Beerdigungen
Hermine erwachte und ein eiskalter Wintermorgen begrüßte sie, als sie fröstelnd aus dem Fenster sah. Der Raureif legte sich wie ein Schleier über die Ländereien von Hogwarts. Am liebsten hätte sie sich in ihrem warmen Bett verkrochen und die Decke über beide Ohren gezogen. Es war nicht nur die eisige Kälte des Januars, weswegen sie zurück in ihr Bett kuscheln wollte. Es war vielmehr die Furcht davor, was der angebrochene Tag bringen würde. McGonagall hatte eine Messe organisiert. In der großen Halle des Schlosses sollte allen Toten gedacht werden, die im Kampf um Voldemort ihr Leben gelassen hatten. Danach sollten Lupin, Tonks und all die anderen auf dem Friedwald angrenzend an den verbotenen Wald beigesetzt werden. Obwohl sich zur Zeit nur ein paar Dutzend Schüler in Hogwarts befanden, wurde mit mehreren Hundert Leuten gerechnet, die der Zeremonie beiwohnen wollten. Mit einem flauen Gefühl im Magen quälte sich Hermine unter die Dusche und beeilte sich danach, in ihre warmen Kleider zu schlüpfen.
Beim Frühstück herrschte eine gleichsam gedrückte Stimmung. Die Beerdigungen schienen wie eine dunkle Decke über den Anwesenden zu hängen. Ron kam zu Hermine an den Tisch und begrüßte sie mit zwei Küssen auf die Wange. Weiter hinten betraten gerade Ginny und Harry Arm in Arm den Saal. Für Worte war an diesem Morgen wenig Platz. Stillschweigend versuchte jeder seinen eigenen Weg für den heutigen Tag zu finden.
Um 11 Uhr waren alle Vorbereitungen für den großen Saal getroffen und Reihe für Reihe hatte man die Esstische in Sitzbänke verwandelt, so dass jetzt etwa 300 Leute hier Platz fanden. Vor den Toren Hogwarts ging es zu wie in einem Taubenschlag. Die Leute apparierten bis zur Grenze von Hogwarts und pilgerten dann in Gruppen hinauf zum Schloss. Hermine half gerade McGonagall mit der Dekoration auf dem Podest, als sie Molly Weasley die Halle betreten sah. Sie legte die Dekorationsblumen auf eine Bank und ging auf sie zu.
„Guten Tag Molly", sagte sie mit matter Stimme.
„Hermine, meine Liebe, lass dich drücken, ich bin so froh, dass euch nichts geschehen ist, es ist einfach furchtbar, so viele Tote", schluchzte Molly Weasley und umarmte Hermine so sehr, dass ihr kaum Luft zum Atmen blieb.
„Es tut mir Leid mit Fred, ich kann es immer noch nicht glauben", antwortete Hermine und Tränen stiegen schon wieder in ihr auf.
„Ich bin froh, dass du da bist. Ich weiß, dass du Ron eine große Stütze bist. Es hatte immer den Anschein, als hätten Fred und Ron sich nicht gut vertragen, aber ich weiß, dass Ron sehr unter Freds Tod leidet. Versprichst du mir, dass du auf ihn Acht gibst? Er mag dich."
Hermine nickte und versuchte Molly Weasleys Umarmung so gut es ging zu erwidern.
Die Messe war Balsam und Tortur für die Seele zugleich. McGonagall fand für jeden der Toten die richtigen Worte. In professioneller Manier stand sie auf dem Podest und würdigte die beiden getöteten Lehrer. Albus Dumbledore hätte es nicht besser gekonnt. Die seelische Belastung für die Anwesenden hätte kaum höher sein können. Insbesondere bei der Beisetzung von Lupin und Tonks hallte ein flächendeckendes Schluchzen quer über die Felder Hogwarts. Hermine konnte längst nicht mehr aus ihren Augen sehen, zu viele salzige Sturzbäche waren ihre Wangen hinuntergelaufen. Sie wollte sich heute nicht zusammenreißen, diese aufgestaute Trauer musste sich ihren Weg bahnen, wenn sie nicht daran zerbrechen wollte. Harry trug Teddy Lupin auf den Armen und ab und zu gab er den kleinen Vollwaisen Hermine in den Arm. Die Weasleys hatten angeboten, Lupins und Tonks Sohn bei sich aufzunehmen, damit Harry als Paten ihn so oft wie möglich sehen konnte. Der Gedanke, dass das kleine Wesen ohne Eltern aufwachsen sollte, sorgte für einen dicken Kloß in Hermines Kehle. Es war alles unbeschreiblich grausam. Sie blickte auf die Weasleys, die ihren Sohn verloren hatten und all die anderen Eltern, die um ihre toten Kinder trauerten. Am liebsten hätte sie es laut herausgeschrien, das WARUM. Warum hatten diese wundervollen Menschen alle ihr Leben geben müssen für diesen größenwahnsinnigen Bastard Voldemort. Sie würde es niemals begreifen können.
Mit nassen Wangen verließ Hermine Arm in Arm mit Ron den Friedwald. Die Kälte auf ihrer Haut schien nun erträglich, ja sogar willkommen. Sie kühlte die erhitzten Gemüter und brachte sie zurück auf den Boden der Tatsachen, die da lauteten, das Leben ging eiskalt weiter, ob man wollte oder nicht. Niemand konnte das besser wissen als Snape, dachte Hermine. Sie fragte sich erneut, ob sie Snape einen Gefallen getan hatte, ihn zum Leben zu verdammen. Im Moment wusste sie selbst nicht einmal, wo und wie ihr Leben weitergehen sollte. Sie wünsche sich, dass Harry, Ginny und Ron darin eine Rolle spielten – und Snape. Sie würde ihm gerne zeigen wollen, dass das Leben auch lebenswert sein konnte. Momentan wusste sie aber nicht im Geringsten, wie das vonstatten gehen sollte. Während der Beisetzungen hatte sie sich geborgen gefühlt zwischen den Weasleys, Harry und all den anderen. Sie wusste, dass sie sich glücklich schätzten konnte, sie hatte tolle Eltern, die sie jederzeit unterstützten und Freunde, die mit ihr durch dick und dünn gingen. Kaum unvorstellbar, wie sich Snape fühlen musste, der von keiner Seite Rückendeckung zu erwarten hatte und sein ganzes Leben lang keine Unterstützung oder Liebe erfahren hatte. Snapes abweisendes Verhalten all die Jahre machte plötzlich einen Sinn. Sein Leben lag vor Hermine wie ein offenes Buch und sie war mehr als bereit, darin zu lesen. In Gedanken lief sie weiter Arm in Arm mit Ron zurück zum Schloss, als Ron an einem großen Baum stoppte und sie an den Stamm hinüberzog. Plötzlich fand sich Hermine in einer Umarmung mit Ron wieder. Seine Arme gaben ihr Halt und sie ließ sich fallen. Er gab ihr die Geborgenheit, die sie jetzt brauchte.
„Du bedeutest mir unendlich viel, Hermine. Ich bin froh, dass dir nichts zugestoßen ist", sagte Ron und drückte Hermine fest an sich.
Snape blickte aus dem Fenster hinunter auf die Felder zum verbotenen Wald. Seine Lebensretterin umarmte gerade den Rotschopf. Er hasste Beerdigungen. Wenn alles korrekt gelaufen wäre, würde er jetzt dort drüben neben Lupin liegen und alles wäre gut. Warum nur hatte sie ihm das angetan? Und warum bei Merlin zog er sie dafür nicht zur Rechenschaft? Sie hatte seinen Wunsch ignoriert, so wie alle anderen auch. Sein Leben lang war er ignoriert worden – von seinem Vater, Voldemort und letzten Endes sogar von Dumbledore. Früher hätte er Hermine dafür verbal zusammengefaltet, dass sie sich wochenlang nicht in seine Nähe getraut hätte. Aber als sie ihm das Balsam eingerieben hatte, hatte er ihre besänftigende Wirkung gespürt. Im Unterschied zu allen anderen war sie ehrlich zu ihm. Sie hatte ihm ihren Schmerz gezeigt über all das, was vorgefallen war und er wusste, dass sie sich die Entscheidung nicht leicht gemacht hatte. Dazu war sie zu integer, zu diszipliniert. Sie hatte ihn gerettet, weil sie wollte, nicht weil sie musste. Alles, was sie sich als Gegenleistung erhoffte, war Unterricht von ihm. Im Vergleich zu Albus und Voldemort war das eine Forderung, die geradezu ein Hochgefühl in ihm auslöste.
Die Menschenmenge bewegte sich schleichend wie eine Welle auf das Schloss zu. Alle umarmten sich, keiner schien alleine. Das Leben ging weiter. Sein Leben hatte sich am gravierendsten geändert, er hatte keines mehr. Die Tage waren unendlich lang, wenn er nicht mehr Stunde um Stunde damit verbringen musste, sich als Doppelagent Theorien und Lügen zurechtzulegen, so exzessiv, dass er manchmal selbst nicht mehr gewusst hatte, was Wahrheit und was Lüge war.
Sie kam Arm in Arm mit Weasley auf das Schloss zu. Sein Puls beschleunigte sich. Zum ersten Mal seit Jahren spürte er, dass Leben in ihm war.
