In/Affection – 2. Streicheleinheiten
Wildes Klopfen riss Lux aus dem Schlaf. „Lux!" rief eine der Stepford-Drillinge. „Wir machen eine Schneeballschlacht!"
„Ich schlafe noch!"
„Aber Bobby ist morgen wieder da!"
Mit einem Mal setzte Lux sich auf. „Bin gleich unten."
Nach dem warmen Californien schien Westchester kälter als je zuvor, doch es hatte den großen Vorteil, dass der Schnee einige Zoll hoch lag, dass Schnee überhaupt fiel. Im Hof des Xavier Instituts hatten sich eine Handvoll Schüler versammelt. Schüler, die über die Ferien nicht nach Hause gefahren waren, weil es kein anderes zu Hause für sie gab. Dazu kamen Kitty, Magik und ihr Bruder Peter. Das Team, das ihn zugesprochen bekam war definitiv im Vorteil. Und musste Colussus' Schmetterbälle nicht über sich ergehen lassen.
„Die anderen wollten nicht?" fragte Lux.
„Miss Frost besitzt keine passende Kleidung," antwortete Mindee.
„Habt ihr Loki gefragt?"
Niemand gab ihr eine Antwort.
Lux sah sich in der Runde um. „Sollten wir Ausgrenzung nicht den Homo Sapiens überlassen?" Sie stapfte davon. „Fangt schon mal an."
Loki saß mit ausgestreckten Beinen auf seinem Bett und las teilnahmslos in einem Buch, als Lux auf sein Wort hin das Zimmer betrat. Das Zimmer hatte zuletzt Jubilee gehört und an der Einrichtung war noch nichts verändert worden. Wie in den meisten Teilen des Gebäudes dominierte warmbraunes Holz den Raum, kontrastierte mit dem kalten Licht des Vormittags, das auf Loki fiel. Einige Bücher lagen im ansonsten leeren Regal, eine Wasserflasche und ein halbleeres Glas standen auf seinem Nachttisch.
„Hast du irgendwelche Eis-Kräfte?" eröffnete Lux das Gespräch.
„Eis-Kräfte?" fragte Loki, ohne von der antiken Ausgabe von Der König auf Camelot aufzuschauen.
„Etwas gefrieren lassen, zum Beispiel."
„Nicht ohne die Urne."
„Urne?"
Loki seufzte hörbar. „Kommst du aus einem bestimmten Grund?"
„Wir machen eine Schneeballschlacht. Bevor Iceman es uns ruinieren kann."
„Ja," sagte er, „ das habe ich mitbekommen."
„Machst du mit?"
„Hätten sie mich dabei haben wollen," er blätterte um, „hätten sie mich gefragt."
„Was glaubst du, mache ich gerade?"
Endlich schaute Loki auf. Wieder diese wissenden Augen. Als könne er in einem lesen. Jean hatte hin und wieder einen ähnlichen Blick wenn sie Gedanken las, Lux hatte das nie leiden können. Aber in Lokis Augen lag nicht nur die Arroganz, die Lux von Jean her kannte. Sie konnte dieses Dunkle noch immer nicht eindeutig identifizieren, doch es war da.
Es klopfte an der Tür und Lux, aus ihren Gedanken gerissen, zuckte zusammen. Sie öffnete und ließ Storm herein.
„Oh. Lux," sagte Storm erstaunt, Loki hatte augenscheinlich nicht oft Besuch. „Störe ich?"
„Nee, Loki las mir nur gerade asgardische Liebesgedichte vor," sagte Lux und machte sich auf zu gehen.
„Warte doch mal," hielt Storm sie auf. „ich wäre sowieso noch zu dir gekommen. Thor rief eben an und-"
„Thor kann ein Telefon bedienen?" unterbrach Lux, und selbst Loki konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
„Lux. Bitte." Manchmal behandelte Storm Lux noch immer als sei sie ihre Schülerin. „Tony Stark gibt am Freitag eine Party, eine Art verspätetes Weihnachtsfest für die Rächer. Und Thor hätte dich gern dabei, Loki."
„Lieber brenne ich in den ewigen Feuern Muspelheims," antwortete er, sich wieder seiner Lektüre widmend.
„Dein Bruder würde dich gern sehen. Und ist es nicht das, weshalb du hier bist? Um dich eines Tages mit deiner Familie aussöhnen zu können?" Manchmal behandelte Storm auch Leute, die nie ihre Schüler waren, wie solche. „Ich würde dich begleiten, Magik würde uns hin und zurück bringen. Lux, du bist auch eingeladen."
„Ich weiß nicht, Muspelheim klingt nach mehr Spaß," sagte Lux.
„Logan und Rogers kommen auch."
„Nach Muspelheim?"
„Lux und Rogers werden auch dort sein," sagte Professor Xavier zu Logan, der an der Türschwelle eine Zigarre rauchte und die Schneeballschlacht beobachtete, die soeben einen Höhepunkt erreichte. Magik kassierte einen Treffer ins Gesicht und ihre Mitspieler erstarrten vor Angst, ihre dunkle Seite könnte hervorbrechen.
„Wie zur Hölle habt ihr denn Lux dazu gekriegt?" fragte Logan.
„Sie haben mir gesagt, du wärst dabei," antwortete Lux, die gerade aus der Tür trat. Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke zu, doch bevor sie sich der Schneeballschlacht anschließen konnte bog Henry McCoys Wagen in die Einfahrt.
Loki stand an seinem Fenster und beobachtete den nur von Straßenlaternen erleuchteten Vorhof des Instituts, in dem sich zwei Gestalten durch die frühen Morgenstunden bewegten. Ein Mensch und ein kleines Tier. Oder, vielmehr, ein Mutant und ein Tier. Oder zwei Mutanten, wer konnte das schon sagen.
Einen Mantel übergeworfen schritt Loki auf die zwei Wesen zu. Das größere hatte langes dunkles Haar, Loki vermutete Shadowcat oder Lux dahinter. Das kleinere war ein schwarzes Säugetier, das die Erdlinge Katze nannten. Das Katzenwesen bemerkte Lokis Anwesenheit, zwei grüne Augen blitzten ihn aus der Dunkelheit heraus an, und lenkten auch die Aufmerksamkeit des anderen Wesens, bei dem es sich, wie Loki nun erkennen konnte, um Lux handelte, in seine Richtung. Lux setzte sich in den Schnee und nahm das Tier in ihren Schoß, als wolle sie es vor Loki in Schutz nehmen, streichelte es, während die beiden grünen Lichtpunkte weiterhin auf Loki fixiert waren. Einen Schritt vor ihnen blieb er stehen, sah auf die beiden herab. Lux wartete darauf, dass er etwas sagte.
„Was tust du?" fragte Loki.
„Mit der Nachbarskatze spielen?" offerierte Lux als Antwort.
„Zu dieser Stunde?"
„Wer sonst würde um diese Zeit mit ihr spielen?"
Loki kauerte sich herunter, streckte eine Hand nach der Katze aus. Sie biss zu.
„Sie mag dich," lachte Lux, während Loki seine Hand verstimmt zurückzog. Lux stellte der Katze ihre eigene, durch einen Handschuh geschützte, Hand zur Verfügung. Gleichwohl schien der Schutz nicht ausreichend zu sein, Lux verzog das Gesicht, als Zähne in ihren Fingern versanken.
„Wieso bist du noch auf?" fragte sie Loki nachdem sie sich an den Schmerz gewohnt hatte.
„Ich könnte dich das selbe fragen," gab er nur zurück.
„Schätze wir sind beide nachtaktiv," zuckte Lux, sich auf die Katze beziehend, mit den Schultern.
„Ororo hat die Vermutung, du seist wegen des heutigen Besuchs verstimmt."
„Darüber redet sie mit-" setze Lux an, bevor die Katze mit einer Hinterpfote Lux' Jackenärmel herunter schob und ihre Krallen sich in Lux' Haut bohrten. „Okay, das reicht," sagte sie zu dem Tier, das Lokis Wissen nach kein Sprachvermögen besaß, und setzte es ab.
„Komm auf," sagte zu Loki, während sie das Selbe tat.
Loki war mit der Körpersprache der Katzen nicht vertraut, doch selbst ihm schien es, als wäre das Wesen kurz davor einen weiteren Angriff zu starten. „Sorry, Kleines," sprach Lux wieder zu dem pechschwarzen Tier und streichelte es wie zum Abschied, bevor sie Loki zum Gehen aufforderte.
„Henry McCoy," sagte sie zu ihm, „der Besuch... Er sollte am Montag einen Gesetzesentwurf vorlegen. Nun hat er sich doch dagegen entschieden. Zu radikal. Zu gefährlich."
„Wieso ist das von solchem Belang?"
„Musst du gerade fragen." Lux schaute sich nach der Katze um. Sie hatte das Institutsgelände verlassen, durch die Mauer hindurch sah Lux, wie sie die Straße kreuzte. „Hast du nicht selbst mehrfach versucht Änderungen der Legislative zu bewirken?"
„Die wenigsten würden in meinem Fall eine solche Wortwahl treffen," sagte Loki bitter.
„Bist du eigentlich tatsächlich der Rehabilitation wegen hier?" fragte Lux.
„Aus welch anderem Grund würde ich mich auf diesen primitiven Planeten begeben?"
„Primitiv? In Asgard herrscht Monarchie und du nennst uns primitiv? Hättet ihr eine Demokratie, wäre Thor niemals zum Herrscher gewählt worden. Du wärst legal an die Macht gekommen, es hätte keinen Anlass gegeben, die Rächer zu gründen, und alle hätten ein Paar Probleme weniger."
„Interessanter Gedanke," gab Loki zu, „doch du unterschätzt die Wertschätzung der Asen meinem Bruder gegenüber."
Sie erreichten den Haupteingang.
„Du hättest ihm den Thron überlassen sollen, dann hätten sie schon gemerkt, dass es kein Spaß ist, von einem Barbaren regiert zu werden."
Lux trat ein und hielt die Tür hinter sich offen.
„Was ist?" fragte sie, als Loki nicht folgte.
Er stand auf der anderen Seite der Türschwelle, mit dem schneebeladenen Grundstück im Hintergrund, das in Lux' Augen glitzerte und Loki in einen Nimbus hüllte.
