Teil II – Angst und Schrecken in Löwenstein
„Ach, Denngar, du siehst einfach umwerfend aus! Viel besser als diese doofe Rüstung." meinte Miranda und rückte den Ärmel am Denngars schwarzem Wams zurecht. Dieser schüttelte seufzend den Kopf. „In der Rüstung fühlt man sich wenigstens sicher, im Gegensatz zu dieser engen Kluft!"
„Oho, siehst du? Schon bist du viel wortgewandter. Graf Denngar! Klingt doch nicht schlecht."
„Was ist denn ein Graf? Noch ein Adelstitel von euch Menschen?" fragte Denngar genervt und zupfte an den blutroten Rüschen an seinem Ärmel, die ihn fast wahnsinnig machten.
„Ein Graf ist ein eher niedriger Adelstitel. Davon gab es früher etliche in Ascalon."
„Aha. Wie erfreulich. Da wirke ich ja recht blass, neben Euch, verehrte Fürstin Flammenblut." sagte er zum Scherz. Miranda grinste hämisch.
„Blass? Gut, dass du es erwähnst... für einen Vampir hast du noch zu viel Farbe im Gesicht. Das haben wir gleich." sagte sie fröhlich und öffnete eine kleine Dose mit einem feinen, hellen Puder darin. Denngar starrte sie an, als wolle sie ihn umbringen. „Das kann nicht dein Ernst sein! Nein, nein und nochmals nein! Bleib weg mit dem Zeug!"
„Halt still. Und mach die Augen zu, sonst wirst du es noch bereuen." warnte sie ihn.
„Versprichst du mir wenigstens, dass du aufpasst, dass davon nichts in meinem Bart hängen bleibt?"
„Natürlich, bei den Sechs und allen Geistern der Wildnis schwöre ich, dass ich deinen heiligen Bart nicht anrühren werden. Und jetzt Augen zu. Nicht bewegen."
Miranda verteilte das Pulver auf Denngars Gesicht, so dass es bald weißer war als ein verschneiter Tag in Hoelbrak. Als sie fertig war, holte sie ein schmales Stück Kohle hervor und malte ihm damit die Augen ein wenig an. „Was soll das jetzt werden?" fragte Denngar wehleidig.
„Vertrau mir."
„Hast du nicht gesagt, Vampire seien Untote? Warum schminken die sich dann?"
„Sie sind bleich, weil in ihren Adern kein Blut mehr fließt. Und die dunklen Augen lassen dich furchteinflößender wirken. So wie bei mir." erklärte sie.
„Du bist auch eine Frau." merkte Denngar an.
„Schön, dass du das erkannt hast." entgegnete sie sarkastisch.
„Das ist nicht gerade schwer."
„Halt den Kopf oben, mein Lieber, sonst siehst du gleich aus wie der Blutige Prinz."
„Mach ich." sagte Denngar kleinlaut.
„Fertig. Fehlt nur noch eines."
Denngar stöhnte verzweifelt. Miranda holte einen dunkelroten Stift aus Wachs hervor und sah Denngar mit einer Mischung aus Vorfreude und Häme an. „Miranda... nein. Auf keinen Fall."
„Keine Sorge, ich verpasse dir doch keinen Lippenstift. Nur etwas an den Rändern..."
„Du schuldest mir mindestens ein Fass Met für diese Sache..."
„Ich sorge dafür, dass du in Met schwimmen wirst, mein Freund."
„Ich nehm dich beim Wort... He, Vorsicht mit dem Bart!"
„Schon gut, schon gut. Hör auf zu heulen, du Riesenbaby. So, fertig." Miranda betrachtete ihr Werk. „Du siehst schaurig aus! Schaurig gut... Hier, sieh selbst."
Sie reichte Denngar einen reichlich verzierten Handspiegel. Denngar machte sich auf das Schlimmste gefasst. Und doch wurde er überrascht. Er schrie vor Schreck auf. „AHAHAHA! Meine Güte, bist du hässlich! So ein Gesicht sollte man hinter einem KÜRBIS verbergen!"
„Hast du dich etwa vor dir selbst erschreckt?" lachte Miranda. „Das nehme ich als Kompliment."
Denngar seufzte und entschied sich, ihr nichts davon zu erzählen, dass er nicht sich selbst, sondern wieder einmal König Thorn im Spiegel erblickt hatte. Er lächelte halbherzig. „Ja, in der Tat."
„Moment, ein letzter Schliff fehlt noch. Mach mal den Mund auf." bat ihn die Magierin.
„Was? Wehe, du stopfst ihn mir mit Candy-Corn voll!"
„Nicht doch, würdest du mir das je zutrauen?"
„Ja-AH! He, was zum..." Als er den Mund aufmachte, klebte Miranda ihm etwas an die Zähne.
„Ein Vampir braucht doch spitze Fangzähne. Keine Sorge, du wirst sie nicht mal spüren."
Denngar drückte mit dem Daumen an den künstlichen Zähnen herum. Er betrachtete noch einmal sein Spiegelbild.
Irgendwie fand er, dass er doch etwas Furchteinflößendes an sich hatte.
„Na, gefällt es dir etwa?"
„Du würdest es mir doch nie verzeihen, wenn ich nein sagen würde. Es sieht... gar nicht übel aus."
„Nicht übel? Ich hab mich für dich mächtig ins Zeug gelegt! Selbst der alte Thorn wird dich fürchten, warte nur ab."
„Bestimmt wird er das..." murmelte Denngar leise vor sich hin. Er wusste nicht, ob er sich das alles eingebildet hatte, oder ob ihm der Irrkönig tatsächlich einen Streich spielte. Bald würde er es wissen. „Es wird so langsam spät. Wollen wir aufbrechen... mein Graf?" fragte Miranda zwinkernd.
Denngar bot ihr die Hand dar. „Darf ich bitten?"
In Löwenstein scharten sich bereits die Feiernden und Kostümierten auf den Straßen. Selbst einige Mitglieder der Löwengarde waren verkleidet und mischten sich unter die Leute, natürlich mit einem stets wachsamen Auge. Alle warteten auf die Ankunft von König Thorn.
Denngar und Miranda gingen zur Plaza, an der früher der Löwenbrunnen stand, den Thorn bei seiner ersten Ankunft zerschmettert hatte. So sehr er spektakuläre Auftritte und Zerstörung liebte, sah er jedoch ein, dass er die Stadt nicht einfach zerstören konnte. Es war jedes Jahr der Höhepunkt von Halloween, und alle möglichen Besucher jeder Rasse kamen am Irrkönigstag nach Löwenstein.
Magistra Tassi von der Abtei Durmand war ebenfalls anwesend. Sie war nicht nur eine Expertin, wenn es um die Geschichte des Irrkönigs ging, sondern hatte auch dessen Rückkehr vorausgesehen und geholfen, ihn und seinen Sohn in die Schranken zu weisen. „Ein schauriges Halloween Euch beiden!" begrüßte sie Denngar und Miranda, während sie sich einen Kürbiskeks gönnte.
„Tassi, schön Euch zu sehen! Ich dachte mir schon, dass Ihr wieder vor Ort seid." sagte Denngar erfreut. „Irgendwelche neuen Erkenntnisse?"
„Meine Kru... ich meine, mein Forschungsteam von der Abtei hat herausgefunden, dass Candy-Corn in großen Mengen schädliche Auswirkungen auf den Körper haben kann. Wir haben das in mehreren... Feldversuchen getestet."
„Das hätte Denngar Euch letztes Jahr auch bestätigen können." warf Miranda als Seitenhieb ein.
„Jaja. Warum habt Ihr eigentlich kein Kostüm an?" fragte Denngar.
„Nun... eigentlich müsste ich antworten, dass ich gewisse Pflichten habe, was die Forschung betrifft, und mich den Feierlichkeiten nicht zu sehr hingeben sollte. Die Wahrheit ist, dass ich einfach keine Zeit dafür hatte. Ich hatte sogar schon eine brillante Idee... Vielleicht nächstes Jahr."
Plötzlich piepste etwas in der Nähe der Magistra. Sie tippte gebannt auf einem Gerät herum, dass sie um den Arm trug.
„Mein SPUK meldet sich... Das muss der Irrkönig sein!" rief sie voller Vorfreude. „Spuk?" fragte Miranda verwirrt. „Ist das eine Abkürzung?"
„Spektral-Plasmatischer Umgebungs-Koordinator. Er ortet die Anwesenheit von Geistern, Kreaturen aus den Nebeln und natürlich die des Irrkönigs und seiner Gefolgsleute!" erklärte sie stolz. „Da vorne, seht! Da kommt etwas aus dem Boden!"
Alle starrten gebannt auf den Boden, auf dem eine wabernde, helle Fläche erschienen war, die aussah, als würde jeden Moment etwas durch sie hindurch brechen. Tassi hielt den Atem an.
Eine Hand schob sich aus dem Boden. Der Arm folgte, dann der andere. Aus dem Boden brach eine große, gekrümmte Gestalt mit dunkler, faltiger Haut, die wie rissiges Leder aussah. Auf dem Kopf trug sie eine hohe, spitz zulaufende Stoffmütze, die ein wenig wie eine Krone aussah. Das Gesicht war fahl und außerordentlich hässlich, mit einer seltsamen Nase und einem metallenen Ring am Kinn. Die Gestalt sah beinahe wie ein untoter Zentaur mit menschlichem Körper aus. Sie rammte ihren Stab auf den Boden und lachte finster und krächzend auf.
„Erzittert vor mir, ihr sterblichen Würmer! Die Geißel von Elona ist gekommen, um dieses Land zu unterwerfen!" brüllte das Wesen.
„Die Geißel von Elona? Pa... Palawa Joko?" stotterte Miranda. Denngar hätte schwören können, dass sie leicht zitterte. Der Untotenfürst lachte kühl und beäugte die Magierin. „Kluges Mädchen! Ich werde Euch vielleicht verschonen, dafür, dass Ihr mich sofort erkannt habt!" krächzte er. Denngar stellte sich schützend vor Miranda und sah Palawa Joko finster an.
„Ah, aber ich bin geduldig! Warum warten wir nicht ab, bis mein alter Freund Thorn auftaucht? Es ist zu lange her, dass ich seine fürchterlichen Witze vernehmen durfte! Oder hat er etwas Angst vor mir?"
Miranda bemerkte etwas Ungewöhnliches an dem vermeintlichen Untotenfürst. Eine Stelle an seinem Arm war dunkler als der Rest, und an den Rändern sah es so aus, als wäre etwas auf den Arm aufgetragen worden. Auch die Stimme hörte sich nicht ganz überzeugend an.
„Aber wie seid Ihr an Kralkatorrik vorbei gekommen?" fragte sie ihn selbstsicher. Er drehte sich überrascht zu ihr um. Er lachte, deutlich unsicherer als zuvor. „Ein Drache ist keine Herausforderung für jemanden, der so alt und mächtig ist wie ich! Ich habe Elona bereits zwei Mal unterworfen, da wird Eure Heimat auch kein Problem darstellen..."
Auch in der Menge flüsterten einige Leute sich etwas zu und beobachteten das Spektakel mit zunehmender Unsicherheit.
„Aber wer befehligt dann Eure Streitmacht? Wer verhindert, dass Kralkatorrik in Eurer Abwesenheit Elona erobert?" fragte sie lächelnd. ''Palawa Joko'' zögerte.
„Ich... habe genug Generäle in meiner Armee der Toten! Selbst Zhaitan hätte mir nicht das Wasser reichen können!" prahlte er. Miranda wusste, dass er in der Falle saß. „Stimmt, das habt Ihr auch bewiesen, als Ihr durch die Kristallwüste marschiert seid und Ebonfalke erobert habt! Ein schwerer Schlag für uns, aber zweifelsohne eine taktische Meisterleistung!"
„Habe ich... Natürlich! Ihre jämmerlichen Mauern konnten meiner Armee nicht standhalten!"
„Erwischt! Palawa Joko hat Ebonfalke nie erobert. Aber das konntet Ihr ja nicht wissen, Djurai."
Die Menge schwieg entsetzt. Seufzend nahm der Widergänger seine Maske ab. „Wie..."
„Orden der Gerüchte, schon vergessen? Wir sind mindestens so gerissen wie noch vor 250 Jahren."
Denngar sah in die enttäuschten und teils wütenden Gesichter der Leute, die den Hochstapler wütend anfunkelten. Er fing schnell an, begeistert Beifall zu klatschen. Zu seiner Erleichterung schloss sich die Menge schließlich an und jubelte dem Widergänger für seine überzeugende Darbietung zu. Er lächelte und verbeugte sich, bevor er Miranda auf die Schulter klopfte. „Gut gemacht. Jurah wäre stolz."
„Wie fühlt man sich, als der Untotenfürst verkleidet, durch dessen Hand man umgekommen ist?"
„Ich bin darüber hinweg. Er wird sich noch früh genug wundern, wenn ich wieder vor seiner hässlichen Visage auftauche."
Denngar begrüßte Djurai mit einem Händedruck. „Keine schlechte Vorstellung! Wie habt Ihr das mit dem aus dem Boden auftauchen gemacht? Wiedergänger-Magie?"
„In der Tat. Ich kann mich für einige Zeit durch die Nebel bewegen. Nur kann es etwas schmerzhaft werden, wenn man mal stecken bleibt... sehr schmerzhaft."
Aus der Menge, die wieder etwas ruhiger und lichter geworden war, kamen zwei weitere bekannte Gesichter auf die Gruppe zu.
„He, Denngar, wie siehst du denn aus?" lachte einer der beiden.
Denngar erkannte das hämische Lachen des Charr sofort. Ebenso erkannte er ihn an der Farbe seines Kostüms, das an einen Sensenmann erinnerte: ein knalliges Pink. „Das selbe könnte ich auch dich fragen, Razor! Ist das dein Ernst? Mit der Farbe jagst du wirklich jedem einen Schrecken ein. Hallo, Dena! Und du hast gar kein Kostüm?"
Dena schüttelte den Kopf. „Ich feiere doch keinen Bookah-Feiertag! Dazu noch einen, der so bescheuert ist. Nicht persönlich gemeint, Miranda."
„Schon gut. Nicht jeder ist eben in Feiertags-Stimmung." sagte sie und wandte sich beim letzten Teil Denngar zu.
„Was denn? Und außerdem hat sie das Kostüm ausgesucht, nicht ich." sagte er zu seiner Verteidigung.
„Und was genau ist deine Verkleidung? Du siehst aus wie ein Norn, der zu viel gesoffen hat!" lachte Razor.
„Diesen Norn will ich mal sehen." erwiderte Dena.
„Er ist ein Vampir!" erklärte Miranda. „Er muss so bleich sein. Aber ich muss sagen, die Farbe von deinem Kostüm gefällt mir irgendwie, Razor!"
„Danke, Miranda! Siehst du, Dena? Sie hat eben Geschmack."
„Sie ist auch eine Adlige..." meinte die Asura.
„Und ihr Outfit sieht viel besser aus als deine klobige Wachsamen-Rüstung!"
„Der Nutzen hat Priorität. Aber warum versuche ich eigentlich, dir das zu erklären?" seufzte Dena.
„Außerdem brauchst du bei deiner Größe wesentlich weniger Material. Das meine ich als Kompliment." fügte Miranda hinzu.
Dena lächelte. „Danke. Noch ein weiter Punkt, in dem wir Asura euch Bookahs überlegen sind. Und mit Bookahs meine ich euch zwei tollpatschigen Riesen."
„Ganz recht, wir sind zwei große, furchteinflößende Booooookaaaahs! Wuaaaaaah!" brüllte Razor. Einige drehten sich zu dem Charr um, doch niemand schien ihm groß Aufmerksamkeit zu schenken. Brüllende Charr waren keine Seltenheit, schon gar nicht an Halloween. „Das kannst du doch besser." meinte Denngar herausfordernd. Razor wartete auf eine Gelegenheit, es ihm zu beweisen. Wie es der Zufall wollte, zupfte jemand plötzlich an seinem pinken, zerfledderten Mantelsaum.
„Sss...süßes oder Saures!" stotterte eine kleine, rundliche Gestalt unter einem Laken, das zwei Löcher hatte, unter dem die Augen eines Quaggan hervor lugten. Der kleine Quaggan hielt Razor eine beinahe leere Tüte hin. Razor stieß das lauteste und zornigste Brüllen aus, das seine Lungen hergaben. Der Quaggan fing an zu zittern wie bei einem Erdbeben und wimmerte leise.
„Ach, verdammt. He, Kleiner. Tut mir leid!" entschuldigte sich Razor und kniete sich hin. Er hob seine Pranke, die in einem äußerst überzeugenden Knochen-Handschuh steckte, und jagte dem Quaggan damit noch mehr Angst ein. Der Kleine fing an, zu weinen. Razor fühlte sich schlecht. Denngar ebenfalls, da er Razor mehr oder weniger dazu angestiftet hatte. Nur Dena prustete und biss sich auf die Zunge, um nicht in Gelächter auszubrechen. Miranda ging zu dem Quaggan hin, legte ihre Hände auf seine Schultern und flüsterte ihm aufmunternd zu.
„Schon gut, schon gut. Keine Sorge, er hat nur gebrüllt, weil er Angst vor dir hatte. Hier, ich hab hier was Süßes für dich! Aber nicht alles auf einmal, ja?"
Sie nahm eine großzügige Portion Süßigkeiten aus ihrer Tasche und füllte die Tasche des Jungen damit bis fast obenhin. Er hörte sofort auf zu weinen und starrte unfassbar glücklich auf die Süßigkeiten. „Uuuuu... Danke! Ihr seid spitze! Quaggan mag Euch."
„Sie hat recht. Ich hatte wirklich Angst vor dir!" log Razor.
„Wirklich? Kuuu... ich meine: Buuuuuhuuu!"
Razor tat so, als würde er sich vor dem Quaggan erschrecken. Denngar lachte heiter, Dena fasste sich nur seufzend an die Stirn. Djurai, der sich wieder seine Palawa Joko-Maske aufgesetzt hatte, schaut immer wieder in die selbe Richtung, als würde er jemanden beobachten.
„He, Miranda! Hast du den Kerl da hinten gesehen? Der mit den langen Haaren in dem roten Ledermantel?" fragte er die Magierin. Sie sah sich um. Der Mann war kaum zu übersehen, geschweige denn zu überhören. „Ja. Soll das etwa... Shiro Tagachi sein?"
„Er hat sich ziemlich viel Mühe gegeben. Ich muss es wissen, ich habe gegen den echten Shiro gekämpft... oder vielleicht war es auch nur ein Dämon, der so ausssah. Ich habe mitbekommen, wie er mit der Löwengarde aneinander geraten ist, weil er echte Schwerter dabei hatte und damit herum gefuchtelt hat."
„Moment, du hast gegen Shiro gekämpft?" fragte Miranda entgeistert.
„Gegen ihn und einen Lich. Gleichzeitig. Es war... ziemlich knapp." erzählte der Widergänger, als wäre es keine große Leistung gewesen. „Auf jeden Fall ist der Kerl da drüben ziemlich überzeugend. Er hat sogar irgendetwas auf canthanisch gebrüllt. Und die Narben... gäbe es einen Kostümwettbewerb, hätte er gute Chancen. Wie dem auch sei, wann kommt eigentlich Thorn? Ich habe ihn seit einem viertel Jahrtausend nicht mehr gesehen. Ich hoffe, er hat ein paar neue Witze..."
„Du hast Thorn... Ach, warum frage ich überhaupt noch. Waren seine Witze damals schon so schlecht?"
Djurai riss entsetzt die Augen auf. „Bist du lebensmüde? Wenn das der Irrkönig hört..."
Miranda zuckte gelassen mit den Schultern. „Er ist noch nicht mal hier."
Plötzlich bemerkte Miranda, wie der Boden unter ihr von feinen Rissen durchzogen wurde. Die Risse trafen sich in der Mitte der Plaza. Grünliches Licht schimmerte aus ihnen hervor, und man konnte das Geräusch von zerbrechendem Stein hören. Der SPUK von Magistra Tassi piepste laut und wild wie ein Alarm. „Endlich! Der Irrkönig kommt!" jubelte sie. Und sie hatte recht.
Der Boden brach auf und ein riesiger, wirbelnder Strudel tat sich dort auf, aus dem schwarze Schemen mit unheimlichem Geheul hervor geflogen kamen. Und dann stieg der Irrkönig Thorn herab, mit vor der Brust verschränkten Armen und grimmig drein blickend.
„Welches von euch Spatzenhirnen war lebensmüde genug, meine Witze als... schlecht zu bezeichnen? Na? Freiwillige vor! Oder muss ich euch ALLESAMT HINRICHTEN LASSEN?"
Miranda schluckte. Ihr schlotterten die Knie. Denngar gesellte sich neben sie, doch sie nahm ihren Mut zusammen und trat vor.
„Ich war es, Eure königliche Hoheit! Ich bitte untertänigst um Vergebung!" sagte sie und ging demütig vor ihm auf die Knie. Er ging näher an sie heran.
„Was haben wir denn hier? Schon gut, erhebt Euch." sagte Thornm auf einmal ganz ruhig. Miranda gehorchte seinem Befehl und stand auf.
„Ich mag Euer Kostüm. Aber was soll das sein? Eine Mischung aus Ziege und Harpyie?"
Einige lachten leise. Thorn drehte sich zornig um und ließ die Flammen aus seinem Kürbis bedrohlich auflodern.
„Habe ich gesagt, dass ihr lachen sollt? SCHWEIGT!"
Es kehrte Totenstille ein. Thorn wandte sich wieder Miranda zu.
„Ihr habt zwar keinen Sinn für Humor, wenn Euch meine Witze nicht gefallen, aber Ihr seid trotzdem... außergewöhnlich. Was sagt Ihr? Wollt Ihr mit mir in mein gemütliches Reich des Wahnsinns kommen und meine Ehefrau Nummer Sieben werden?" schlug er ihr vor.
Sie wusste nicht so recht, ob er einen Scherz machte, oder ob er es tatsächlich ernst meinte.
„Ich... also... es ist... Moment, Nummer Sieben? Hattet Ihr nicht acht Ehefrauen, mein König?"
„Was? Äh... lasst mich mal überlegen. Lyrica, die habe ich meucheln lassen. Prinzessin Zola... bei lebendigem Leibe verbrannt. Estrella habe ich in einen Sarg voller Ratten gesteckt und im Meer versenkt. Oh, wie sie geschrien hat, einfach wundervoll. Henrietta wurde von Eddie an einen Lindwurm verfüttert. Ich war ja so stolz auf ihn! Zum Geburtstag hat er den Kopf seiner Mutter auf einem Silbertablett bekommen, denn das hatte er sich all die Jahre gewünscht! Hahahaha!"
Während Thorn in Gedanken versunken war, versteckte sich Miranda hinter Denngar. Thorn ließ den Blick über die Menge schweifen und erkannte einen alten Bekannten unter ihnen. „Joko? Bist du's wirklich, du vergammelter, alter MISTKERL? Ist das ewig her, dass ich deine hässliche Visage ertragen musste! Komm her und lass dich von deinem altem Freund erwür... ich meine umarmen!"
Djurai wusste nicht, ob er sich schleunigst aus dem Staub machen oder die Situation ausnutzen sollte. „Thorn! Ich hatte gehofft, dein Kürbis wäre mittlerweile schon verrottet, du geisteskranker Schalk! Wo hast du die letzten Jahrhunderte gesteckt?" krächzte er, wieder in seiner Rolle als Untotenfürst. „Hast du die Zeit wenigstens genutzt, um dir ein paar neue Witze einfallen zu lassen?"
„Natürlich. Wie gefällt dir der hier: Wie nennt man einen Untoten, der sich mit einem verrückten Geisterkönig anlegt? BALD GANZ TOT! Ihr könnt ruhig lachen. LOS, LACHT!"
Die Menge lachte, darunter auch Denngar, Razor und Dena. Alle außer Djurai. Er hatte nichts zu lachen. Er musste sich etwas einfallen lassen. Am besten konterte man einen Witz mit einem noch besseren Witz. „Dafür, dass du einen Kürbis auf den Schultern hast, haben deine Witze aber wenig... Biss."
„Uuuh, wie einfallsreich! Du hast nachgelassen, alter Feind. Hat Kralkatorrik dir etwa einen Tritt in deinen untoten Hintern verpasst? Aber warum bist du überhaupt in Tyria? Wird es dir in deinem Land so langsam zu... öde? HAHA! Was ist los? Hat den Witz keiner von euch verstanden? Das ÖDLAND. Ach, vor 250 Jahren war das Publikum noch nicht so ungebildet. Die gute, alte Zeit!"
„Ich glaube, da könnten wir uns tatsächlich einig sein. Ausnahmsweise." sagte Djurai. In seiner normalen Stimme. Thorn starrte ihn überrascht an.
„Oh... Ich meine..." krächzte er, doch dadurch brachte er sich selbst zum Husten. So sehr, dass ihm die riesige Mütze mitsamt der Maske herunter fiel. „Hoppla..."
Thorn verschränkte enttäuscht die Arme vor der Brust. „So, so. Wolltet Ihr also den guten alten Thorn reinlegen. Wisst Ihr, was die Strafe dafür ist, dem Irren König einen Streich zu spielen?"
„In einen Sack mit Candy-Corn gesteckt, verprügelt und anschließend gevierteilt werden?"
„Was? Richtig, woher wisst Ihr das? Halt, jetzt fällt's mir wieder ein. Damals in Kamadan! Ihr wart der Derwisch, der mich zum Lachen gebracht hat! Ahaha, und Ihr habt es erneut geschafft! Vielleicht solltet Ihr mein neuer Hofnarr werden. Wo wir schon bei Narren sind, wo steckt eigentlich unser guter alter Kommandeur. Ist er DENN GAR nicht hier? AHAHAHA!"
„Ich bin hier, Thor... König Thorn." sagte der Norn gezwungen und verbeugte sich.
„Ich hoffe, ich habe dich vorhin nicht zu sehr erschreckt. Hehehehe."
„Ich wusste doch, dass ich mir das nicht eingebildet habe!"
„Tatsächlich? Ich dachte, die einzige Bildung, die ihr Norn hättet, sei die EINBILDUNG! HAHA!"
Die Menge lachte, bis auf einige Norn. Auch Miranda, Razor und Dena konnten sich das Lachen nicht verkneifen.
„Aber genug auf den Norn herum getrampelt. Die Asura eignen sich viel besser dazu!" Diesmal war es Dena, die nicht lachte. Zum Glück übersah sie der Irrkönig.
„Wenn man einen Asura mit einem Norn kreuzt, hat man dann einen bärtigen Winzling? Kommt schon, wir brauchen einen Ersatz für die Zwerge! Es wird zwar ein langer und STEINIGER Weg, aber wir schaffen das bestimmt! Hohoho, ich wusste, dass die Zwergenwitze noch immer der HAMMER sind!
Wen haben wir noch, mal sehen... die Ascalonier! Ach, stimmt ja. Sind ja alle tot! Wie wäre es mit einem Witz über die Orrianer? Das wäre doch mal... Orr-iginell! AHAHA! Vergesst nicht, Luft zu holen, bevor ihr euch noch alle TOTLACHT! Ach ja, wie das eine Mal, als dieser Ritualist vor lauter Lachen von der Klippe gestürzt ist. Er war von allen guten GEISTERN verlassen! Ach, die Ritualisten gibt es ja auch gar nicht mehr. Schade. Lass mal überlegen...
Wie nennt man einen Krieger, der mit einer Fackel kämpft? HIRNVERBRANNT! Moment, was?! Das gibt es schon? Wer hat sich denn den Schwachsinn ausgedacht? Ein Krieger mit Feuer in der Hand... Das geht nicht gut aus! AHAHAHA! Trahearne, wo steckt Ihr denn? Ich glaube, er kann meine Witze schon nicht mehr hörn'! HAHA! Kein Wunder, dass der Pakt nichts auf die Reihe kriegt, wenn sein Marschall ganz GRÜN hinter den Ohren ist! Letztens habe ich meinen Koch gefragt, warum mein Salat denn so laut schreit. Er meinte: Das ist nicht Euer Salat, mein König, sondern mein Küchengehilfe! Na ja, mein Koch war eben ein Charr. Da kann es schon mal vorkommen, dass man ein Haar in der Suppe findet. Oder manchmal einen ganzen Kopf! Aber er hat nicht verstanden, was gut durch heißt, also habe ich es ihm gezeigt! Wenn es eines gibt, was die Charr außer dem Töten und Stinken beherrschen, ist es das Brennen!
Mann, die ganzen Witze haben mich verdammt hungrig gemacht! Ich hätte Lust auf einen kross gebratenen Quaggan am Spieß! Und für meinen Sohnemann eine Handvoll Candy-Corn! Muahaha! Der kleine Eddie hat dieses Jahr Hausarrest. Er war böse und hat versucht, meine Rückkehr aufzuhalten. Also meine jährliche Rückkehr meine ich natürlich. Aber stell euch doch nur einmal vor, wie wundervoll es wäre, das ganze Jahr Halloween zu haben!"
„Bei der Ewigen Alchemie, bloß nicht..." flüsterte Dena vor sich hin. Plötzlich richteten sich ihre Ohren auf. Das Gerät von Magistra Tassi piepste die ganze Zeit schon, doch es ging unter Thorns Witzen und dem Gelächter der Massen unter. Dena selbst hatte lautstark über den „Witz" mit dem gebratenen Quaggan gelacht. Aber etwas stimmte nicht. Das Portal in der Mitte der Plaza schien ständig in Aufruhr zu sein. Tatsächlich verschwanden die schwarzen Schemen, die aus dem Reich des Wahnsinns kamen, nicht einfach. Sie mischten sich unter die Feiernden.
„Nun wird es Zeit für den krönenden Abschluss! Ihr wisst, was das heißt, nicht war? Der Irrkönig sagt: STIMMT MIR ZU!"
Alle nickten oder hielten den Daumen nach oben. Alle, ausnahmslos.
„So gefällt mir das. Wisst ihr, was passiert, wenn mir etwas nicht gefällt? Na? Schlottern euch schon die Knie? Dann KNIET lieber nieder!"
Niemand kniete sich hin. Außer Razor. Der Irrkönig schleuderte ihn zu Boden. „Autsch. Immer wieder fall ich drauf rein!"
„Ehehehe. Seht ihn euch an, wie er da liegt. Der Verrückte König sagt: LACHT!"
Hämisches Gelächter erschallte. Dena sah sich in der Menge um, künstlich lachend, um den Zorn des Irrkönigs nicht auf sich zu ziehen. Sie bemerkte, wie noch jemand nicht lachte. Ein Charr. Plötzlich flog ein schwarzer Schatten an ihm vorbei. Nicht nur an ihm vorbei, sogar mitten in ihn hinein. Er zuckte kurz, schüttelte den Kopf und lachte dann plötzlich laut los und zeigte auf Razor.
„Tassi, hier stimmt etwas nicht. He, Tassi! Magistra, hört Ihr mich?" sagte Dena leise und schüttelte die Asura an den Schultern. Sie sah sie benommen an. „Muss... lachen. Haha. Ha. Was... Schnell, das... Gerät... An meinem Arm. Aktiviert es. Muss lachen. Hahaha." sagte sie monoton, wie in Trance. Dena aktivierte das piepsende Gerät und wurde von einem aufblitzendem Licht geblendet. Plötzlich war die Asura wieder bei Sinnen.
„Er lässt seine Diener Besitz von uns ergreifen! Wir müssen ihn aufhalten!"
Denngar hatte mitbekommen, was vor sich ging. Er konnte sich gegen Thorns Macht wehren. „Ich lenke ihn ab. Miranda? Miranda, komm zu dir!"
„Pssst. Keine Sorge. Pass auf, er schaut zu uns her. Einfach mitspielen." flüsterte sie besorgt.
„Ein voller Erfolg, dieses Fest, meinst du nicht auch, Denngar? Aber einen Witz habe ich noch, bevor ich mich verabschieden muss. Wie nennt man es, wenn ein Kommandeur entführt wird? FÜHRUNGSWECHSEL! Euer Verrückter König sagt: PACKT IHN!"
Die Menge ging auf Denngar und seine Freunde zu. Ganz Löwenstein schien unter der Kontrolle des Irrkönigs zu stehen.
„Sie werden Euch nicht kriegen, Kommandeur!" versicherte ihm Tassi, doch die Leute hatten sie umzingelt. Bevor auch nur einer von ihnen reagieren konnten, wurden auch sie gepackt. Der Widergänger Djurai war einfach verschwunden. Denngar hoffte, dass er rechtzeitig entkommen konnte. Er wollte sich wehren, doch seine Faust stoppte, als er den Norn erkannte, der ihn festhielt. „Magnus? Verdammt, selbst Euch hat er unter seiner Kontrolle? Kommt zu Euch!"
Kapitän Magnus packte Denngar und hob ihn mit der Hilfe einiger anderer in die Höhe. Er hätte sich vermutlich noch wehren können, aber er wollte nur ungern die unschuldigen Bürger von Löwenstein verletzen. Sie trugen ihn zu dem Portal in der Mitte, hinter dem Thorn stand und ihn mit seinem Gelächter verhöhnte. „Tut mir leid, ich hatte vergessen zu erwähnen, dass du mit mir kommen wirst. Ich brauche dich für meine Rückkehr. Du solltest dich geehrt fühlen!"
Denngar trat um sich, doch es half nichts mehr. Er wurde in das Reich des Wahnsinns geworfen. Thorn verschwand lachend hinter ihm und schloss das Portal. Der Irrkönig war so plötzlich verschwunden, wie er aufgetaucht war. Und mit ihm der Kommandeur...
