Flucht nach vorn
Snape saß in seinem schwarzen Ledersessel. Ein gutes Buch und ein beruhigender Kräutertee sollten diesem Tag zu einem vernünftigen Ende verhelfen. Selten hatte er sich so in ein emotionales Streitgespräch verwickeln lassen wie heute Nachmittag mit McGonagall. Das letzte Mal vielleicht, als er Dumbledore ausreden wollte, dass er ihn töten sollte. Aber das hier war etwas anderes. Was war nur in ihn gefahren? Die Wut war völlig unkontrolliert aus ihm herausgebrochen. Disziplin, Rationalität um jeden Preis und das Zurückhalten von Gefühlen waren all die Jahre seine Überlebensstrategie gewesen. Doch heute bei McGonagall im Büro explodierten seine jahrzehntelang aufgestauten Emotionen. Er musste seine Prinzipien nicht mehr halten, er war ein freier Mann ohne Verpflichtungen - er konnte endlich tun und lassen was er wollte. Und in dem Moment, als diese Erkenntnis Besitz von ihm ergriff, kam McGonagall daher und behandelte ihn genau so, wie er sein Leben lang behandelt worden war, als Instrument, das man benutzen konnte, weil er keine Wahl hatte.
Er schlürfte an dem siedend heißen Tee, stellte ihn zurück auf den Tisch und begann zu lesen. Die Biographie eines alten Zaubertrankmeisters sollte seine Gedanken auf Reise schicken, fernab von seinem neuen ungewollten Alltag. Einige Seiten später bemerkte er, dass seine Augen nur noch flüchtig über die Buchstaben huschten und er nur wenige Bruchstücke des Inhalts geistig aufgenommen hatte. Seine Gedanken machten ihre eigene Reise. War er nicht gerade alle Aspekte seiner emotionalen Entgleisung schon Punkt für Punkt durchgegangen? Er schüttelte über sich selbst den Kopf, erkannte sich selbst nicht wieder. Erneut schwirrte das Streitgespräch durch seinen Kopf. McGonagall hatte ihn von oben herab behandelt. Seit seiner Rettung hatte sie ihn nicht ein einziges Mal besucht. Ein kurzes „Es freut mich, dass du wieder hier bist" am Mittagstisch war alles, was sie herausgebracht hatte. Genauso wie all die anderen. Die Zeitungen waren zwar gefüllt mit Enthüllungen über seine sensationelle Rettung, aber es ging eindeutig darum, dass er noch gerettet wurde, seine Person war dabei entweder völlig unbedeutend oder wurde skandalträchtig aufgebauscht. Der Titel eines Sensationsartikels spukte in seinem Kopf herum – „Er liebte die Mutter und hasste ihren Sohn – die wahren Gründe des Severus Snape für sein Leben als Doppelspion". Es entsprach alles der Wahrheit und er war weit davon entfernt, die Reaktion seines Umfeldes auch nur im Geringsten dafür zu verurteilen. Trotzdem verspürte er seit dem Endkampf zunehmend den Drang, sich nicht mehr für irgend eine Sache gebrauchen zu lassen. Wenn er schon sein gesamtes Leben hinter sich lassen musste, dann wollte er zumindest versuchen ein neues zu beginnen. Er zog das Buch wieder näher, doch seine Augen wollten keine Buchstaben sehen.
Da war noch Granger, richtig. Er sah sie vor sich, wie sie ihm den Weg versperrte. Sie hatte höflich um einen Termin bei ihm gebeten. Egal, sie wollte ihm genau wie McGonagall nur aus egoistischen Gründen aufschwatzen, dass er in Hogwarts bleiben solle. Sie hatte Tränen in den Augen. Voldemort hatte viele Menschen zum Weinen gebracht und er hatte sie zwangsläufig dabei beobachtet. Sie weinten aus Furcht, Angst und Schrecken. Grangers Tränen basierten auf menschliche Enttäuschung. Himmel, Sie hatte ihn sogar zum Selbstmord aufgefordert! Die korrekte und rationale Miss Granger! Es war ihm nicht möglich, diesen Auftritt richtig zu interpretieren. Er fühlte nur, dass sie sich in diesem Moment offenbar genauso wenig unter Kontrolle hatte wie er zuvor bei McGonagall.
Seine Augen fokussierten wieder die gedruckten Zeilen im Buch. Seit Voldemorts Tod verfügte er eindeutig über zu viel Zeit. Nie wäre er früher auf die Idee gekommen, sich über derartig triviale Dinge den Kopf zu zerbrechen. Er spürte, wie sich in ihm Prozesse in Gang setzten, die er in dieser Form nicht kannte und wie sie ein deutliches Unbehagen in ihm verursachten. Er fragte sich, was nun besser war und leerte den Rest seiner Tasse, als könne der Tee all seine überflüssigen Gedanken die Kehle hinunterspülen. Dann tauchte er endgültig in das nächste Kapitel des Buches ab.
Hermine schüttelte den Kopf, als sie ihre Tasche umhängte und mit einer kleinen Flasche Wein in der Hand ihr Zimmer verließ. Sie musste völlig verrückt sein. Den ganzen Nachmittag hatte sie gebraucht, um sich von Snapes Auftritt in der großen Halle zu erholen. Ron und Harry hatten mit üblichen Snape-Hass-Tiraden versucht, sie auf ihre Seite zu ziehen und sie dazu zu bewegen, Snape endlich als hoffnungslosen Fall zu den Akten zu legen. Der Weg vom Gryffindor-Turm hinab in die Kerker schien ihr länger als je zuvor. Warum tat sie das nur? Warum tat sie sich das immer wieder an? Jedes einzelne Argument von Ron und Harry konnte sie nachvollziehen und verstehen. Snape war ein Widerling, da bestand kein Zweifel. Er hatte bestimmt viele Gründe, so zu sein, wie er war, aber es gab keine Entschuldigung dafür, dass er nicht wenigstens versuchte, seine Mitmenschen fair zu behandeln. Sie war kurz davor, sich selbst wegen Unzurechnungsfähigkeit in St. Mungo einliefern zu lassen. Trotzdem überfiel sie das schlechte Gewissen, als sie an die letzten Worte dachte, die sie ihm an den Kopf geschleudert hatte. Sie hatte ihn zum Selbstmord aufgefordert! Was war nur mit ihr geschehen? Egal, wie sehr Snape es provoziert hatte, sie hätte sich zusammenreißen müssen. Zumindest dafür musste sie nun gerade stehen. Der Geruch des Kellers stieg ihr in die Nase und ihre Halsschlagader pochte. Die Angst vor ihrer eigenen Courage holte sie sofort wieder ein, als sie auf die Tür zu Snapes Privaträumen blickte. Sie fühlte sich hier völlig fehl am Platz. Ihre Hand klopfte selbständig an die Tür. Er würde sie zweifellos mit wenigen Worten postwendend wieder aus dem Labor werfen, sollte er ihr gnädiger Weise überhaupt aufmachen. Es herrschte Totenstille hier unten und eine kleine Ewigkeit später hörte sie Schritte. Die Tür öffnete sich quälend langsam.
„Guten Abend, Sir", quälte sie sich zu einem Anfang.
Hermine wagte nicht, ihm in die Augen zu sehen. Stattdessen hob sie ihm die Weinflasche entgegen. Ehe er zu einer Antwort ansetzen konnte, sprach sie weiter, als könne Sie damit seine Ablehnung verhindern.
„Ich..., ich wollte ein Glas Wein mit Ihnen trinken. Es tut mir Leid, wegen heute Mittag. Ich wollte nicht, dass Sie denken..., das mit dem Trank... ich... ich habe es nicht so gemeint."
Snape verschränkte seine Arme und musterte sie von oben herab, ohne ein Wort zu sagen. Hermine war sich sicher, dass er ihren demütigen Auftritt bis ins Tiefste genoss.
„Darf ich reinkommen? Nur kurz, bitte", nahm sie all ihren verbliebenen Mut zusammen.
Snape trat einen Schritt zur Seite und gab den Türrahmen frei ohne eine Mine zu verziehen. Dieser Mann schaffte es immer wieder, sein Inneres völlig von der Außenwelt abzuschotten, dachte Hermine. Sie konnte nicht einmal erkennen, ob er sie gleich in der Luft zerreißen würde oder nicht. Snape schloss die Tür und folgte Hermine, machte aber keine Anstalten, ihr einen Platz anzubieten. Es half nichts, Hermine wollte das hier durchziehen, also blieb sie vor ihm stehen.
„Glauben Sie mir, ich wollte Ihren letzten Wunsch respektieren."
Snape schien die Ruhe selbst. All seine Aggression vom Nachmittag hatte sich in eine merkwürdige Form von Selbstsicherheit verwandelt.
Endlich durchbrach er sein Schweigen und antwortete gewohnt zynisch, so dass Hermine sich zurück in das Klassenzimmer versetzt fühlte.
„Ich habe es überlebt, Miss Granger - im wahrsten Sinne des Wortes... Mein ganzes Leben lang hat es niemanden interessiert was ich will, nicht einmal Albus, wie ich zum Schluss herausfinden musste. Stellen Sie sich einfach nahtlos neben die Zeitgenossen, die meine Wünsche ignoriert haben – mein Vater, Voldemort, Dumbledore, McGonagall, ich denke, wir finden noch ein Plätzchen für Sie. Damit ist das Thema für mich beendet, verstanden? Warum ich nun allerdings ein Glas Wein mit Ihnen trinken sollte, ist mir zugegebenermaßen ein Rätsel und wo Sie den Mut dafür hernehmen, mich darum zu bitten, ebenso", antwortete Snape distanziert und ohne jegliche Emotionen in Stimme oder Blick.
Er betrachtete Hermine aufmerksam wie ein Adler, der um seine Beute kreist und jeden Moment bereit ist, sich darauf zu stürzen. Hermine hatte nicht vor, sich provozieren zu lassen wie heute Mittag. Sie blieb äußerlich völlig ruhig. Es galt ein Ziel zu erreichen, koste es was es wolle.
„Wovor haben Sie Angst, Professor?", versuchte sie das Gespräch wieder auf Snape zu lenken. „Ein Glas Wein hat noch niemandem geschadet und die bescheidene Gesellschaft von einer Person ebenso wenig. Außerdem bin ich keine Bedrohung für Sie, sie können mich jederzeit wieder hinauswerfen. Sie sollten endlich etwas Gesellschaft zulassen, die Leute beißen nicht."
Hermine fühlte sich durchbohrt von seinen Blicken. Er schien immer noch ergründen zu wollen, was sie mit dem Wein vorhatte. Vielleicht hatte Hermine hier einen Nerv getroffen. Sie spürte seine wachsende Neugier, sein Geist schien nach dieser Herausforderung geradezu zu dürsten.
„Früher hätte ich Sie für Ihr arrogantes Auftreten sofort aus dem Raum geworfen."
„Und heute?", fragte Hermine leise.
Sie wusste sehr genau, dass sie auf einem schmalen Grat balancierte.
„Die Ausgangssituation hat sich zugegebenermaßen geändert. Der Wegfall meiner Tätigkeit als Doppelspion lässt meinem Gehirn 99% mehr Freiraum als vor dem Krieg."
Sie blickten sich einen endlos langen Moment schweigend an. Hermine überlegte, ob sie erneut das Wort ergreifen sollte, aber sie wollte Snapes offensichtliche Gedankenaktivität nicht unterbrechen. Er löste seine Arme zögerlich aus ihrer verschränkten Haltung.
„Machen Sie den Wein auf, ehe ich es mir anders überlege", schnaubte er schließlich, nicht ohne mit gewissem Widerwillen auf Hermine herabzublicken. Seine Hand deutete Hermine an, sie solle sich auf das schwarze Ledersofa setzen. Dann holte er zwei Weingläser aus der Vitrine, stellte sie auf den Couchtisch und setzte sich in den Sessel daneben.
„Was wollen Sie? Ich bin nicht gerade in Stimmung für Konversation – noch nie gewesen, um es präzise zu formulieren. Auf soziale Kontakte wie den heute Mittag mit McGonagall kann ich gut und gerne verzichten. Spätestens nach fünf Minuten suchen meine Gesprächspartner für gewöhnlich das Weite, oder ich tue es selbst weil sie mich langweilen. Sie scheinen gegen meine Anwesenheit zunehmende Resistenz zu entwickeln. Haben Sie ein weiteres Rezept in meinen Unterlagen gefunden? Oder haben Sie mich aus purem Akt der Selbstgeißelung gerettet?"
Hermine reichte Snape das gefüllte Glas.
„Ich habe Sie immer aus sehr egoistischen Gründen versucht zu retten. Sie sind ein Widerling, aber der beste Zaubertränkelehrer der magischen Welt... Ich würde es auch nach wie vor begrüßen, wenn Sie mir die angedrohten 20 Punkte abziehen würden, indem Sie wieder unser Lehrer werden."
Hermines Stimme klang, als wolle sie Verträge aushandeln. Ihre Emotionen verbarg sie tief in sich, sie wollte Snape so sachlich wie möglich begegnen.
„Ihre Ausdauer ist respektabel, Miss Granger. Für ihr Wissen gehen Sie über Leichen, nicht wahr?", fragte er und schien beinahe amüsiert darüber, dass andere ihre Seele auch noch an den Teufel verkauften.
„Werden Sie in Hogwarts bleiben?", fragte sie und hob ihr Glas.
Hermines Anspannung löste sich zunehmend. Es hätte schlimmer kommen können. Immerhin unterhielt sie sich seit einigen Minuten mit Snape und sie hatten sich noch nicht zerfleischt. Snape nahm nun einen größeren Schluck aus seinem Glas und schien angestrengt nachzudenken. Hermine tat es ihm gleich und wartete geduldig, bis er die Konversation wieder aufnahm.
„Ich weigere mich nach wie vor Potter und Weasley erneut den Hintern zu retten. Das kann ein anderer übernehmen, die werden im Vergleich zu Ihnen ohnehin das dreifache an Zeit für den verpassten Stoff brauchen."
Hermine traute ihren Ohren kaum. Zog er hier gerade eine Rückkehr als Lehrer in Betracht? Sie sah ihn mit erwartungsvollem Blick an, als könnte sie nicht fassen, was das eben Gesagte zu bedeuten hatte.
„Heißt das, Sie bleiben doch?", fragte sie eine Spur zu emotional, wie sie selbst sofort feststellte.
Snape entdeckte ein Funkeln in Hermines Augen und ließ sich Zeit dabei, es zu interpretieren.
„Das heißt vor allem, Sie werden bald Einzelunterricht bei mir haben, freuen Sie sich also nicht zu früh."
„Danke!", sagte Hermine mit einem Lächeln und konnte ihren Verhandlungserfolg kaum fassen.
„Nur weil ich lebe bin ich kein besserer Mensch geworden, Miss Granger. Diese Information sollten Sie endlich an ihr von Helfersyndromen durchzogenes Gehirn weiterleiten."
Vor ihrem letzten Schluck hob sie ihm noch einmal ihr Glas entgegen.
„Auf Ihr neues Leben mit alten Komponenten!", prostete sie ihm zu.
„Sie sind eindeutig die penetranteste aller Komponenten", zischte Snape.
Hermine konnte an seiner Mimik erkennen, dass er immer noch abzuwägen schien, ob er nicht gerade eine weitere große Dummheit in seinem Leben begangen hatte.
„Treiben Sie es nicht zu weit!", funkelte er sie von der Seite an.
„Ich gehe dann mal besser. Danke, dass Sie mich nicht gleich wieder weggeschickt haben."
Snape stand auf und begleitete Hermine bis ins Labor.
Hermine öffnete ihre Tasche und zog ein Päckchen heraus.
„Das hier ist für Sie. Für Tage wie diesen, wenn der soziale Stress Ihnen wieder einmal auf den Fersen ist..."
Sie sah ihm mit einer gewissen Genugtuung direkt in die Augen. Noch vor einer halben Stunde hätte sie es für unmöglich gehalten, dass sie soweit kommen würde.
„Alles Gute zum Geburtstag, Severus Snape", fügte sie mit weicher Stimme hinzu.
Snape hielt ein grünes Geschenk mit silbernem Band in der Hand und sah mit offenem Mund den wehenden Haaren von Hermine hinterher, bevor er auch nur ansatzweise einen Ton herausbrachte.
