In/Affection – 4. Asche zu Asche

Am Morgen noch war alles voller Leben. Die Letzten waren aus den Ferien zurückgekehrt, Schüler, die durch die Gänge liefen, Gelächter, Lärm, ein voll besetzter Speisesaal. Nun, kurz nach Sonnenuntergang, lag Stille schwer über dem Anwesen. Ein flüchtiger Blick zweier Schüler an der Haupttreppe war der einzige Empfang, den Lux erhielt. Die älteren X-Men, die McCoy am nächsten gestanden hatten, waren nach Amarillo, Texas, gereist, wo sein Leichnam als unmissverständliche Reaktion auf den radikalen Gesetzesentwurf, den er einige Stunden zuvor vorgelegt hatte, vor das Ratsgebäude geworfen worden war.

In Lux' Zimmer brannte Licht. Sie ließ es nie an - sie schaltete es kaum je ein. Argwöhnisch spähte sie hinein. Entspannt zurückgelehnt in ihrem Schreibtischstuhl saß der einstige Gott des Unheils. In seinen Händen hielt er eines ihrer Bücher. 'Asche' stand über der Ruine eines Anwesens der Antebellum Periode.
„St. John Allerdyce," las Loki den Namen des Autors ab. „Dein Pseudonym?"
„Wieso sollte es?"
„Angesichts der Anzahl der Exemplare in deinem Regal schien es nahe liegend."
Lux legte ihren Rucksack ab. „Hab das Deckblatt gestaltet. Du darfst übrigens gern in deinem Zimmer weiterlesen."
Stattdessen legte Loki den Roman beiseite. „Die Sache verlief etwas anders als du gesagt hattest," stellte er fest. „Ich frage mich, ob dein Plan nur misslang oder ob du vor hattest, mich zu hintergehen."
Das würde länger dauern, erkannte Lux und setzte sich auf die Kante ihres Bettes. „Jemand hat eigenmächtig gehandelt," gestand sie.
„Was du meinst ist: Ihr habt einen Verräter unter euch."
„Keiner weiß, dass ich dich um Hilfe gebeten hatte," beruhigte sie ihn.
„Gut. Es wäre lästig, den X-Men erklären zu müssen, wieso ich trotz dessen, dass ich von deiner Mittäterschaft wusste, nichts unternahm." Loki legte eine dramatische Pause ein. „Lästig, wenn auch keineswegs unmöglich."
„Ich soll für dein Schweigen bezahlen?" erriet Lux.
Loki lächelte.
„Meine 'Rehabilitation'," zitierte er, „ein Verbündeter wäre hilfreich."
Sie zog die Augenbrauen zusammen. „Du willst meine Hilfe dabei?"
„Ungeachtet deiner… Freizeitbeschäftigung wirst du hier von allen angenommen. Du wirst wissen, wie auch ich das erreichen kann."
„Geht es dir nur um den Anschein," fragte Lux daraufhin, „oder um wahre Veränderung?"
Lokis Stimmung verfinsterte sich. „Du bezweifelst, dass ich mich wandeln kann?" fragte er bitter.
„Ich muss nur wissen, wobei ich helfen soll."

„Das Hemd ist vielleicht zu viel."
Der Dreiteiler samt Hemd und Krawatte in einheitlichem Schwarz sah unverschämt gut an Loki aus, doch für eine Bestattung schien es ein wenig over-the-top.
Es dauerte nur einen Augenblick und das Hemd wandelte sich in ein weißes.
Erneut erkannte Loki Missfallen bei Lux, deren Reflexion ihn aus seinem Badezimmerspiegel heraus betrachtete. „Was nun?" fragte er ein wenig gereizt.
„Versuch's mit schwarzem Hemd und grüner Krawatte."
Loki wandelte sein Erscheinungsbild erneut.
Die Reflexion nickte. Es war perfekt. Subtil.
Loki betrachtete sich selbst im Spiegel. „Du darfst gehen. Ich nehme an, du wirst dich auch noch umkleiden wollen."
Du darfst gehen. Die Worte gingen nicht unbemerkt an Lux vorüber.
„Ich gehe nicht hin," sagte sie. Nicht wenige der Trauergäste sahen die Schuld bei ihr. Und auch wenn es ihr entgegen ihrer aller Annahme nicht gelungen war, McCoy von der radikaleren Version der Gesetzesvorlage zu überzeugen, so lagen sie mit ihren Anschuldigungen doch richtiger, als sie ahnten. Außerdem wurde sie ohnehin anderweitig gebraucht.
„Du solltest Ororo und die Anderen nicht zu lange meiden," ermahnte Loki sie. „Andernfalls dürfte es schwierig werden, deinen Teil unserer Abmachung zu erfüllen."
„Die Abmachung wird nicht lange halten müssen, wenn du das Anwesen als Loki verlässt," gab Lux darauf zurück. „Die Leute da draußen tragen dir New York noch nach."

Die Rettungskräfte waren bereits vor Ort, als Lux eintraf. Zahlreiche Verletzte. Die Feuerwehr sprach von zwei Explosionsherden. Wie die Sprengkörper an den Sicherheitsvorkehrungen vorbei gekommen waren, war noch unklar.
In der Menge erkannte Lux Peter. Jean. Beide unverletzt. Storm - aufgeschlitzter Arm.
Stark – blutüberströmter Kopf. Angel - auf einer Trage, aber bei Bewusstsein. Bobby an seiner Seite.
Lux bahnte sich ihren Weg in das Gebäude. Rauch. Blinkende Beleuchtung. Der Geruch von versengtem Fleisch und Kunststoff.
Logan – er konnte noch nicht lange da sein. Bei ihm stand ein junger Mann mit kurzem blondem Haar, den Lux auf den zweiten Blick als Loki erkannte.
Quentin. Mindee und Rogue - beide am Boden kauernd. Am Boden, zwischen verkohlten Plastikstühlen, lag ein regloser Körper. Ein schwarzes Band ums schmale Handgelenk. Blondes Haar, das sich mit Blut tränkte.
Mindee schaute zu Lux auf. Als könne sie etwas etwas unternehmen. Als könne sie ein Wunder vollbringen.
Lux wirbelte herum, um nach Loki zu rufen, doch Logan und er standen bereits nur Schritte entfernt.
„Kannst du etwas tun?" fragte sie Loki.
„Selbst ich kann den Tod nicht betrügen," antwortete er.
„Wo ist Magik?" richtete sich Lux in die Runde.
„Bewusstlos," sagte Quentin. „Sie haben sie schon mitgenommen. Celeste auch."
Lux tauschte einen kaum merklichen Blick mit Rogue aus und ging davon. Ihr Telefon aus der Jackentasche ziehend verschwand sie in einem Hinterzimmer.
Als sie kaum eine Minute später wieder erschien, hatte sie eine fremde junge Frau bei sich. Dreadlocks, Schweißerbrille auf dem Kopf, fast noch ein Kind und sichtlich durcheinander.
„Hilf ihr," befahl Lux, auf Phoebe deutend.
Unsicher ging die Unbekannte auf den erkaltenden Körper zu.
„Hi," grüßte Quentin interessiert und versuchte sofort in ihren Geist einzudringen. Einen Moment lang - nur um seinen Standpunkt deutlich zu machen – wehrte er sich gegen Lux, die seine Psionische Energie sofort auslöschte, und ließ dann von dem Mädchen ab.
Die Unbekannte kniete sich hin und legte ihre Hände auf Phoebe.
„Sie ist tot," sagte sie, „tut mir-"
„Hilf ihr einfach."
Die Augen der jungen Frau weiteten sich. „Ich heile! Ich kann... Ich kann niemanden wieder auferstehen lassen!"
„Versuch es."
Zögerlich wand sie sich wieder Phoebe zu.
„Du weckst nur falsche Hoffnung, Lux. Lass gut sein." warnte Logan.
„Es ist erst hoffnungslos, wenn man aufgibt," antwortete Lux ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
Die Zeit quälte sich voran. „Es... Es geht nicht," bestätigte die Fremde schließlich Logans Weissagung. „Da... ist nichts."
Die Optionen begannen Lux auszugehen. „Rogue?" bat sie.
Ihre Freundin schien Zweifel zu haben, doch streifte sie ihre Handschuhe ab und fasste mit einer Hand die Fremde, während sie die andere auf Phoebes Stirn legte.
Stark, noch immer geronnenes Blut an der Schläfe, betrat den Raum. „Was treiben die da?" fragte er Logan.
„Erste Trauerphase," antwortete er, „Verdrängung."
Es half nichts. Auch Rogues Training und Erfahrung konnten den Heilkräften nicht mehr entlocken. „Es tut mir leid," sagte sie zu Mindee.
Rogue erhob sich und das fremde Mädchen folgte ihrem Beispiel.
„Ich unterbreche ja nur ungern," sagte Stark, „aber einige von euch dürfte vielleicht interessieren, dass Cap vermisst wird."