Kapitel 3 – Panik und Enttäuschungen
Ginny klopfte laut an Snapes Tür.
Dieser öffnete nur ein paar Augenblicke später schwungvoll und sah sie böse an. „Was wollen Sie denn hier?"
„Stimmt es, dass Sie gekündigt haben?", platzte Ginny sofort heraus.
Snape blinzelte kurz verwundert, bevor er die Arme vor der Brust verschränkte. „Und wenn es so wäre, was würde Sie das angehen?"
„Ich will nicht, dass Sie gehen." Es würde bedeuten, dass sie ihn, wenn das Schuljahr in einer Woche beendet sein würde, nie wiedersehen würde…
„Und warum? Nein, lassen Sie mich raten: Weil Sie mich mögen?", verhöhne er sie, doch Ginny ließ sich davon nicht beeindrucken.
„Ja, weil ich Sie mag." Und bevor sie der Mut verlassen konnte oder er etwas erwidern konnte, ging sie schnell auf ihn zu, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn mitten auf den Mund.
Snape brauchte nur einen kurzen Moment, bevor er sich gefasst hatte, packte Ginny nun an den Oberarmen und stieß sie von sich. „100 Punkte Abzug von Gryffindor!", knurrte er. „Und wehe, Sie belästigen mich noch einmal!" Dann schlug er die Tür mit einem lauten Knall zu.
Ginny stand alleine auf dem Flur, starrte eine Weile auf das dunkle Holz der Tür vor sich, brachte schließlich ihre Beine dazu, sich wegzubewegen, und fing zuletzt an, laut zu schluchzen und davonzurennen…
Es war die letzte Zaubertrankstunde des Abschlussjahrgangs. Nun ja, ob man es als Stunde bezeichnen konnte, war fragwürdig, denn sie hatten soeben ihre Prüfungen hinter sich gebracht: Fragen waren schriftlich beantwortet und Tränke hoffentlich geschickt gebraut.
„Wenn die schriftlichen Fragen und Trankproben ausgewertet sind, erhält Professor Snape eine Eule von mir mit Ihren Ergebnissen", sagte der Ministeriumsprüfer nun. „Ich bin aber zuversichtlich, dass alle es gut gemeistert haben." Er lächelte, nickte ihnen und Severus einmal zu und verließ dann das Klassenzimmer.
„Sie können dann gehen", entließ Severus seine Klasse. „Miss Granger, bleiben Sie bitte noch einen Moment."
Sie sah ihn verwundert an, so wie sie es nun schon seit Wochen jedes Mal tat, wenn er ihren Namen sagte. Er wusste nicht, was er davon halten sollte…
„Was gibt es denn, Sir?", fragte sie, als alle anderen gegangen waren. Sie stand vor ihm und sah ihn müde aber auch gespannt an.
Er brauchte einen Moment, bis er ihr antworten konnte, da er ihr in die Augen geschaut hatte – das brachte ihn jedes Mal wieder aus dem Konzept. Diese klugen, weisen und doch jungen Augen. „Ich wollte Sie fragen, was Sie nach Ihrem Abschluss vorhaben", sagte er nun und versuchte, so beiläufig wie möglich zu klingen.
Hermine blinzelte verwundert. „Wie bitte?"
„Ich glaube, Sie haben mich schon richtig verstanden." Er versuchte, freundlich zu lächeln, doch sie sah ihn nur noch entsetzter an. „Also, welche Pläne haben Sie."
„Warum wollen Sie das wissen?", fragte sie skeptisch.
Er zuckte mit den Schultern. „Warum nicht?"
„Weil es ganz einfach nicht Ihre Art ist. Sir."
Er sah sie an, wollte gerade etwas erwidern, doch sie kam ihm zuvor.
„Ich danke Ihnen für all das Wissen, dass Sie mir im Bereich Zaubertränke in den letzten Jahren gegeben haben, aber ich werde jetzt gehen." Damit drehte sie sich um, doch er zog sie sofort zurück, indem er ihre Hand ergriff.
Sie hatte sich sehr darüber erschrocken und stand nun dicht vor ihm, sah ihm mit großen Augen ins Gesicht, ihre Hand immer noch in seiner.
Diese Augen…
„Ich…", begann Severus leise und sein Atem strich ihr übers Gesicht, „ich… würde mich freuen, wenn Sie nicht aus meinem Leben verschwinden würden, sondern in meiner Nähe blieben."
Hermine sah ihn fassungslos an. Er wollte sie bei sich haben? Sie wusste nicht, was sie darauf erwidern konnte, doch sie wusste, dass er ihr Angst machte, und sie ganz schnell hier raus musste!
Daher entwand sie ihre Hand aus seiner und trat ein paar Schritte zurück. Sie versuchte, etwas zu sagen, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. „Ich… ich… Ich kann das nicht!", stammelte sie, drehte sich schließlich blitzschnell um, nahm ihre Tasche und rannte aus dem Klassenzimmer.
Severus blieb alleine zurück und sah mit gequälter Miene auf die offene Tür, aus der sie gerade nahezu vor ihm geflüchtet war…
Es war schon spät, doch da für die Siebtklässler alle Prüfungen vorbei waren, interessierte es niemanden, wann sie ins Bett gingen. Der Gryffindor-Gemeinschaftsraum war still und so gut wie leer.
Ron war auf dem Sessel eingeschlafen und Hermine und Harry saßen auf dem Sofa und starrten in die Flammen, denn obwohl es Ende Juni war, regnete es draußen und es war auch nicht besonders warm.
„Kannst du dir vorstellen, dass wir in drei Tagen nicht mehr Schüler in Hogwarts sein werden?", sprach Harry irgendwann seine Gedanken laut aus.
Hermine schüttelte mit dem Kopf. „Nein… Ich werde die Schule sehr vermissen…" Dann erinnerte sie sich an ihren Entschluss, den sie gestern nach ihrer letzten Prüfung gefasst hatte, und fügte hinzu: „Und ich werde dich vermissen."
„Aber wir bleiben doch Freunde", versicherte Harry sogleich lächelnd.
„Aber wir werden uns nicht mehr jeden Tag sehen…", erwiderte Hermine traurig.
Harry seufzte nur schwer.
Eine Weile blieb es still, dann lehnte sich Hermine gegen ihren besten Freund, sodass ihr Kopf auf seiner Schulter lag, und nahm vorsichtig seine Hand. Behutsam strich sie mit ein paar Fingern darüber, während ihr Herz laut klopfte.
Harry ließ es einen Augenblick geschehen, dann räusperte er sich und schob sie sanft von sich. „Ich kann das nicht", erklärte er und man konnte ihm ansehen, wie unangenehm ihm die ganze Situation war. Doch tapfer sah er ihr in die Augen und verkündete dann faktisch: „Ich liebe dich nicht, Hermine."
Sie wusste nicht, wohin mit ihrer Enttäuschung: Erst sah sie Harry erstaunt an, dann wurde sie wütend und schließlich rannte sie weinend in ihren Schlafraum…
Das war genau der Grund gewesen, warum sie niemals gewollt hatte, dass er es erfuhr – denn nun bestand die Gefahr, dass ihre Freundschaft an ihren Gefühlen zerbrach…
Nein!
Harry war auf der Suche nach Ginny. Er wollte sie fragen, ob sie mit ihm morgen Abend auf dem Abschlussball tanzen wollen würde. Nachdem er sie weder im Gryffindor-Gemeinschaftsraum, noch in der Bibliothek, noch in der Großen Halle gefunden hatte, versuchte er es auf dem Quidditchfeld – obwohl es regnete.
Schon von Weitem erkannte er, dass er richtig lag mit seiner Vermutung, denn ein rotes Leuchten schoss durch die Luft.
Harry setzte sich auf die Tribüne und sah Ginny zu, die alleine auf dem Platz auf und abflog und wendige Tricks übte.
Sie schien ihn entweder nicht zu sehen oder zu ignorieren, denn nach einer Weile flog sie hinunter und ging dann in die Umkleidekabine, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
Harry folgte ihr. Er klopfte an die Tür und öffnete sie einen Spalt. „Ginny?", rief er. „Darf ich reinkommen."
„Ja", erwiderte sie mit erstickter Stimme und er erkannte, dass sie geweint hatte.
Er betrat die Umkleidekabine, in der Ginny schon wieder ihre normale Hogwartsuniform trug.
Sie sah ihn mit harter Miene an. „Was gibt es?"
Ihr Blick beunruhigte ihn und er begann zu stammeln: „Ähm, also ich… ähm, nun ich… ähm… wollte dich fragen, ob du… ähm, mit mir morgen Abend tanzt."
Sie sah ihn verwundert an. Dann wandte sie sich abrupt ab und nahm ihre Tasche. „Vielleicht."
Harry griff nach ihrem Arm, als sie versuchte, an ihm vorbei nach draußen zu gehen. „Was ist los, Ginny?"
Sie sah ihn mit großen Augen an, in denen sich schon wieder Tränen sammelten. „Nichts…"
„Ginny-", begann er, doch sie riss sich plötzlich los.
„Lass mich in Ruhe!", rief sie und rannte hinaus in den Regen.
Harry blieb in der Umkleidekabine und schluckte den Kloß hinunter, der ihm plötzlich in den Hals geraten war, bei dem Gedanken, dass er nur noch einen Tag Zeit hatte, damit Ginny ihn nicht mehr hasste – was auch immer er verbrochen hatte…
