Kapitel 2 – Cerseis Zorn
Königsmund
Der Thronsaal leerte sich Stück für Stück. Jaime beobachtete die Lords und Ladies dabei, wie gern sie den Blicken seiner Schwester entwichen. Draußen vermehrte sich dann das Stimmengewirr von einem zurückhaltenden Flüstern zu einem aufgeregten Getuschel.
Während Cersei sich von den restlichen Huldigern beglückwünschen ließ, schlenderte Qyburn gemächlich durch den Saal und blieb schließlich neben Jaime stehen. Sein Blick richtete sich auf den Berg, der unbeweglich neben der neuen Königin stand.
„Es ist ein seltsames Gefühl, so etwas Zerstörerisches geschaffen zu haben", erzählte er im gewohnt ruhigen Tonfall. „Und es gibt Tage, da denke ich darüber nach, was für eine vernichtende Kraft er hat. Selbst wenn er sie falsch einsetzen würde, ich würde nicht aufhören, ihn zu verehren."
Wie er so sprach, erinnerte er Jaime stark an Varys, den Eunuchen.
„Und was ist mit meiner Schwester?" wollte der Königsmörder wissen. „Verehrt Ihr sie auch?" Qyburn lächelte versonnen.
„Selbstverständlich", sagte er. „Dabei habe ich sie nicht einmal geschaffen."
Jaime betrachtete die glänzende Krone, die Qyburn Cersei aufgesetzt hatte. Sie war schmaler, femininer als die ihrer Vorgänger. Eine Königin auf dem Eisernen Thron.
„Man kann Menschen auch schaffen, indem man ihnen Dinge einflüstert, und mit ihren Gedanken spielt", raunte Jaime. Wieder kam von Qyburn nur dieses versonnene Lächeln.
„Es kommt darauf an, ob das Individuum empfänglich für solch ein Geflüster ist", gab er zu Bedenken. „Eure Schwester wird Euch sicherlich in den Kleinen Rat berufen. Es gibt viel zu besprechen, wir werden uns also bald wiedersehen." Mit diesen Worten drehte er sich um und folgte den Lords und Ladies hinaus.
Erst als die Türen sich hinter dem letzten Gratulanten und dem Berg mit einem lauten Krachen schlossen, rührte Jamie sich und schritt bis vor die Stufen zum Eisernen Thron. Dort kniete er sich nieder und neigte den Kopf.
„Meine Königin", sagte er leise.
„Erhebe dich", entgegnete Cersei mit ihrer klaren, scharfen Stimme. Ohne zu zögern stand Jaime auf und erklomm die Stufen, bis er mit seiner Schwester auf Augenhöhe war.
„Tommen?" fragte er nur. Cersei wich seinem Blick aus.
„Ist nun vor all unseren Feinden geschützt", sagte sie.
„Du meinst er ist tot", korrigierte Jaime scharf. Ein eisiges Gefühl floss ihm durch die Adern. Cersei zog die Augenbrauen hoch.
„Ja, er ist tot", erwiderte sie. „Er stürzte sich aus seinen Gemächern als er erfuhr, dass seine geliebte Frau von ihm gegangen war."
„Von ihm gegangen war", wiederholte Jaime wütend und lehnte sich vor. „Darf ich fragen, auf welche Art und Weise sie von ihm ging?" Die Königin betrachtete seelenruhig seine gereizte Miene.
„Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort, das arme Ding", erklärte Cersei. „Sie und ihre verkommene Familie. Und der Hohe Spatz mit seinen kleinen Spatzen. Sie alle sind davon geflattert."
„Du hast die Große Septe zerstört", sagte Jaime aufgebracht.
„Ich habe getan, was nötig war", unterbrach Cersei ihn, ihr Lächeln nicht mehr ganz so gelassen.
„Du hast die Große Septe zerstört", wiederholte Jaime langsamer, lauter. „Die Septe, die schon seit Jahrhunderten dort steht, die Septe, in der unsere Verwandten begraben sind, unsere Kinder! Bedeutet dir das gar nichts?"
„Meine Kinder waren mein Leben", zischte Cersei. „Und ich habe mir geschworen, alle zu vernichten, die Schuld an ihrem Tod tragen. Weil das alles ist, was einer Mutter bleibt." Jaime trat noch einen Schritt näher und sah nun auf seine Schwester hinab.
„Und Tommen?" fragte er leise. „Wer trägt Schuld an seinem Tod?"
„Es wurde mir prophezeit, aber du hast mir nicht geglaubt", erwiderte Cersei. „Tommen konnte nicht gerettet werden. Er war schon vor seiner Geburt zu diesem Schicksal verdammt."
„Ich glaube nicht an Prophezeiungen", protestierte Jaime wütend. „Du hast Tommens Tod in Kauf genommen, um deine Feinde zu vernichten."
„Unsere Feinde", meinte Cersei sanft und stand auf. Ihr Kleid klirrte leise bei jeder Bewegung. Es ähnelte nicht mehr im Geringsten den Teppichen aus teuren Stoffen, die Cersei früher getragen hatte. Die Königin umfasste das Gesicht ihres Bruders zärtlich.
„Dich werden sie mir auch wegnehmen", wisperte sie. „Aber bis dahin werden wir so viele töten, wie uns nur möglich ist. Ich bin jetzt Königin, und ich will, dass du mein König bist." Sie küsste ihn beinahe schon brutal auf die Lippen. Jaime genoss ihre vertraute Nähe für einen Augenblick, doch dann löste er sich.
„Cersei, wir können nicht…", begann er, doch seine Schwester unterbrach ihn, indem sie seinen Kopf so fest packte, dass es wehtat.
„Wir können alles", raunte sie. „Ich habe zu lange darauf geachtet, was alle dachten, was Vater dachte… Aber das ist nun vorbei. Ich habe uns von dieser Last befreit. Du hast noch nie in die Königsgarde gehört, sondern nur an meine Seite. Und die ganze Welt soll sehen, dass wir beide einander gehören."
Es waren dieselben Worte, die Jaime schon so oft vernommen hatte, doch diesmal jagten sie ihm einen Schauer über den Rücken. Vielleicht lag es an der Krone, die glänzend und neu auf ihrem kurzen Haar saß, aber sie erinnerte Jaime entfernt an ihren ältesten Sohn, Joffrey. Von irgendwo her musste der Junge ja auch seinen Wahnsinn gehabt haben. Cersei löste sich von ihrem Bruder, schritt die Stufen hinab und drehte sich nach kurzem Ausharren zu ihm um.
„Du hättest schon vor langer Zeit auf diesem Thron sitzen können", sagte sie laut. Ihre Stimme hallte im leeren Thronsaal wider. „Du kannst mir nicht erzählen, dass er dich nicht reizt." Ein leichtes Lächeln stahl sich auf Jaimes Lippen.
„Ich wäre ein schlechter König", murmelte er.
„Das spielt keine Rolle mehr", erwiderte Cersei. „Dem Volk ist es egal, wem man ihm vor die Nase setzt, solange es ihnen gut geht. Und die großen Häuser werden keine Gelegenheit haben, ihre Missgunst zu äußern. Denn wir werden sie Stück für Stück ausrotten. Tyrell, Baratheon, Martell…weiter geht es mit den Häusern des Nordens, angefangen mit den Starks. Und irgendwann ist der Löwe das einzig große Haus im geeinten Westeros."
„Und dann?" fragte Jaime. „Wenn wir sterben, und keine Erben hinterlassen, dann lenkt einer unserer Cousins das Reich?"
„Nein", antwortete Cersei kalt. „Wenn wir sterben, nehmen wir unser Haus mit ins Grab. Wir werden dafür Sorge tragen, dass kein Lannister je nach uns auf dem Eisernen Thron sitzt. Und wenn es für uns keine Zukunft gibt, wird es auch für Westeros keine Zukunft geben. Ich mache mir keine Gedanken um das Danach." Jaimes Blick ruhte auf dem Thron. Er hatte schon genug Könige darauf sitzen sehen, und keiner von ihnen hatte ein besonders langes Leben gehabt. Für einen winzigen Moment fragte er sich, was sein Bruder Tyrion aus dieser Situation gemacht hätte. Sicher wäre ihm ein gewitzter Spruch über die Lippen gewichen. Er wäre mit Sicherheit ein besserer König, als er oder Cersei es je sein würden. Wenn er denn den Ehrgeiz dazu hätte.
„Also warten wir darauf, dass jemand kommt und uns ermordet?" wollte Jaime mit hochgezogenen Augenbrauen wissen.
„Hast du auf einmal Angst zu sterben?" höhnte Cersei. Sie war schon immer so gewesen, erinnerte Jaime sich. Eine Eigenschaft, die ihr Vater nur zu gern gefördert hatte. Alle Lannisters kannten diese Arroganz – sie war dem Haus in Fleisch und Blut übergegangen.
„Ich habe keine Lust, kampflos zu sterben, eingepfercht in diesen Mauern", erwiderte Jaime nur. Cersei musterte ihn herablassend.
„Meinetwegen", räumte sie schließlich ein. „Spiel deine Spielchen, ich werde dir Aufgaben geben. Aber du wirst nie wieder Lord-Kommandant der Königsgarde sein."
„Weil ich Lord-Kommandant der Königinnengarde bin?" scherzte Jaime müde. Cersei lächelte kalt.
„Du hast die Wahl", erklärte sie. „Entweder du bist Geliebter der Königin, oder ihr Gemahl. Ich gebe dir Bedenkzeit. Und jetzt verlass den Thronsaal, ich möchte mich ausruhen."
Jaime gehorchte ohne zu zögern und machte sich auf den Weg zu seinen Gemächern. Er sehnte sich danach, endlich seine Rüstung abzulenken und ein Bad zu nehmen. Und insgeheim erschrak er vor seiner Schwester. Lange Zeit waren ihre Hasstiraden und Beschimpfungen nicht viel mehr als Gerede gewesen. Was würde sie mit der Macht anstellen, die sie durch den Tod ihrer Kinder erlangt hatte?
Als er ankam, stand Bronn am Fenster und war versunken in die Betrachtung von Königsmund.
„Irgendwas hat sich verändert…", murmelte er scheinheilig. „Sags mir nicht!"
„Die Septe ist weg", meinte Jaime ungeduldig und begann, einhändig seine Rüstung abzulegen. Bronn hob gespielt überrascht die Augenbrauen.
„Stimmt", sagte er. „Wo ist sie hin?"
„Meiner Schwester hat der Ausblick nicht mehr gefallen", entgegnete Jaime leichthin. Bronn nickte unbeeindruckt.
„Wie viele Menschen sind bei den Renovierungsmaßnahmen denn draufgegangen?" wollte er wissen.
„Alle wichtigen Lords und Ladies, die den Fehler gemacht haben, sich in Köngismund sicher zu fühlen", grummelte Jaime, während er an seinen Beinverschlüssen herumnistelte. Bronn war taktvoll genug um nicht zu fragen, wie Tommen gestorben war. Jaime gab auf und rief einen Knappen herein, der ihm half, die Rüstung abzulegen. Währenddessen bediente Bronn sich großzügig am Wein. Als der Knappe die Gemächer verließ, nahm Jaime auf einem Stuhl Platz, der mit dem Rücken zu den Fenstern stand. Er musterte den Mann, der inzwischen mehr für ihn war als ein Söldner.
„Die Wahrheit ist", begann Jaime resigniert, „ich weiß nicht, wie lange es für dich hier noch sicher ist." Bronn zuckte mit den Schultern.
„Niemand in Königsmund ist sicher", erwiderte er, den Blick immer noch in die Ferne gerichtet, wo die Septe einst stand.
„Meine Schwester weiß, dass du und Tyrion…", begann Jaime, doch Bronn unterbrach ihn.
„Die Königin wird andere im Visier haben als einen einfachen Söldner", sagte er zuversichtlich. Der Königsmörder schwieg. Er hatte die leise Ahnung, dass Cersei bald sehr viel mehr Männer losschicken würde, um Tyrions Kopf nach Westeros zurückzubefördern. Sie war besessen davon, ihren kleinen Bruder zu töten. Und wenn sein Kopf erstmal in Königsmund gelandet war, würde es zu spät sein, um ihn zu retten.
„Bronn…", meinte Jaime zögerlich. „Wenn ich morgen Westeros verlassen würde, würdest du mir folgen?" Bronn schüttelte den Kopf und antwortete:
„Wir beide wissen, dass du Westeros nicht verlassen wirst."
