Kapitel 6 – Der König des Nordens
Winterfell
Noch immer hallte der Ruf aus zahlreichen rauen Männerkehlen in seinen Ohren wider. Der Klang begleitete ihn bei jedem Schritt, den er machte, bei jedem Wort, das er sprach, und bei jedem Atemzug. Der König des Nordens. Noch Stunden nach der Versammlung hätte Jon das Ereignis fast als Einbildung abgetan, als ein tief eingegrabener Wunschtraum, der sich klammheimlich an die Oberfläche seines Bewusstseins gekämpft hatte. Aber die Worte waren von den Nordmännern gesprochen worden, und zurücknehmen konnte man sie nicht mehr. Und Jon Schnee war sich nicht einmal sicher, ob er das überhaupt wollte.
Mit starrem Blick beobachtete er die Flammen, die in der Feuerstelle seiner Kammer brannten, und wünschte, ihre Wärme würde ihn erreichen. Jon versuchte sich daran zu erinnern, wie es gewesen war, zum Lord Kommandanten der Nachtwache gewählt worden zu sein. Anders. Damals hatte es sich teils wie ein Triumph angefühlt, und teils wie eine Bürde. Aber damals war vorbei. Diesmal fühlte Jon sich leer.
Ein zaghaftes Klopfen zog den Blick seiner dunklen Augen zur Tür. Sansa Stark trat ein, lächelte, als sie ihn vor der Feuerstelle sitzen sah, und nahm ihm gegenüber auf der Bank Platz. „Ich wusste, dass du nicht arbeitest", sagte seine Schwester und streckte ihre Hände dem Feuer entgegen. Ihr rotbraunes Haar schien die Flammen festzuhalten. Der König musste sich noch daran gewöhnen, statt vielen Brüdern nur noch eine einzige Schwester zu haben.
„Ich warte", entgegnete er mit einer Stimme, die heiser klang, obwohl er sie in letzter Zeit nicht häufig beansprucht hatte. „Aber frag mich nicht, worauf, ich weiß es selbst nicht. Ich habe den Norden zu führen, aber alles, was mir Tag für Tag gelingt, ist, mir vorzustellen, wie Robb in den Krieg gezogen ist. Voller Tatendrang. Mit diesem selbstsicheren Ausdruck in den Augen, den er als Kind schon hatte, wenn er mir mit dem Holzschwert eine verpasst hat."
„Was häufig vorgekommen ist", ergänzte Sansa mit einem Lächeln, das zu einer Erwachsenen gehörte, und nicht zu dem Kind, das Jon vor vielen Jahren noch gekannt hatte. „Zu häufig", murmelte Jon und knetete seine kalten Hände. Wie so oft in letzter Zeit fiel es ihm schwer, Gedanken zu finden, die ihm wichtig genug schienen, um sie auch zu äußern. Deswegen hüllte er sich wieder in ernstes Schweigen. Sansa unterbrach die Stille nicht, und so saßen sie minutenlang einfach nur nebeneinander und beobachteten, wie sich ein Holzscheit nach dem anderen schwarz färbte und zusammenfiel. Jon erwischte sich bei der Vorstellung, dass dieser Moment niemals enden würde. Dass Winterfell unter dem ganzen frischen Schnee einfror und in eine Starre verfiel.
Doch diese Hoffnung wurde von einem weiteren Klopfen jäh zunichte gemacht. Davos Seewert verharrte an der Tür, als er die Geschwister am Feuer entdeckte.
„Verzeiht mir, Euer Gnaden, ich werde später wiederkommen", sagte er und verschwand bereits, als Sansa Jon einen eindringlichen Blick zuwarf. Jon blinzelte sie verwirrt an, bis er verstand, was sie meinte. „Bleibt, Ser Davos", sagte er schnell. „Setzt Euch zu uns, Ihr stört nicht." Sansa rückte lächelnd beiseite und der Zwiebelritter nahm etwas schwerfällig Platz.
„Diese Kälte bin ich nicht gewöhnt", gestand er. „Sie kriecht einem in die Glieder wie das Wasser auf Hoher See. Noch ein Grad kälter, und ich friere an Ort und Stelle fest."
„Wart Ihr schon einmal tiefer im Norden als bis kurz hinter der Mauer?" fragte Sansa.
„Noch nie, und ich habe es auch nie vor", erwiderte Davos und warf Jon einen kurzen Blick zu, ehe er sich ganz Sansa zuwandte. Jon beobachtete, wie seine Schwester den Zwiebelritter mit einer Sympathie betrachtete, die er bisher nicht bemerkt hatte. Vielleicht hatte er bisher auch nur darüber hinweggesehen. Ein großartiger König, der noch nicht einmal mitbekam, was direkt vor seiner Nase passierte.
„Ich kann mir kaum vorstellen, dass es dort noch kälter ist als hier", meinte Sansa. „Aber nach allem was man hört, muss es so sein."
Das Wetter. Manchmal war es so einfach, Gesprächsthemen zu finden. Sansa war das noch nie schwer gefallen, so höflich wie sie war, und die Menschen schienen auch immer sehr gern mit ihr zu reden. Jon hatte noch nie den Eindruck gehabt, als würde jemand überaus gern mit ihm sprechen.
„Gegen Kälte gibt es immerhin das Feuer", sagte Davos. „Stellt Euch vor, es wäre die Hitze, die uns angreift. Vor ihr könnte man sich kaum retten."
„Also sollten wir uns über den Anbruch des Winters freuen?" fragte Sansa. Ser Davos zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß nur, dass sowohl Hitze als auch Kälte die Männer verrückt machen kann", erklärte er. „Zu verharren kann fatal sein. Sie brauchen Aufgaben, um ihren Kopf klar zu halten."
Jon hatte nur mit halbem Ohr zugehört, aber bei diesen Worten hob er den Kopf und musterte den Zwiebelritter scharf. Davos bemerkte seinen Blick und neigte leicht den Kopf.
„Euer Gnaden, ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass Tatenlosigkeit Unruhen hervorruft", erklärte Davos. „Sicher müsst Ihr Eure weiteren Schritte erst planen, aber ich rate Euch, einige Nordmänner an den Plänen teilhaben zu lassen. Die Männer sehnen sich nach ihrer Heimat und ihren Burgen, Ihr müsst ihre Köpfe mit anderen Gedanken füllen."
„Die Vorbereitungen für den Krieg laufen bereits", erwiderte Jon leise. „Wir versuchen, so viel über die Weißen Wanderer herauszufinden wie uns möglich ist. Und die Männer sollten sich darauf vorbereiten, was auch immer auf uns zukommt. Denn ich kann garantieren, dass es ihnen fremd ist. Und, dass es sich nicht einfach so töten lässt."
Die Flammen knisterten, als wollten sie seinen Worten beipflichten. Die Tür flog auf und ein gehetzt dreinblickender Tormund platzte ins Zimmer. Er machte eine alberne Verbeugung und stapfte dann auf Jon zu. Drei Schriftrollen landeten in seinem Schoß.
„Ich bin nicht dein verfluchter Bote", schnaufte der Wildling und hockte sich neben ihn.
„Du machst dich aber sehr gut als Bote", erwiderte Jon und zum ersten Mal seit Tagen war ihm nach einem schiefen Grinsen zumute.
Tormund grummelte etwas Unverständliches in seinen Bart hinein, während Jon die Siegel der Schriftrollen betrachtete. Ein eisiger Klumpen formte sich in seiner Magengegend. Wortlos reichte er zwei der Schriftrollen an seine Schwester weiter, die sie mit gerunzelter Stirn entgegennahm.
„Aus Königsmund", murmelte sie, und betrachtete dann das andere Siegel. Ihr Gesichtsausdruck wurde schlagartig düster. „Das ist das Siegel von Varys", meinte sie.
Jon setzte sich ein wenig aufrechter hin. Die dritte Schriftrolle ruhte noch immer ungeöffnet in seinem Schoß, doch seine Konzentration beschränkte sich auf die beiden, die Sansa in den Händen hielt. „Öffne sie", sagte er leise. Sansa brach zuerst das Siegel der Lannisters und las den Text stumm. Schließlich hob sie den Kopf. „Königin Cersei fordert, dass wir das Knie beugen", meinte sie. „Sollte das nicht geschehen, erklärt sie dem Norden den Krieg."
Das war keine Neuigkeit. Die Information über Cersei Lannisters Thronbesteigung hatte sich rasant herumgesprochen, und auch die Berichte über die Zerstörung der Großen Septe hatten den Norden schnell erreicht. Seitdem wartete Jon auf eine Aufforderung, der Krone die Treue zu schwören. Und nun lag sie endlich vor ihm. Jon verzog das Gesicht.
„Sie kann nicht allen Sieben Königslanden von Westeros den Krieg erklären", meinte Sansa verständnislos und reichte den Brief an Ser Davos weiter. „Welche kontrolliert sie noch? Höchstens die Westlande und…"
„Die Sturmlande", ergänzte Jon trocken.
„Nicht zu vergessen die Kronlande", fügte Davos hinzu. Instinktiv wandte Jon sich Tormund zu, als würde er erwarten, dass der Wildling auch etwas beisteuerte, doch der musterte nur mit gewohnt grimmiger Miene die Schriftrollen. Jon holte tief Luft.
„Wenn es einen Weg gäbe, den Krieg zu verschieben und die gesamte Kraft von Westeros zu vereinen, um gegen die Weißen Wanderer anzutreten…", murmelte er und zwang sich zu einem Lächeln.
„Man müsste Königin Cersei die Gefahr begreiflich machen", meinte Davos und erntete ein Schnauben von Sansa.
„Cersei und Vernunft?" sagte Jons Schwester höhnisch. „In Königsmund würden sie sich weigern, uns zu glauben."
„Die Nachtwache hat schon so oft versucht, die Krone zu warnen und um Hilfe zu bitten", meinte Jon. „Und wir sind jedes Mal an ihrer Arroganz gescheitert."
„Aber wurden sie jemals von einem anderen großen Haus um Hilfe gebeten, statt von unbedeutenden Männern?" erwiderte Davos. „Von einem König? Meinetwegen ein König, den sie nicht anerkennen. Nichtsdestotrotz ein wichtiger Mann im Norden."
„Schickt doch einen Boten hin", meinte Tormund mit einem hämischen Grinsen. Anscheinend wollte er sich auch mal an dem Gespräch beteiligen.
„Ja, gut, auf wessen Kopf kann ich am ehesten verzichten?" entgegnete Jon und fing den Blick seiner Schwester auf, die ein Grinsen unterdrückte. Vielleicht lag es daran, dass sie inzwischen zu viert vorm Feuer saßen, aber so langsam wurde ihm ein bisschen wärmer.
„Was schreibt Varys?" wollte Jon wissen. Sansa brach das Siegel, ihre Augen huschten über die enge Schrift. Als sie sprach, klang sie fassungslos:
„Königin Daenerys Targaryen fordert ihren rechtmäßigen Thron. Sie verlangt die Unterstützung der Großen Häuser von Westeros. Anscheinend ist sie bereits auf dem Weg hierher. Mit drei Drachen."
„Drachen", wiederholte Jon. Sansa nickte. „Targaryen", fuhr Jon fort. Sansa nickte erneut.
„Gut", murmelte Jon. „Das könnte ein Problem werden."
„Für diese neue Königin wird es ein Problem", sagte Sansa bestimmt. „Sie trifft auf eine Cersei Lannister, die lieber ganz Westeros in Schutt und Asche legen würde, bevor erneut eine Targaryen den Thron besteigt. Einen König von den Eiseninseln, von dem niemand weiß, was er als nächstes plant. Und einen König des Nordens, der ihr und ihren Drachen keinen Platz machen wird."
Jon schwieg. Er fragte sich, wie oft die Geschichte sich noch wiederholen musste, bis Westeros seinen Frieden fand. Oder zumindest der Norden. Es war Ser Davos, der ihn auf andere Gedanken brachte.
„Drei Drachen könnten eine mächtige Waffe im Krieg gegen die Kälte sein", sagte der Zwiebelritter. „Und Daenerys Targaryen eine mächtige Verbündete."
„Was mir nicht nutzt, weil sie sich nicht mit einem König verbünden wird, der ihrem Anspruch auf den Thron im Wege steht."
„Soll sie doch Königin sein, solange der Norden sich selbst regieren darf", warf Sansa ein. Jon gefiel diese neue Entwicklung ganz und gar nicht. Er strich sich eine Locke aus der Stirn.
„Diese Frau hat angeblich Drachen", dachte er laut. „Dann dürfte es nicht schwer sein, sie von der Existenz der Weißen Wanderer zu überzeugen. Wer gerade König ist oder sein sollte, das darf keine Rolle spielen, solange ganz Westeros bedroht ist. Vielleicht beweist sie mehr Verstand als Cersei."
„Dann antwortest du Varys?" meinte Sansa und hob die Augenbrauen. Jon zögerte, und nickte schließlich. Er versuchte aus der Miene seiner Schwester abzulesen, was sie dachte, doch Sansa war nicht mehr so einfach zu durchschauen wie früher. Sie nickte hinüber zu der Schriftrolle, die Jon bei sich behalten hatte.
„Nummer drei?" fragte sie. Jon zeigte ihr das pechschwarze Siegel.
„Von der Nachtwache", erklärte er.
Diesmal brach er das Siegel selbst. Während seine Augen über die Zeilen huschten, beschleunigte sich sein Herzschlag plötzlich schmerzhaft. Er spürte, wie seine Glieder schon zur Eile riefen, bevor er das letzte Wort überhaupt gelesen hatte. Für einen Atemzug lang bewahrte er Ruhe. Ein Atemzug, in dem ihm klar war, wohin seine nächsten Schritte ihn führten. Zur Mauer.
