Wundbalsam

„Das war Rettung in letzter Sekunde. Sein Puls war schon auf 30 abgesackt, er ist aber immer noch nicht bei Bewusstsein", flüsterte Poppy Hermine zu, als sie nahe genug an Snapes Bett ankam. Er lag auf dem Rücken und schien beinahe friedlich zu schlafen.

„Kannst du etwas hier bleiben, bis er sich stabilisiert hat, ich bin ein Zimmer weiter, wenn etwas ist", bat Poppy und drückte Hermine eine magische Pulsmessuhr in die Hand.

Hermine nickte und setzte sich auf den Bettrand. Ihren Blick richtete sie starr auf eine kleine magische Uhr, die einem Kompass glich und nun Snapes Herzschlag und seinen Allgemeinzustand anzeigte, ohne im Geringsten mit Snape in Berührung zu stehen. Es war als hielt sie sein Leben in ihren Händen. 35-40-45, dann verharrte der Zeiger. Er musste sich noch weiter bewegen, wenn das Serum lange genug wirken sollte, bis das Wundbalsam fertiggestellt werden konnte. Der Verband in Snapes Nacken begann sich an einer Stelle bereits wieder rot zu färben, was Hermine augenblicklich einen Stoß in den Magen versetzte. Einige Minuten saß sie gebannt da, ohne dass etwas passierte. Zumindest blieb Snapes Zustand aber stabil, was Hermine etwas leichter atmen ließ. Ohne weiter nachzudenken legte sie seine Hand in ihre. Sie verspürte das dringende Bedürfnis, seinem Körper zu signalisieren, dass er nicht alleine war. Sie wollte alles in ihrer Macht stehende tun, ihn zurück ins Leben zu holen, wohlgemerkt ins Leben, nicht ins Überleben. Dieses Versprechen machte sie ihm hier und jetzt. Doch ohne Überleben war alles andere hinfällig. Plötzlich bewegte sich der Zeiger der Pulsuhr weiter, 50-55-60. Hermines Anspannung wich einer schweren Müdigkeit. Die Belastungen der letzten Wochen und insbesondere der letzten Tage zogen ihren Kopf bleischwer nach unten. Mit Mühe versuchte sie die Pulsuhr im Auge zu behalten, sie konnte kaum noch aufrecht sitzen.

Nach über einer Stunde kam Poppy ins Zimmer. Sie blieb einen Augenblick lang stehen und betrachtete das idyllische Bild, das sich ihr bot – Hermine war in einem Stuhl neben Snapes Bett eingeschlafen. Behutsam nahm Poppy die Pulsuhr an sich, die Hermine fest umklammert in ihren Händen hielt. Sie zeigte konstant auf 60.

„Hermine, aufwachen", versuchte Poppy Hermines Nickerchen möglichst sanft zu beenden. Als Hermine die Augen öffnete, schreckte sie hoch.

„Beruhige dich Hermine, du bist völlig erschöpft. Du solltest dich dringend ausruhen", beschwichtigte sie Poppy. Hermine vergewisserte sich noch einmal, dass Snapes Zustand stabil war und verließ schlaftrunken die Krankenstation. Zu gerne wäre sie zum Schlafsaal gewandert, aber es plagten sie jetzt schon Sorgen, dass mit dem Wundbalsam etwas nicht stimmen könnte, deshalb verlor sie keine Zeit und steuerte erneut die Kerker an. Sie atmete tief durch, als sie alle Utensilien unberührt an Ort und Stelle vorfand. Die zähe Flüssigkeit war noch dicklicher geworden. Für den Moment zufrieden packte Hermine alles zusammen und brachte es in den Gemeinschaftsraum, wo Ron, Ginny und Harry alleine am Kamin saßen und sich mit Keksen und Tee stärkten.

In der großen Halle war das Chaos allmählich beseitigt und alle Verletzten versorgt.

„Was für ein Tag, ich bin fix und fertig", stöhnte Ginny.

Hermine erzählte den Jungs die ganze Geschichte über Snape.

„Ich fasse es immer noch nicht, dass Snape all die Jahre nicht über den Tod meiner Mutter hinweg kommen konnte. Er war immer ein Eisklotz und dann jahrzehntelang ein Reh als Patronus, unfassbar", sagte Harry ernst.

„Er hat vermutlich nie gelernt, Gefühle zu zeigen. Deine Mutter hat die wundervollsten Gefühle in ihm ausgelöst, die er je empfunden hat. Aber er wusste nicht mit ihnen umzugehen. Damit hat er deine Mutter zwangsläufig verletzt, obwohl sie viel Geduld mit ihm hatte", spann Hermine Harrys Gedanken weiter.

Sie hoffte inständig, dass das Leben ihm eine zweite Chance geben würde.

„Morgen ist die Messe für Lupin, Tonks, Fred, Mad Eye Moody und alle anderen", sagte Harry und nahm Ginny etwas fester in seinen Arm. Hermine ergriff plötzlich ein schlechtes Gewissen. Durch die vielen dramatischen Ereignisse der letzten Stunden hatte sie völlig verdrängt, wie schlecht es Ron eigentlich gehen musste. Er hatte seinen Bruder verloren. Die Trauer übermannte sie erneut und erstickte ihre Stimme. Sie wollte Ron ihr Bedauern ausdrücken, konnte aber keine Worte finden.

„Wisst ihr, all die Jahre hat Fred keine Sekunde ausgelassen, mich zu necken und mich fertig zu machen. Aber er war mein Bruder und ich vermisse ihn", sagte Ron.

Hermine rückte näher zu Ron und umarmte ihn. Seine roten Haare vergruben sich in Hermines Locken. Das Gefühl des Verlustes fiel über sie alle gleichermaßen herein und zum ersten Mal nahmen sie sich Zeit, der Trauer ihren Lauf zu lassen.

„Ich bin froh, dass du da bist, Hermine", sagte Ron und drückte Hermine noch fester an sich.

Ab 16 Uhr ließ Hermine das Balsam keine Sekunde mehr aus den Augen. Sie hatte es sich bei Poppy im Büro häuslich eingerichtet und blickte in regelmäßigen Abständen zur Uhr. Snapes Zustand begann allmählich wieder, sich zu verschlechtern, aber Hermine war zuversichtlich, dass er die verbleibende Stunde noch gut überstehen würde. Sobald sie den Wundbalsam aufgetragen hätte, würde sie sich daran machen, ein weiteres Blutbildungsserum zu brauen. Damit sollte Snape das Gröbste überstanden haben. Doch zuerst musste der Balsam wirken. Mit einem Spatel strich Hermine die extrem zähe Paste hin und her, ehe sie die Schale nahm und in Richtung Snapes Zimmer ging, wo Poppy bereits auf sie wartete. Snapes Haare waren nach oben gebunden, während Poppy den feuchten Verband entfernte. Es war nicht zu erkennen, ob Snape bei Bewusstsein war oder nicht, er bewegte sich nicht im Geringsten. Zwei lilablaue, entzündete Wunden stachen Hermine in die Augen. Ein Schauer durchfuhr sie, als sie sich Naginis lange Zähne in Snapes Nacken vorstellte. Kleine Blutrinnsale bahnten sich ihren Weg an Snapes Hals entlang und drohten auf das Kissen zu tropfen. Es sah aus wie eine kleine rote Quelle, die nicht versiegen wollte. Hermine reinigte ihre Hände und trug eine ordentliche Portion des Balsams auf Snapes Wunden auf. Snape zuckte zusammen. Glücklicherweise hatte ihn Poppy zuvor mit einem Zauberspruch fixiert. Auf dem Rezept hatte Snape am Rand notiert, dass das Balsam in kreisenden Bewegungen aufzutragen ist, bis die Haut die Substanz restlos aufgenommen hat. Anfänglich vermischte sich die Paste noch mit Blut. Einige Male wischte Hermine die Wunde sauber und massierte dann erneut kleine Mengen des Balsams in die Haut. Die Wunde begann tatsächlich sich langsam aber stetig zu schließen, nur noch einzelne Bluttropfen fanden den Weg aus der Wunde. Poppy verschwand und bat um Nachricht, falls sich Snapes Zustand verschlechtern sollte.

Plötzlich schien Snape das Bewusstsein wiederzuerlangen. Hermine spürte, wie er seinen Kopf ihren kreisförmigen Bewegungen entziehen wollte, schaffte es aber nicht.

„Was... tun Sie?", fragte eine schwache Stimme.

„Ich reibe Ihnen ein Wundbalsam ein. Morgen wird es Ihnen wesentlich besser gehen, Professor", antwortete Hermine, während ihr Herzschlag sich beschleunigte. Sie reinigte ihre Hände mit einem Zauber, ging um das Bett herum und setzte sich auf den Stuhl vor ihn. Das schlechte Gewissen kehrte zu ihr zurück. War es wirklich das Richtige, was sie hier tat?

„Hatten wir nicht eine Abmachung?", fragte Snape immer noch mit Schwäche und Schmerzen kämpfend.

Erst jetzt riskierte Hermine einen Blick in seine Augen. Sie wirkten erschöpft, ließen aber erahnen, dass sich ihr Besitzer zumindest verbal erschreckend schnell wieder erholen würde.

Hermine versuchte, die bleischwere Stimmung, die in der Luft lag, etwas aufzuhellen und schob ihr schlechtes Gewissen beiseite.

„Eine Abmachung? Sie sagten, ich solle Zaubertränke studieren. Allein daran habe ich mich gehalten und insbesondere die Tränke studiert, die Sie in jüngster Zeit selber entwickelt haben. Ihre Aufzeichnungen zu Nagini sind perfekt zu Papier gebracht und Sie wollten gewiss nicht, dass ich nur theoretisch studiere, Professor?"

Snape sah Hermine durchdringend an. Sie kannte diesen angriffsbereiten Blick aus sechs Jahren Unterricht und es tat gut, etwas Altvertrautes in seinem Gesicht zu wiederzuerkennen. Die Lebensgeister in Snape schienen geweckt und Hermine wurde von einem Glücksgefühl ergriffen. Zum ersten Mal seit Tagen entspannten sich ihre Gesichtszüge und ihr Mund formte sich zu einem leichten Lächeln.

„Es tut mir Leid, Professor. Sie sind der beste Lehrer, den ich jemals hatte, ich wollte Sie nicht auch noch verlieren."

Snape schien antworten zu wollen, musste aber noch einige Momente auf seine langsam wiederkehrenden Kräfte warten.

„Ich würde ich Ihnen gerne 20 Punkte abziehen, wegen gravierender Fehlinterpretation einer Aufforderung Ihres Lehrers."

Hermine konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Snapes Zynismus und Sarkasmus hatte den Kampf gegen seine Todessehnsucht gewonnen, ein gutes Zeichen für den Anfang.

„Nur zu unpraktisch, dass ich seit 4 Monaten nicht mehr Ihre Schülerin bin", konterte sie und spürte, wie sich die Spannung zwischen ihr und Snape allmählich löste. Sie wagte sich noch ein wenig weiter vor.

„Sind die 20 Punkte ein Versprechen? Hogwarts wird in zwei Wochen wieder eröffnet und ich bin mehr als bereit, den Punkteabzug hinzunehmen, wenn Sie wieder unterrichten."

Einen Moment lang hielt er inne. Vor ihm spulten sich noch einmal die vergangenen Tage ab. Ihm fiel niemand anderes ein als seine besserwissende Ex-Schülerin, der es hätte schaffen können, ihm sein Leben wiederzugeben und dabei auch noch das Gefühl zu geben, dass dies eine akzeptable Lösung darstellte.

Diese Runde geht an Granger, dachte Snape, hütete sich aber davor, auch nur eine Silbe davon auszusprechen.