Kapitel 3 - Ein altes Haus

Dorne, Wassergärten

Olenna Tyrell hatte bereits nach den ersten Tagen der Trauer ihre schwarze Kleidung abgelegt, und doch schien die Hitze sie zu verfolgen und sich in ihre alte, müde Haut zu graben. Ihre Augen glitten pausenlos über die Pflanzen und verzierten Wege der dornischen Wassergärten, und ihre faltigen Finger knibbelten an einer herausgebrochenen Ecke des ansonsten makellosen Geländers. Wohin Olennas Gedanken auch flogen, nirgendwo fand sie die erhoffte Ruhe. Jeder Erinnerung und jedem Gedanken haftete ein unvorstellbarer Schmerz an.

„Lady Olenna", sagte die Stimme eines der Sand-Mädchen. Olenna konnte sie nicht auseinander halten, und sie hatte auch nicht vor es zu versuchen. Ohne das Mädchen anzusehen, sagte sie:
„Werde ich wieder zu einem Mittagessen eingeladen?" Das Mädchen schwieg, also stimmte es. Olenna widerstand dem Drang, sich mit ihrem Ärmel den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen, und drehte sich um. Ihre rechte Hand lag noch immer auf der rauen Bruchstelle im Geländer.
„Wie viele Mittagessen wird es wohl noch dauern, bis die neue Königin sich an Land bequemt?" fragte sie unverhohlen und schritt voran. Nach so vielen Einladungen hätte sie den Weg im Schlaf gehen können.

„Die Drachenkönigin ist mit einer großen Flotte unterwegs", erwiderte das Mädchen. „Es wird noch dauern, bis sie das Festland erreicht." Olenna erwiderte nichts. Sie genoss die Kühle des Palastes, das dumpfe Hallen der Schritte auf dem Marmorboden und das lebendige Summen weit entfernter Stimmen. Die Atmosphäre erinnerte sie an Rosengarten, oder das was Rosengarten einmal gewesen war. Jetzt herrschte dort Stille, während das Leben in Westeros weiter ging. Und Olenna hatte sich fest vorgenommen, an diesem Leben teilzunehmen, mit Blut und Dornen.

Ellaria Sand stand auf, als Olenna den Pavillon betrat, und wartete, bis die alte Frau Platz genommen hatte. Die Sand-Mädchen nahmen an dem Mittagessen nur selten teil, doch heute scharten sie sich um den reich gedeckten Tisch. Olenna brach sich eine hellgrüne Traube ab, führte sie zum Mund und ließ sie dann doch liegen.

„Ich hoffe Euer Vormittag war geruhsam", meinte Ellaria auf ihre gewohnt eindringliche Art und Weise.
„So geruhsam wie jeder andere Tag in Dorne", erwiderte Olenna, faltete die Hände in ihrem Schoß und blickte hoch in das Stoffdach des Pavillons, als würde sie den Himmel nach Vögeln absuchen.
„Ihr sehnt euch sicher nach Rosengarten", sagte Ellaria und lehnte sich zurück. „Ich habe gehört selbst der Wind in der Weite duftet nach den Rosen dieser Stadt."
„Der Wind riecht genauso wie anderorts auch", erwiderte Olenna und nahm die abgebrochene Traube wieder zwischen die Finger. „Nach Dreck und Tiermist." Resolut steckte sie sich die Traube in den Mund und kaute energisch darauf herum. Bei dem süßlichen Geschmack wurde ihr schlecht.

„Dann werden Eure Soldaten ihre Heimat also nicht allzu sehr vermissen, wenn sie in den Krieg ziehen", fuhr die dornische Frau mit einem kühlen Lächeln fort. Für einen winzigen Moment blieb dieses Lächeln in Olennas Gedanken. Sie fragte sich, ob Ellaria verlernt hatte, zu lachen, und dieses Lächeln die einzige positive Gefühlsregung war, die sie noch hervorbringen konnte.
„Wer hat behauptet, dass Rosengarten in den Krieg zieht?" wollte Olenna schließlich wissen. Ellaria setzte sich wieder gerade hin. Sie hatte das Essen noch nicht angerührt.

„Dorne wird die neue Königin mit einer Armee willkommen heißen", meinte Ellaria sanft. „Eine Armee, die zu ihrer freien Verfügung stehen wird. Deshalb gehe ich davon aus, dass auch Rosengarten sich in diesem Moment kampfbereit macht. Daenerys Targaryen wird nach ihrer Landung sicher keine Zeit verlieren wollen."
„Dann hoffen wir, dass dem Mädchen eine kleine Armee genügen wird", erwiderte Olenna. Ihre Augen ruhten ernst auf dem verwirrten Gesichtsausdruck ihrer Gesprächspartnerin. Die Sand-Gören rutschten unruhig auf ihren Plätzen herum, aber sie waren klug genug, um zu schweigen.

„Ich dachte, wir wären uns über ein Bündnis einig gewesen", sagte Ellaria zögerlich.
„Wir waren uns einig, dass Cerceis Lannisters Treiben Einhalt geboten werden muss", belehrte Olenna sie und verspürte bei Ellarias Verblüffung einen Funken Freude. „Aber bevor ich ein Bündnis in Betracht ziehe, oder Daenerys Targaryen als die neue Königin anerkenne, möchte ich das Mädchen erst einmal kennen lernen."
„Sie ist die rechtmäßige Königin", fauchte Ellaria. Wut flammte in ihren Augen auf. Olenna freute sich noch ein wenig mehr.

„Stannis war der rechtmäßige König, aber Renly hätte der Posten sehr viel besser gestanden", meinte Olenna unbeeindruckt. „Wenn wir immer nach dem Recht gehen würden, hätten wir bald wieder einen Irren auf dem Eisernen Thron sitzen."
„Ihr tätet gut daran, diese Einstellung nicht vor der Königin zu äußern", raunte Ellaria und beherrschte dabei nur mühsam ihren Zorn. Olenna zog die Augenbrauen hoch.
„Für wie naiv haltet ihr mich?" fragte die alte Frau. „Das Mädchen ist meine größte Chance, Cerseis Kopf auf einem Speer zu sehen. Ich werde sie mir nicht zur Feindin machen."
Man konnte deutlich sehen, wie Ellarias Wut ein wenig wich. Ihr angespanntes Lächeln kehrte zurück.
„Ihr haltet mich zum Narren, Lady Olenna", verkündete sie und bediente sich zum ersten Mal am Essen.
„Nur, weil es so einfach ist", entgegnete Olenna, stand auf und entfernte sich vom Pavillon.

Ihre Schritte führten sie hinein in die Wassergärten, so tief, dass die Pflanzen und das Rauschen des Wassers schließlich die Geräusche aus dem Palast verschluckten. Sie folgte dem Weg, bis er in einer Gabelung mündete. Olenna wurde langsamer und blieb schließlich stehen. Am Wegesrand befand sich eine steinerne Bank, auf der sie erleichtert Platz nahm. Sie hätte niemals gedacht, dass eine simple Weggabelung dazu führen würde, dass sie derart um Fassung rinnen würde, und doch spürte sie, wie sich zu dem Schweiß in ihrem Gesicht ein paar Tränen gesellten. Energisch wischte sie sie fort, und keine Sekunde zu früh. Von dem Weg, den sie gekommen war, näherten sich hastige Schritte.

Ein junges Mädchen bog um die Ecke, ihre langen, braunen Haare flatterten wie ein Schleier hinter ihr her. Als ihre dunklen Augen die alte Frau fanden, stoppte sie sofort.
„Lady Olenna", stieß das Kind hervor, ein wenig außer Atem, doch sie fasste sich sofort und neigte höflich den Kopf. „Es ist eine Ehre, Euch zu begegnen."
„Und ich nehme an, diese Begegnung ist keineswegs zufällig", erwiderte Olenna forsch. Das Mädchen lächelte. Sie musste etwa so alt sein wie Margaery. Vielleicht noch ein wenig jünger.

„Darf ich mich setzen?" fragte sie statt zu antworten.
„Du könntest mir auch deinen Namen nennen, Kind", meinte Olenna, doch sie rückte trotzdem beiseite.
„Ich bin Gwyneth Isenwald", sagte das Mädchen. Eine leichte Röte kroch ihre Wangen hoch. „Vielleicht habt Ihr bereits von meinem Haus gehört", fügte sie hinzu.
„Das Königsblut", murmelte Olenna. „Sicher habe ich bereits von den Isenwalds gehört. Dein Haus ist nicht nur in Dorne bekannt. Leider bin ich Lord Anders Isenwald nie persönlich begegnet."
„Mein Vater plant das zu ändern", warf Gwyneth aufgeregt ein. Von höflichem Geplauder schien sie offensichtlich nichts zu halten. Olenna gefiel das.

„Er lädt Euch ein, meine Familie kennen zu lernen, und möchte mit Euch in dringender Angelegenheit sprechen", ergänzte Gwyneth. Ihre hellblauen Augen fixierten Olenna eindringlich.
„Immerhin lädt er mich nicht zum Essen ein", seufzte Olenna und nistelte an einem winzigen Riss in der Steinbank herum. Gwyneth Isenwald starrte sie verwirrt an.
„Ich verstehe nicht…", begann sie, doch Olenna unterbrach sie.
„Richte deinem Vater aus, dass ich seine Einladung annehme. Alles, was mich vor die Mauer dieses Palastes führt, soll mir Recht sein. Er soll mir in den nächsten Tagen einen Boten schicken, wann immer er will. Ich habe viel Zeit und nichts damit anzufangen."

„Das wird meinen Vater freuen", meinte Gwyneth, ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Doch nach wenigen Sekunden verblasste es wieder.
„Ich muss Euch bitten, den derzeitigen Herrschern von Dorne nichts von dieser Einladung zu erzählen", raunte sie. „Es könnte auf Missgunst stoßen. Ich hoffe, diese Information schreckt Euch nicht ab."
„Mach dir darüber keine Sorgen", erwiderte Olenna. „Diese Information macht die Einladung einfach nur interessanter."

Als Gwyneth Isenwald sich verabschiedete und ähnlich schnellen Schrittes ging wie sie auch gekommen war, richtete Olenna sich auf und wanderte zurück zum Palast. Sie erinnerte sich gut an das Haus Isenwald. Vor sehr langer Zeit hatte es die Hälfte von Dorne beherrscht. Doch als sich das Haus Martell in Nymerias Krieg gegen sie wandte, wurde es in die Knie gezwungen. Das zwiegespaltene Verhältnis von Haus Isenwald und den Martells hatte sie schon früher fasziniert, aber die Martells existierten nicht mehr. Was konnten die Isenwalds also von ihr wollen?