In/Affection – 3. Verführung
Die Party war in vollem Gange, als Lux eintraf. Logan, Storm und Loki waren von Magik hingebracht worden, während Lux den Tag, wie schon die beiden zuvor, in New York verbracht und wie ein Mensch die U-Bahn zum Stark-Tower genommen hatte.
„Würde ich dich nicht besser kennen, hätte ich gedacht, du kneifst," sage Logan, der mit Captain America an der Bar saß.
„Stark kann ja nicht immer den großen Auftritt für sich beanspruchen," gab Lux zurück, während Cap sich von seinem Hocker erhob.
„Schön dich zu sehen," sagte er und umarmte Lux.
„Ist eine Weile her," stimmte sie zu, „hatte dich die Erde verschluckt?"
Cap antwortete mit einem unbehaglichem Lächeln.
„Geheim, hm?" Lux ließ es dabei bewenden und bestellte sich stattdessen einen Drink.
„Du bist keine 21."
„Das war ein Witz," sagte Lux dem zögernden Barkeeper, doch er stellte ihr dennoch nur ein Ginger Ale hin.
„Sieh an, sieh an," sagte eine Stimme, die Lux als Tony Stark erkannte, noch bevor sie sich zu ihm umdrehte. „Kann mich nicht erinnern, dich eingeladen zu haben." Er nahm Lux den Zylinder vom Kopf und setzte ihn sich selbst auf.
„Weißt du," wandte sich Stark zu Cap, „ich habe nichts dagegen, wenn du alte Kriegskumpanen zu mir einlädst, aber ich finde, wir brauchen nicht noch einen von den Bösen hier."
„Stark," versuchte Cap sofort zu intervenieren, doch Lux ließ ihn nicht. „Sie meinen, außer Ihnen und dem Dutzend S.H.I.E.L.D.-Agenten?"
„Ich meine, außer dem Typen, der versucht hat ganze Planeten zu erobern, zu zerstören, dem ihr Leutchen Unterschlupf gewährt habt, und der mir jetzt meinen ganzen Alkohol weg trinkt."
„Ich bin sicher, Sie können sich noch das ein oder andere Tetra-Pack Wein leisten," sagte Lux und entfernte sich von der Gruppe.
„Du hast deinen Hut vergesse," rief ihr Stark hinterher.
„Behalten Sie ihn, Scrooge."
Loki saß mit seinem Bruder und Storm in der ausladenden Sitzgruppe, beteiligte sich jedoch kaum an ihrer Unterhaltung, machte einen eher gelangweilten Eindruck. Thor hatte zweifellos schon einige Drinks hinter sich und schwärmte gerade von einem seiner unzähligen, heldenhaften, Kämpfe. Aus der Ferne gestikulierte Lux Loki mit ihr zu kommen. Nach kurzem Blick zu seinen Gesprächspartnern erhob er sich tatsächlich und ließ sich von Lux zu der Fensterfront, die eine gesamte Wand ausfüllte, führen.
„Ich habe dich nicht aus einer spannenden Diskussion gerissen?" fragte sie.
„Ich habe Thors schillernde Geschichten zur Genüge gehört."
„Du hast meine Frage nie beantwortet," stellte Lux fest. „Kannst es mir ruhig sagen, wenn es dir nicht um Rehabilitation geht, es ist mir egal," versicherte sie.
„Weshalb sollte es dich dann interessieren?" entgegnete Loki.
Lux schaute sich im Raum um. Niemand war in Hörweite.
„Hab mich gefragt, ob du... den nicht ganz legalen Aktivitäten komplett abgeschworen hast."
Beide studierten einander, versuchten die Absichten des anderen zu lesen.
„Ich kriege nichts alkoholisches an der Bar," sagte Lux schließlich. „Könntest du mir einen Vodka Pur besorgen?"
Loki studierte noch einen Moment ihren Gesichtsausdruck, wandte sich dann mit einem spöttischen Lächeln ab.
Von der Terrasse des Rächer-Turms sah Lux auf die funkelnden Hochhäuser New Yorks hinaus, ließ Schneeflocken auf ihrem Handschuh landen. Zu ihrer Überraschung trat noch jemand in die Kälte hinaus. Loki hatte seinen Drink auffüllen lassen, in der andern Hand hielt er ihren Vodka.
„Darf es noch etwas sein?" fragte Loki, während er ihr das Glas reichte.
„Danke..." sagte Lux. Sie sah in ihr Getränk, sah durch die Klarheit der Flüssigkeit hindurch.
„Da wäre noch etwas," gab sie schließlich zu.
„Ich bin ganz Ohr," sagte Loki. Er hatte nichts anderes erwartet.
Lux warf noch einen Blick in das pulsierende Innenleben des Gebäudes. Wenn jemand überhaupt mitbekommen hatte, dass sie draußen waren, kümmerte es sie nicht. Selbst Logan sollte sie über die Musik hinweg nicht verstehen können. Dennoch, Lux stützte sich mit einer Hand an das Geländer und setzte ihre Lippen an Lokis Ohr.
„Der Gesetzesentwurf..." sprach sie leise. „Es gäbe noch einen anderen Weg, ihn durchzubringen."
Lux pausierte, wartete Lokis Reaktion ab. Sie sahen einander an, doch Lux hatte sich nicht von ihm entfernt. Die Nebelschwaden ihrer beider Atem wärmten ihre Wangen.
„Wir hatten jemanden dafür, können die Person aber seit einiger Zeit nicht erreichen," erzählte sie weiter. „Wir bräuchten jemanden, der sein Aussehen verändern kann."
„Ich soll an seiner Stelle den Entwurf vorlegen," schlussfolgerte Loki. Lux nickte.
„Man würde es auf mich zurückführen können."
„Wir können deinen Verfolgungschip hacken. Dich hin und zurück teleportieren, du wärst keine zwei Stunden abwesend."
„Die Magierin?"
„Magik? Nein. Nein, ein anderer Teleporter. Magik darf nichts erfahren."
„Was würde mit dem Original geschehen?" fragte Loki beiläufig.
„McCoy würde vorübergehend aus dem Verkehr gezogen."
Loki lächelte. „Nun verstehe ich, wieso du keine..." Er strich mit dem Handrücken über Lux' Wange, sanft, langsam, „Berührungsängste mir gegenüber hast." Seine Finger schienen wärmer als Lux' Gesicht.
„Der Plan ist solide," sprach sie schnell weiter. „Das Risiko für dich ist minimal."
Loki nahm einen Schluck seines Drinks. „Und wieso sollte ich mich darauf einlassen? Meinen Aufenthalt hier riskieren? Meine Rehabilitation?"
„Zum Einen... Es wäre für eine gute Sache. Der Gesetzesentwurf sieht vor, kommerzielle Gen-Tests zur Feststellung des X-Faktors zu verbieten, Medizinische Behandlungen zum Zwecke der sogenannten Angleichung vor dem Erreichen der Volljährigkeit der Körperverletzung gleichzusetzen, und Verbrechen gegen Mutanten als Verbrechen aus Hass zu befürchtet seinen Stand zu verlieren, sagt, er könne dann bei den kleinen Dingen nichts mehr verändern. Aber die kleinen Dinge sind nichts wert. Wir führen sein abgespecktes Anti-Diskriminierungsgesetz ein, und die Menschen unterwandern es. Das ist zu wenig, zu langsam, es nutzt den Mutanten im Hier und Jetzt nichts. Wir können mehr erreichen. Und wenn es nicht gesetzeskonform geht, dann liegt ein Fehler in der Gesetzgebung vor."
Lux bemerkte, dass sie in einen Vortrag abschweifte. „Zum Anderen... Zum Anderen... Hast du vielleicht Spaß daran, mal wieder gegen ein Gesetz zu verstoßen?" schlug sie vor. „Und ich wäre dir etwas schuldig."
„Deine Bereitschaft, das Gesetz zu brechen spricht nicht unbedingt dafür, dass ich mich auf dein Wort verlassen kann," sagte Loki.
„Ich könnte ein Geständnis verfassen. Sollte ich mein Wort nicht halten, könntest du es den X-Men übergeben."
„Ich bezweifle, dass sie einen Beweis, der vom Gott der Lügen stammt, als solchen annehmen würden, wenn er gegen einen der ihren spricht."
Lux überlegte verzweifelt, welche andere Sicherheit sie ihm geben könnte.
„Ich würde ja vorschlagen, du lässt mich zuerst etwas für dich tun, doch die Sitzung ist bereits am Montag," sagte sie. „Es sei denn, dir fällt auf die Schnelle etwas ein?"
Loki ließ den Hauch eines Lächelns aufblitzen.
Er beugte sich herüber zu Lux, die überrascht zurückzuckte. Die Kälte, die ihren Körper durchdrang seit sie in die Nacht hinausgetreten war, wich von ihr. Loki hielt Inne, stellte sicher, dass eine weitere Annäherung für Lux nicht unerwartet kommen würde. Lux' Blick fiel auf Lokis Lippen. Zartes Rosa. Eine kühle Farbe eigentlich, und doch schienen sie ihr einladend. Über die Kurve seiner Oberlippe floss eine Nebelwolke hinweg, brach an Lux' Gesicht, bildete Wirbel um die Haarsträhnen, die es umrahmten.
„Lux," rief Cap aus der offenen Tür heraus. Sie zog sich flugs von Loki zurück, während er nur desinteressiert den Kopf hob.
„Komm rein," sagte Cap weiter, „es ist unter 10°F."
Nur mit einem Blick verabschiedete sie sich von Loki.
„Alles in Ordnung?" fragte der Rächer Lux, wobei er Loki misstrauisch beäugte.
