Kapitel 10 – Lura

Ungläubig sehe ich ihm in die Augen. Und auf einmal kann ich meine Gefühle nicht mehr verstecken. Tränen steigen in meine Augen und es fühlt sich an, als würde man alles an Luft aus meinen Lungen pressen. Ein beängstigendes Gefühl. Ich springe auf und renne auf die Tür zu. „Riley", vergebens ruft er nach mir. Die Tränen laufen meine Wange runter, als ich den Flur erreiche und mich eine Hand an der Schulter festhält. „Riley, hör doch bitte zu!" „Geh weg! Geh einfach weg!" „Riley, bitte. Ich-„ „Weißt du, was du mir angetan hast?" Weinend sehe ich ihn an, all meine Wut, Trauer und Angst im Gesicht. Er verstummt. „Ich kann es nicht fassen…du wusstest es. Die ganze Zeit! Und du hast nichts gesagt? Nichts? Wie kannst du nur? Und dann stehst du hier als wenn nichts wäre? Was in Gottes Namen tust du hier? Mia und Damien sagten, du seist NORMAL! Hörst du? N-O-R-M-A-L!" Warum ich so reagiere, weiß ich nicht genau. Ich weiß nur, dass ich mich so elend fühle wie damals. Mein Leben fühlt sich an wie ein Haufen von…Trümmern und Müll. Es ist, als hätte ich die gesamte Zeit in einer Lüge gelebt. „Damien und Mia haben was?" Lura hebt eine Augenbraue und sieht mich verwirrt an. „Du machst dir darum Gedanken?" Es versetzt mir einen Stich. „Du hast mich die ganze Zeit angelogen und mein Vertrauen missbraucht und willst nur das?" Genau sagen, was ich fühle, kann ich nicht, denn ich bin zu verwirrt und verletzt. Lura weiß genau, dass er die einzige Person war, der ich Vertraut habe. Und nur zu ihm habe ich das ‚L'-Wort gesagt. „Was haben sie gesagt", fragt er, diesmal mit mehr Nachdruck. „Kann dir doch egal sein!" Ich schreie, obwohl ich nicht möchte. Schnell sehe ich mich um, doch es ist niemand hier. „Weißt du was? Du redest nicht mit mir…okay. Dieses Spielchen können auch zwei spielen. Ich gehe jetzt essen." Wütend möchte ich an ihm vorbei gehen, doch ich schwanke, da mit meine Tränen die Sicht versperren und Lura fängt mich auf. Ich murmel leise ein „Fass mich nicht an" und gehe eilig weiter, zurück in die Halle. Lucy, James und ein paar andere sehen mich verwirrt an. „Was ist los?" Doch ich reagiere nicht und esse wütend und verletzt einen Pudding. /Wie du mir, so ich dir, Lura. Versprochen!/

Nachdem ich eine halbe Ewigkeit in dieser Halle warten musste, werden wir in den Gemeinschaftsraum gebracht. Lucy und James erklären mir eifrig, was man hier alles machen kann. Liam – der, der mir am sympathischsten ist – schweigt die gesamte Zeit über und mustert mich. Ab und zu lächelt er mich an, doch es erreicht seine Augen nicht. Allgemein wirkt er ehr kalt und zurückweisend. Ich stelle fest: Er gefällt mir. /Nein, ich werde mich nicht verlieben!/ Mein Blick gleitet über die roten Möbel. Eine Couch, zwei Sessel, die rote Tapete, die Tische in der Ecke und die passenden Stühle dazu. Ein roter Teppich auf dem Boden und ein goldenes Wappen über den Kamin. Auf dem Wappen steht ein ‚H' und ich schätze, es steht für ‚Hogwarts'. In unseren Saal gelangt man durch ein Porträt, dass sich ‚fette Dame' nennt. Albern, aber okay. Verwirrend ist, dass alle Bilder reden. Sie scheinen sogar richtig zu leben. Irgendwie muss ich mich erst an so etwas gewöhnen. Verständlich. Mit fällt ein, dass Harry mich noch einmal sehen wollte und meine Sachen auch noch bei ihm sind. „Du, James, wo liegt das Büro vom Schulleiter?" „Ach, von Dad? Weiter weg. Aber nur mit Lura kommst du da rein. Er kennt das Passwort." Innerlich seufze ich. „Mhmm." Schnell dränge ich mich durch den Raum auf Lura zu, der mit einem Mädchen redet. Dawn. /Schlimmer kann es ja jetzt nicht mehr werden, oder?/ Ich weiß genau, dass er eh nicht antworten würde, also frage ich direkt. „Bringst du mich zu Harry?" Dawn starrt mich an. „Du? Hier? Du?!" Laut ihrer St9imme hätte man meinen können, dass sie mit einer Ratte redet. „Nein. Ich bin bloß eine Projektion deines Unterbewusstseins." Genervt verdrehe ich die Augen und sehe Lura an. „Also?" „Wozu?" „Meine Sachen sind noch dort." „Die kannst du morgen holen." „Ich brauche sie heute?" „Ich hole sie dir…" „Harry wollte noch mit mir reden." „Das geht nicht!" „Warum?" Er verstummt. Warum will er nicht, dass ich zu Harry gehe? „Weil…ich mit dir reden muss. Du hattest doch vorhin Fragen" /Ach, jetzt willst du sie beantworten?/ „Die kannst du mir unterwegs beantworten. Es dauert ja eine Weile, bis wir da sind." „Zu kurz." „Wir laufen langsam." „Immer noch." „Wir trödeln extrem" „Nein." Ich muss mir ein Lachen verkneifen. Nun setzte ich auch ihm gegenüber meine Maske auf. Auch er darf mein inneres nicht mehr sehen. Nun hat nur noch der Hut dieses Privileg. „Riley…du verstehst nicht…" Ein Flehen in seiner Stimme sagt alles. „Dann gehe ich ohne dich." Bevor er etwas erwidern kann, drehe ich um und dränge mich durch den viel zu vollen Raum – oder viel zu kleinen Raum – nach draußen. Dort sehe ich erst nach links, dann nach rechts. Kurz zögere ich, laufe dann aber nach links und husche die Treppen hinab. Hinter mir brüllt Lura meinen Namen. Gewillt, ihn zu ignorieren, laufe ich weiter. „Riley, nun warte doch. Bitte!" Trotzdem laufe ich weiter. Erst als er neben mir ist werde ich kurz etwas langsamer. „Falsche Richtung, Rey." „Riley", zische ich ihn an und drehe sofort um. Dann laufe ich – schneller als vorher – in die entgegengesetzte Richtung. „Riley. Mia und Damien haben gelogen!" „Ach ne." „Ich meine noch mehr." „Ach ne!" „Auch ich kann zaubern." „Wirklich? Oh, danke. Da wäre ich jetzt nie drauf gekommen. Ich dachte, du wärst hier um mich zu stalken. Netter Hinweis. Thanks!" Mittlerweile fauche ich ihn nur noch an. „Weißt du was? Lass mich einfach. Ich will gar nichts mehr hören." „Doch, willst du. Das wissen wir beide." Ein Nachteil, wenn man jemandem vertraut: Die Person kennt dich. „Mia und Damien haben auch mich adoptiert." Mit fällt auf, wie ich Hoffnung schöpfe. /Nein. Lass es, Riley!/ Natürlich habe ich die grandiose Idee, er wäre doch mein Bruder. Doch nein. „Sie wollten mir eine Schwester besorgen, so haben sie dich adoptiert. Und dann…" „Egal." „Nein. Du bist etwas Besonderes. Und dieser Potter-„ – der Spott in der Stimme und das angeekelte Gesicht sagen alles – „-wird dich überreden wollen, besonderen Unterricht bei ihm zu nehmen. Er will dich zu einer Kampfmaschine machen. Nur weil so eine blöde Kristallkugel deinen Namen genannt hat!" /Was für eine Kugel?/ Verwirrung macht sich in mir breit. Doch ich will es ihm nicht zeigen. „Ich weiß", antworte ich stattdessen kühl. „Und genau das will ich auch." „Bitte…" „Vergiss es." Knurrend verdoppele ich mein Tempo erneut. Lura kann jedoch mühelos Schritt halten. „Riley. Du kennst ihn doch gar nicht…" „Ach, aber dich? Du bist doch auch ein Fremder. Du hast mich in einer Lüge leben lassen. 14 Jahre lang. Du hast es gewusst und nichts gesagt, nein, du hast dich sogar für mich eingesetzt. Weißt du was? Fahr zur Hölle!" Ich renne schon fast um die nächste Ecke und stehe plötzlich in den Armen eines Mannes mit langem schwarzem Haar und schwarzem Umhang. „Ah, Miss Blow. Ich fragte mich schon, ob man hier einen Kindergarten rein gelassen hat, doch das waren anscheinend Sie. Und Mr. Anderson? Nana. Ein Vertrauensschüler sollte man sich doch benehmen." Ein abfälliges lächeln kräuselt sich um seine Lippen und er funkelt uns an. „Mitkommen. Beide."