Geschenke
Snape ließ sich in seinen Sessel fallen, der Schock über das Päckchen immer noch deutlich in sein Gesicht geschrieben. Es war Anfang Januar und tatsächlich sein Geburtstag. Der einzige, der ihm all die letzten Jahre zum Geburtstag gratuliert hatte, war Albus. Nicht im Traum hätte er heute selbst daran gedacht. Geburtstage und Festtage waren ihm seit seiner Kindheit zuwider gewesen, dafür hatte sein Vater gesorgt. In Hogwarts hatten seine Lehrerkollegen bald aufgegeben, ihm gratulieren zu wollen. Gebannt starrte er auf das silberglänzende Geschenkpapier und strich mit dem Daumen über die glatte Oberfläche. Das grüne Band – sie hatte sich auch noch bemüht, Slytherinfarben zu verwenden, durchorganisiert bis ins letzte Detail, dachte er sich. Gerade wollte er nach der Schleife greifen, um sie zu öffnen, als er Lily vor sich sah. Er atmete tief ein. Sie war die letzte gewesen, die ihm etwas geschenkt hatte. Eine Phoenixfeder und ein Tintenfass. Mit der Feder schrieb er heute noch. Er blickte zur Decke, als könne er dort Antworten auf seine Fragen finden. Warum tat Granger das? Sie hatte am Tag zuvor in der großen Halle um den Termin bei ihm gebeten, um ihn an seinem Geburtstag zu sehen, nicht um ihn zum Weitermachen in Hogwarts zu überreden. Diese Erkenntnis überfiel ihn nun schlagartig. Nun gut, vielleicht auch deswegen, aber sie hätte dafür bestimmt einen anderen Termin ausgesucht, wenn sie die Wahl gehabt hätte. Sie war scharfsinnig und hatte eindeutig mitbekommen, in welchem Gemütszustand er sich bei McGonagall und in der großen Halle befunden hatte. Nein, er war sich sicher, sie hatte alles minutiös genau geplant. Am Ende ihres Planes stand dieses Päckchen und ihre sorgsam gewählten Worte „Alles Gute zum Geburtstag, Severus Snape". Nie zuvor hatte sie ihn ohne Sir oder Professor angesprochen und Zufälle gab es bei Miss Granger nicht. Sie hatte der Privatperson gratuliert, nicht dem Lehrer. Nur was sie damit bezweckte, war für ihn in diesem Moment nicht zu erschließen. Seine Finger spielten mit der silbernen Schleife. Was würde er sich denn selbst schenken, wenn er müsste? Es fiel ihm absolut nichts ein, worüber er sich freuen würde. Allein für den Mut, es überhaupt zu versuchen, ihm etwas Passendes zu schenken, hatte sie Achtung verdient. Ein Buch vielleicht, aber für einen Außenstehenden wäre es unmöglich, seinen Geschmack zu treffen... „wenn der soziale Stress Ihnen wieder einmal auf den Fersen ist..."... Auch hier glaubte er nicht an Zufälle...
Ob er wollte oder nicht, Hermine Granger brachte seine Gehirnzellen in Bewegung und rüttelte an alten Verhaltensmustern, die seit Jahrzehnten wie in Stein gemeißelt schienen. Gleichzeitig musste er sich eingestehen, dass ihn nach allem was passiert war durchaus das Bedürfnis beschlich, eine neue Herausforderung anzunehmen. Das gab ihm die Möglichkeit, wenigstens eine gewisse Zeit an etwas anderes zu denken, - nicht mit Hilfe von Literatur, sondern durch einen Abstecher in das wirkliche Leben, dem er sich zweifellos stellen musste. Wie er die Besserwisserin kannte, war genau das und nichts anderes ihre Absicht. Sie war brillant, jetzt schon, auch ohne dass er das Päckchen geöffnet hatte, das musste er ihr zugestehen. Einen Moment zögerte er, ob er das Geschenk überhaupt öffnen sollte. Sie würde morgen bestimmt eine Reaktion von ihm erwarten, oder am Ende sogar noch ein Danke, was er ihr unter keinen Umständen gewähren würde. Er tastete das Geschenk ab wie ein Kind, das vor der Bescherung heimlich zu den Geschenken geschlichen war. Es war quadratisch, etwa eine Elle breit und einige Finger dick. Eine Kartonschachtel schien das eigentliche Geschenk zusätzlich zu verbergen. Langsam zog er die Schleife auf. Sie fiel zur Seite und im gleichen Moment löste sich das Papier, das nur durch das Band zusammen gehalten worden war. Mit wachsender Neugier suchte er die Öffnungslaschen für die braune Kartonschachtel, die sich nun zu erkennen gaben. Sie schienen festgeklebt zu sein, nur mit einem festen ungeduldigen Ruck brachte er die Schachtel dazu sich zu öffnen. Eine runde Scheibe mit Kreisen und Zahlen darauf blickte ihm entgegen. – Ein Dart-Spiel? Die Scheibe war merkwürdig durchsichtig, trotzdem konnte man die einzelnen Kreise und Zahlen gut erkennen. Er betrachtete das Objekt von beiden Seiten und widmete sich dann den anderen Gegenständen in der Schachtel. Drei blaue Beutel, die dem Spiel ebenfalls beilagen, sprangen ihm ins Auge. Er war alles andere als ein Held in Sachen Gesellschaftsspielen und Dart hatte er zuletzt mit seinen Slytherin-Kollegen als Schüler in Hogwarts gespielt. Er öffnete die feine Kordel eines Beutels und konnte eindeutig vier Pfeile darin identifizieren. Eine genauere Inspektion ergab, dass es sich um Pfeile ohne Pfeilspitze handelte. Sie liefen zwar vorne spitz zu, hatten aber am äußersten Ende eine runde kleine Tomate befestigt. Eine gewisse Verwirrung machte sich in Snape breit. Es schien sich definitiv nicht um ein gewöhnliches Dartspiel zu handeln.
Um der Sache genauer auf den Grund zu gehen, nahm er sich die beiliegende Spielanleitung zur Brust. Sich schriftlich über etwas informieren war immer noch der beste Weg, einem Rätsel auf die Spur zu kommen, egal ob Zaubertränke oder das hier.
Sozialstress-Darts
Wir beglückwünschen Sie zu diesem Dart-Spiel. Sie verfügen über Humor und Zynismus und Ihnen brennt ab und zu die Sicherung durch, wenn sie mit Mitmenschen zu tun haben? Gut, dann verfügen Sie über ausreichende Eigenschaften, dieses Spiel zu genießen. Wir wünschen Ihnen schon jetzt viel Spaß dabei!
Inhalt
Eine Dartscheibe und 12 Wurfpfeile, jeweils vier Tomaten- Senf-, und Honigpfeile.
Hängen Sie die Dartscheibe an einem Ort auf, an den Sie sich gerne zurückziehen, wenn sie emotionalen Stress erfahren haben und wo sie niemand stören wird."
Einen Moment später hing Snapes Scheibe provisorisch mit einem Zauberspruch fixiert an der Tür. Mit einem ungewohnten Gefühl des Gespannt-Seins widmete er sich wieder der Anleitung.
„Um den durchsichtigen Hintergrund der Scheibe zu verändern, nehmen Sie den grünen Fokussierstein in die Hand und denken Sie an die Person, die Sie heute am meisten provoziert, genervt oder Ihnen einfach den Tag versaut hat."
Snape hob die kleinen Säckchen mit den Pfeilen in der Schachtel einzeln hoch und entdeckte darunter einen grünen glattgeschliffenen Stein. Der Beschreibung gemäß nahm er ihn in die Hand. Er wollte gerade weiterlesen, als sich der Hintergrund der Scheibe anfing zu bewegen und zu einem dreidimensionalen Foto mutierte – es zeigte McGonagall mit wehendem Gryffindor-Umhang und keifender Mine. Mit großen Augen verfolgte Snape das Szenario. Sie schien ihn anzubrüllen, als wüsste sie genau, was nun kommen würde, aber es blieb beschaulich ruhig in Snapes Wohnzimmer, McGonagall war stumm wie ein Fisch. Allein diese Tatsache weckte in ihm euphorische Gefühle. McGonagall mundtot? Während er seinen Blick schon wieder auf das Blatt Papier vor ihm richtete, fragte er sich, ob die Scheibe auch mit einer ganzen Schülerschar funktionieren würde.
„Die Person müsste nun vor Ihnen an der Wand hängen. Zu diesem Zeitpunkt sollte ihr Herz höher schlagen, denn sie ist ihren Dartpfeilen nun schutzlos ausgeliefert.
Wählen Sie ‚Faule Tomate, ‚Grüner Senf' oder ‚Klebriger Honig' als Pfeil und legen Sie los! Sobald Ihr Pfeil auf das Foto trifft, wirft er die gewählten Geschmacksrichtungen in Form von kleinen Bällen auf die Zielperson ab. Je näher Sie das Zentrum des Kreises treffen, desto größer wird das kleine Objekt am Ende der Spitze seine Wirkung verbreiten."
Augenblicklich nahm Snape einen Tomatenpfeil und warf ihn auf die Dartscheibe. Man sah McGonagall frech grinsen – der Pfeil hatte sie knapp verfehlt. Die Wut in Snapes Bauch verdoppelte sich augenblicklich und nun flogen gleich zwei der Pfeile in Richtung Gryffindor-Hauslehrerin. Diesmal mit Erfolg. McGonagall kratze sich mit angewiderter Mine die faulen Tomaten aus dem Gesicht und schien gotteslästerlich zu fluchen. Snape hob die heruntergefallenen Pfeile wieder auf, die auf der Stelle neue kleine Tomaten an der Spitze bildeten. Dann griff er zu den Senf- und Honigpfeilen. Ein kurzer Lacher, der ihn selbst erschreckte, entfuhr ihm. Nachdem McGonagall aussah wie eine zerfledderte Vogelscheuche, ging Snape mit einer ungewohnten Selbstzufriedenheit zurück zum Sessel und las die letzten Zeilen.
„Das Spiel eignet sich nach unmittelbarem Zorn hervorragend für Alleinspieler, in Gesellschaft werden Sie aber ebenso viel Freude daran haben. Vergessen Sie nicht, geteilte Tomaten sind doppelt so viele Tomaten! Das Ergänzungs-Set mit weiteren 12 Pfeilen (Schokolade, Sahne und Zitronendrops) und einem blauen Fokussierstein, der Menschen auf Ihre Dart-Scheibe zaubert, die Ihnen am Herzen liegen, können Sie bei Weasleys Scherzartikelladen bestellen."
Snape schüttelte beinahe verzweifelt den Kopf. Diese Runde ging definitiv schon wieder an Granger – Hermine Granger.
