Kapitel 14 – Märchenstunde

Ich wache schreiend auf. Dieses Mal liege ich in einem weißen Bett. Mein Kopf brummt und meine Hände tun mir furchtbar weh. Um mich herum herrscht reine Stille und alles liegt in Abenddämmerung. /Wie lange war ich weg? …und wo bin ich?/ Zögernd richte ich mich auf und betrachte alles um mich herum. Der Menschenleere Raum liegt einsam und verlassen in dem roten Licht der untergehenden Sonne. Ich bin mir nicht so sicher, ob ich mich überhaupt erinnern möchte. Mein Blick gleitet auf meine Hände, die mit Bandagen übersät sind. Doch langsam fällt mir alles ein. Das mit Scorpius und Lura. Mein Lehrer, der mich ‚gerettet' hat. Die Schmerzen und die Angst, die ich empfunden habe. Sofort geht mein Atem schneller und ich vergrabe meine linke Gesichtshälfte in meiner linken Hand. Ein Bein winkle ich an, das andere lass ich aus dem Bett baumeln. Auch mein Kopf ist bandagiert. /Was war nur los…/ Vorsichtig stehe ich auf. Mein Körper ist noch sehr mitgenommen, denn ich sacke in die Knie. Aber ich halte mich an einem Schrank fest, richte mich wieder auf und sehe mich um. Es ist nur das gleichmäßige Ticken einer Uhr zu hören. Tick… Tack… Tick… Tack… Wieder schüttle ich den Kopf. /Wenn ich diese Schule lebend verlasse, feier ich sogar meinen Geburtstag nach…/ Unter Schmerzen gehe ich einige Schritte auf die Tür zu, bis ich schwanke. Anscheinend leidet mein Gleichgewichtssinn auch sehr unter den Umständen. „Du solltest dich ausruhen." „Leichter gesagt, als getan…" „Ich weiß. Früher…lag ich hier auch oft. Ich glaube, das erste Mal nach meinem ersten Schuljahr. Ich glaube, du hast den Rekord gebrochen. Zwei Tage an der Schule und schon im Krankenflügel." „Wer hat mich hierher gebracht?" „Ach komm, das ist dir doch schon klar…" „Ja. Aber…" Verwirrt hebe ich die Augen und sehe mein Spiegelbild in den Brillengläsern von Harry. „Mir erscheint das ganze hier unrealistisch." „Mir auch. Und das soll was heißen." Er lächelt mich an, doch meine Miene bleibt unverändert. „Was war mit Lura los?" „Er…ich möchte erst mit dir über etwas anderes reden." Mit gesenktem Blick läuft er an mir vorbei zum Bett. Wie er das sagt, jagt mir eine Gänsehaut über den Körper. /Das heißt nichts Gutes…/ Humpelnd folge ich ihm und lasse mich auf meinem Bett nieder. „Ich weiß nicht, wie weit Mia und Damien alles erzählt haben, aber ich musste damals gegen Voldemord antreten. Er war einer…nein, er war der mächtigste, dunkle Zauberer, den es je auf dieser Welt gab." „Ich weiß. Seine Anhänger…töteten meine Eltern." „Genau. Ich habe ihn am Ende besiegt. Alles schien gut…" „…doch dann stellte sich heraus, das ein Teil seiner Seele ‚fliehen' konnte oder so. Jaja, bla, bla, bla, ich weiß." „Stimmt. Lange suchen wir schon diesen Teil. Aber…gefunden haben wir ihn nie. Dann aber…bekamen wir potentielle Schüler." Ich lausche auf. „H-Halt. Willst du sagen…d-das Lura…", doch ich breche ab. Alles, was ich wirklich hinbekomme, ist, Harry anzustarren. „Wie kannst du das behaupten!" „Hey, ganz ruhig… Wir haben nicht nur Lura im Verda-" „Nichts da! Lura ist kein böser Mörder! Er-", wieder breche ich ab. Vor meinem geistigen Auge taucht das Bild von Lura's Gesicht auf. Was auch immer da los war, dieser Junge war nicht Lura. Niemals hätte er jemandem weh getan. Oder ihn beleidigt. ‚DU wagst es…! Ich zerreiße dich, du elendes Miststück! ' Das hatte er zu Scorpius gesagt. Tick… Tack…. Tick… Tack… Die Schmerzen in meinem Kopf werden stärker. „Wenn dir etwas an Lura auffällt, sag mir bitte bescheid. Wenn er sich anders verhält oder…" Mir fällt sein Blick ein. Der Hass in seinen Augen. „…wenn er Dinge tut, die er noch nie getan hat…" Als Kind wollte er immer, dass ich mich sicher fühle. Noch nie hat er mir Angst gemacht. Außerdem hat er auch noch nie seine Stimme wirklich gehoben. Nein, er ist eigentlich das Gegenteil von mir. „…keiner kennt ihn besser als du." Nun sehe ich Harry wieder an. „Und wenn das Ding in mir ist? Wa dann? Hm? Ihr könnt das doch gar nicht wissen! Du kommst hier rein und bittest mich, meinen Bruder zu verraten? Hast du überhaupt Taktgefühl oder wie sich das Zeug nennt?" Meine Stimme wird lauter und ich starre ihn kalt an. Kurz seufzt er, dann steht er auf und geht. „Tut mir leid. Ich dachte, du besäßest soviel…Verstand und hilfst uns." Mein Blick heftet sich auf den Boden und Harry verlässt den Raum. Nun herrscht wieder Stille. Tack… Tick… Tack… Tick… Schuldgefühle überkommen mich. Harry hat nicht ganz unrecht mir dem, was er sagt. Seit dem ich hier bin benimmt sich Lura anders. Und das vorhin…als ob er besessen wäre! Gedankenverloren betrachte ich die Uhr. Tick… Tack… 18:54 Uhr… /Verdammt!/ Mir fällt mein Nachhilfeunterricht ein. Schnell springe ich auf, schwanke, greife all meine Sachen und ‚renne' los.

Als ich die Kerker betrete fällt mir auf, das es echt eisig hier unten ist. Trotzdem laufe ich weiter, bis ich den Raum finde, in dem ich heute Unterricht hatte. Zumindest hoffe ich das. Zögernd klopfe ich. „Ja." Die unfreundliche Stimme erkenne ich sofort. Also trete ich ein und sehe meinen Zaubertränkelehrer an. Neben ihm stehen Harry und Lura. /Falscher Zeitpunkt, würde ich sagen./ „Ähm, Verzeihung. I-Ich-" Harry sieht mich kurz an und lächelt. Prof. Snape wirft mir einen finsteren Blick zu und Lura ignoriert mich ganz. „Ah, Riley, komm rein. Wir entscheiden gerade, wie wir am besten mit dem Unfall des Vertrauensschülers umgehen." /Und was soll ich dann hier?/ Kurz räuspere ich mich, dann trete ich leise ein, schließe die Tür und lehne mich gegen diese. „Lura. Also hat Scorpius sie zuerst angegriffen?" „Ja, Sir." „Stimmt das, Riley?" Erwartungsvoll sieht mich Harry an. „Ich…ähm…kann mich nicht wirklich erinnern." „Hm…" Nun sagt Professor Snape etwas. „Ich bin mir sicher, unser Vertrauensschüler hat überreagiert. Es ging schließlich um seine Schwester." Genervt werfe ich Snape einen gereizten Blick zu, dann mustere ich Lura. /Hm. Im Normalfall würde er auf mich zukommen, mich fragen, wie es mir geht…/ Ich spüre Enttäuschung und schüttle das nervige Gefühl ab. „Gut. Dann wollen wir den Vorfall vergessen."Harry grinst und tritt zurück. Sofort setzt Lura sich in Bewegung und geht zur Tür. Als er vor mir steht, packt er mich am Arm und zieht mich mit raus. „Was soll das?" Verwirrt sehe ich ihn an. Durch den Druck, der entstanden ist, als er mich gezogen hat, schmerzt mein Kopf wieder mehr. „Was?" „Ich hab dir gesagt, du sollst nicht mit ihm reden. Nicht!" Ausdruckslos sehe ich ihn. „Wie bitte?" Sein Blick ist von Wut getränkt. „Ich weiß ja nicht was dein Problem ist, aber lass mich da raus, ja?" „Riley, das ist kein Spiel! Es ist mir ernst!" „Ja, mir auch? Also. Was ist mit dir los?" „Nichts. Wie bitte kommst du darauf?" „Du hast den Typ vorhin beinahe getötet. Hörst du? Getötet!" „Ich hab dir dein bescheuertes Leben gerettet, zählt das nicht?" Augenblicklich ist es still zwischen uns. Nachdem wir beide realisiert haben, was er gesagt hat, wird sein Blick weicher. „Tut mir leid, ich…-" „Achso? So ist das also. Mein beschissenes Leben…kein Problem. Ich sorge dafür, das du mich nie wieder beachten musst!" Schnell drehe ich um und gehe zurück in den Raum. /Was bitte ist mit ihm los?/ Drinnen steht nun nur noch Professor Snape. „Was wollen Sie, Mrs. Blow?" „Ähm…D-Ihr wolltet mir Nachhilfe geben." „Mit den Verletzungen? Wie wäre es, wenn Sie sich erstmal erholen?" „Ich glaube, es wäre besser, wenn ich so schnell wie möglich etwas lerne. Anscheinend sollte ich mich hier selbst verteidigen können." „Das können Sie doch auch gut ohne…Hilfsmittel." Mühsam halte ich inne. Eigentlich hat er ja recht. Aber nachdem, was ich gesehen habe… „Mir wäre dieses Ast-Rumgefuchtelte lieber." Er verstummt. Tick… Tack… Tick… /Von wo-?/ Mein Blick gleitet umher und ich suche die Uhr, die das Ticken von sich gibt. „Gut. Aber erst morgen." Nun sehe ich wieder meinen Professor an. „Na gut." Widerwillig gebe ich nach. „Noch etwas, Mrs. Blow?" Nervös kaue ich auf meiner Unterlippe. „J-Ja. Ich würde Sie gerne etwas fragen.""Und das wäre?" Ungeduldig betrachtet er mich. „Ich nehme an, Harry hat Sie eingeweiht. Also, was Lura angeht. W-Was denken Sie darüber? Wenn ich das fragen darf." „Hm." Während er sich hinsetzt und beginnt, verschiedene Texte von Schülern durch zu lesen, wirft er mir ab und zu einen Blick zu. „Ich glaube, es bedarf mehr…Beobachtung." Ich denke über seine Worte nach und nicke dann. „Danke." Danach drehe ich mich um und gehe zur Tür. Dort verharre ich noch einmal kurz. „Achja und…ähm…Danke, Professor." Bevor er hinterfragen kann, was ich meine, gehe ich raus. Harry lehnt an der Wand. „Und? Antworten bekommen?" „Nicht genug.", entgegne ich trocken. „Frag doch einfach einmal einen deiner…Freunde?" „Ich besitze keine Freunde!" Mit hartem Blick sehe ich ihn an. „Gewiss. Gut. Frag Basty." Dann geht er und lässt mich alleine im Gang stehen. /Basty?/ Kurz kratze ich mich am Kopf, doch dann bemerke ich, dass sich den Verband an meiner Hand rot färbt. /Toll. Ich hab die Wunde aufgekratzt…/ Müde gehe ich hoch. Das waren jetzt wohl die Anstrengendsten Tage, die ich je hatte.

Ich erreiche den Schlafsaal. Lucy sitzt auf ihrem Bett und sieht mich erschrocken an. Anscheinend hat sie auf mich gewartet. „Riley! Was ist passiert? Wir haben gehört, das du im Krankenflügel liegst, weil Lura und Scorpius sich um dich geprügelt haben!" Besorgt springt sie auf und umarmt mich fest. „Ich…was? Lass mich los!" Aber Lucy hört mir nicht zu. Nein, sie drückt mich fester an sich. Mühsam sehe ich zu ihr hoch. „Es war nur ein Unfall. Mehr nicht. Nichts von wegen Prügelei und wegen mir erst recht nicht." Ihr grinsen wird breiter. „Sicher? James hast du jedenfalls schon den Kopf verdreht." „Was? Wie bitte?" „Ja. Er sagt, er hat noch nie etwas so mutiges wie dich gesehen." Verwirrt sehe ich sie an. „I-Ich?" Nun bin ich ganz irritiert. /Wie schlimm wird der Tag denn noch?/ Entnervt lasse ich mich auf mein Bett fallen…und sehe den Brief mit Damien's Schrift. Und irgendetwas sagt mir, dass das nicht gut ist.