Das Auge des Winters
Kapitel 5 – Keine größere Ehre
Auf dem Wasser
Die Sonne strahlte schon seit Tagen nicht mehr hell genug, um Daenerys' Stimmung zu heben. Je näher Westeros rückte, desto unerbittlicher schien die See. Sie schaukelte die Flotte auf ihren Wellen wie ein Hund, der seine Läuse loswerden wollte, und der Himmel schickte schwere Tropfen, die es unmöglich machten, sich draußen aufzuhalten, ohne in düstere Gedanken abzurutschen. Zahlreiche erfahrene Seemänner versicherten Daenerys täglich, dass dieser Teil des Meeres eigentlich ruhig und gnädig sei, und der Sturm sich bald legen würde. Doch mit jeder Stunde, die verging, wuchs in Dany die Vermutung, dass die Männer ihr vertrautes Gewässer selbst nicht wiedererkannten, dass die See sich weigerte, der Targaryen-Flotte eine ruhig Überfahrt zu gestatten.
Schlimmer als die Auswirkung des Wetters auf die Drachenmutter war sein Effekt auf ihre Kinder. Drogon, Viserion und Rhaegal stürzten sich manchmal übermütig in das Gewitter, nur um Minuten später triefend vor Nässe und mit einem missmutigen Fauchen zurückzukehren. Sie hatten ihren eigenen Unterschlupf auf Danys Schiff, doch die Drachen konnten es gar nicht leiden, für so lange Zeit auf kleinstem Raum eingepfercht zu sein. Und so litt die gesamte Besatzung unter der ständigen Angst, das Schiff könnte in Flammen aufgehen.
Daenerys tat ihr Bestes, die Mannschaft zu beruhigen – was aber nichts daran änderte, dass sie ihren Drachen selbst nicht über den Weg traute.
„Jeder Drache bräuchte sein eigenes Boot, aus einem Material, das weder zum Brennen noch zum Schmelzen neigt", sagte Varys einmal nachdenklich, als das laute Gezeter unter Deck einfach kein Ende nahm.
„Was schlagt Ihr vor?" entgegnete Daenerys trocken. „Sie von mir zu trennen? Ich bin die einzige, auf die sie hören." Das gepuderte Gesicht des Eunuchen verzog sich zu einer Miene, die wohl Sorge ausdrücken sollte.
„Bedauerlicherweise, ja", sagte er mit einem Seufzen. Daenerys Blick ruhte noch eine Weile auf ihm, als wollte sie durch die dicke Puderschicht hindurch seine Gedanken lesen, doch er sah sie nicht erneut an, und irgendwann gab die Drachenmutter auf.
Als sie endlich in ruhigeres Gewässer kamen und die Sonne helle Flecken auf das durchweichte Holz der Schiffe malte, waren die Drachen die ersten, die den warmen Morgen genossen. Daenerys stützte sich gegen die Reling, faltete ihre Hände und beobachtete Viserion und Rhaegal dabei, wie sie miteinander spielten. Drogon glitt dagegen ruhig der steigenden Sonne entgegen. Sein schuppiger Bauch wölbte sich unter den tiefen Atemzügen des mächtigen Tiers. Dany stellte sich vor, wie es wohl wäre, jetzt auf seinem Rücken zu sitzen und über das glatte Meer zu gleiten.
Doch stattdessen versammelte sie ihren Kleinen Rat, wie sie ihn seit Kurzem nannte, in ihren Räumlichkeiten. Ihren Verbündeten war die Freude über die ersten Sonnenstrahlen ebenso anzusehen wie die Strapazen der langen Fahrt. Fast allen, bis auf Asha Graufreud, der die See durch die Adern pulsierte, wie sie selbst behauptete.
„Wäre es nicht möglich, diese Versammlung an Deck abzuhalten", fragte Tyrion und starrte sehnsüchtig aus dem Fenster. „Der erste schöne Tag seit Wochen, und Ihr verschanzt uns fernab der frischen Luft."
Ein Lächeln umspielte Danys Lippen, als sie antwortete: „Ich halte es für klüger, meine Pläne nicht vor der gesamten Mannschaft zu besprechen."
Das brachte den Lannister zum Schweigen, auch wenn sein Blick immer mal wieder zum Fenster huschte. Daenerys musterte ihren Kleinen Rat. Tyrion Lannister saß zu ihrer Rechten, wie es sich für die Hand der Königin gehörte. Daneben hatten die Geschwister Asha und Theon Graufreud Platz genommen, denen die Reise auf See deutlich weniger ausmachte als dem Rest ihrer Verbündeten. Auf der anderen Seite des Tisches saßen Grauer Wurm ganz außen und Missandei zu ihrer Linken. Dazwischen, sichtbar erfrischt vom Ende des Sturms, hatte Varys Platz genommen. Er war es auch, den Daenerys zuerst ansprach.
„Wird sich Ellaria Sand als loyale Verbündete erweisen?" fragte sie geradheraus, und nicht zum ersten Mal. Es war schon einige Zeit her, dass Varys nach Dorne gereist war, um ein Bündnis mit der neuen Regierung herzustellen, und er war mit mehr zurückgekehrt: der Aussicht, die Tyrells durch Olenna Rothweyn zu gewinnen. Die Tyrells und Dorne waren einander nicht besonders friedlich gestimmt, doch seit dem Tod des letzten der Martells waren Lady Olenna und Ellaria Sand durch ihren gemeinsamen Hass gegenüber den Lannisters vereint.
Varys schien dasselbe gedacht zu haben. „Solange Cersei Lannister auf dem Eisernen Thron sitzt, ist sie Euch treu ergeben", meinte er. „Ob man ihr darüber hinaus trauen kann, wird sich herausstellen."
„Sie hat mir einen großen Gefallen getan", stellte Dany fest. „Mit den Martells ist bereits ein großes Haus aus Westeros verschwunden. Ich habe vor, noch einige Häuser hinterherzuschicken."
„Vielleicht wäre es ratsam, erst an die Eroberung von Westeros zu denken, statt an seine Umstrukturierung", warf Tyrion ein.
„Warum kann die Umstrukturierung nicht Teil der Eroberung sein?" fragte Daenerys und verspürte einen Hauch der altbekannten Wut, die sich manchmal in ihrer Magengegend breit machte, wenn sie belehrt werden musste.
„Unterschätzt niemals die Häuser", warnte Varys mit einem beinahe entschuldigenden Lächeln. Dany suchte nach Tyrions Blick, der ihrer stummen Bitte sofort nachkam.
„Ich fasse die Situation einmal zusammen", sagte er und richtete sich ein wenig auf. „Ihr seid eine Targaryen – die Tochter eines Königs, den ganz Westeros beglückt ist losgeworden zu sein. Ihr seid eine Fremde in dem Land, das Ihr erobern wollt, und es ist nicht nur die Königin, die die Geschicke ihres Reichs lenkt, sie kann nicht alle sieben Königreiche allein regieren. Die Häuser genießen das Vertrauen und die Loyalität ihrer Untergebenen, die Königin verlässt sich auf die Treue der Häuser. Der Weg zum Volk führt über die Häuser, und es ist das Volk, das Ihr hinter euch stehen haben wollt."
„Mein Vater hat den Fehler gemacht, den Häusern zu trauen", widersprach Daenerys bestimmt und fügte nach kurzem Zögern hinzu: „Ich will sie nicht vernichten, sondern entmachten. Was spricht dagegen, die Sieben Königslande Männern und Frauen zu geben, die es sich verdient haben und mein Vertrauen genießen?"
„Man hat Euch Euren rechtmäßigen Thron genommen", meinte Varys sanft. „Und seht, wohin es geführt hat. Nun wollt Ihr den Häusern ihre rechtmäßigen Länder nehmen. Was glaubt Ihr, wie sie darauf reagieren werden?"
Daenerys lehnte sich zurück und war für einen Moment versucht, ihren Kleinen Rat sitzen zu lassen, sich auf Drogons Rücken zu schwingen und weit forttragen zu lassen. Die Vision, die sie für Westeros hatte, bekam jetzt schon leichte Risse, bevor sie überhaupt einen Fuß an Land gesetzt hatte.
„Was sagt der Rest meines Kleinen Rats?" fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
Zuerst meldete sich Asha zu Wort: „Die Häuser herrschen in Westeros schon so lange, dass es schwer ist, sich eine neue Ordnung vorzustellen. Aber Ihr seid eine überzeugende Königin. Warum nicht ihre Loyalität gewinnen, statt neue Lords an ihre Stelle zu setzen? Ihr habt meinen Bruder und mich von Euren Qualitäten überzeugt. Und die Häuser, die sich Euch nicht anschließen oder rebellieren, kann man jederzeit beseitigen."
Die Schmeichelei der jungen Frau gefiel Daenerys, aber etwas daran jagte ihr einen unangenehmen Schauer über den Rücken. „Aber die Menschen, die sich mir bisher angeschlossen haben, taten es wegen meines Namens und nicht wegen meiner Überzeugungskraft", gab sie zu Bedenken.
„Sie kamen wegen Eures Namens, sie blieben wegen Eurer Person", widersprach Varys.
„Grauer Wurm und ich kümmerten uns nicht um Euren Namen", warf Missandei ein. „Sondern um Eure Taten."
„Ihr seid leider genauso wenig aus Westeros wie manch einer es von mir behauptet", erwiderte Daenerys an Missandei gewandt und holte tief Luft. „Ich werde dafür sorgen, dass mein Volk mich kennen lernt. Ich übergehe die Mittelsmänner. Ich werde nicht zulassen, dass die Häuser beinahe mehr Macht haben als die Krone selbst."
„Eine fortschrittliche Einstellung", kommentierte Varys. „Aber wie bereits gesagt: Bevor Ihr die Häuser entmachtet, solltet Ihr Gebrauch von ihnen machen."
Schweigen legte sich über den Kleinen Rat. Man hörte die Rufe der Männer an Deck, das Klopfen und Schwappen der Wellen am Holz des Schiffes. Dany drehte an dem Ring aus Silber, den sie an der linken Hand trug. Er hatte die Form von drei kleinen Drachen, die sich bei der Bewegung zu jagen schienen, Runde um Runde um ihren blassen Finger. Sie spürte, wie Tyrion die richtigen Worte sammelte. Dafür kannte sie ihn nun lange genug. Hoffnungsvoll wandte sie sich ihm zu.
„Wir konnten Dorne als Verbündete gewinnen", begann er. „Und vielleicht Rosengarten. Aber wie die anderen Häuser auf Euch reagieren werden, lässt sich nicht sagen. Ich kann Euch nur versprechen, dass meine Schwester Euch den Eisernen Thron nicht schenken wird." Dazu wusste Daenerys nichts zu sagen. Stattdessen meinte sie: „Die Lords und Ladys von Westeros werden inzwischen wissen, dass ich auf dem Weg bin. Bald werden wir erfahren, wer das Knie vor mir beugt, und wer vor dem Scharfrichter."
Die Sitzung zog sich nicht mehr lange hin, und schließlich entließ Daenerys die Mitglieder des Kleinen Rats und kehrte zurück an Deck. Die Fahrt nach Westeros hatte das Verheißungsvolle noch nicht verloren, doch ein unangenehmer Beigeschmack mischte sich zu Danys Vorfreude. Sie fragte sich, wie ihre Vorfahren sich gefühlt hatten, als sie Westeros erobert hatten. Wie ihr Bruder Rhaegar sich gefühlt hatte, als es ihm aus den Fingern glitt. Eine seltsame Leere breitete sich in ihr aus, wo sonst der Wunsch nach Gerechtigkeit gewütet hatte. All das Leiden, die Flucht von Ort zu Ort, um an diesen Punkt zu gelangen. In der Ferne erkannte sie die drei vogelgroßen Geschöpfe, denen sie das Leben geschenkt hatte. Es dauerte eine Weile, bis sie bemerkte, dass Tyrion neben ihr an der Reling lehnte.
„Ab jetzt darf ich mir keine Fehlurteile mehr erlauben", stellte sie fest und musterte den Lannister mit einem, wie sie hoffte, entspannten Gesichtsausdruck. Tyrion zuckte mit den Schultern.
„Es wurde noch kein König geboren, der keine Fehler gemacht hat", entgegnete er und fügte mit einem Grinsen hinzu: „Und auch keine Königin." Dany lachte.
„Ich hoffe ich kann vermeiden, dass Ihr Eurer Schwester gegenüber treten müsst", meinte sie.
„Lasst es nur zu", sagte Tyrion. „Sie wird begeistert sein zu sehen, dass ich es im Leben doch noch zu etwas gebracht habe. Ich diene der Mutter der Drachen als Hand. Welche größere Ehre kann es geben?"
