Teil III – In den Klauen des Wahnsinns
„Ihr wollt mir erzählen, dass ich dem Irrkönig geholfen habe, Denngar zu entführen?" rief Kapitän Magnus entrüstet. „Das kann doch nicht Euer Ernst sein!"
„Leider", antwortete Magistra Tassi besorgt, „wollen wir Euch genau das damit sagen, Kapitän. Thorn hatte Euch und fast ganz Löwenstein unter Kontrolle. Er hat seinem Hof des Wahnsinns befohlen, von allen Bürgern Besitz zu ergreifen. Zum Glück konnten ich und meine tapferen Freund hier seinen Bann brechen."
„Und wie genau habt Ihr das angestellt? Seid Ihr sicher, dass Ihr alle erwischt habt?"
„Es war ganz einfach." antwortete Miranda. „Wir haben ihnen so lange alte Witze von König Thorn erzählt, bis die Geister freiwillig aufgegeben haben."
Magnus erschauderte. „Das klingt ja furchtbar. Ich danke Euch. Erst die Karka, dann Scarlett und jetzt auch noch der verdammte König Thorn! Würde mich nicht wundern, wenn bald noch der Himmel über uns zusammen stürzen würde."
Tassi räusperte sich. „Ich will nicht ausschließen, dass so etwas passieren könnte, wenn der Irrkönig tatsächlich die Siegel bricht, die ihn binden, und mit voller Kraft nach Tyria zurückkehrt."
„Das müssen wir auf jeden Fall verhindern!" meinte Dena entschlossen. „Ein ganzes Jahr Halloween? Da würde ich mich vorher freiwillig von einem Altdrachen fressen lassen."
„Ich hätte nichts dagegen." entgegnete Razor. „Aber wir müssen Denngar da raus holen!"
„Ach, stimmt ja. Ich hätte ihn schon fast vergessen..."
„Dena!" zischte Miranda. „Wie kannst du - "
„Ruhig Blut, Miranda. War nur ein Scherz. Bei der Alchemie, dieses verfluxxte Halloween färbt so langsam auf mich ab! Ich kann es kaum abwarten, Thorn das Grinsen aus dem Kürbisgesicht zu prügeln."
„Mit Verlaub, Kriegsmeisterin." warf Tassi ein. „Ich glaube nicht, dass das so einfach wird. Thorn hat das Portal zu seinem Reich hinter sich geschlossen. Und da es nur einen gibt, der außer ihm so ein Portal öffnen kann..." Sie hielt kurz inne und seufzte. „...haben wir keine große Wahl."
„Wie lautet der Plan? Wir müssen uns beeilen! Wer weiß, was Thorn mit Denngar vor hat." drängte Miranda besorgt.
„Na schön. Wir müssen mit dem Blutigen Prinzen Kontakt aufnehmen." klärte die Magistra sie auf.
Alle schwiegen.
„Wenn ich mir es recht überlege... Denngar hat auch schon Schlimmeres überstanden." sagte Razor.
Denngar landete unsanft auf steinernen Boden. Er versuchte, sich aufzurappeln, doch jemand drückte ihm einen Fuß auf den Rücken. Vor ihm saß der Irrkönig auf einem steinernen Thron, der eindeutig die Form eines Grabsteins hatte, bis auf die Zacken am oberen Ende und die Armlehnen.
„Willkommen in meinem bescheidenen Zuhause, Kommandeur! Ich hoffe, dir ist nicht zu kalt. Mir ist das Feuerholz ausgegangen. Diese Sylvari sind auch schwierig zu bekommen! Hohohoho."
Der Norn versuchte, den Kopf zu drehen, da er wissen wollte, wem der Fuß gehörte, der auf seinem Rücken stand. Die Gestalt war etwa so groß wie ein Norn, trug eine lange, zerschlissene Robe und eine Kapuze, hinter der eine grinsende Grimasse aufflammte. Um ihn herum waren mindestens zehn weitere Gestalten, die vermutlich zum Hof des Wahnsinns gehörten. Außerdem konnte er zwei große, unbewegliche Candy-Corn-Elementare erkennen.
„Gefällt dir mein Thronsaal? Normalerweise bekommt kein Sterblicher je etwas anderes als den Uhrturm oder das Labyrinth zu Angesicht, also fühl dich ruhig geehrt. Das SOLLTEST du sogar!"
„Was wollt Ihr von mir, Thorn?" fragte Denngar kühl. Er würde dem Irrkönig nicht mehr Genugtuung geben, als er ohnehin schon bekommen hatte.
Zu seiner Überraschung seufzte Thorn. „Na schön, ich verrate es dir. Ich brauche Blut. DEIN Blut, Denngar. Es gibt nur... einen Haken."
Denngar erkannte einen Hauch von Unsicherheit oder gar Verzweiflung in Thorns Stimme. „Und der wäre?" fragte er mit einem selbstsicheren Lächeln auf den Lippen. Thorn ballte die Faust. „Um eines der Siegel zu brechen, die mich an die Unterwelt binden, brauche ich das Blut eines großen Helden. Das klitzekleine Problem dabei ist, dass es FREIWILLIG gegeben werden muss! Der alte Grenth hat wahrlich einen Sinn für Humor, nicht wahr? Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht einmal, ob er überhaupt etwas damit zu tun hat, aber das tut nichts zur Sache."
Denngar lachte leise. Thorn schwieg und sah ihn finster an. Er kochte vor Wut. Und je wütender er wurde, desto mehr musste Denngar lachen. Sein Lachen hallte durch den gesamten Thronsaal. „SCHWEIG!" brüllte Thorn und entflammte. Das Feuer in seinem toten Körper hüllten den gesamten Saal in orangefarbenes Licht. Aber Denngar konnte sich nicht helfen. Er wusste, dass er nun die Oberhand hatte, während er vor Thorn auf dem Boden kniete. Thorn konnte ihn nicht töten.
„DU SOLLST VERDAMMT NOCHMAL STILL SEIN!" schrie Thorn heiser und befahl seinen Höflingen, Denngar den Mund mit einem Kolben Candycorn zu stopfen.
„Ah, schon besser. Du hast vielleicht Nerven. Wann hast du zuletzt SO über meine Witze gelacht, hä? Ich hasse es, wenn man nicht lacht, wenn ich es will. Und noch mehr, wenn man lacht, wenn ich es NICHT will! Also, hör mir jetzt gut zu." sagte Thorn und lehnte sich zurück, die Hände gefaltet.
„Hhhahh mmhhch hhhehhen!" presste der Norn zwischen dem zuckrigen Maiskolben in seinem Mundhervor. Nun war Thorn wieder mit dem Lachen an der Reihe. Dann winkte er einem seiner Diener mit der Hand zu, der Denngar den Kolben aus dem Mund nahm. Er rang nach Luft und spuckte aus.
„Jetzt machst du auch noch meinen schönen Fußboden dreckig! Aber, ich will mal nicht so sein... Was wolltest du sagen, Denngar?"
„Ich sagte: Lass mich gehen!"
„So langsam habe ich genug von deinen Witzen."
„Das beruht auf Gegenseitigkeit."
„Hmm... na schön. Dann sperr die Lauscher auf. Wenn du willst, dass ich dich gehen lasse, hilfst du mir. Und falls es dich beruhigt, es reichen ein paar Tropfen von deinem Blut... vermutlich. Wenn du dich weigerst, dann kannst du es dir schon mal hier unten gemütlich machen... BIS NÄCHSTES JAHR!"
Ein Jahr allein mit Thorn und seinen Höflingen. Das war das bisschen Blut vermutlich nicht wert.
„Ich... Nein. Das kann ich nicht zulassen!" sagte Denngar trotzdem entschlossen. „Ihr seid ein Tyrann, Thorn. Die Altdrachen sind schon schlimm genug, da brauchen wir nicht auch noch Euch. Es sei denn, Ihr helft uns im Kampf gegen sie. Doch solltet Ihr zu weit gehen, dann schicke ich Euch persönlich zurück hier her, das schwöre ich bei den Geistern."
Thorn seufzte enttäuscht.
„Du hast nicht kapiert, wer hier der König ist. Ich bin der, der hier Vorschläge macht. Und ich habe schon einen für dich: Gib mir dein Blut, bevor ich dich dazu..."
„Das könnt Ihr nicht! Ihr habt selbst gesagt, dass es freiwillig -"
„HALT DIE KLAPPE! Los, packt ihn!"
Denngar spürte, wie der Norn ihn an den Armen packte und nach oben zerrte. Er nutzte die Gelegenheit, um ihn zu überraschen. Er beugte sich nach vorne und warf seinen Häscher mit einem kräftigen Ruck über seine Schultern, König Thorn direkt vor die Füße. Im nächsten Moment stand dieser auf und hob seine Hand. Denngar spürte einen brennenden Schmerz im ganzen Körper und wurde mit ausgestreckten Armen in die Luft gehoben. „Versuch es gar nicht erst. Wenn ich dein Blut nicht bräuchte, hätte ich damit längst meinen Thronsaal dekoriert. Vielleicht überlegst du dir es ja, nachdem du ein paar Stunden im UHRTURM verbracht hast! AHAHAHAAA!"
„NEIN! Alles, nur nicht das!" flehte Denngar. „Das ist Wahnsinn!"
„Ach was? Na dann gewöhn dich schon mal dran! HAHAHAHA!"
Thorn schleuderte den Norn durch einen Riss, der sich plötzlich im Boden auftat und verdammte ihn zu dem qualvollen Hürdenlauf, der sich Uhrturm nannte.
„Tik, tak, tik, tak. Hehe. Es tut gut, böse zu sein."
„Also, warum müssen wir nochmal den Blutigen Prinzen rufen?" fragte Mianda wehleidig.
„Glaubt mir, mir gefällt es auch nicht." gestand Magistra Tassi. „Aber uns bleibt keine Wahl."
„Und warum müssen wir das in einer Höhle tun?" fügte Dena genervt hinzu. „Ich hasse Höhlen."
„Es gibt auch fast gar nichts, was du nicht hasst, Kurzbein." meinte Razor. „Außerdem dachte ich, ihr Asura wärt aus dem Untergrund gekommen."
„Vor 250 Jahren vielleicht. Bedankt Euch bei Primordus." entgegnete Tassi.
„Ach ja, immer wieder schön, wie die Drachen uns alle zusammen bringen... oder der alte Thorn."
„Stets ein Optimist, unser Razor." lachte Miranda.
„Das werden wir auch brauchen, wenn wir Thorn einen Besuch abstatten. Fangen wir an, Magistra." schlug der Charr vor. Tassi tippte an ihrem SPUK herum, bevor sie ein kleines Gerät auf den Boden der Höhle stellte. „Die Grenze zwischen den Nebeln und Tyria ist hier sehr dünn. Wenn meine Berechnungen stimmen, sollte das Gerät eine Verbindung in die Unterwelt herstellen können, bis in das Reich des Wahnsinns. Es kann jedoch sein, dass... es Probleme geben könnte." fügte sie zögernd hinzu. Miranda seufzte. „Lasst mich raten: Dämonen?"
„Richtig, Dämonen."
„Es ist Halloween! Gibt es eine bessere Zeit, um Dämonen anzulocken?" meinte Razor.
„Soll mir recht sein. Mein Schwertarm braucht mal wieder etwas Bewegung." fügte Dena hinzu.
Tassi schaute die Kriegsmeisterin lange schweigend an, als wolle sie ihr etwas sagen.
„Was ist?"
„Nun... wir müssen eigentlich nicht einmal kämpfen. Es gibt noch eine Alternative, die ich ehrlich gesagt sogar vorziehen würde. Wir... verkleiden uns."
„Oh nein, kommt nicht in Frage!" protestierte Dena kopfschüttelnd und wedelte wütend mit den Händen. „Ohne mich!"
„Es reicht, wenn Ihr Euch... das Gesicht anmalt oder so. Nur für ein paar... Stunden."
Tassi selbst hatte sich wie ein Skelett im Gesicht angemalt, was zwar eher putzig als gruselig aussah, aber vermutlich bereits seinen Zweck erfüllte. „Seht doch nur, wie sehr sich die anderen beiden ins Zeug gelegt haben! Die Dämonen werden uns vielleicht als eine der ihren halten."
„Vielleicht. Ich bin für die gute alte Taktik der Auslöschung, die hat auch bei Zhaitan funktioniert, also wird sie das auch bei ein paar jämmerlichen Dämonen. Das hätte Denngar auch getan."
„Denngar hat sich trotzdem verkleidet, und es hat ihm sogar gefallen!" widersprach ihr Miranda, die sich ihre Kapuze übergezogen hatte und eine relativ überzeugende Dämonin abgab. „Komm schon, Dena. Tu es für Denngar."
„Keine Sorge, das bleibt unter uns, Kurzbein." versicherte ihr Razor.
„OK, ich tu es! Aber wenn einer von euch nur ein Wort darüber verliert, egal zu wem..."
Bevor sie ihre Drohung aussprechen konnte, stülpte Razor ihr etwas über den Kopf.
„He, was zum – Nimm sofort das Ding von meinem Kopf, du stinkender, verlauster Bettvorleger!"
Der Charr hatte ihr eine braune Papiertüte mit einem aufgemalten, böse grinsenden Gesicht übergezogen. „Was besseres werden wir so schnell nicht finden. Und, um ehrlich zu sein, Dena, wollte ich das schon die ganze Zeit machen. Nimm's mir nicht übel, du hattest heut schon deinen Spaß. Außerdem steht dir das – AU!"
Der Charr heulte auf und sprang fluchend auf einem Bein umher, nachdem Dena ihm in ihren Panzerstiefeln mit voller Wucht auf den Fuß gesprungen war. Sie nahm wütend die Tüte von ihrem Kopf, doch bevor sie sie zerreißen konnte, nahm Miranda sie ihr ab. „Ihr beide seid furchtbar, wisst ihr das?"
Sie nahm einen Dolch hervor und schnitt zwei Löcher an den Seiten für Denas Ohren in die Tüte.
„So, jetzt hast du etwas mehr Platz. Und jetzt spiel bitte mit, es geht schließlich um unseren Freund. Wer weiß, was Thorn mit ihm vor hat."
Dena setzte sich die Tüte wenig begeistert auf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Bringen wir es endlich hinter uns."
„Tik-tak, Tik-tak! Mach schnell, Denngar, die Zeit wird knapp! WAHAHAHA!"
„Ich bring dich um, du verdrehter Kasper..." knurrte Denngar leise vor sich hin, während er erschöpft versuchte, den sich drehenden Uhrturm zu erklimmen. Ein falscher Schritt, und er konnte sich abermals auf höllische Schmerzen gefasst machen. Es war, als würde man in ein Meer aus Feuer fallen und darin fast ertrinken. Er war sich nicht sicher, wie oft er nun schon den skurrilen Uhrturm erfolgreich erklommen hatte, nur, um von Thorn wieder an dessen Fuß gesetzt zu werden. Langsam gaben seine Beine nach, doch er würde Thorn niemals zu seiner Rückkehr helfen. Niemals. Auch wenn er fürchtete, früher oder später den Verstand zu verlieren.
„Vorsicht, Stufe! Hohohoho. Ach, es macht immer wieder Spaß, ihnen beim Scheitern zuzusehen."
Es war kein Geheimnis, dass Thorn seinen Uhrturm besonders mochte. Es war unterhaltsamer und wirkungsvoller als jedes Foltergerät, das sich ein wahnsinniger, untoter Monarch wünschen könnte. Ein weiteres Mal stand er oben im Turm und konnte kaum zu Atem kommen, als er wieder an den Anfang befördert wurde. Die Uhrturmwächter standen dicht beieinander und starrten Denngar verwundert an.
„Das... ist unglaublich. Einfach unglaublich!" staunte der Charr. „Eine Meisterleistung!"
„So schnell hat es noch nie jemand auch nur annähernd auf den Turm geschafft!" fügte der Asura hinzu. „Und das nach fünfzig Runden ohne Pause."
„Fünfzig Mal?!" keuchte Denngar erschöpft. „Ich bin schon... fünfzig Mal da hoch gesprungen?"
„In der Tat." bestätigte der dritte Höfling, eine Norn. „Und nur zehn mal abgestürzt. Keine schlechte Quote, nur weiter so!"
„Bekomme ich... nicht wenigstens eine Pause... nach so einer Meisterleistung?" keuchte Denngar.
„Eine... Pause?!"
Die drei Uhrturmwärter brachen in schallendes Gelächter aus.
„Eine Pause! Ha, das wär's ja noch!"
„Natürlich, und ein Glas Milch und Candy-Corn-Kekse bringen wir Euch auch noch gleich!"
„Hahaha, der war gut!"
„Hihihi, eine Pause, meine Güte!"
Denngar stand schnaubend mit geballten Fäuste vor ihnen, doch sie beachteten ihn kaum noch, denn sie kamen aus dem Lachen kaum noch heraus. Natürlich, wenn man dem Verrückten König dient, gehörte das Lachen über das Leid anderer zum Tagesprogramm. Denngar ging zum riesigen Tor vor dem Eingang des Uhrturms. durch das alle Mutigen oder, wie in seinem Fall, Geknechteten gelassen wurden, die ihr Können auf die Probe stellen wollten oder, wie in Denngars Fall, dazu gezwungen wurden. Er trat mit einem wütenden und daher umso kräftigeren Tritt das eiserne Tor auf. Der Charr hob die Hand und wollte ihn ermahnen, das nicht zu tun, doch er brachte nur ein paar abgehackte Worte zwischen seinem Lachkrampf hervor. Denngar packte ihn am Kragen und zog ihn hinüber zum Tor, wo er ihn mit Schwung auf die Plattform schleuderte, an dem der Aufstieg zum Uhrturm begann. Bevor die beiden anderen reagieren konnten, landeten auch sie unsanft neben dem Charr. „He, was zum Henker soll das werden?" brüllte der geisterhafte Charr, doch Denngar schloss das Tor hinter ihnen wieder mit einem breiten, schadenfrohen Grinsen. „Jetzt seid Ihr an der Reihe!"
„Was?" keuchte die Norn. „Aber... aber... das geht nicht! Das schaffe ich doch nie!"
„Das ist Wahnsinn!" kreischte der Asura. „Unser König wird uns doch retten... oder?"
„Dann sollte er sich lieber beeilen." lachte Denngar. „Eure Zeit wird knapp. Ihr steckt gleich bis zum Hals im Schlamassel, wenn Ihr die Beine nicht in die Hand nehmt! Los, hüpft!"
„Nein, bitte! Tut uns das nicht an, wir helfen Euch! W... wir können den König überzeugen. Vielleicht." flehte die Norn, der bereits der Angstschweiß von der Stirn lief.
„HAAAAALT!" brüllte eine laute Stimme aus dem Nichts.
„Was soll das denn? Da lässt man euch mal für einen Augenblick allein, und Ihr lasst euch einfach so über's Ohr hauen!"
„Eure Verrücktheit, wir... wir konnte nicht... er hat uns überrascht!" stammelte der Charr.
„ÜBERRASCHT? Na dann pass mal gut auf, denn wenn ihr eure Hintern nicht in Bewegung setzt und wie brave Häschen los hüpft, erlebt ihr gleich eine noch viel bösere Überraschung!"
Die Höflinge gehorchten ihrem Meister und sprangen los, doch sie würden noch viele qualvolle Stunden auf der anderen Seite des Uhrturms verbringen.
„Und was dich angeht, Denngar... Du hast mich beinahe beeindruckt, das geb ich zu, Aber es wird Zeit für etwas Abwechslung. Du erinnerst dich doch sicher noch an mein schönes Labyrinth, nicht wahr?"
„Blutiger Prinz, Edrick Thorn, wir rufen Euch! Helft uns, die Pläne Eures Vaters zu durchkreuzen!"
„Seid Ihr sicher, dass das funktionieren wird, Tassi?" fragte Miranda. „Die Thorns sind nicht gerade für ihre Hilfsbereitschaft bekannt."
„Wir sitzen seid über einer Stunde hier! Und dieses Ding macht mich irre!" nörgelte Dena wütend, nahm die Papiertüte von ihrem Kopf und donnerte sie auf den Boden.
„Nein, nicht doch! Zieht sie Euch auf, schnell!" rief Magistra Tassi verängstigt. Ihre Angst war begründet, denn plötzlich tat sich hinter dem Gerät, das sie in der Höhle aufgestellt hatte, ein grünlicher Spalt in der Luft auf. „Bei der Alchemie, zu spät! Macht Euch bereit!"
„Wurde auch mal Zeit, dieses Rumsitzen ging mir auf die Nerven." murmelte Dena erleichtert.
„Meine Güte, ist die schlecht drauf..." flüsterte Razor Miranda ins Ohr.
„Das liegt an Halloween, Razor. Ausnahmsweise mal nicht an dir."
„Hurra... kleine Spaßbremse." murmelte der Charr und nahm seinen Hammer, den er nur für Halloween zu einer „Sense" umgebaut hatte, in die Hand.
Aus dem Riss kam eine Hand aus Schatten hervorgebrochen.
„Wer wagt es, mich zu rufen?"
„Prinz Thorn? Seid Ihr es wirklich?" fragte Tassi nervös.
„Der BLUTIGE Prinz Thorn! Auf die Knie, Ihr Würmer!" brüllte der vermeintliche "Blutige" Prinz Thorn.
Tassi gehorchte seinem Befehl und kniete nieder, die anderen jedoch blieben stehen.
„Zeigt Euch!" forderte Miranda. „Na los, wird's bald?"
„Wie... wie könnt Ihr es wagen?! Ihr werdet leiden für diese Frechheit!"
Die Gestalt trat aus dem Riss. Es war tatsächlich der Blutige Prinz mit seinen gezackten Haaren und seinem schrecklich geschminkten Gesicht. Er kam zornig auf die Magierin zu, doch sie blieb völlig gelassen. „He, Eddie! Hat Papa Euch nicht Hausarrest gegeben?"
„SCHWEIGT! Ich werde Euch die Haut abziehen und Euch damit erwürgen!"
„Oh, da hab ich wohl einen Nerv getroffen."
„Ähm, Miranda... ich hoffe, du hast einen Plan." flüsterte Razor nervös. Der Blutige Prinz schien mit jedem Moment größer und furchteinflößender zu wirken.
„Natürlich habe ich das..."
„Irgendwelche letzten Worte?"
„Die hab ich. Guten Appetit, Eddie!"
Miranda formte mit ihrer Hand blitzschnell ein Zeichen und blendete den Prinzen mit einem grellen Lichtblitz. Als er den Mund in einem wütenden Schrei aufriss, stopfte Miranda ihm einen fetten Kolben Candycorn hinein.
„HMMMMM! HMM HMMH MHMH-HMM!"
„Hat Euer Vater Euch nicht beigebracht, dass man mit vollem Mund nicht spricht?"
„Wow, das war wirklich mutig von Euch!" bewunderte sie Tassi. „Wie Ihr präzise den richtigen Moment abgewartet und seine Schwachstelle zu einhundert Prozent ausgenutzt habt... Ihr könntet glatt eine Asura sein, Miranda!"
„He, danke! Das ist doch mal ein Kompliment." sagte Miranda strahlend. Dena war da skeptisch.
„Naja. Für eine Asura ist sie mehr als einen Meter zu groß. Mal ehrlich, du hast ja schon fast Norn-Größe."
„Hm, das hat Denngar auch schon mal erwähnt..."
„Hat er das?"
„Mädels, wie wär's wenn ihr euch lieber mal mit unserem Prinzen unterhaltet? So sehr, wie er sich sträubt, kann er's wohl kaum abwarten!" warf Razor ein, der mit Mühe Thorns Hände hinter dessen Rücken festhielt.
„Hm hrrmm Hhch hm!"
„Hier, legt ihm die an!" rief Tassi und warf dem Charr etwas zu. Er hob es mit einer Hand auf und beäugte es nachdenklich. „Wo habt Ihr denn die her?"
„Ich dachte, die könnten nützlich sein. Sie sind aus Deldrimor-Stahl und mit Candycorn-Glasur überzogen."
„Fesseln aus Deldrimor-Stahl? Mit Candycorn-Glasur?" wiederholte Razor verwundert.
„Na gut, es ist Deldrimor-Stahl-Imitat. Aber die Glasur ist echt! Jetzt legt sie ihm schon an!"
„HMM! MHMHM!"
„Damit hat er wohl nicht gerechnet, was?" lachte Razor. Miranda ging auf den Prinzen zu.
„So, Eddie. Nett von dir, uns mit deiner Anwesenheit zu beehren. Wir haben dich her gerufen, weil wir deine Hilfe brauchen, um in das Reich deines Vaters zu gelangen. Wir wissen, dass du uns hinein bringen kannst, aber es soll sich natürlich für dich lohnen. Du willst dich am Irrkönig rächen, hab ich recht?"
Edrick funkelte sie zornig an, doch dann nickte er. „Siehst du? Eine Hand wäscht die andere. Wenn ich dir die Fesseln abnehme, wirst du uns in das Reich des Wahnsinns bringen. Wir holen unseren Freund aus den Klauen deines Vaters und helfen dir dabei, ihn dir auszuliefern. Abgemacht?"
Sie nahm den Kolben aus seinem Mund. Er würgte und spuckte angewidert auf den Boden.
„Ihr seid grausam. Das gefällt mir. Abgemacht!"
„Schön. Razor, nimm ihm die Fesseln ab. Aber halte dich bereit, falls unser Prinz auf falsche Gedanken kommt."
„Mit Vergnügen. Still halten, kleiner Prinz, sonst wird's ziemlich unangenehm für dich!"
„Ihr beiden genießt das etwas zu sehr..." merkte Dena an.
„Na dann, Blutiger Prinz Thorn, gehen wir. Wir haben eine Audienz beim Verrückten König."
Der Blutige Prinz lachte kühl.
„Natürlich. NACH EUCH!" brüllte er und holte ein Messer hervor, mit dem er auf Miranda einstach.
„Ihr wolltet ins Reich meines Vaters in der Unterwelt. Ihr habt nicht gesagt, dass Ihr LEBENDIG dort hin wollt!"
