Krankenbesuch

Mit schweren Schritten näherte sich Hermine dem Krankenflügel. Was sollte sie ihm nur sagen? Snape hatte alles erreicht, was er wollte, es gab nichts auf dieser Welt, was ihn weiterhin zum Kampf um sein eigenes Leben anspornen könnte. Sieben lange Jahre kannte sie Snape nun schon und auch wenn er sich immer geweigert hatte, auch nur das Minimalste von seinem Privatleben Preis zu geben, so hatte Hermine durchaus das Gefühl, zu wissen, wie es in ihm jetzt aussah. Snape war immer ein Mensch gewesen, der eine Sache hundertprozentig machte oder gar nicht. Es gab keine Halbwahrheiten für ihn. Was sollte sie ihm nur sagen? Im Vorraum zu den einzelnen Krankenzimmern stellte Poppy gerade einige Pillen zusammen.
„Hallo Hermine, gut, dass McGonagall Sie überreden konnte, sie sind unsere letzte Hoffnung. Er hat nicht mehr viel Zeit. Die Wunde hat sich weiter geöffnet."
„Wie lange noch, Poppy?", fragte Hermine, der es bei diesen Worten fast die Kehle zuschnürte.
„Zwei Tage, schätze ich", antwortete Poppy und führte Hermine in das Zimmer ganz am Ende des Ganges.

„Er verliert weiter Blut und die Wirkung des Blutbildungsserums lässt rapide nach. Das von uns schlägt nicht an, er muss es speziell für die Schlange entwickelt haben. Gehen Sie rein, die Tür geradeaus."
Die Tür knarrte, als Hermine sie in das Krankenzimmer schob. Snape lag im Bett, den Rücken zu ihr gedreht und schien zu schlafen. Fast lautlos näherte sie sich seinem Lager und setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie wusste nicht, ob er besser oder schlechter aussah als zwei Tage zuvor, als sie ihn fast leblos gefunden hatte. Seine Wange war blasser, blutleer. Einige Minuten betrachtete sie ihn regungslos daliegen. Langsam ließ sich Snape auf den Rücken rollen, ließ seine Augen aber geschlossen.

All seine Furchen und strengen Züge im Gesicht hatten ihren Schrecken verloren, wenn man wusste, wo sie ihren Ursprung hatten. Ein einziger großer Fehler hatte sein ganzes weiteres Leben beeinflusst und zerstört. Es war unendlich leicht, einen solchen Fehler zu begehen, dachte sich Hermine.
„Professor, sind Sie wach?", fragte sie leise.
„Gehen Sie", hauchte er leise und doch mit einer Bestimmtheit, die Hermine erschaudern ließ. Seine Stimme war schwach, der Inhalt seiner Worte aber klar und unmissverständlich.
Hermine war sich sicher, dass es nichts auf dieser Welt gab, was ihn dazu bewegen konnte, seine Meinung zu ändern. Entgegen ihrer sonstigen Penetranz wollte sie es deshalb gar nicht erst versuchen.
„Es tut mir Leid. Ich wollte sie nicht dazu zwingen, zu überleben. Ich kann Sie verstehen und ich würde vielleicht genauso reagieren, wenn ich an Ihrer Stelle wäre. Aber Sie mussten wissen, dass Harry überlebt hat. Sie haben erreicht, was sie wollten. Ich bin davon ausgegangen, dass das auch in Ihrem Sinn war."
Langsam öffnete Snape die Augen. Er sah eine geknickte junge Frau neben sich sitzen, der die Strapazen der letzten Wochen deutlich anzusehen waren. Ihre Augen waren leicht geschwollen von zu vielen Tränen der letzten Stunden und Tage.
„Gibt es irgendetwas, das ich für Sie tun kann, Professor? Sie wissen so unendlich viel über Zauber- und Heiltränke. Ich würde alles versuchen..."
Snape sah Hermine direkt in die Augen. Er versuchte, den Kopf zu heben, was sein Hals mit höllischen Schmerzen quittierte. Hermine konnte sich vorstellen, welche Mengen an Blut er bisher verloren haben musste.
„Sie haben Sie... genug.. getan", flüsterte er Wort für Wort und schloss erschöpft die Augen.
Hermine wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Sie saß hier, ausgebrannt, nicht mehr stark genug, sich irgendwem oder irgendetwas zu widersetzen. Beinahe genoss sie sie Stille und Ruhe, die von Professor Snape ausgingen, sie hatten etwas Friedvolles und danach sehnte sie sich gerade mehr als nach allem anderen.

Ohne nachzudenken legte sie ihre Hand auf seine. Sie fühlte sich kalt und schwach an, nur die Länge seiner Finger ließ erahnen, dass dies die Hand eines großen Zaubertränkemeisters war. Snape wehrte sich nicht gegen diese ungewohnte, wärmende Berührung, er wusste, es war die letzte dieser Art in seinem Leben.

„Verflucht, ich habe es satt, Menschen zu verlieren, die mir viel bedeuten, ich will etwas tun", brach es nun doch wieder aus Hermine heraus. Snape öffnete erneut seine Augen und sah sie, sichtlich um Kräfte ringend, an.

„Studieren… Sie… Zaubertränke", flüsterte er so leise, dass Hermine ihn kaum noch verstehen konnte.

Sollte sie das als Kompliment vom sterbenden Zaubertrankprofessor verstehen? Wie makaber konnte das Schicksal noch sein? Die Worte des Professors brachten ihre Dämme zum Brechen. Sturzbäche heißer Tränen rannen ihre Wangen hinunter, als hätte jemand einen Hahn aufgedreht.
„Sie werden mir fehlen, Professor", sagte sie und richtete sich langsam auf.
Dann verließ sie das Zimmer.
Snape fühlte, wie die Kälte schleichend in seine Hand zurückkehrte.
Hermine war nur noch eine Hülle ihrer selbst, als sie draußen vor der Tür von Professor McGonagall erwartet wurde.
„Und?", fragte sie mit einem Ausdruck von Hoffnung in ihrem Gesicht.
„Er will nicht, dass wir ihm helfen, wir sollten es akzeptieren. Ich spüre, dass es einen Ausweg gäbe, wenn er wollte. Bitte, Professor, ich möchte jetzt alleine sein, kann ich erst heute Nachmittag zurück in die Bibliothek gehen?"
„Natürlich, Miss Granger, ruhen Sie sich aus."
Hermine fühlte sich zurück versetzt in die Momente nach dem Endkampf. Sie ertrug das Sterben und den Tod in ihrer direkten Umgebung keine Minute länger. Wieder begann sie zu rennen, die Treppen hinunter, sie wollte Ruhe, aber überall hörte sie aufgeregte Stimmen, Kommandieren und Entsetzensschreie aus der großen Halle, die in die Flure hallten. Sie flüchtete unbeirrt weiter, nur dass sie dieses Mal wusste, wo sie hinwollte. Sie machte erst Halt, als sie die modrigen Kerker erreicht hatte. Auch hier unten hatten Kämpfe getobt, es lagen gebrochene Zauberstäbe und allerlei umgeworfene Gegenstände herum. Trotzdem umhüllte sie eine wohlige Ruhe. Es war als wäre all das Elend weit weg über ihr.

Eine Ritterrüstung versperrte Hermine den Weg in ihr altes Zaubertränkeklassenzimmer. Als sie diese Hürde genommen hatte, blickte sie in ein verwüstetes Zimmer, Hunderte Phiolen und Bücher waren wild über den Boden zerstreut. Die düsteren Bilder, welche die Schüler so sehr gehasst hatten, hingen schief an den Wänden. Seit fast einem Jahr hatte sie keinen Unterrichtsraum von innen gesehen. Sie spürte, wie sich ihr Körper entkrampfte. Zum ersten Mal seit langem fühlte sie sich geborgen. Hier in diesen vier Wänden war sie geistig am meisten herausgefordert worden, hier hatte sie mehr gelernt als in all den anderen Stockwerken zusammen. Sie strich mit den Fingern die Bücherregale entlang, wo nur noch einzelne Bücher an Ort und Stelle standen. Viele waren umgekippt oder lagen zerfleddert auf dem Boden. Es schmerzte sie, Snapes Heilige Hallen in diesem Zustand zu sehen. Sie riskierte einen Blick weiter in Snapes Labor. Eine Tür stand offen und sie vermutete dahinter die Privaträume des Tränkemeisters. Nie hatte ein Schüler es auch nur im Entferntesten bis hierher gewagt, doch nun trug Hermines Neugier sie geradewegs dorthin. Sie betrat einen Wohnraum, der zwar chaotisch, aber nicht völlig zerstört wirkte. Auf der linken Seite stand ein schwarzes Ledersofa, rechts ein großer ovaler schwarzer Holztisch, auf dem sich Bücher und Papiere stapelten. Der Tisch sah aus, als hätte Snape eben gerade den Raum verlassen. Langsam näherte sich Hermine und setzte sich an den Tisch. Die Bücher handelten alle von Zaubertränken, einige sogar von schwarzmagischen. Sie zog ein dickes Buch mit Ledereinband unter vielen Blättern hervor mit dem Titel „Antiserum Giftschlangen". Hermine stellte fest, dass viele der herumliegenden Blätter Formeln und Rezepte für Tränke enthielten. Alle waren von Hand geschrieben, die Ränder gesäumt mit vielen Notizen in unterschiedlichen Farben, sie schienen immer wieder nachbearbeitet worden zu sein. Hermine vertiefte sich in die Aufzeichnungen. Sie verstand genügend davon, um sicher zu sein, dass sie hier gerade Snapes Rezept für Naginis Anti-Serum vor sich liegen hatte. Die Faszination für diese Forschungsarbeit ließ sie alles um sich herum vergessen. Blatt für Blatt studierte sie Snapes Gedankengänge und folgte ihnen.
Plötzlich stutzte sie beim Lesen eines kleinen Notizzettels, der nur vier Wörter enthielt.

Hermines Herz begann zu pochen. Die Heilung für Bisse von Nagini bestand also aus drei Komponenten, nicht nur aus zwei. Hektisch blätterte sie alle Notizen durch, die sie finden konnte und tatsächlich fand sie ein Rezept mit dem Titel „Wundbalsam". Beim Überfliegen der Zutaten konnte Hermine nichts Außergewöhnliches feststellen, außer der Position „1ml Gift Nagini". Verflucht, wo war die Schlange? Flink faltete sie das Rezept zusammen und steckte es in ihren Umhang. Im selben Augenblick rannte sie, so schnell sie ihre Beine trugen, in Richtung McGonagalls Büro. Die Treppen schienen ihr so lang und steil wie nie zuvor. Keuchend rang sie nach Atem, als sie am Wasserspeier ankam. Aber sie brauchte kein Passwort, McGonagalls Tür stand offen. Die Direktorin erschrak zu Tode, ebenso Neville, der ihr gegenüber saß.
„Himmel, Hermine, was ist passiert?", fragte McGonagall besorgt und sprang aus ihrem Sessel.
„Ich brauche Nagini – wo ist sie?" brachte sie keuchend hervor.
„Die Schlange ist tot, ich nehme an, sie wurde vergraben. Slughorn sollte sich darum kümmern. Aber warum..."
„Wo ist Slughorn jetzt?", unterbrach sie Hermine energisch.
„Ich habe keine Ahnung, er müsste aber auf jeden Fall hier auf dem Gelände sein."
Hermines Gedanken drehten sich. Es waren mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, damit Snape auch nur den Hauch einer Chance zum Überleben hatte.
„Neville, du kennst dich doch gut in Kräuterkunde aus. Hier, nimm diese Liste und besorge die Zutaten so schnell du kannst und komme dann in Snapes Büro. Ich verlasse mich auf dich, ich bin so schnell ich kann zurück."
Damit drückte sie Neville das Rezept in die Hand und bevor McGonagall auch nur eine weitere Frage stellen konnte, war Hermine auf und davon. Sie rannte, als wäre es ihr eigenes Leben um das es ging. Noch vor einer Stunde hatte sie Snape ihr Verständnis gepredigt und was tat sie nun? Ihr alter Kampfeswille war zurück, sie bewegte Himmel und Hölle, um seinen letzten Wunsch nicht in Erfüllung gehen zu lassen. Aber sie konnte nicht anders, sie konnte und wollte nicht auch noch ihn verlieren.