Teil 1,5 - Ein Charr lernt fliegen
(Gastautor: Alpenwolf)


"Achtung, Achtung! An alle Quaggans: Aufgepasst! Die Asurakriegsmeisterin Dena is gerade in Löwenstein aufgetaucht." rief eine Stimme so laut, dass sie garantiert jeder in Löwenstein gehört hat. "Alle Quaggans werden gebeten, sich zu verkleiden oder schleunigst das Weite zu suchen! Fröhliches Halloween!"

"Na toll! Ich bin nicht einmal fünf Sekunden hier und schon hast du mir den ganzen Spaß verdorben, Amanda!" erwiderte ich verärgert. "Warum bin ich nochmal überhaupt hergekommen?"

"'Schätze mal wegen der Asura, die sich hinter dir versteckt?" antwortete die große, schwarzhaarige Norn grinsend, die heute wie ein Bierfass aussah, was in meinen Augen auch der einzige Sinn in ihrem Leben war - Bier zu trinken und dabei Spaß zu haben. Dass ihre Definition von Spaß üblicherweise das Abschlachten von Söhnen Svanirs beinhaltet, sei mal dahingestellt. Passenderweise standen einige riesige Fässer hinter und neben ihr. "Ansonsten wärsu doch gar net hier. Du bis doch auch keine Freundin von diesen... Menschenfesten. Und von dieser quagganverseuchten Stadt, wie du sie so gerne nennst, erst recht net." lallte die Norn.

"Und was ist mit dir? Wer hat dich denn jetzt mit genügend Bier bestochen, damit du die Quaggans vor mir warnst) Wenn ich mich recht erinnere, bist du doch selber kein Freund von diesen besseren Appetithappen, wie du sie so gerne nennst."

"Stimmt, ich mag sie auch net so... außer vielleicht gebraten, aber deine Abneigung gegenüber Quaggans is schon fast legendär. SO legendär, dass der gesamte Kapitänsrat keine andere Wahl hatte, als... Gegenmaßnahmen einzuleiten. Für den Fall, dassu dieses Halloween doch noch nach Löwenstein kommen solltest. Und solang ich so viel Bier krieg, wie ich will, stell ich mir einfach vor, dass das Asuras in Verkleidung sind. Du weißt schon, so wie - "

"Kein Wort mehr, oder dein Vorrat fängt gleich an zu brennen!"

"He, ganz ruhig. Wenn du weiter so schreien tust, rufst du noch den König der Flachwitze herbei."

"Der würde mir heute ja gerade noch fehlen. Und du sagtest, der gesamte Kapitänsrat?"

Die Norn nickte nur.

"Ich weiß jetzt nicht, ob ich mich beleidigt oder geehrt fühlen soll, dass sie so große Angst vor mir haben, dass sie schon meine eigenen Leute gegen mich verwenden müssen."

"Kann ich dir nicht sagen. Ich bin viel zu betrunken, um überhaupt meine eigenen Gefühle einordnen zu können! Hahaha!"

"Und inwiefern ist das jetzt was neues?"

"Ha, stimmt!" erwiderte die Norn nur lachend und öffnete dabei das nächste Fass.

"Mit was anderem kann man dich auch nicht bestechen, du lebendes Bierfass." seufzte ich kurzerhand. "Der Kapitänsrat hat wohl ausnahmsweise mal seine Hausaufgaben gemacht. Oder kam die Idee etwa von Evon, dem alten, goldbessesenen Möchtegern-Kapitän?"

"Kein Plan, wer die Idee hatte. Mir auch egal. Hab nur gehört, dass Evon sich als Geldsack verkleidet hat."

"Und was ist bei ihm daran eine Verkleidung?" erwiderte ich noch einmal, bevor ich mich in Richtung Portal umdrehte. "Und wie lange willst du dich eigentlich noch hinter mir verstecken, Desa?"

"Ach, DAS is Desa? Und DU erlaubst ihr wirklich, SO rumzulaufen?" erwiderte Amanda verwirrt. Ich konnte sie gut verstehen, aber es gab einen guten Grund dafür, der sie jedoch nichts anging. Den niemanden etwas anging.

"Nur zähneknirschend, Amanda, nur zähneknirschend." erwiderte ich, während meine Zähne knirschten.

"Wundert mich eher, dass es nicht 'nur unter Quagganleichen' bei dir heißt, Kurzbein." erwiderte eine weitere Stimme die mir gerade noch gefehlt hatte. Kaum, dass die Norn den "König der Flachwitze" erwähnt hatte.
"Und außerdem wundert mich, dass du deiner Begleitung dieses Kostüm erlaubst. Ich hätte gedacht -"

"Du konntest doch eh noch nie denken - " fing ich an, zu sagen, während ich mich wieder umdrehte, aber dann erblickte ich Razor in seiner ... Halloweenpracht. Sein Anblick brachte Amanda so stark zum Lachen, dass sie in ihren Stapel Bierfässer fiel und diese über den ganzen Platz verteilte. Was Desa machte konnte ich nicht sehen, da sie hinter mir stand. Wahrscheinlich war sie zu geschockt um überhaupt irgendwas zu denken oder zu machen. Zumindest ging es mir für ein paar Sekunden so. "Und was sollst du bitte darstellen? Das, was sich die Charr unter einem schlechten Witz vorstellen? Ach ne, das war ja deine normale Aufmache."

"Ich bin der Tod! Und zwar in pink! Ich wette, dieser Grenth - oder wie auch immer er heißt - ist gerade ganz schön neidisch auf mich. Jetzt hör schon auf, zu lachen, Amanda! "

Ich sah Amanda kurz hochgucken, als sie ihren Namen hörte, aber sobald sie Razor erblickte, fing sie wieder an, zu lachen und auf dem Boden umherzurollen. Dass dabei keins ihrer Fässer kaputtging grenzte an ein Wunder, aber wahrscheinlich waren diese Fässer magisch so verstärkt worden, dass sie ihre Kraft aushielten.

"Ja, das passt zu dir." erwiderte ich, woraufhin der große Charr glücklich hinter seiner Maske aussah. Ich verdrehte nur innerlich die Augen. Er sollte es doch mal langsam besser wissen. "Sobald dieser Bookah-Gott dich so sieht, wird er sich totlachen. Und du kannst dann seinen Platz einnehmen und alle Wesen auf dieser Welt allein mit deinem Anblick töten."

"Ach, halt die Klappe, Kurzbein. Deinen Humor hast du wohl bei deiner Geburt abgegeben." erwiderte der Charr grummelnd.

"Nein." erwiderte ich gelassen. Ich wusste ganz genau, wann ich meinen Humor verloren oder zumindest etwas davon eingebüßt hatte. "Und wenn du nur ein Wort über das Kostüm von Desa erwähnst, bist du gleich ein brennender, pinker Möchtegern-Gott." sagte ich, als ich einen meinen kleinen, handlichen und stets einsatzbereiten Flammenwerfer zur Hand nahm.

"Wäre ich dann wenigstens die Charr-Variante von König Thorn?" fragte er hoffnungsvoll, während ich mich leise fragte, ob er besoffen war. Wobei sich nicht einmal Amanda so blamieren konnte, wie er es oft nüchtern tat.

"König Thorn?" erwiderte da meine Schwester und trat endlich neben mich, anstatt sich hinter mir zu verkriechen. Sie guckte Razor genau an, musterte ihn von Kopf bis Fuß, während wir alle den Atem anhielten und warteten. Worauf, wusste ich nicht einmal genau, aber wir warteten auf irgendetwas "Und wo bleiben deine Witze? König Thorn soll die besten Witze auf Lager haben, aber von dir habe ich noch immer keinen gehört." erwiderte Desa todernst.

"Öhm, Witze?"

"Witz! Jetzt, sofort!" befahl meiner Schwester in einem Kostüm, worüber ich kein Wort oder auch nur einen Gedanken verlieren wollte, und starrte diesen Charr so furchtlos an, wie sie noch niemanden angestarrt hatte, vor allem keinen Charr! Zumindest nicht in meiner Anwesenheit!

"Hmm... na schön. Wie wäre es hiermit: Wie nennt man einen fliegenden Asura? Wurfgeschoss!" sagte der große Charr in pink und fing an zu lachen. Ich hielt mir nur vor lauter Fremdscham den Kopf. Auch Amanda hörte bei diesen Worten mit dem Lachen auf und blickte Razor - zumindest sah es für mich so aus - mitleidig an.

"Hat er das gerade ehrlich gesagt? Es gibt nicht genügend Bier auf dieser Welt, um mich betrunken genug zu machen, um DAS in ihrer Gegenwart zu sagen." sagte Amanda, der ich nur zustimmen konnte. Das hatte Razor sich nicht gut überlegt.

"Was denn?" fragte Razor, als er Amandas Aussage hörte. "Ich hab solche Witze schon oft in Denas Gegenwart von mir gegeben."

"Es geht nicht um mich - " begann ich zu sagen, aber meine kleine Schwester unterbrach mich, bevor ich den großen Char warnen konnte.

"Und jetzt habe ich einen schlechten Witz für dich. Wie nennt man einen fliegenden Charr?" fragte sie plötzlich Razor.

"Äh, keine Ahnung. Ein Ding der Unmöglichkeit?" war die Antwort des pinken Charrs.

"Nein, einen Witzbold." erwiderte Desa nur und drückte auf einen Knopf auf einer kleinen Fernbedienung, die sie plötzlich in der Hand hielt.

Razor kam noch nicht einmal dazu, zu blinzeln, da flog er schon durch die Luft und krachte lautstark gegen die nächste Wand. Man konnte über meine kleine Schwester sagen, was man wollte, aber Bomben basteln konnte sie. Was man auch an den leichten Rissen an der Wand sehen konnte. Sie starrte den Charr noch kurz voller Genugtuung an, bevor sie sich wortlos davon machte.

"Viel Spaß, Desa." rief ich ihr noch hinterher, war mir aber nicht einmal sicher, ob sie mich überhaupt gehört hatte. Verübeln konnte ich es ihr nicht einmal: Schließlich basierte Razors Witz auf einem Charr, der Desa mal als Wurfgeschoss - gegen ihren Willen, versteht sich - benutzt hatte. Seitdem war sie sehr empfindlich, was Witze anging, was möglicherweise auch der Grund für ihre Faszination von König Thorn war. So schräg das auch klingen mag.

"Willst du ihr nich hinterher?" fragte mich Amanda, als Desa kurz davor war, außer Sichtweite zu geraten.

"Nein, ich darf nicht." antwortete ich ihr ehrlich. "Ich habe versprochen, dass ich sie zwar nach Löwenstein begleite und zur Stelle bin, falls etwas passieren sollte, aber sie ansonsten alleine feiern lasse."

"Na, dann is ja gut. Ich geh mir mal n' Plätzchen suchen, wo ich meinen Rausch 'n bisschen ausschlafen kann, bevor der alte Thorn auftaucht. Hast du 'ne Idee, wo ich das am Besten machen könnte, hier in Löwenstein?"

Diese Frage war sowohl diskret als auch gleichzeitig auffällig von ihr. Ich wusste, dass sie sich bewusst war. wo Desa hingehen würde, denn schließlich war Amanda beim Orden der Gerüchte. Auch wenn man das der großen, fast allzeit besoffenen Norn nicht ansah. Aber ich entschied mich, mitzuspielen. "Tokks altes Sägewerk. Da sollte es zu dieser Zeit ruhig sein. Ich würde es dort probieren."

"Oh? Da war ich schon lange nicht mehr." erwiderte Amanda und stapelte ein paar dutzend Bierfässer sicher auf einander und trug sie davon, ohne besoffen auszusehen. Ich wusste ehrlich nicht, wie sie das machte: Soviel zu trinken und dann trotzdem nicht besoffen zu sein. Oder sie konnte ihre Trunkenheit einfach nur sehr gut verstecken.

Ich wollte mich schon davon machen, da wachte Razor wieder auf und ich erklärte ihm kurz was passiert war. Und ich riet ihm, was er alles in der Gegenwart meiner Schwester nicht tun sollte, wenn er nicht schon wieder eine böse Überraschung erleben wollte.