Kapitel 2 – Subtile Versuche
Ginny blieb nach der nächsten Zaubertrankstunde länger, sodass sie am Ende allein mit Professor Snape im Raum war. Sie hatte beschlossen, dass sie nicht weiter untätig herumirren konnte – sie musste zumindest versuchen, sein Interesse auf sich zu ziehen.
„Was gibt's, Weasley?", meinte Snape, als er sie entdeckte. Er saß an seinem Schreibtisch und blickte sie gelangweilt an.
Ginny ging zielstrebig auf ihn zu, stellte sich gerade vor ihn und verkündete: „Ich wollte Sie fragen, ob ich Ihnen bei etwas behilflich sein kann."
Er blinzelte ein paar Mal verdutzt. „Wie meinen Sie das?", hakte er dann skeptisch nach. „Erklären Sie sich!"
„Nun", erwiderte sie unbeirrt. „Ich dachte mir, dass sie sicher zurzeit furchtbar viel zu tun haben, da ja in zwei Wochen Abschlussprüfungen sind. Und deswegen wollte ich Ihnen meine Hilfe, oder vielleicht kann man es auch Assistenz nennen, anbieten bei Dingen, die Sie vermutlich zu tun haben."
„Zum Beispiel?"
„Ich könnte zum Beispiel Ihren Vorratsschrank aufräumen oder Tränke für den Krankenflügel brauen."
Snape sah sie immer noch erstaunt an. Dann jedoch verfinsterte sich sein Blick, er stand auf und erwiderte erbost: „Ich habe keine Zeit für solch einen Unsinn." Dann wollte er aus dem Raum rauschen, doch Ginny hielt ihn auf, indem sie ihn am Arm festhielt. Er sah sie fassungslos an.
„Das war kein Unsinn", sagte sie ernst. „Ich biete Ihnen wirklich meine Hilfe an."
„Und warum beim Merlin sollten Sie das tun?!"
Ginny antwortete, ohne zu blinzeln: „Weil ich Sie mag."
Er sah sie an, als ob sie verrückt geworden wäre, dann schüttelte er sie ab, knurrte: „Lassen Sie mich in Frieden!" und floh aus seinem eigenen Klassenzimmer.
Ginny seufzte einmal, nahm ihre Schultasche und verließ dann ebenfalls den Raum.
„Miss Granger!"
Hermine war gerade auf dem Weg zu ihrem Turm, als sie von jemandem aufgehalten wurde, mit dem sie sich auf gar keinen Fall unterhalten wollte: Snape… Dennoch drehte sie sich zu ihm um und wartete, bis er sie mit seinen schnellen, großen Schritten erreicht hatte. Es war schon abends und niemand anderes war mehr unterwegs. „Sir."
Er stellte sich vor sie und sah mit unbewegter Miene auf sie hinab. „Madam Pince hat mir berichtet, dass Sie sich letztens ein Buch ausleihen wollten, über welches die Bibliothek jedoch nicht verfügt. Ist das korrekt?"
Hermine nickte, verwundert, worauf er hinauswollte.
„Wie hieß das Buch doch gleich?", tat er ratlos.
„Seltene Kräuter und Blumengewächse Südfrankreichs", antwortete Hermine automatisch.
„Ah ja", erwiderte Snape und zu ihrer großen Verwunderung trat dabei ein kleines Lächeln auf sein Gesicht. Er holte etwas aus seinem Umhang und hielt es ihr vor die Nase. „Ich habe es", meinte er triumphierend.
Hermine ging einen halben Schritt zurück und erkannte dann, dass es in der Tat genau jenes Buch war, das sie lesen wollte. „Schön für Sie", sagte sie nur. „Und nun?"
„Ich möchte es Ihnen ausleihen."
„Wie bitte?", stammelte sie verdattert. So etwas hatte es in der Geschichte Hogwarts ja noch nie gegeben. Professor Snape war schließlich dafür bekannt, dass er die Schüler nicht einmal nur in die Nähe seiner heiligen Bücher ließ! Und er wollte ihr nun eines verleihen? „Ähm, danke", fasste sie sich dann und nahm das Buch vorsichtig entgegen. „Aber wie komme ich denn zu dieser Ehre?"
Snape ließ sich Zeit mit seiner Antwort, bevor er dann ernst erwiderte: „Ich schätze Sie, Miss Granger, und ich möchte Ihrer Weiterbildung nicht im Weg stehen."
Hermine schluckte. Er… schätzte sie?! „Okay, ähm, danke…" Und mit einem gequälten Lächeln ging sie weiter zu ihrem Turm. Als sie sich das nächste Mal nach ihm umsah, war er schon verschwunden.
"Hermiiiine?"
Wenn sie diesen Ausruf hörte, wusste sie schon, was auf sie zukam. Sie saß auf einem der Sofas im Gemeinschaftsraum und wartete auf das vertraute Plumpsen neben sich, als Harry sich stürmisch setzte.
„Kann ich bitte einmal über deinen Zaubertränkeaufsatz schauen? Bitte?"
Hermine rollte mit den Augen und sah ihn an. Plötzlich kam ihr eine Idee. „Und was krieg ich dafür?"
„Ähm… was willst du denn?"
„Wie wär's mit einem Kuss – auf die Wange?"
Harry sah sie mit großen Augen an. „Ähm… okay…" Dann beugte er sich langsam vor und gab ihr einen hauchdünnen Kuss auf die Wange. „Zufrieden?", lächelte er dann.
Sie nickte, gab ihm ihren Aufsatz und versuchte verzweifelt, nicht rot zu werden…
„Hi, Ginny."
„Hi, Harry."
Er lief schneller, um mit ihr auf dem Flur entlanggehen zu können. „Ähm… Darf ich deine Bücher tragen?"
Sie sah ihn erstaunt an. „Ja, klar", strahlte sie dann und übergab sie ihm.
Schweigend gingen sie weiter.
„Ich finde übrigens, dass du eine richtig tolle Quidditch-Spielerin bist."
Sie sah ihn wieder verwundert an.
„Ich glaub, das hab ich dir noch nie gesagt."
„Stimmt", meinte sie. „Danke."
Vor dem Zauberkunstklassenzimmer trennten sich ihre Wege und er musste ihr ihre Bücher wiedergeben.
„Ja, dann bis nachher beim Training", meinte Harry und winkte zum Abschied unbeholfen.
„Ja, bis nachher", murmelte Ginny und ging ins Klassenzimmer.
Harry war sich nicht sicher, ob das Ganze so gut gelaufen war, wie er es sich erhofft hatte, aber es war doch zumindest schon mal ein Anfang gewesen.
