Kapitel 4 - Ein Weg zurück

Nördlich der Mauer

Meera schlief, eingerollt an den Wurzeln des Herzbaumes, das Gesicht angespannt und die Hände zu Fäusten geballt. Ihre Atemzüge waren, neben dem Wind in den Blättern, die einzigen Geräusche. Bran ertappte sich dabei, wie er Sommer zu hören glaubte, seine großen Pfoten im Schnee, sein fernes Geheul. Aber der Schattenwolf kehrte nicht zurück. Schon seit Tagen versuchte Bran ihn zu erspüren, erfolglos. Er wusste genau, was das bedeutete, doch er weigerte sich gegen die Vorstellung.

Bran hatte Meera versprochen, den Wehrholzbaum nicht anzurühren, doch je länger sie schlief, desto größer wurde der Wunsch, in einem anderen Leben zu verschwinden. Unbewusst fuhr Bran über das Holz, als sich plötzlich etwas änderte. Im ersten Moment dachte Bran sich nichts dabei, er lehnte noch immer am Baum, nur durch seine halb geschlossenen Lieder schien der Schnee etwas heller zu leuchten als sonst. Doch dann zuckte sein Fuß, und Bran merkte, dass ihn wieder eine Vision fortgetragen hatte.

Halb neugierig, halb schuldbewusst blickte er sich um. Viel hatte sich nicht verändert. Der Schnee war unberührter, dickere Flocken schwebten durch die Eiseskälte, und nur wenige Bäume standen um ihn herum. Bran stand auf und entfernte sich von dem Herzbaum, an dem er gelehnt hatte. Der Wind sang sein einsames Lied in Brans Ohr. Konzentriert sah der Starkjunge sich um, sicher, dass er nicht ohne Grund hierher gelangt war.

Er brauchte nicht lange um zu begreifen, dass er sich an einem besonderen Ort befand. Mehrere Herzbäume bildeten ein Muster aus gekrümmten, kreisförmig angeordneten Strahlen. Ihre Wurzeln, halb bedeckt von pulvrigem Schnee, schienen untereinander verbunden zu sein, als bildeten die Bäume ein Gedankengeflecht, als gehörten sie untrennbar zusammen, als speicherten sie gemeinsam die Geschichte der Welt. Bran war so in die andächtige Betrachtung seiner Umgebung versunken, dass er den Beutel auf dem Boden erst bemerkte, als er darüber stolperte.

Ein lautes Klirren durchschnitt das Heulen des Windes. Aus den Augenwinkeln nahm Bran eine Bewegung wahr. Er erstarrte. Die Weiße Frau blickte in seine Richtung. Sie hockte an den Wurzeln eines Herzbaums, und in ihrem Gesicht spiegelte sich etwas wider, was dort nicht hinpasste: Gefühle. Erregung. Bran machte einen vorsichtigen Schritt zur Seite, doch die Frau blickte noch immer leicht verwirrt auf den Beutel. Sie konnte Bran nicht sehen. Erleichtert atmete der Starkjunge aus und trat näher.

Die Weiße Frau ließ ihren Blick ein letztes Mal über die Landschaft streifen, und widmete sich schließlich wieder dem Herzbaum. Mit ihren hässlichen, unmenschlichen Fingern zog sie an den Wurzeln und legte ein kleines, braunes Paket frei. Beinahe zärtlich legte sie es sich in den Schoß und strich mit den Fingerspitzen darüber. Schließlich öffnete sie das Paket. Erst entfaltete sie etwas, das sich als der braune Fellumhang eines Kindes herausstellte. Dann kullerte eine Schriftrolle heraus und landete weich im Schnee. Die Weiße Frau entrollte sie langsam. Es wirkte fast, als würden ihre Hände zittern.

Bran näherte sich gespannt. Es war schwer zu sagen, wie lange die Schriftrolle zwischen den Wurzeln beherbergt worden war, aber sie schien unversehrt zu sein. Nur die Schrift, obwohl man sie noch sehr gut entziffern konnte, hatte im Laufe der Zeit ihre Kraft verloren. Bran lehnte nun dicht über der Weißen Frau und las mit wachsender Aufregung die verblassten Zeilen. Sein Atem puffte in weißen Wolken dem Dokument entgegen. Die Frau wandte den Kopf, ihre Nasenspitze verharrte knapp vor seiner Wange. Der Wind heulte noch lauter. Etwas hatte sich verändert. Bran schluckte schwer und drehte ihr ebenfalls das Gesicht zu. Ihre eisblauen Augen bohrten sich in seine. Diesmal sah sie ihn.

Mit rasendem Herzen fiel Bran aus der Vision heraus zurück in seinen verkrüppelten Körper. Er hatte nicht einmal die Gelegenheit zu überprüfen, ob Meera inzwischen aufgewacht war, denn die eisblauen Augen schwebten noch immer dicht vor seinen. Bran hörte Meera schreien, doch er selbst blieb ruhig, genauso wie die Weiße Frau. Sie machte einen Schritt zurück und richtete sich auf, ohne den Blick von ihm zu lösen. Meera warf sich schützen über ihn.

„Bran", japste sie, am Rande der Erschöpfung. „Es tut mir so leid, Bran." „Meera", meinte der Starkjunge nur und rüttelte an ihrem Kopf, sodass die schwarzen Locken wild umherflogen. „Sie ist keine von denen. Jedenfalls nicht ganz." Meera brauchte einige Sekunden, um diese Worte zu verarbeiten. Ihre Augen huschten unruhig zwischen der Frau und Bran hin und her. „Du bist verrückt geworden", flüsterte sie. Bran schenkte ihr keine Beachtung. Erst jetzt bemerkte er, was die Frau in ihrer linken Hand trug und, erst zögerlich und dann bestimmter, beinahe in Zeitlupe in den Schoß der Schwarzhaarigen legte.

Erwartungsvoll beobachtete die Frau, wie Meera einen schmalen, glitzernden Dolch hervorzog und Bran einen fragenden Blick zuwarf. „Damit haben sie den ersten Weißen Wanderer verwandelt", meinte Bran überrascht. Meera gab einen erstickten Laut von sich. „So endet es also", sagte sie, und ihr erschöpftes Gesicht verzog sich zu einer schmerzerfüllten Grimasse. „Die ganze Mühe für das hier. Ich tot, und du ein Weißer Wanderer." Bran runzelte die Stirn. „Aber wir haben die Dolche, nicht sie", sagte er leise.

Die Frau musterte ihn mit versteinerter Miene. Bran lehnte sich vor so weit er konnte. „Du hast eine Schriftrolle bei dir", sagte er. „Darf ich sie sehen?" Meera wurde auf einmal auffallend still. Bran wusste, warum. Er hatte die Weiße Frau angesprochen, als könnte sie ihn tatsächlich verstehen. Mehr noch, als könnte sie ihm antworten. Der Mund der Weißen Frau öffnete sich leicht. „Du hast sie schon gesehen", brachte sie schließlich hervor. Bran konnte nicht anders, ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Vor seinen Augen stand der Beweis, dass man mit ihnen reden konnte, mit diesen Wesen, die die Welt zerstören wollten.

Etwas ähnliches musste Meera durch den Kopf gegangen sein. „Was willst du von uns?" fragte sie scharf. Diesmal kam die Antwort schneller. „Verstehen", sagte die Frau. „Begleitest du uns hinter die Mauer?" meinte Bran und erntete einen vorwurfsvollen Blick von Meera. „Wenn du die Mauer durchquerst, dann kann es der Nachtkönig auch", erwiderte die Frau, die sich ihrer Worte immer sicherer zu sein schien. Sie deutete au Brans Arm. Die Stelle, an der der Nachtkönig ihn berührt hatte, pochte unangenehm.

„Ich kann nicht zurück?" murmelte Bran, ohne zu begreifen, was er da sagte. Nicht zurück. Niemals. Jedenfalls nicht, ohne Unglück und Verderben über ganz Westeros zu bringen. „Ich kann nicht zurück", wiederholte er ungläubig. Tränen kullerten aus Meeras Augen, doch sie wischte sie fort, bevor sie ihr Kinn erreicht hatten. Ein merkwürdiges Schleifen durchbrach die Stille. Die Frau zog ein Schwert, das an ihrer Hüfte ruhte. Ein Schwert aus Stahl, keine von den eisigen Waffen, die die Weißen Wanderer normalerweise bei sich trugen. „Es gibt einen Weg", sagte sie sanft, den Blick auf Brans Arm gerichtet.