Kapitel 17 – Besenflug

Am nächsten Morgen beginnt mein Tag langweilig. Sehr langweilig. Meine Stunden ziehen sich durch ‚Geschichte der Zauberei' und ‚Kräuterkunde', erst danach habe ich Pause. Alle rennen in die große Halle. Mir ist bewusst, dass das der Raum ist, indem alle Schüler vereint werden sollen. Sie können reden, lachen und einander kennenlernen. Ätzend! Sie tuscheln und reden, tratschen und lästern, verbreiten Gerüchte ohne Ende. Müde lasse ich mich in meine ‚Stammecke' fallen und werde gleich darauf von James, Liam und Lucy umkreist. „Wisst ihr was ich gehört habe?" Lucy versucht Spannung aufzubauen, indem sie eine lange Pause lässt. Stattdessen sinkt das Interesse von mir und anscheinend auch von Liam. „Es gibt einen Ball! Einen Winterball!" Das sind tatsächlich…uninteressante Nachrichten. „Mit wem geht ihr hin, hm? Ich wette Liam wird von allen Mädchen gefragt!" Sie kichert aufgeregt und sieht dann James an. „Mir wem gehst du, James?" „Ist Damen- oder Herrenwahl?" „Herrenwahl." „Das war so klar! Immer müssen wir die Arbeit machen!" James regt sich sichtlich auf. /Vermutlich traut er sich nur nicht…/ Gelangweilt blicke ich durch die Halle, die Nachricht hat sich ja schnell verbreitet. Jungs gehen auf Mädchen zu, vertiefen sich in ein Gespräch, die Mädchen kichern, lachen verlegen oder gespielt und dann gehen sie wieder getrennte Wege. Mit entfährt ein seufzen. „Und mit wem gehst du, Riley?" „Mit keinem." „Du willst da alleine auftauchen?" „Nein, ich will da erst gar nicht hin." Damit stehe ich auf und verlasse die Halle. Die gute Lucy hat dafür kein Verständnis. Nicht mein Problem. /Warum sollte ich auf so einen blöden Ball gehen, wenn ich hier eh gerade einmal sieben Schüler oder so kenne?/ Kopfschüttelnd laufe ich die Halle hinunter, gehe hinaus auf die Ländereien und mache mich auf dem Weg zu ‚Pflege magischer Geschöpfe', mein nächstes Fach. Ich versuche die paar Minuten ohne andere Menschen zu genießen, das allein sein. Doch es scheitert in dem Augenblick, indem ich Lura und Dawn sehe. Die zwei streiten sich, schreien sich buchstäblich an. Und dann passiert etwas, das ich einfach nicht glauben kann. Nicht glauben will. Dawn erhält von Lura eine Backpfeife. Ihr Gesicht fliegt zu Seite, ihre Wange ist rot gefärbt und sie ist sichtlich genauso erstaunt wie ich. Die darauffolgende Stille ist beängstigend bis sich Lura vorbeugt und ihr etwas ins Ohr flüstert. Dann will er gehen. Schnell springe ich zur Seite, hoffe, dass er mich nicht gesehen hat und verstecke mich hinter einem großen Baumstamm, der meinen zierlichen Körper super versteckt. Zitternd beobachte ich, wie er zum Schloss hinauf geht. Sofort gehe ich zu Dawn. Egal wie sehr ich sie nicht leiden kann, das war zu viel. Nie würde Lura…Nie! Nein! Aber letztens… Ich schüttle den Kopf, will mir später darüber Gedanken machen. „A-Alles okay…?" Sie hockt auf dem Boden, muss den Schock verarbeiten. „Hast du das gesehen?" Stumm nicke ich, will ihr hochhelfen. „Er…sowas hat er noch nie gemacht." Ihre verwirrten und verängstigten Augen suchen die meine. Mit festem Blick sehe ich sie an, verdränge das flaue Gefühl in meinem Magen, wirke stark, als ob mich das alles nicht berührt. „Wahrscheinlich hatte er einen schlechten Tag…" „Einen schlechten Tag? Seitdem er wieder hier ist geht das nur so! Er wird brutal und aggressiv…seit dem du hier bist dreht er durch!" Damit reißt sie sich los, stolpert von mir weg und rennt den Weg zum Schloss hinauf. Allein bleibe ich zurück. Ihre Worte brennen in meiner Brust. Ein Schmerz, der sich tief in mich hinein frisst. „Meine…Schuld?" Verletzt sehe ich ihnen nach. Wenn das wirklich meine Schuld ist…was soll ich dann machen? Ich kann Lura nicht verlieren. Er ist alles für mich. Er war alles für mich. Egal wie sehr er mich verletzt, wie abweisend ich zu ihm war oder zu ihm bin…er ist und bleibt alles! Doch ihn zu verlieren…zuzusehen, wie er nichtmehr der Lura ist, den ich brauche… Ich schlucke. Versuche den Schmerz hinunter zu schlucken.

Die Stunde beginnt und ich komme zu spät. Meine Gedanken drehen sich immer noch und als ich mich zu Liam und James setze, ignoriert mich Lucy als wäre ich Luft. Mir recht. Bevor sie mich wieder mit Dingen volllabert, die mir egal sind, soll sie doch. Im Unterricht passe ich nicht ein Stück auf, ignoriere die Hinweise auf einen kleinen Test oder sonst etwas. Eigentlich will ich nur nach Hause. Von einem auf den anderen Tag wurde mein Leben so schwer, so anstrengend. Die Last, die ich nun dazu genommen habe, zusätzlich trage, zieht mich runter. Es ist alles so schwer. Und trotzdem zwinge ich mich durchzuhalten. Zwinge mich, mich hinzustellen und mir nichts anmerken zu lassen. „Heute sind Aufnahmeprüfungen. Kommst du auch?" James reißt mich vollkommen aus meinen Gedanken. „Aufnahme-was?" „Prüfung. Für unser Quidditchteam." Blinzelnd sehe ich ihn an. Es dauert einen Moment bis ich mich erinnere. „Dieses…Ballspiel?" „Ballspiel? Bist du verrückt? Das ist doch kein einfaches Ballspiel!" „Ist ja gut. Also das mit dem Schnatz und so?" Er nickt. „Ich…kann es mir ja einmal anschauen gehen…" Nun sieht Liam mich an, lächelt und nickt. „Du wirst es nicht bereuen, glaub mir!" Grinsend stehen James und Liam auf. „Wann und wo?" „Sei einfach in einer Stunde in der großen Halle!" Damit ziehen die beiden ab, Lucy folgt stumm. Alleine sehe ich ihnen nach, packe alles in meine Tasche und wende mich zum gehen. „Blow…soso. Wiedersehen macht Freude, was?" Scorpius steht mit seinen Freunden – ich glaube sie hießen Finnley und Micheal – vor mir uns grinst breit. Ich hingegen seufze genervt. „Du hast mir letztens ziemlich wehgetan. Und dann kam da noch dieser tolle Vertrauensschüler…und alles in allem ist das nur deine Schuld." „Und jetzt? Willst du es mir heimzahlen?" „Niemals. Ich schlage doch keine…Mädchen. Besonders nicht wenn sie eine so faszinierende Vergangenheit haben wie…du." Während er das sagt, läuft er um mich herum, streicht durch mein Haar und mustert meinen Körper. Mein Herz schlägt schneller. „Was denn bitte für eine Vergangenheit." „Nana. Tu nicht so als wärst du unwissend. Es ist leicht etwas über deinen Stammbaum heraus zu finden…" „Und was hast du bitte gefunden?" Nun legt sich seine Hand in meinen Nacken, packt fest zu. Energisch drückt er meinen Kopf etwas nach unten. Bei diesem Griff muss ich mich fügen…leider! „Ich sagte, du sollst nicht auf dumm tun!" Knurrend sieht er mich an. „Deine Familie ist schon etwas besonderes, aber das weißt du ja. Die Frage ist, warum du dann bei Blow bleibst…ist es dir…unangenehm?" ´"Ich bin keine Black!" „Oh doch. Du bist die Tochter einer Familie, die nur Schande gebracht hat. Sie allesamt waren Mörder und Heuchler. Kein Stück anstand floss in ihrem Blut. Und du bist der lebende Beweis, dass es sich durchsetzt. Ohne Anstand. Und ohne Familie. Wie einsam du doch sein musst, Riley." Wütend trete ich gegen sein Schienbein, vor Schreck lässt er mich los und ich drehe mich zu ihm, stoße ihn von mir. Er zieht seinen Stab, wie seine Freunde. Richtet ihn grinsend auf mich. „Nana! Wir wollen doch keinen Streit anfangen, oder?" /Diese verdammten Bäume gehen mir auf den Sack!/ „Hör zu. Wir behalten dein…'Geheimnis' für uns und du…tust eine Weile das, was wir sagen. Deal?" /Schlange!/ So hinterhältig. Wenn ich wüsste, dass es mir egal wäre als Black gesehen zu werden, würde ich ablehnen. Aber das ist es nicht. Ich bin ich. Riley Blow. Nicht Black. Ein normales Mädchen in einer normalen Familie. Widerstrebend nicke ich. „Geht doch." Lächelnd kommt er auf mich zu, streicht mir noch einmal durch die Haare und haucht in mein Ohr: „Ich freue mich auf deine Dienste." Dann küsst er mich auf die Wange und geht. Energisch wische ich über meine Wange, wische seine Berührung fort. Mir wird schlecht. Sehr.

Die Zeit, die ich in der Bibliothek verbracht habe, war angenehm. Ruhe, Stille, Frieden. Keine nervigen Menschen. Dann muss ich los, in die große Halle, wo Liam und James auf mich warten. „Wo ist Lucy?" „Lucy ist unsere Hüterin. Sie leitet das Team." „Und da meint ihr, komme ich in das Team?" Nun sehen beide verwirrt aus. „Naja…ja. Sie mag dich doch. Alles, was sie stört, ist die Tatsache, dass sie angesprochen wird ob du schon eine Begleitung für den Ball hast." Nun tauschen wir die Rollen, nun bin ich verwirrt. „Warum…was? Ach egal. Egal! Wollen wir?" „Ähm, klar." Wir laufen los. „Also das Spiel hast du verstanden, ja? Das Spielfeld ist sehr groß und ovalförmig. An zwei der Enden sind jeweils drei Torringe an Stangen 50 Meter hoch in der Luft angebracht. Rund um das Feld stehen die Tribünen, die ebenfalls sehr hoch sind, damit die Zuschauer alles gut überblicken können, okay?" „Ja." „Und…als was möchtest du dich bewerben? Die Hüter fliegen vor den Torringen hin und her, um zu verhindern, dass von der feindlichen Seite Tore geschossen werden. Jäger versuchen du zuwerfen den Quaffel in die Tore zu schießen. Sucher versuchen, den Schnatz vor dem Gegner zu fangen und Treiber sind ausgestattet mit schweren Schlagstöcken, um die Klatscher von ihrem Team fernzuhalten." „Um ehrlich zu sein….Treibe." Beide grinsen. Und auch um meine Lippen schleicht sich ein kleines grinsen. Als wir auf dem Feld ankommen, solle wir – alle, die sich neu bewerben was so um die 15 Schüler sind – zehn Minuten auf dem Besen bleiben. Es ist mein erster Flug, weshalb ich vorher Zeit bekomme, zu üben. Nervös starre ich meinen Besen an. Er ist geliehen und sieht nicht sehr stabil aus, geschweige denn von sicher. Aber gut. James erklärt mir alles und ich komme mir saublöd vor. Doch als ich tatsächlich in die Lüfte abhebe, den Boden unter mir vergesse und den Wind auf meinem Körper spüre, verstehe ich die Sehnsucht zu fliegen. Es ist atemberaubend.