Kapitel 12 – Nachtwanderer
Nach ein paar Sekunden höre ich Schritt neben mir. „Wer-?" Schnell sehe ich auf. „DU? Was in Gottes Namen machst du hier?" Verwirrt starre ich in die braunen Augen. „Na was denkst du denn? Du tauchst hier auf und auf einmal ist Lura vollkommen…anders… Ich will wissen, wieso!" „Er ist dein Freund? Wo ist das Vertrauen hin?" „Vertraust du ihm denn?" Die Frage trifft mich wie ein Stich. „Ich…" Langsam wende ich den Blick ab. „Verschwinde, Dawn." Wütend will ich an ihr vorbei gehen. Doch sie hält mich an der Schulter fest. „Oh nein. Was ist an dir so besonders?" Reflexartig reiße ich mich los. „Kein Ahnung, okay? Ich weiß es nicht! Und jetzt lass mich!" /Lasst mich doch einfach alle!/ Ich will hier nur noch weg und renne fast aus dem Raum. Weg von diesem Ort, diesen Menschen…weg vom Leben. Wieder steigen mir Tränen in die Augen. Daher ich nicht weiß, wo ich hin soll, renne ich einfach los. Einige Zeit später stehe ich draußen, sehe in den Nachthimmel und wische meine Tränen weg. Was bitte tue ich hier? Ich müsste ganz normal zur Schule gehen, meine Eltern ertragen, das Leben und die Welt hassen…stattdessen sitze ich hier und kann nicht einmal mehr klar denken. Warum? Warum ich? Warum jetzt? Verwirrt sehe ich in den Himmel. /Was habt ihr getan?/ Damit meine ich alle. Meine echten Eltern, Mia, Damien, Lura, Dawn…alle. Niedergeschlagen lasse ich mich in das Gras fallen.
„Was machst du hier? Du wirst krank…" Ich sehe auf. „Was wollen Sie?" „Ich wollte mir dir reden", erinnert mich Harry. „Wissen Sie…mir ist nicht gerade nach ‚reden' zu Mute." „…Habe ich mir gedacht. Das muss alles furchtbar viel für dich sein. Kaum zu denken, wie hart es für dich ist." „Das Letzte, das ich will, ist Ihr Mitleid." Schroffer als ich wollte zische ich diese Worte. „Weißt du…ich habe keine Ahnung wie du dich fühlst. Aber ich weiß, dass es noch schlimmer wird." Mein Blick gleitet in sein Gesicht. „Riley…ich habe gehört, was du alles durchmachen musstest. Unglaublich, dass du nicht zusammengebrochen bist. Ich meine, da warst du fünf!" Stumm sehe ich ihn an. „Unglaublich. Und trotzdem stehst du hier…" „Lassen Sie das. Sie wissen gar nichts. Wie alle anderen. Sie reden immer und versuchen zu verstehen, dabei ist das, was Sie denken, ganz falsch. Leuten wie Ihnen kann man es nie klar machen. Das Sie es immer versuchen ist mir klar. Aber es wird halt nichts. Hat jemand Ihr Leben einfach nieder getrampelt?" Sprachlos sieht er mich an. „Sehen Sie. Also. Wenn Sie nichts dagegen haben sagen Sie jetzt einfach was Sie wollen und lassen mich dann." Er nickt. „Du brauchst Nachhilfe. Jeden Mittwoch bei mir. Passwort: Zauberdrops." Abwesend nicke ich. „Gute Nacht, Riley." „Nacht." Nachdem er weg ist, sitze ich noch eine Zeit lang da und sehe die Sterne an. Ein paar Minuten später erhebe ich mich und gehe rein. /Wo war der Raum?/ Hilflos sehe ich mich in dem riesen Haus um. „Rey…" Langsam drehe ich mich um und sehe Lura an. „Ich hab vergessen, wo der Raum ist." Grinsend wuschelt er mir durch die Haare und ich weiche zurück. „Komm mit." Wir laufen stumm nebeneinander. Bis wir im Raum sind. „Riley…es tut mir leid. Das ich dich verletzt habe und alles. Ich musste ruhig sein, ich wollte es dir sagen. Ich weiß, dass macht es auch nicht wieder gut, aber…ich werde mich bemühen. Weißt du…ich hab dir versprochen, ich werde vermeiden noch einmal solch einen Schmerz zu spüren…aber ich bin gescheitert. In Wahrheit habe ich dafür gesorgt, dass du noch einmal so fühlst. Also…gute Nacht." „Lura…deine Worte werden nie Entschuldigung genug sein…aber…sie sind ein Anfang." Ohne weitere Worte gehe ich in den Mädchenschlafsaal.
Die Sonne scheint durch die Fenster. Viel zu früh werde ich wach. Alle anderen schlafen noch. Zögernd schwinge ich meine Beine aus dem Bett und schnappe mir meine Uniform. Unter Tränen bin ich eingeschlafen, weshalb ich unbedingt duschen will. Das Geheule geht mir auf den Keks. Fertig mit duschen ziehe ich die Uniform an und ersticke meinen geschockten Schrei. Klar, Schuluniform ist immer an das Geschlecht angepasst aber… Geschockt sehe ich mein Spiegelbild an. In Jeans und Pullover sehe ich einem Menschen ähnlich. Doch die Uniform besteht aus Hemd, Krawatte und Rock. Ich sehe aus wie ein Mädchen. Ein richtiges Mädchen. So richtig zickig und alles. Der Rock ist schwarz und geht bis zu den Knien. Am Rand hat er einen roten Streifen. Das Hemd ist auch schwarz und die Krawatte ist rot, mit dem Löwen-Wappen darauf. Missmutig ziehe ich meine Kniestrümpfe an, die rot-schwarz gestreift sind. Dazu meine schwarzen Chucks. /Erbärmlich!/ So gehe ich in die Halle, wo ich meine Haare irgendwie in einen Knoten stopfe.
