In/Affection – 5. Ausflug

Storm lehnte mit dem Rücken an dem kühlen Korridor, während Lux schweigend den Zugang zu Cerebro anstarrte.
„Dich trifft keine Schuld," sagte Storm und zog Lux aus ihren Gedanken zurück in die Realität. „Hank hätte die Gesetzesvorlage nicht eingereicht, wäre er nicht selbst davon überzeugt gewesen." Sie schritt herüber zu Lux. „Ich muss gestehen, ich habe selbst eine Weile gebraucht, um dies einzusehen. Es tut mir leid."
„Ist okay," sagte Lux, sich ein Lächeln abringend.
Storm legte eine Hand auf ihre Schulter. „Dich trifft keine Schuld," beharrte sie.
Die Schleuse zum Cerebro-Raum öffnete sich und beendete den Moment.
„Keine Spur von Rogers," sagte Jean besorgt. Oft bedeutete das, dass die Person nicht mehr am Leben war, doch es war bei weitem nicht die einzige Möglichkeit.
„Ich versuch's bei Caliban," sagte Lux.
Jean und Storm tauschten besorgte Blicke aus.
„Wir wissen nicht, wie Caliban Mutanten aufspürt," überlegte Jean, „es wäre schon möglich, dass er auch andere Meta-Menschen lokalisieren kann."
„Ich muss es versuchen."
„Aber nicht allein," sagte Storm.
„Callisto wird keinen anderen X-Man durchlassen. Wenn überhaupt."
„Lass Loki mitkommen."
„Nichts für Ungut," sagte Jean, „aber ich traue ihm noch nicht."
„Ich traue ihm," entgegnete Storm. „Er wäre nicht hier, wenn ich es nicht täte."

Loki studierte den Motorradhelm in seinen Händen. „Können wir nicht eines der anderen Fahrzeuge nutzen?"
„Das hier ist sicherer."
„Tatsächlich?" fragte er skeptisch.
„Bei einer Explosion kommt man von einem Motorrad viel schneller weg."
„Passiert das öfter?"
„Würdest du dich endlich setzen?"

Fast bedauerte Lux, dass ihre Fahrt endete. Lokis fester Griff hatte etwas tröstliches gehabt.
Es stand keine Wache am Eingang zu den unterirdischen Tunneln. Das Eisengittertor stellte für Lux kein Hindernis dar, es brauchte nur eine kurze Berührung und das Schloss zerfiel in seine Atome.
Das Licht schwand mehr und mehr, je weiter sie in das Tunnelsystem vordrangen und bald wurde Lokis Schritt langsamer, vorsichtiger.
„Ich führe dich, okay?" fragte Lux, die ihre Sicht unbewusst weiter ins Infrarote verstellt hatte, und streckte eine Hand aus, griff zaghaft um Lokis Finger.
Loki korrigierte den Griff und schloss seine Hand um ihre. Wieder spürte Lux eine sanfte Wärme von seinen langen Fingern ausgehen, fragte sich, ob seine Eisriesen-Herkunft ihn der Kälte gegenüber resistenter machte.

„Es war nicht deine Idee, mich hierher mitzunehmen," stellte Loki fest, nachdem sie eine Zeit lang Hand in Hand durch die Dunkelheit geschritten waren.
„Nein," gab Lux zu.
„Ich muss sagen, noch sehe ich nicht viel davon, dass du dich an unsere Vereinbarung halten würdest."
„Ich habe sie nicht vergessen," versprach Lux. „Sobald wir Cap haben... Ich weiß auch nicht, unternehmen wir etwas. Vielleicht mit den Cuckoos?" Die Mädchen konnten sicherlich auch eine Ablenkung gebrauchen.
„Ihn zu finden könnte durchaus seine Weile brauchen," warf Loki ein. „Und sind nicht ohnehin die 'Mächtigen Avengers' dafür zuständig?"
„Auf jeden anderen würden die Morlocks nur feindlich reagieren. Ich habe Callisto, ihre Anführerin, vermeintlich mal aus dem Gefängnis auf Rykers Island raus geholt, mich wird sie mit etwas Glück empfangen."
„'Vermeintlich'," lächelte Loki. „Die X-Men müssen überzeugt davon sein, wenn sie dich zu ihr schicken."
„Spätestens seit heute."
„Dennoch lassen sie dich bei ihnen bleiben," sinnierte Loki. „Nur weil sie es nicht beweisen können?"
„Schätze sie hatten Verständnis dafür," zuckte Lux für Loki unsichtbar mit den Schultern. „Sie sagen ja selbst immer wir seien eine Familie und müssten zusammenhalten."
Loki schwieg daraufhin. Sein Griff um Lux' Hand ließ nach. Er schien in seinen eigenen Gedanken verloren. An einem Ort, der finsterer war als die Dunkelheit, durch die er schritt.
Lux blieb stehen und brachte damit auch Loki zum Halten, hielt seine Hand fester. Sie wusste, was dieser Gesichtsausdruck bedeutete, sie hatte ihn schon einmal gesehen.
„Was siehst du?" fragte Loki in Erwartung einer nahenden Gefahr.
„Du bist jetzt auch Teil der Familie," versprach ihm Lux im Schutze der Dunkelheit. „Dich würde ich auch retten."
Loki ließ ihre Hand fallen. „Man muss nur weit genug von ihren Erwartungen abweichen um nicht mehr Teil der Familie zu sein," sagte er voller Bitterkeit, „Callisto haben sie ja auch nicht wieder aufgenommen, nicht wahr?"
„Was? Nein," Lux' Stimme brach, „Ca- Callisto war nie-"
Aus der Ferne hallte ein metallenes Geräusch wider. Lux wischte sich die Augen und bemühte sich, das Tunnelsystem zu durchblicken. Vier Wärmesignaturen bewegten sich durch das Labyrinth auf ihren Abschnitt zu. „Sie kommen," sagte Lux, „keinen Widerstand leisten, so lange es nicht sein muss."

„Das ist verdammt noch mal Loki!" schrie eine wilde Rothaarige, aus deren Armen mehrere knochenartige Gebilde hervorstanden. „Habt ihr schon vergessen, was er mit der Stadt angerichtet hat?! Wie viele wir verloren haben?!"
„Wir unternehmen nichts, bis Callisto hier ist," erwiderte der Mann, der vor den Gefangenen stand und sie mit einem Auge – das andere war von einer Augenklappe verdeckt – beobachtete.
Es war kaum mehr als eine symbolische Geste, dass sie Loki und Lux auf die Knie gezwungen hatten, die Hände hinter den Köpfen verschränkt. Gegenüber normalen Menschen konnte man sich so vielleicht einen Vorteil verschaffen, einen Gott und eine EM-Mutantin konnte man dadurch höchstens erniedrigen.
„Zwei Fragen," näherte sich eine Stimme, „was wollt ihr, und wieso sollten wir euch auch nur noch eine Sekunde am Leben lassen?"
Callisto trat um die Knienden herum und nahm sie in Augenschein.
„Der Gott des Unheils," sagte sie. „Und ein X-Man. Ich gebe zu, das ist interessant."
„Du schuldest mir was," sagte Lux ohne Umschweife.
„Ist das so?"
„Ich brauche den Aufenthaltsort von zwei Leuten, das ist alles."
Zwei? Loki ließ sich seine Verwunderung nicht anmerken.
„Sind alle eure Telepathen außer Gefecht?" fragte Callisto verächtlich.
„Cerebro kann sie nicht lokalisieren."
„Callisto, komm schon," unterbrach die Rothaarige, „Loki gehört kaltgemacht!"
„Versucht es," grinste Loki und wandte sich dann zu Lux: „Ich fange an zu glauben, das hier könnte noch Spaß machen."
„Wir suchen keinen Streit," betonte Lux Callisto gegenüber, Loki ignorierend. „Caliban sagt mir, was ich wissen will und wir sind sofort weg. Und wir beide sind quitt."
Callisto nahm sich einen Moment der Bedenkzeit. Dann gestikulierte sie, ihr zu folgen.

„Also, was hat es damit auf sich? Die X-Men schließen einen Pakt mit dem Teufel?" fragte Callisto, während sie ihre Besucher durch weitere Tunnel führte.
„Ich bin inzwischen ein anderer," sagte Loki.
„Ist das sein Ernst?" fragte Callisto Lux.
„Er gehört zu uns."
„Xavier muss wohl jeden retten," spottete Callisto.
Sie führte sie in einen kleinen Raum, den die nackte, an der Decke hängende, Glühbirne trotz seiner geringen Größe kaum erhellte. Feuchte, abgestandene Luft machte es schwer zu atmen.
Caliban saß über einen rostigen Metalltisch gebeugt, erhob sich aber freudig lächelnd zur Begrüßung. „Es ist Caliban ein außerordentliches Vergnügen," sagte er und trat nah an Lux heran. Fast glaubte sie, er würde an ihr riechen wollen, und machte instinktiv einen Schritt zurück, dabei gegen Loki stoßend.
„Äh… Kannst du auch nicht-Mutanten aufspüren?" fragte sie Caliban.
Caliban sah zu Callisto. Sie hatte auf der abgenutzten roten Couch Platz genommen und winkte ihm nur zu, er solle weitermachen.
„Caliban spürt den X-Faktor auf," erklärte er daraufhin bereitwillig. „Wer keinen X-Faktor hat," er hob entschuldigend die Hände, „ist für Caliban unsichtbar."
„Dann nur einen Aufenthaltsort," sagte Lux, ihre Enttäuschung verbergend. „Mystique."

„Mystique war der Formwandler, dessen Platz ich einnehmen sollte," stellte Loki fest, als sie wieder beim Motorrad waren. Lux nickte nur. Der Mann mit der Augenklappe hatte sie eskortiert und brachte nun ein neues Schloss am Tor an.
„Was nun?" fragte Loki.
Lux warf einen Blick auf ihr Telefon. Keine neuen Nachrichten, Logans Spurensuche auf altmodische Art hatte also ebenfalls noch nichts ergeben.
„Wir könnten versuchen, deinen Verräter zu enttarnen," schlug Loki vor.
„Sind längst dabei," sagte Lux, weit weniger enthusiastisch, als Loki es war. „Außerdem hast du einen Tracker."
„Lass uns… meinem Bruder einen Besuch abstatten," lautete Lokis nächster Vorschlag. Er war offensichtlich noch nicht bereit, seine erste Mission seit so langer Zeit zu beenden. „Seine Freunde könnten in der Zwischenzeit Neues in Erfahrung gebracht haben," köderte er.
Lux setzte an etwas zu sagen, überlegte es sich jedoch wieder. Eine Idee formierte sich.