lege ich Hoffnung in meine Stimme, was Damien auffällt. „Ja. Er wollte es dir immer sagen, aber-„ „Aha." Mehr möchte ich nicht hören. Es fühlt sich an, als ob jemand ein Messer in meine Brust rammt. Warum tut das so verdammt weh? /Aha, soviel zum Thema ‚Du kannst mir vertrauen, Riley'/ Schnell setzte ich meine Maske auf. Damien soll nicht durch meine Fassade sehen. „Er liebt dich." „Nein. Sonst hätte er etwas gesagt"; erwähne ich kühl. „Verstehe doch mal bitte seine Lage! Er muss sich entscheiden. Entweder seine Eltern oder seine Sch-„ „Erstens bin ich nicht seine Schwester. Das haben wir doch schon geklärt", unterbreche ich ihn schroff. „Und zweitens, habt ihr ihn vor die Wahl gestellt….also versetz du dich doch nächstes Mal erst in seine Lage, bevor du ihn zu einer Entscheidung zwingst." Damit ist für mich das Thema vorbei. Anscheinend hat das auch Damien bemerkt, denn er sieht wieder stumm auf die Straße. Die nächste Stunde sagt keiner etwas. Die Stille ist unangenehm, aber niemand unternimmt etwas gegen sie. Als wir in einer für mich unbekannten Straße rechts ran fahren und aussteigen, stehe ich vor einem schäbigen Pub. Ungläubig hebe ich eine Braue. „Lass dich überraschen." Damit geht Damien rein. Widerwillig folge ich ihm. Drinnen ist ein komisches Licht. Ich sehe nicht genau, wo ich bin und wer um mich herum ist. Unbehaglich sehe ich mich um, dann folge ich Damien in die hinterste Ecke. Dort anspricht er mit einem Mann, In der Zeit versuche ich noch einmal mich umzusehen. Irgendwann zieht mich Damien am Arm weiter und wir stehen in einer Gasse. Der fremde man betrachtet die Mauer. Dann tippt er Steine an. /Was bringt das?/ Nochmal hebe ich eine Braue, verkneife mir jedoch ein Kommentar. Kurz darauf stutze ich. Die Mauer beginnt sich zu teilen. „Was-„, setze ich an, verstumme dann jedoch. /Klar, Zauberei./ Es fällt mir schwer zu glauben, dass es Zauberei gibt, aber irgendwie kann ich sie ja jetzt nicht leugnen. Zielsicher tritt Damien hindurch, gibt dem Mann etwas, was golden aussieht und winkt mir dann zu. Unsicher folge ich ihm. „Willkommen in der Winkelgasse" Er klingt feierlich, als ob ich begeistert sein soll. Hier laufen Leute in langen Umhängen herum und tragen spitze Hüte, wie in diesen alten Filmen. Ich muster alles ganz genau, ehe ich Damien einen vorsichtigen Blick zuwerfe. „Winkel-was?" „Winkelgasse." „Ahja." Nochmals mustere ich die Menschen hier. „Also gut. Du brauchst einen Kessel, Bücher, einen Umhang und ein Zauberstarb." „Was?" Nun starre ich Damien an. „Einen Zauberstarb?" Er nickt. „Wozu?" „Zum zaubern. Wie sollst du sonst Zaubern? Oder dich verteidigen?" Nun muss ich lachen. „Du denkst, ich renne mit einem Ast durch die Gegend und schreibe Leute an? Da ist ja sogar mein Wackelpudding gefährlicher!" Mit einem tiefen seufzen mustert mich Damien. „Wirst du diese Sache jemals ernst nehmen?" „Wirst du mir je sagen, was du im Auto sagen wolltest?" Wie ich darauf komme, weiß ich nicht. Aber es ist eine gute Gegenfrage, denn Damien stutzt. „J-Ja. Nachher. Zuerst besorgen wir dein Zeug." /Auf geht's, in die ‚Winkelgasse' o.ô/ Wir besorgen mir Schulumhänge und Kleidung, einen Kessel, Bücher und den Zauberstarb. Der Mann, bei dem wir ihn gekauft haben hat haufenweise davon, tut aber so, als sei meiner etwas Besonderes. Für mich ist es unklar und ich komme mir auch nicht sehr viel magischer vor, nur, weil ich einen Ast mit mir rumtrage. Damien hingegen ist total begeistert. Als wir an einem Tiergeschäft vorbeigehen, zögert er. „Warte." Mehr sagt er nicht und verschwindet rein. Hier alleine zu stehen, in dem Haufen von Freaks gefällt mir nicht. Und es dauert auch einige Zeit, bis Damien wieder auftaucht. Nervös wippe ich von einem auf den anderen Fuß und wieder zurück. Stolz hält mir Damien einen Käfig mit einer schwarzen Eule hin. „Das", präsentiert er stolz: „ist eine Schwarzfedereule. Es gibt sie nur in der Zaubererwelt und sie ist äußerst selten." Als ich ihn nur verwirrt ansehe, ergänzt er leise: „Und er gehört dir."