Braun statt Grün
Ihre Augen, smaragdgrün, sie hatten ihn angesehen. Ein letztes Mal durfte er in ihre grünen Seen eintauchen und für ewig darin versinken, er würde nie wieder auftauchen müssen. Vielleicht war er gescheitert mit seiner Mission, hatte Potter gegen den mächtigsten aller Zauberstäbe überhaupt eine Chance? Würde das bedeuten, dass Lily doch umsonst gestorben ist, all seine Bemühungen, ihren Sohn am Leben zu erhalten, waren vergeblich gewesen? Egal, es war vorbei, sie hatte ihn hinüber begleitet, er hatte seinen Frieden.
Er spürte den harten Untergrund an seinem Rücken, sein Nacken schmerzte, er fühlte sich feucht an, seine Haare zupften, als würden sie festkleben. Er wollte sich bewegen, doch es ging nicht, seine schweren Glieder verharrten an Ort und Stelle. Warum empfand er überhaupt Schmerz? Hatte Dumbledore ihm nicht aus dem Portrait heraus einmal gesagt, das man sich hier anfühlen würde wie auf Watte gebettet?
Snapes Augen zuckten, vielleicht konnte er sie öffnen und eine Antwort auf seine Fragen finden. Er blickte direkt in zwei Augen, sie waren mandelförmig und von stiller Tiefe, wie Liliys, aber braun, - rehbraun.
„Professor Snape, können Sie mich hören?"
Die Stimme hallte in seinen Ohren und brachte ihn zurück unter die Irdischen. Granger? Ein kurzer Blick an die Decke verriet ihm wo er sich befand, er lag auf dem nackten kalten Steinboden der Katakomben Hogwarts.
„Professor, bitte, sagen Sie etwas."
Einen Moment lang herrschte Totenstille.
„Potter", war das einzige Wort, das Snape mit krächzender Stimme herausbrachte.
Seit Hermine Snapes Erinnerungen über Lily Potter mit Harry im Denkarium gesehen hatte, war ihr bewusst geworden, dass Snapes ganzes Leben nur ein einziges Ziel gekannt hatte, Harry vor Voldemort zu schützen und es zu ermöglichen, dass Voldemort getötet wurde. Keine Sekunde lang wollte sie Snape im Unklaren darüber lassen, wie seine Mission noch geendet hatte.
„Harry hat Voldemort getötet, Harry geht es gut".
Snape schloss die Augen, als hätte er genug gehört. Sein eigener Körper schien wie Blei auf ihm zu liegen, sein Kopf pochte und er vermochte keines seiner Glieder auch nur im Geringsten zu bewegen. Sein Hals fühlte sich staubtrocken an.
„Gehen... Sie", krächzte er.
„Ich gehe Hilfe holen, Professor. Sind Sie stabil genug, dass ich Sie einige Minuten alleine lassen kann?", fragte Hermine erwartungsvoll.
„Keine... Hilfe, …bitte", flüsterte Snape regungslos.
Hermine fuhren diese schwachen und dennoch so aussagekräftigen Worte durch Mark und Bein. Sie musste sich beherrschen, um ihre Tränen zurückzuhalten, die sich in den Tränensäcken stauten.
„Ich habe Ihnen das Antiserum für Nagini gegeben, ich denke Sie haben gute Chancen wieder gesund zu werden. Deshalb werde ich Sie hier gewiss nicht verdursten lassen, Professor", sagte sie mit zitternder Stimme.
Hermine nahm ihren Zauberstab und behandelte Snapes Bisswunde am Nacken, aus der immer noch stetig kleine Mengen Blut tropfte.
Ich bin gleich wieder hier", sagte sie und rannte aus dem Raum.
„Granger", dachte Snape.
Er schloss die Augen und gab sich einer tiefen Müdigkeit hin.
Die Nachricht von Snapes Rettung verbreitete sich wie ein Lauffeuer. So sehr ihn viele gehasst hatten, nachdem 54 Leichen aus Hogwarts geborgen wurden, war eine solche Meldung ein wahrer Balsam auf die Seelen der Überlebenden. McGonagall beschloss, Hogwarts für die folgenden Wochen zu schließen, die Schüler hatten zu viel zu verarbeiten, um einen geregelten Tagesablauf mit Unterricht zu gewährleisten. Hogwarts glich einem Kriegsschauplatz, es würde einige Zeit dauern, hier wieder einen normalen Schulalltag zu organisieren.
Von den Verletzten konnten die meisten nach Hause entlassen werden, trotzdem war die Krankenstation noch bis zum Rande gefüllt. Der widerwilligste aller Patienten war Professor Snape. Auch zwei Tage nach seiner Bergung durch Hermine verweigerte er jegliche Kommunikation mit Poppy. McGonagall hatte sich ebenfalls die Zähne an ihm ausgebissen. Die Bisswunde von Nagini konnte immer noch nicht versiegelt werden, Snape verlor weiterhin Blut und Poppy hatte am Morgen festgestellt, dass die Wunde nicht kleiner sondern wieder größer wurde. Hermine war mit Harry, Ron, Ginny und einigen anderen Schülern in Hogwarts geblieben. Sie gehörten der Gruppe an, die McGonagall zusammengerufen hatte, um Hogwarts wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen. Heute sollten sie in die Bibliothek, um dort dem Chaos Herr zu werden. Hermine öffnete gerade die Tür zur Bibliothek, als McGonagall ihr eilig entgegen kam.
„Hermine, kann ich Sie einen Augenblick in meinem Büro sprechen?", fragte sie.
„Natürlich. Sofort?"
„Ja, es ist dringend."
Damit begleitete Hermine ihre Hauslehrerin in ihr Büro.
„Professor Snape geht es zunehmend schlechter. Seine Wunde hat wieder angefangen zu bluten und Poppy hat keine Möglichkeit, sie zu stoppen. Nagini war ein schwarzmagisches Geschöpf, wir wissen nicht, was mit ihren Zähnen alles in Snapes Nacken hinein gelangt ist. Weder Poppy, Harry oder ich haben es geschafft, auch nur ein Wort aus ihm herauszubekommen. Er behandelt uns wie Luft, er will nicht, dass er gesund wird, er hat sich aufgegeben."
„Ich kann ihn verstehen", sagte Hermine mit matter Stimme. „Er hat sein Ziel erreicht, er hat keinen Lebensinhalt mehr. Harry lebt, aber Lily kann er nicht zurückholen, egal was passiert."
Hermine war erschrocken darüber, wie gut sie sich in ihn hinein versetzen konnte.
„Würden Sie trotzdem versuchen, mit ihm zu reden? Immerhin haben Sie ihn gerettet", sagte McGonagall.
„Er hatte nicht wirklich eine Wahl und ich denke nicht, dass er mir vor Freude um den Hals fällt, wenn er mich sieht", sagte Hermine mit gesenktem Blick.
„Versuchen Sie es?", fragte McGonagall erneut mit gewohnter Beharrlichkeit.
Hermine nickte, stand auf und verließ in Gedanken versunken das Büro.
