Warnung: sexueller Inhalt, Erwähnung von ungesunden Beziehungen

Jesse lernt, mit seiner Vergangenheit umzugehen. Zumindest ein bisschen.


In Gabriel Reyes' Anwesenheit war er immer damit beschäftigt gewesen, Expressionen in echt und unecht zu kategorisieren. War das höhnische Grinsen so gemeint? Stellte sich der unbeteiligte Ausdruck als eine Maske heraus, die lodernden Zorn verbarg? Lachte der Mann, weil er zufrieden war? War das stolze, fast sanfte Schmunzeln, das so selten seine Lippen verzerrt hatte, wenn er Jesse ansah jemals ernst gemeint gewesen? Es hatte sich damals gut angefühlt.
Er hatte sich nur zu bereitwillig belügen lassen.

Es machte ihn wütend, dass selbst jetzt, Jahre nach seinem Tod, Reyes immer noch seine Gedanken in einer Weise in Anspruch nahm, wie kein anderer Mensch das jemals getan hatte.

Hanzo war anders. Sparsam und wohlbemessen in seinen Reaktionen, doch wenn sich eine Emotion Bahn brach konnte man sicher sein, dass der Japaner auch so empfand. Alles an dem Mann war beinahe künstlerisch, von der eleganten Art und Weise, wie er sich bewegte über seine gewählten Worte bis hin zu seinem Geschmack, minimalistisch und detailverliebt, der sich in der Einrichtung des Gebäudes ebenso wiederspiegelte wie in seiner Kleidung. Wie Jesse McCree in dieses elaborierte Schema hinein passte war ihm nicht klar.

Dass er hineinpasste war aber unabstreitbar. In eben diesem Moment sah der ehemalige Yakuza zu ihm auf, ernst und tiefsinnig wie immer. Das Seil um seinen Oberkörper ließ ihm genug Spiel, um sich zu bewegen, aber nicht genug, um sich zu entspannen, sein Rücken blieb leicht durchgedrückt, die Arme hinter dem Körper zusammen gehalten. Hanzo saß noch immer in perfektem Kiza, die Knie leicht auseinander, die Füße nebeneinander aufgestellt. Es war, das hatte er ihm irgendwann erklärt, während sie zusammen gesessen und Grüntee getrunken hatten, eine Haltung, die Aufmerksamkeit und Bereitschaft anzeigte. Was immer er tat, Hanzo malte ein Bild für ihn.

Und er wollte nichts mehr, als diesem Bild seine Handschrift aufzudrücken, indem er seine Hände in das seidige schwarze Haar krallte, seine Finger an den Seilen entlang und über die Tinte unter Hanzos Haut streifen ließ. Er wollte diesen kühlen, gefassten Mann unter seinen Berührungen schmelzen sehen, wollte den Moment abpassen, in dem er bereit war, um Erlösung zu betteln, in dem er anerkannte, dass er sie nur von ihm bekommen könnte.

"Fuck." McCree grinste. "Du bist wunderbar."
Die kleinste Andeutung eines Lächelns. Es fühlte sich gut an.