Hermine rennt

Hermine riss die Tür zur großen Halle auf und stürzte sich sofort in die Menschenmenge. Hektisch überblickte sie alle Personen und suchte nach Harry.

„Ron, Ron!", schrie sie über einige provisorisch aufgerichtete Krankenbetten hinweg.

„Was ist Hermine, warum bist du so außer Atem?", fragte er besorgt.

„Harry -, ich suche Harry", stammelte Hermine, „wo ist er?"

„Er ist ganz dort hinten."

Ron zeigte auf die große Säule im hinteren Drittel des Saals.

Ohne eine weitere Erklärung ließ Hermine Ron stehen und eilte zu Harry, der gerade Anti-Schmerztränke für Poppy verteilte.

„Hermine, da bist du ja, alles klar bei dir?"

„Schnell, Harry, ich brauche die Karte des Rumtreibers. Hast du sie dabei?", fragte Hermine und Harry erkannte an ihrem panischen Gesichtsausdruck, dass es um etwas Ernstes ging.

Er legte das Tablett mit den Schmerzmitteln auf den Boden und kramte in seiner Tasche.

Hermine starrte ihn voller Ungeduld an.

„Hier ist sie. Wen suchst du denn?"

„Slughorn."

Hermine las die Karte und fokussierte jeden einzelnen Punkt mit höchster Konzentration. Nichts. Slughorn war nicht im Schloss zu finden. Plötzlich stoppte die Bewegung ihrer Augen und fixierte eine Stelle außerhalb der Schule.

„Darf ich die Karte mitnehmen?", fragte sie erleichtert.

„Klar. Kann ich dir irgendwie helfen?", fragte Harry, doch Hermine war nur noch von hinten zu sehen.

Sie hätte sich in diesem Moment gewünscht, dass sie etwas sportlicher gewesen wäre. Ihr Herz pochte laut, als sie aus der Haupttüre Hogwarts hinaus über die Wiese rannte. Aber ihr Wille war eisern. Es konnte nicht sein, dass Snape es soweit geschafft hatte und nun sterben musste, weil sie ein untrainierter Bücherwurm war. Dieser Gedanke jagte sie weiter über das wilde Grün bis zu Hagrids Hütte.

Sie blickte über die Wiesen bis zum Wald, konnte aber weder Hagrid noch Slughorn erblicken. Schon nach dem ersten Klopfen an Hagrids Hütte hörte sie Stimmen und Hagrid öffnete die Tür.

„Wo ist Nagini?", fragte Hermine immer noch atemlos und trat zu Slughorn, der einen Becher Wein in der Hand hielt und sichtlich erschöpft an Hagrids Holztisch saß.

„Keine Sorge, sie wird niemandem mehr ein Haar krümmen. Wir haben alle Einzelteile fein säuberlich vergraben, die Natur wird ihr Übriges tun", erklärte Slughorn stolz.

„Ich brauche die Schlange, sofort! Es geht um Leben und Tod, ich brauche die Zähne, um das Gift daraus zu gewinnen!"

„Sie machen Witze, Miss Granger. Die Schlange liegt zwei Meter tief unter der Erde und ich werde einen Teufel tun, sie da jemals wieder herauszuholen. Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?", fragte Slughorn.

Schweiß lief ihm die Stirn herunter und Hermine hatte den Verdacht, dass er einfach zu müde war, um die Schlange zu exhumieren.

„Ich brauche die Zähne, wir haben nur wenig Zeit, um Professor Snape zu retten. Bitte helfen Sie mir", flehte sie.

Ihr Kreislauf sank auf den Nullpunkt und nur ihrem Adrenalinspiegel hatte sie es zu verdanken, dass sie sich überhaupt noch auf den Beinen halten konnte.

„Komm mit, ich helfe dir. Das bisschen Erde werden wir schon wieder zur Seite geschafft kriegen. Keine Bange, in 'ner halben Stunde hab ich dir das Teil freigelegt. Nur die Zähne, oder?", fragte Hagrid hilfsbereit.

„Du bist der Größte, Hagrid – in jeder Hinsicht. Kannst du schon alleine anfangen, ich muss dringend zu Neville, die restlichen Zutaten für den Trank zusammenmischen. Professor Slughorn, würden Sie Hagrid assistieren, wenn es darum geht, die Beißzähne herauszulösen?"

Slughorn nickte. Er schien froh zu sein, dass er in Hermines Plänen offensichtlich für die Feinarbeit vorgesehen war. Damit konnte er besser leben.

Wie weitläufig dieses verdammte Schloss doch war! Hermines Halsschlagader pulsierte erneut, als sie über das Feld zurück zum Hogwartseingang eilte. Vor der Tür machte sie Halt und zog die Karte des Rumtreibers aus der Tasche. Neville befand sich in Snapes Labor. Für ihren Geschmack stolperte sie in den letzten Tagen etwas zu häufig die Treppen hinab in die Kellergänge. Mit letzter Kraft stieß sie die Klassenzimmertür auf und hörte bereits Schneidegeräusche eines Messers, die aus dem Labor drangen.

„Da bist du ja. Hermine, ich habe alle Zutaten gefunden. Die meisten habe ich frisch im Gewächshaus gepflückt. Bis auf die Salbeiblätter hier habe ich alle Zutaten so zerkleinert und vorbereitet, wie es auf dem Rezept stand."

Neville strahlte über das ganze Gesicht. Pflanzen waren schon immer seine Welt gewesen und Kräuterkunde das einzige Fach, in dem er jederzeit wusste, wovon er sprach. Hermine hielt es trotzdem für angebracht, alle weiteren Schritte selbst zu übernehmen, denn Zaubertränke waren bekanntermaßen überhaupt nicht Nevilles Spezialgebiet. Sie wollte ihm lieber gar nicht erst sagen, dass das zu mischende Gebräu dazu diente, Professor Snapes Leben zu retten. Neville hätte sich vermutlich sofort in die Finger geschnitten vor Ehrfurcht und Angst. Vielleicht hätte er aber auch absichtlich eine Extraportion Gift beigemischt, Hermine war sich nicht so sicher.

„Neville, du weißt gar nicht, wie dankbar ich dir dafür bin. Du bist ein wahrer Kräuterheld!"

Flugs und mit vollster Konzentration suchte sich Hermine im Labor eine tiefe Schüssel und die passenden Rührlöffel.

Eine Stunde später rührte Hermine eine dickliche weiße Flüssigkeit in der Form einer Acht immer wieder rhythmisch durch. Neville hatte die ganze Zeit gebannt Hermines harmonische Handbewegungen verfolgt.

„Könntest du mir noch einen Gefallen tun und zu Hagrids Hütte laufen? Slughorn und Hagrid werden dir dort...", Hermine wurde unterbrochen als sie die Klassenzimmertür auffliegen hörte.

„Hallo, Miss Granger, sind Sie hier?", hörte sie Slughorns Stimme.

Hermine dirigierte Slughorn ins Labor.

„Hier sind Sie – endlich! Wir haben das halbe Schloss nach Ihnen abgesucht. Seien Sie froh, dass Sie einen Halbriesen als Freund haben. Naginis Kopf war so schnell freigelegt, wie Sie es sich nicht vorstellen können."

Slughorn kam zu Hermine an den Labortisch und präsentierte ihr stolz zwei Giftzähne je in der Länge eines Daumens. Hermines Augen leuchteten. Der Perfektionsdrang war längst über sie hergefallen und mit zielstrebigen, exakten Bewegungen bohrte sie ein Loch in den ersten Zahn, um in die Zahnhöhle sehen zu können. Sie hoffte, dort auf Reste des Gifts zu stoßen. Alle anderen Giftquellen Naginis waren zwei Tage nach ihrem Tod gewiss versiegt. Ihre Augen weiteten sich, als sie den Zahnschmelz durchbrach. Vorsichtig füllte sie Tropfen für Tropfen der dünnen farblosen Flüssigkeit in eine kleine Ampulle. Ihr Körper zitterte leicht vor Anspannung, als sie auch den zweiten Zahn auf dieselbe Art und Weise leerte. Hermine hielt die Ampulle gegen das Licht, um die Maßstriche besser sehen zu können. Knapp einen Milliliter Gift hatte sie abfüllen können. Bei Merlin, es musste einfach genügen, um das Balsam wirksam zu machen, sie hatten keine andere Chance. Nachdem sie das Gift der Kräuteressenz beigemischt hatte, atmete sie einmal tief durch.

„Der Trank muss nun sechs Stunden lang stocken, damit er zähflüssig wird und die Kräuter sich mit dem Gift verbinden können."

Damit schickte Hermine ihre fleißigen Helfer nach draußen. Einen Moment lang setzte sie sich auf den Holzstuhl neben dem Tisch. Sie betete inständig darum, dass Snape noch durchhalten würde. Doch wie konnte Sie so sicher sein? Es war 11 Uhr morgens, erst am späten Nachmittag würde sie das Wundbalsam zu Poppy bringen können. Ein ungutes Gefühl beschlich sie. Was, wenn es nicht reichte? Erschöpft und in Gedanken versunken blickte sie auf Snapes Regal mit verschiedenen Phiolen, jedes gefüllt mit anderen Essenzen. Die meisten waren gelblich gefärbt mit eingelegten Kräutern. Einige waren umgestoßen und lagen gefährlich nahe am Regalrand. Ihr Blick schweifte weiter, bis eine kleine Ampulle ihren Blick auf sich zog. Sie musste umgefallen sein und sah genauso aus, wie die Ampulle, die neben Snape gelegen hatte, als sie ihn bewusstlos gefunden hatte. Sie sprang von ihrem Stuhl auf und ging zum Regal. Die Beschriftung lautete „Blutbildungsserum Nagini". Das Glas war am Verschluss gebrochen, die Flüssigkeit war ausgelaufen. Trotzdem befand sich ein kleiner Rest im Bauch des Fläschchens. Hektisch sah sie sich im Regal um, ob sie noch weitere Ampullen oder sogar das Balsam entdecken konnte, aber es war nichts. Zuviel war hier den Kämpfen zum Opfer gefallen.

Hermine machte sich sofort auf den Weg zu Poppy, die sie mit ernster Mine begrüßte.

„Es ist soweit, er ist kaum mehr bei Bewusstsein."

Panik ergriff Hermine. Sie drückte Poppy die bescheidenen Reste des Serums in die Hand und erklärte ihr mit hektischen Worten die Umstände. Poppy zögerte keine Sekunde, zog das Serum in eine Spritze auf und rannte zu Snapes Zimmer.

Vor Hermines Augen verschwamm alles. Poppys Worte hallten in ihrem Kopf nach. Mit mechanischen Schritten folgte sie ihr. Sie hatte entsetzliche Angst vor dem, was sie in dem Zimmer erwartete.