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Die Auswahl

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Der Morgen brach an mit den feinen, tastenden Sonnenstrahlen, die sich über den Horizont stahlen, und dem munteren Gezwitscher der Vögel. Mhairi schlug die Augen auf und starrte in den blassen, blauen Himmel. Also war es wieder so weit.

Bei den letzten Hungerspielen hatte sie sich manchmal versteckt und manchmal zugesehen, je nachdem ob sie eine Arbeitsstelle in dem jeweiligen Distrikt hatte oder ihre Anwesenheit nicht bemerkt worden war. Und diesmal? Wenn Dylan sich tatsächlich freiwillig meldete, sollte sie ihn dann leiden sehen? Und sterben?

Seufzend richtete Mhairi sich auf. Unwissenheit war manchmal fast so schlimm wie der Schmerz, jemanden zu verlieren. Auch wenn sie Dylan kaum kannte, so hatte sie doch am gestrigen Abend nicht gelogen. Er war tatsächlich der einzige Mensch, zu dem Mhairi je zurückgekehrt war. Woran das lag, wusste sie selbst nicht so genau. Sie war noch klein gewesen bei ihrem ersten Treffen, vielleicht acht oder neun Jahre alt, und er ungefähr zwölf. Das zweite Treffen hatten sie nur aus Spaß verabredet, nichts weiter, und doch hatte Mhairi sich die Jahre über immer wieder daran erinnert. Und Dylan hatte es offensichtlich auch nicht vergessen. Vor allem hatte er sie nicht vergessen. Er war wahrscheinlich der einzige Mensch, der für sie einen Platz in seinem Herzen reserviert hatte, mochte er auch noch so klein sein.

Entschlossen richtete Mhairi sich auf. Sie konnte den Duft von Angst und Schrecken fast schon riechen. Er gelangte auf den Sonnenstrahlen zu ihr, die über ihr Haar und ihre Haut strichen, durch den Wind, klang sogar im Gezwitscher der Vögel mit. Wann begannen die Auswahlen?

Hastig stopfte Mhairi ihren Rucksack in ein Gebüsch und begann zu rennen. Der Wind erzählte ihr tausend Geschichten, berichtete von tränenreichen Siegen und ebenso tränenreichen Niederlagen. Nur einer konnte gewinnen. Der Rest wurde seiner Trauer überlassen.

Bald standen die Bäume nicht mehr so eng, der Waldboden wurde grüner, Gräser tauchten auf und ein kleiner Fluss plätscherte in der Ferne. Am Waldrand blieb Mhairi stehen. Felder und Plantagen, mit den unterschiedlichsten Sorten von Obst, Gemüse und anderen Arten von Pflanzen die es lohnte, anzubauen, erstreckten sich bis zum Horizont. Hier und da stand ein kleiner Bauernhof. Weit in der Ferne sah man die schemenhaften Umrisse des Zentrums von Distrikt 11. Dort, wo alle Straßen hinführten, mussten die gesamten Bewohner des Distrikts sich jetzt versammelt haben.

Erschöpft lehnte Mhairi sich gegen einen Baum. Selbst wenn sie die ganze Strecke rannte, würde sie niemals rechtzeitig zur Auswahl im Zentrum sein. Aber sie musste es versuchen, musste einfach.

Schon nach den ersten Schritten musste Mhairi ihr Tempo drosseln. Sie war keine gute Läuferin sondern schummelte sich einfach mit Hinterlist und guten Schauspielerqualitäten aus unbequemen Situationen.

Die Straße auf die Mhairi bald stieß, war nur sehr schlecht gepflastert, der Mist von Pferden lag überall herum, aber dafür ging es schnurgerade in Richtung Horizont, ohne die geringste Steigung. Nach einer Weile von sinnlosem Gerenne mit langen Pausen dazwischen verlegte Mhairi sich auf ein schnelles Gehen, das ihr trotzdem viel von ihrer miserablen Kondition abverlangte.

Sie war so konzentriert darauf, die Schmerzen in ihren Beinen und Lungen zu ignorieren, dass sie den Reiter erst bemerkte, als er schon bedenklich nahe gekommen war und man fast das bedrohliche Klopfen der Hufe auf den Pflastersteinen hören konnte. Mhairi stand da wie erstarrt. Ein Friedenswächter? Hier, in dieser Einöde? Vielleicht prüfte er, ob wirklich alle im Zentrum waren um die Auswahl anzusehen…

Hektisch sah Mhairi sich um und verfluchte gleichzeitig diesen Distrikt. Dieses flache Land bot absolut keine Möglichkeit, sich zu verstecken und unsichtbar zu machen. Der nächste Bauernhof war noch gut ein paar Meilen entfernt, und die Gräser am Wegrand waren bei Längen nicht so hoch, dass sich ein sechzehnjähriges Mädchen dahinter verbergen konnte.

Anstatt einfach rum zustehen und auf das Unvermeidliche zu warten entschloss Mhairi, einfach stur weiter zu laufen. Der Reiter würde sie sowieso einholen, was nützte es da noch, ihm dabei zuzuschauen. Oder vielleicht würde er auch einfach vorbeireiten…

Das Klappern der Hufe kam immer näher, und schließlich sah Mhairi aus den Augenwinkeln, wie das Pferd neben ihr trottete. Angespannt richtete sie den Blick auf den Horizont. Das Pferd war immer noch neben ihr. Immer noch. Immer noch. Immer noch. Immer noch. Und dann sprach der Mann zu ihr:

„Bei ganz Panem, wie siehst du denn aus? Als hättest du dich vier Jahre lang durch den Wald geschlagen und mit wilden Hunden geprügelt." Verdutzt sah Mhairi zu dem Reiter auf und blickte in ein freundliches, von Wind und Wetter gezeichnetes Gesicht. Der Mann lächelte. Seine Zähne waren strahlend weiß; sie hoben sich stark gegen seine braune Hautfarbe ab. Sein Haar war schwarz, seine Augen dunkel, und sein Blick wärmte Mhairi das Herz.

Der Mann reichte ihr eine Hand und sah sich leicht angespannt um. „Steig auf, ich bringe dich ins Zentrum. Ich bin eh dahin unterwegs. Aber wenn sie dich hier finden, allein und nicht bei der Auswahl, dann möcht` ich wirklich nicht an deiner Stelle sein." Unentschlossen blickte Mhairi zu dem mittelalten Mann auf, der auffordernd mit dem Kopf ruckte. „Nu mach schon", sagte er drängend, und endlich zog Mhairi sich hinter ihn auf den Sattel.

Das Pferd galoppierte sofort los. Mit gemischten Gefühlen schlang Mhairi die Arme um die Mitte des Mannes und beobachtete, wie die Landschaft vorbei flog. Was sollte sie tun, wenn Dylan seinen Plan wirklich in die Tat umsetzte? Er würde von ihr erwarten, dass sie seinem Beispiel folgte, oder nicht? War es nicht eher das, was Mhairi von sich selbst forderte? Mehr Mut. Mehr Selbstlosigkeit.

Nun, irgendjemand muss ja auch den Egoist spielen in diesem Spiel, dachte Mhairi bei sich, als der Mann sich zu ihr umdrehte. „Sag mal, wo kommste eigentlich her?" fragte er neugierig. „Da hinten is nur noch mein Haus und das von den Watsons."

„Ich war im Wald, jagen", antwortete Mhairi knapp. Na immerhin die halbe Wahrheit. Der Gesichtsausdruck des Mannes wechselte von neugierig zu geschockt. „Des is aber verboten, das weisste, oder?" Mhairi schwieg. Natürlich war es verboten, was denn sonst? Der Reiter deutete ihr Schweigen falsch, denn er nuschelte beruhigend:

„Keine Sorge, ich verrats nicht. Du kannst mir vertrauen. Große Beute scheinste ja eh nicht gemacht zu haben, also was solls. Gegen des Kapitol müssen wir doch alle zusammen halten, nich?" Wieder schwieg Mhairi. Was sollte sie schon sagen? Dass sie vorhatte die Chance verstreichen zu lassen, sich gegen das Kapitol aufzulehnen? Wohl kaum.

„Übringes, ich bin der Benne", versuchte der Mann vehement, ein vernünftiges Gespräch zustande kommen zu lassen. „Mhairi", antwortete Mhairi nur. Danach startete Benne keinen weiteren Versuch.

Bald erreichten sie das große Tor zum Zentrum, wo auf dem riesigen Marktplatz die Auswahl stattfinden sollte. Die Häuser waren wie ausgestorben, in den Straßen war auch niemand zu sehen. Eine eiserne Stille lag über die Stadt wie ein unsichtbares Tuch. Benne half Mhairi mit ernstem Gesichtsausdruck aus dem Sattel.

„Jedes Jahr isses das Gleiche", murmelte er vor sich hin. „Wirklich, ein Spaß ist das nicht. Du scheinst ne ganz Süße zu sein. Ich hoff mal, dass es dich nicht erwischt." „Danke", meinte Mhairi und war schon kurz davor, in Richtung Marktplatz zu gehen, als sie es sich anders überlegte und schwungvoll umdrehte. Benne sah sie neugierig an.

„Benne, darf ich dich was fragen?", meinte Mhairi vorsichtig und versuchte verzweifelt, eine richtige Formulierung zu finden die nicht gleich verriet, wer sie war und was für ein Ziel sie verfolgte. „Klar, du Süße, aber ich garantier dir keine Antwort", erwiderte Benne und lächelte, doch das Lächeln erreichte seine Augen nicht.

„Wenn du kämpfen könntest, würdest du es tun? Ich meine, wenn du die Möglichkeit hättest, das Kapitol zu stürzen?" Benne sah sie einen Moment lang prüfend an. Sein Blick wanderte von ihren Augen zu der abgerissenen Kleidung und schließlich zu den Silbersplittern in ihrem Gesicht. Schließlich antwortete er: „Früher wohl nicht, aber jetzt, da ich älter bin, warum nicht? Es würde meinem Leben wenigstens einen Sinn geben. Aber naja, also an deiner Stelle…he, wo willst du denn hin?"

Doch Mhairi achtete nicht mehr auf ihn, sondern rannte schon die Straße hinunter und bog in die nächste Gasse ein. Schnell sprang sie auf einem Stapel Bretter neben einem noch nicht fertig gezimmerten Haus, hangelte sich auf einen Balkon mit halbfertigem Geländer und von dort auf das Dach. Jetzt konnte man den Marktplatz schon sehen, voller Menschen, und in der Mitte mit einer großen, hohen Bühne.

Ein Blick zurück verriet Mhairi dass Benne immer noch da stand wo sie ihn zurückgelassen hatte, und verwundert dorthin starrte, wo sie verschwunden war. Hoffentlich konnte er den Mund halten…

Vorsichtig kletterte Mhairi an dem Dach entlang und sprang auf das nächste. Das hatte sie schon öfter gemacht, und doch fühlte Mhairi sich nicht so sicher wie sie es sich gewünscht hätte. Mehrmals fand sie mit den Füßen keinen Halt und musste sich mit den Händen festkrallen um nicht herunter zu purzeln. Ein weiteres Problem war, dass überall Friedenswächter um den Marktplatz herumstanden, was die ganze Sache nicht gerade vereinfachte. Doch Mhairi legte großen Wert darauf, nicht entdeckt zu werden. Nicht jetzt, nicht hier. Dafür war der Moment einfach zu wichtig.

Vor dem Podium standen zwei Reihen, eine mit Jungen und eine mit Mädchen, alle im Alter von elf bis zwanzig, und alle mit mehr oder weniger ängstlichen Gesichtsausdruck. Die Eltern und anderen Bewohner des Distrikts standen im Halbkreis um sie herum. Friedenswächter hatten sich vor ihnen aufgebaut, als könnte einer von ihnen plötzlich auf die Bühne stürmen. Als würde die Angst sie nicht alle auf ihren Plätzen halten.

Plötzlich fiel Mhairis Blick auf Dylan, wie er da völlig gefasst und ruhig zwischen den anderen Jugendlichen seines Alters stand und langsam den Blick schweifen ließ. Vielleicht sucht er ja nach mir, schoss es Mhairi durch den Kopf und aus irgendeinem Grund erleichterte sie dieser Umstand. Doch die Erleichterung schlug sehr schnell in Besorgnis um. Was, wenn er wirklich tat was er vorhatte zu tun? Und was, wenn nicht? Sollte sie so weitermachen wie bisher? Von Distrikt zu Distrikt ziehen und dabei jede Folter auf sich nehmen, einfach um das Gefühl zu haben, frei zu sein?

Eine Frau tänzelte auf die Bühne und unterbrach Mhairis düstere Gedanken. Vielmehr war ihr jetzt schlecht, denn der Anblick dieser Frau war der eines sehr schrill geratenen Paradiesvogels. Oder eher der einer Kröte die in mehrere Farbtöpfe gefallen war. Wirklich alles an der Frau war entweder pink, quietschgelb oder knallig rot, bis auf ihr Haar, das eine giftgrüne Farbe hatte. Anscheinend hatte sie sich der Herausforderung gestellt, möglichst viele Farben in ihrem Erscheinungsbild unterzubringen. Jedenfalls leuchtete ihr Mund hellblau und ihre Wangen sahen aus, als wären sie mit Moos überzogen. Dieses Gesamtkunstwerk eines misslungen Stylings überstrahlte die Frau einfach mit einem breiten Lächeln und quäkte aufgeregt ins Mikro:

„Hallo meine Lieben und willkommen zu einem neuen Jahr voller Spannung und Spaß. Ich, eure Effie Trinket, bin geradewegs aus Distrikt 12 hier gelandet, und ich muss schon sagen, die Chancen hier scheinen um einiges besser zu stehen. Vielleicht moderiere ich dann im nächsten Jahr schon Distrikt 10."

Und sie stieß ein sehr künstliches, überdrehtes Lachen aus. Keiner lachte mit. Die meisten starrten die neue Moderatorin einfach nur angewidert an, andere hatten geschockt die Augen weit aufgerissen. Ein kleiner Junge fing in den Armen seiner Mutter tatsächlich an zu weinen. Doch Effie machte unbeirrt weiter:

„Unsere diesjährigen Mentoren kennt ihr sicher, denn sie sind jedes Jahr dabei, weil dieser Distrikt einfach keine anderen Sieger zu bieten hat: Begrüßt mit mir: Jeremiah Fox und Athor Remolo!" Auch Fox und Remolo schienen nicht besonders glücklich, wieder auf dieser Bühne zu stehen und auf diejenigen hinunter blicken zu müssen, von denen sie dieses Jahr wieder vier in ihr Verderben schicken mussten.

Fox war groß und schmal, er hatte seine durchtrainierte Figur noch nicht ganz verloren, ganz im Gegensatz zu Remolo, der einem fetten, traurigen Dackel glich. Die beiden hatten die Hungerspiele gemeinsam gewonnen und waren damit die einzigen aus Distrikt 11. Mhairi erinnerte sich, wie die Geschichten über die Spiele erzählt worden waren, abends am Lagerfeuer, so leise wie möglich. Von so etwas Schrecklichem gehörte es sich einfach nicht laut zu sprechen.

Fox und Remolo hatten vor einigen Jahren die Arena betreten müssen. Die beiden Mädchen die mit ihnen ausgewählt worden waren, wurden gleich am Anfang getötet, doch Fox und Remolo hielten durch kluge Bündnisse bis zum Schluss aus. Das Ende musste spannend gewesen sein. Remolo lag verletzt in ihrem Versteck, während Fox sich aufmachte den letzten Gegner zu besiegen. Nun, er hatte es geschafft, und war jetzt dazu verdammt, wieder Unschuldige in den Tod zu schicken. Doch diesmal war keiner von ihnen ein Feind. Ob Fox es wohl manchmal bereut hatte, nicht gestorben zu sein?

Mhairi schüttelte den Kopf, als könnte sie so den Gedanken abschütteln, doch er setzte sich in ihrem Gedächtnis fest, falsch und frech. Fox nahm Effie das Mikro kurzerhand weg und sagte mit einer Stimme die selbst nicht an die Worte glaubte, die sie hervor brachte: „Die Chancen sehen wirklich gut aus. Ich bin sicher dieses Jahr gewinnen wir."

Worte, die das Kapitol ihm in den Mund legte. Mhairi hätte es nicht gewundert, wenn die Menschen aus Distrikt 11 Fox mit irgendetwas beworfen hätten, ihn wenigstens angeschrieen hätten, doch niemand rührte sich. Es blieb einfach still. Und diese Stille war schwerer zu ertragen als Wut, als Tränen, als Angst. Diese stumme Resignation bewies doch, wie abgestumpft die Menschen schon waren. Wie hohl sie innen waren, ohne einen Funken von Hoffnung im Herzen, oder den Willen zu kämpfen.

Mhairi hätte ihrer Verzweiflung am liebsten lauthals Luft gemacht, doch dann hätte sie ihre Position verraten. Also ertrug sie es zähneknirschend, weiter Effies Worten zu lauschen, die beschwingt fortfuhr:

„Also, ihr kennt ja alle das Verfahren. Vier Tribute werden gewählt, zwei Jungen, zwei Mädchen, mithilfe dieser schönen Wahlzettel. Sie können gemeinsam gewinnen. Und na ja, dann fangen wir mal an, oder?" Fragend warf sie Fox einen Blick zu, der leicht nickte, den Kopf gesenkt. Remolo reagierte überhaupt nicht sondern stierte wortlos in der Gegend herum.

„Na gut", meinte Effie. „Dann fangen wir mit den Jungen an. Jeremiah, wären Sie so nett…?" Zögernd ging Fox auf die Wahlurne zu, während der ganze Distrikt den Atem anhielt. Angespannt lag Mhairi auf den kühlen Ziegeln ihres Daches und beobachtete, wie Fox einen Zettel herauszog, ihn quälend langsam auffaltete und dann den Namen verkündete: „Miox Humninger."

Ein blonder, schmächtiger Junge, vielleicht vierzehn Jahre alt, stolperte auf das Podium zu und ging am ganzen Leib zitternd die Stufen hinauf. Mhairi gab ihm keinen Tag Überlebenschance und hasste sich gleichzeitig dafür. Ihr Blick huschte hinüber zu Dylan, der erstaunlich blass geworden war und seltsam zuckte.

Nein, tu es nicht! flehte Mhairi stumm, und tatsächlich, der Tribut kam auf dem Podium an ohne dass Dylan vortrat oder sonst irgendetwas unternahm. Mhairi entspannte sich ein wenig. Effie, Fox und Remolo bedachten den Tribut namens Miox nur kurz mit einem prüfenden Blick, dann trat Remolo vor und zog einen Zettel aus der Wahlurne der Mädchen. „Leika Bends" wurde aufgerufen.

Leika war ein zierliches Mädchen um die achtzehn. Sie schob ein sehr junges Mädchen von sich, das sich an ihren Rock geklammert hatte, als sie auf das Podium zuging und sah dabei aus als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. Miox quittierte sie mit einem kurzen Blick und würgte unauffällig. Mhairi brach der kalte Schweiß aus. Dylan, tu nichts! Mach einfach nichts, Dylan.

Wie in Zeitlupe zog Fox einen weiteren Zettel aus der Wahlurne der Jungen, las einen Namen vor und hob dann den Kopf um den Unglücklichen zu sehen. Mhairi hörte den Namen nicht. Sie bemerkte nur, wie ein winziger, zerbrechlich wirkender, blasser Junge aus der Reihe taumelte, wie Dylan ruhig und selbstbewusst vortrat, ihn zurückhielt, anstatt seiner die Stufen zum Henker hochstieg und seinen Namen in das Mikro sprach.

Mhairi konnte es nicht fassen. Er hatte es wirklich getan! Warum bloß? Eine Frage, deren Antwort überflüssig war. Alle wussten, warum. Sogar die Kleinsten. Dylan sah sich in der Menge um, doch anscheinend fand er nicht was er suchte. Mhairis Aufmerksamkeit wurde von ihm abgelenkt, als Remolo seine dicken Finger langsam in der Wahlurne versenkte, tastete, schnüffelte, nach dem nächsten Opfer, der nächsten Marionette…

Und auf einmal war alles ganz klar. Was Mhairi tun musste. Als wäre ihr Leben schon immer auf diesen Punkt hinaus gelaufen. Als wäre genau das schon immer ihre Bestimmung gewesen. Sie hatte nur einen kleinen Denkanstoß gebraucht, einen kleinen Tritt sonst wohin.

Entschlossen packte Mhairi einen der etwas loseren Dachziegel und ließ ihn so laut wie möglich auf die Straße krachen. Sorgfältig achtete sie darauf, dass man sie sah, bevor sie sich - scheinbar - versteckte. Köpfe ruckten herum, Rufe schallten über den Marktplatz, Waffen klirrten, Remolo hielt mitten in der Bewegung inne und starrte herüber.

Hastig ließ Mhairi sich von dem Dach fallen. Vielleicht etwas zu schnell. Unsanft kam sie auf dem Boden auf. Und schon packten sie die groben Hände der Friedenswächter und zerrten sie hinüber zum Podium. Die Menge wich auseinander. Ungläubige Blicke klebten auf ihr, doch es war Mhairi egal. Die Zeit des Versteckens war vorbei.

„Huh, wen haben wir denn da?" fragte Effie erstaunt und grinste breit auf Mhairi hinunter. „Eine kleine Ausreißerin. Sag mir, wie heißt du?" „Mhairi Berucas", antwortete Mhairi mit der festesten Stimme die ihr in diesem Moment möglich war. Stur mied sie Dylans Blick, sah nur Effie an, nur Effie. Effie und Fox und Remolo und… Nein, nur Effie, nur die hässliche Vogelscheuche.

„Ist der Wahlzettel einer Mhairi Berucas in der Urne?" fragte Effie an den Bürgermeister gewandt, der in seiner festlichsten Kleidung neben dem Podium stand. Dieser warf Mhairi einen mitleidigen Blick zu, durchsuchte seine Liste wieder und wieder, bis er schließlich mit widerwilliger Miene den Kopf schüttelte. Effies Grinsen wurde noch breiter und Mhairi kam nicht umhin sich zu fragen, ob diese Frau überhaupt verstand was hier passierte.

„Gut, gut, dann schreibt doch bitte einer einen Zettel mit ihrem Namen und steckt ihn in die Urne. Und du, Mädchen, stellst dich zu den anderen." Den ganzen Weg lang bis zu der Reihe der Mädchen ließ einer der Friedenswächter seine Hand auf Mhairis Schulter ruhen. Im Gehen zischte er ihr zu: „Wirst du nicht ausgewählt, erwarten dich fünfzig Peitschenhiebe und ein Jahr im Kerker, und sollte das andere der Fall sein, sind deine Tage eh gezählt. Dann kannst du nur noch beten, dass du ohne Schmerzen davon kommst. Verstanden?"

Mhairi sah dem Mann direkt in sein gehässiges Gesicht und wiederholte kalt: „Verstanden." Der Mann schien etwas irritiert zu sein von ihrer völlig offenen Feindseligkeit, doch dann grinste er. „Gut", meinte er und sein stinkiger Atem strich über Mhairis Gesicht. Doch sie beachtete ihn gar nicht mehr.

Remolo trat wieder auf die Urne zu, in der Hand den kleinen Zettel mit Mhairis Namen, bereit, ihn zu den anderen zu werfen, zu vermischen und dann vielleicht doch zu ziehen. Mhairi musste einfach handeln. Sie konnte nicht warten, bis irgendein Name ausgerufen wurde. Der Zorn strömte durch ihren Körper wie flüssiges Feuer, ein Gefühl der Macht und der Stärke.

Konzentriert schloss Mhairi die Augen, ballte die Hände zu Fäusten und wartete. Remolo war schon im Begriff, Mhairis Zettel loszulassen, als an der Wahlurne plötzlich Flammen hochzüngelten. Erschrocken machte er einen Satz zu zurück. Effie schrie laut auf und stürzte vom Podium herunter in die Menge. Fox war der einzige, der handelte. Er zog seine Jacke aus und schlug auf die Flammen ein.

Es herrschte heilloses Durcheinander. Die Menge schien aus ihrer Starre erwacht zu sein, die Menschen schrieen, brüllten laut durch die Gegend und die Friedenswächter hatten alle Hände voll zu tun die wütende Meute in Schach zu halten. Als wieder Ruhe eingekehrt war, war die Wahlurne schon ganz niedergebrannt und nur noch als ein Häuflein Asche existent. Fox gelang es, die restlichen Flammen zu ersticken und Remolo stand immer noch da, seine Augen klebten auf Mhairis Zettel in seiner Hand.

Auch Effie Trinket hatte sich inzwischen gefasst. Ihre Wangen waren knallrot und sie musste ihre scheußliche Perücke zurechtrücken als sie wieder auf das Podium stieg und sich keuchend umsah. Dann entdeckte sie Remolo, der von dem ganzen Spektakel keine Notiz zu nehmen schien.

„Na wunderbar!" rief sie. „Ein Zettel hat ja überlebt. Mädchen, komm auf die Bühne." Das ließ Mhairi sich nicht zweimal sagen. Mit festen Schritten stieg sie hinauf und stellte sich neben Dylan ohne sich anmerken zu lassen, dass sie ihn kannte. Die Nationalhymne des Kapitols ertönte. Hunderte neugieriger und mitleidiger Augen ruhten auf den vier Tributen.

Unauffällig beugte Dylan sich etwas zu Mhairi hinunter und tat dabei, als würde er nur sein Gewicht verlagern, wobei er sich in dem Kabel des Mikros etwas verhedderte, schwankte und sein Gleichgewicht schnell wiederfand. „Du hast den Ziegelstein absichtlich geworfen, oder?" flüsterte er aus den Mundwinkeln. „Wie kommst du denn darauf?" fragte Mhairi unschuldig, doch ein triumphierendes Lächeln umspielte ihre Lippen.