Punsch
Die nächsten drei Tage vergingen wie im Flug. Hermine hatte Snape nur einige Male kurz beim Essen in der Halle gesehen, wo er sie keines Blickes gewürdigt hatte und falls doch, so hatte er zumindest mit Erfolg zu verhindern gewusst, dass sie es bemerkt hatte. Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte von ihm. Ein Danke? Nein, dafür kannte sie ihn zu gut, eher würde er sich doch noch einen Selbstmord-Trank brauen, um das zu verhindern. Aber irgendeine Reaktion hatte sie sich doch erhofft, ja, selbst mit einer negativen hätte sie leben können. Die einzige Rettung für diese verkorksten Tage war der Ausblick auf die Schulfeier heute Abend und genau darauf wollte sie sich nun zusammen mit Ginny vorbereiten.
Die große Halle füllte sich zunehmend, Hogwarts erwachte zu neuem Leben. McGonagall hatte wieder einmal richtig gelegen, sie alle sehnten sich nach Leichtigkeit, nach einem Startschuss, der sie los rennen ließ in einen neuen Lebensabschnitt ohne Voldemort. Von Snape in ihrem Hinterkopf einmal abgesehen war Hermine bester Laune als sie es sich am Gryffindortisch neben Ron gemütlich machte. Ginny turtelte mit Harry auf der anderen Tischseite. Schon nach den ersten Minuten verbreitete sich ein Gekicher und Geplapper im ganzen Saal. Die Stimmung stieg minütlich, die gute Laune schien greifbar.
„McGonagall hat sogar einen Punsch mit Alkohol für die Volljährigen erlaubt, das wird ein Spaß!", kündigte Ron an.
Kaum hatte er den Namen der Schulleiterin ausgesprochen, erschien sie auch schon an ihrem Tisch.
„Hermine, vielen Dank für Ihre Hilfe bei der Organisation, genießen Sie alle den Abend, sie haben ihn sich redlich verdient!"
Sie ging weiter und schien dem ganzen langen Tisch ihren Mut für die Veranstaltung zuzusprechen.
„Habt ihr schon gesehen, Snape wacht über den Punsch!", warf Ginny in die Runde.
„Das haben wir alles dir zu verdanken, Hermine, hättest du ihn nicht gerettet, wäre es heute Abend um einiges leichter dort ranzukommen!", witzelte Ron.
„Wer wagt es und holt die erste Runde?", fragte Ginny.
„Ich mache das schon, die erste geht auf mich. Seit ich das mit Snape und meiner Mutter weiß, habe ich das Gefühl, mit ihm auf Sichthöhe zu kommunizieren", verkündete Harry und marschierte zielstrebig in Richtung Snape.
Der Abend verlief ausgelassen und fröhlich und mit jeder Minute, die verstrich, entfesselte der Punsch die Volljährigen Schüler zusätzlich. Neville musste von McGonagall vom Tisch gezerrt werden, als er lauthals die Anekdote erzählte, wie Snape einst sein Irrwicht war und er ausschweifend das Bild von Snape in alten Frauenkleidern beschrieb, mit dem er den Irrwicht in die Flucht geschlagen hatte. Der gesamte Gryffindortisch krümmte sich vor Lachen, selbst Hermine.
„Hermine, du bist dran, die Gläser sind schon wieder fast leer! Die Fledermaus wartet schon auf dich...", giftete Harry mit einem fiesen Lächeln.
„Guten Abend Professor Snape, vier Gläser Punsch hätte ich gerne."
Hermine stand stolz vor Snape und nur ihre leicht glasigen Augen ließen erkennen, dass sie für ihre Verhältnisse bereits etwas zu gut gelaunt war.
„Das ist bereits die dritte Runde, die an Sie und das Rotschopfkomitee geht, übertreiben Sie es nicht etwas, Miss Granger?", fragte er barsch.
„Wir sind volljährig und können sehr gut auf uns selber aufpassen, glauben Sie mir", antwortete Hermine genauso selbstsicher wie schnippisch. Was fiel ihm ein, sich nach den letzten Tagen auch noch mit ihr anzulegen.
„Sind wir schlecht gelaunt, Miss Granger?", fragte er so spitz, dass Hermine beinahe körperlich seine verbalen Pfeile spüren konnte.
„Ich weiß nicht, ob Sie schlecht gelaunt sind, mein Gemütszustand ist jedoch hervorragend. Versuchen Sie erst gar nicht, daran irgendetwas zu ändern", reagierte sie patzig.
„Ich könnte Ihnen da etwas ausleihen, was Ihre schlechten Schwingungen möglicherweise beseitigt", sagte er mit einem zynischen Grinsen auf den Lippen.
Einen Moment lang stand Hermine erstarrt vor ihm, ehe sie sich wieder fangen konnte.
„Sie..., Sie haben es geöffnet?", fragte sie sichtlich irritiert.
„Falls McGonagalls Robe heute Abend einige rote und gelbe Flecken aufweisen sollte..."
Er blickte sie schräg an, zog seine Augenbrauen hoch und deutete ihr damit an, sie solle sich den Rest selbst zusammenreimen.
Hermines Erstarrung wich einem verschmitzten Grinsen und einem Kopfschütteln.
„Sie überraschen mich, Professor", gab sie offen zu.
„Nun, ich hätte allerdings nicht erwartet, dass Sie so sehr unter Geschmacksverirrung leiden, dass sie im Scherzartikel-Laden Stammkundin sind", holte er zum nächsten Schlag aus.
„Sie scheinen wenigstens davon auszugehen, dass ich eine Person mit Geschmack bin. Nur wer ihn besitzt, kann sich auch darin irren. Und was das Geschenk betrifft, - in der Not frisst der Teufel Fliegen – Sie sind ein ziemlich hoffnungsloser Fall und Sie wissen ja, in der Liebe und bei Geburtstagsgeschenken für griesgrämige Professoren ist alles erlaubt."
Snape beobachtete jede von Hermines Regungen und goss nebenbei mit einer Schöpfkelle in vier Gläser Punsch, ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten.
„Würden Sie mir denn wirklich gestatten, das Geschenk mit Ihnen zusammen auszuprobieren?", fragte Hermine erwartungsvoll.
„Wenn ich mich recht entsinne, hatte ich von „Ausleihen" gesprochen.
„Nächsten Freitag, nach dem Abendessen?", provozierte sie ihn furchtlos weiter und ignorierte seinen letzten Satz damit elegant.
Snape musterte sie noch einmal eindringlich, ehe er sich zu einer Antwort durchrang.
„Nur bei schlechter Laune", stellte er die Bedingung.
„Mmhh, ich habe am Freitag eine Doppelstunde Zaubertränke, ich denke, das wird sich einrichten lassen", antwortete Hermine selbstsicher.
„Ihre Bestellung...", sagte Snape und hielt ihr vier vollgefüllte Becher hin, ohne den Blickkontakt auch nur einmal unterbrochen zu haben.
Hermine hielt dem Blick stand, bis sie sich notgedrungen mit den Bechern auf dem Tablett in der Hand umdrehen musste, um mit einem leichten Lächeln zurück zu ihren Freunden zu gehen.
„Danke, Mine, du bist die Größte, mir graut schon, wenn ich nachher dran bin, den Punsch zu holen. Warum müssen sie ausgerechnet die Fledermaus zum Alkohol stellen", beschwerte sich Ron.
„Ich fürchte, McGonagall hat sich etwas dabei gedacht...", warf Ginny lachend ein.
„Es muss der Punsch sein, ich finde ihn heute ziemlich erträglich", lachte Hermine, „eigentlich sollte ich ihn glatt zum Tanz auffordern, was meint ihr? Wer traut mir das zu?"
„Du bist völlig übergeschnappt, Hermine!", kreischte Ginny, der der Punsch nun ebenfalls spürbar in den Kopf gestiegen war.
„Dass du dich traust, steht außer Frage, aber ich wette dagegen, dass er das mit sich machen lässt!", stieg Harry ein.
„Niemals – Snape und Tanzen? Komm, Hermine lass UNS tanzen. Wir sollten heute versuchen alles hinter uns zu lassen. Heute beginnt der Rest unseres Lebens!", sagte Ron und schaute Hermine gefühlvoll in die Augen.
Hermine spürte mit jedem Schluck Punsch, wie sich die Belastung der vergangenen Wochen in Luft auflöste. Sie trank so gut wie nie Alkohol, aber heute fühlte es sich richtig an. Tanz um Tanz verbrachte sie mit Ron und ab und zu gönnte sie ihren Füßen eine Erholungsrunde mit Harry, der ihr nur halb so oft auf die Füße trat. Doch heute war es egal. Sie feierten und lachten und es tat ihren geschundenen Seelen unendlich gut. Luna, Parvati und Cho gesellten sich noch zu ihnen und ihre Gespräche wurden immer lauter und alberner. Ron bemühte sich rührend um Hermine, holte ihr Essen vom Buffet und versuchte auch sonst, ihr jeden Wunsch erfolgreich von den Lippen abzulesen. Der Punsch forderte seinen Tribut und Hermine verabschiedete sich für kleine Mädchen. Als sie von der Toilette zurückkehrte löste Professor Sprout gerade Snape am Punschkessel ab. Sie fühlte sich leicht wie ein Vogel und spürte, wie sie von der Versuchung einer neuen verbalen Herausforderung mit Snape gepackt wurde.
„Feierabend?", fragte Hermine und sie spürte, wie der Alkohol in ihren Venen pochte.
„Ich schon, aber Ihre Füße offensichtlich nicht. Warum lassen Sie sich von solchen Dilettanten die Füße wund treten?", keifte er mit finsterer Mine.
„Oh, Sie scheinen nicht nur Punsch ausgeschenkt zu haben heute Abend. Die Antwort auf Ihre Frage ist, es mangelt an adäquaten Bewerbern für den Tanzjob. Aber wenn Sie jemanden kennen, der mich wie eine Prinzessin über die Tanzfläche gleiten lässt, können Sie mir gerne Bescheid geben. Wenn ich mich hier so umsehe, denke ich, bin ich mehr als gut bedient mit Ron und Harry", lachte Hermine und deutete mit der Hand auf die Tanzfläche.
Snapes und Hermines Blicke schweiften gleichzeitig zu Draco, der mit einer jungen Slytherin nur einige Meter von ihnen entfernt die Fußstellung und den Takt zu diskutieren schien. Hermine versuchte ihre Beherrschung wiederzufinden, um bei diesem Anblick nicht plötzlich loszukichern, als sie plötzlich kraftvoll zur Seite geschoben wurde. Erst als sie Ihren Blick von Draco löste realisierte sie, dass es Snape war, der sie gerade auf die Tanzfläche beförderte und begann, sie in Tanzhaltung geschmeidig und elegant durch den Saal zu führen. Dabei blieben ihre Füße wohltuend unberührt. Schweigend ließ sie den Überfall über sich ergehen und sah Snape mit großen erstarrten Augen an. Wow, fühlte sich das göttlich an! Ihre Körper passten wie ein Puzzleteil zum anderen und diese Erkenntnis erschreckte sie gleichsam wie sie es bis in jede einzelne Faser genoss. Wortlos drehten sie Runde um Runde und Hermine glaubte, sie wäre im Himmel.
„Warum... können Sie... so gut tanzen?", stammelte sie viele Takte später, als sie wieder halbwegs zu sich kam.
„Wer hätte gedacht, dass Sie es wagen würden, mich an meinen Geburtstag zu erinnern?"
Hermine musste lauthals lachen.
„Ich weiß nicht, ob es am Punsch liegt, Professor, aber heute Abend sind sie wohltuend erträglich!"
„Lassen Sie die Finger von Weasley, Sie machen sich unglücklich", sagte Snape und holte Hermine mit einem Ruck zurück in die Realität. Von einer Sekunde auf die nächste war Hermine wieder bei vollem Bewusstsein und der Alkohol in ihrem Blut sammelte sich konzentriert in ihren Fußzehen. Was sollte das denn?
„Was geht sie das an?", fauchte sie empört. Sie konnte nicht glauben, was er da gerade von sich gegeben hatte.
„Die Zaubertrankbrauerei bringt zwangsläufig eine feine Beobachtungsgabe mit sich – Sie spielen in einer anderen Liga als er", erwiderte er kühl.
Exakt mit diesen letzten Worten endete das Lied. Snape löste sich von Hermine und ging in Richtung Lehrertisch.
Wutgeladen lief sie zu Ron zurück. Ein ruhiges Lied erklang und diesmal war es Hermine, die Ron energisch auf die Tanzfläche zerrte. Ron wollte eigentlich wissen, wie Hermine es geschafft hatte, Snape zum Tanzen zu bringen, aber es schien plötzlich wichtigere Dinge zu geben. Hermines Arme legten sich um seinen Hals und einige Momente später passte kein Papier mehr zwischen sie. Die Glückshormone überfielen Ron. Er führte Hermine langsam durch den Saal und schmiegte sich immer enger an sie. Hermine fühlte sich so leicht als könne sie fliegen. Ron hielt sie fest, sie fühlte sich sicher und geborgen. Nie hätte sie gedacht, das der Kindskopf von einst ihr diese Gefühle vermitteln könnte. Snape konnte sagen, was er wollte, sie brauchte in diesem Moment genau das, was Ron ihr geben konnte und sie würde um keinen Preis der Welt darauf verzichten, Puzzleteile hin oder her. Rons Hand umfasste Hermines Nacken und ihre Lippen berührten sich. Zuerst sanft, dann immer fordernder. Sie verloren sich in einem nicht enden wollenden Kuss und der ganze Saal drehte sich um Hermine.
„Sind sie nicht ein schönes Paar?", kommentierte McGonagall auffallend gefühlvoll die Szene vom Lehrertisch aus.
„Endlich hat die Liebe wieder einen Platz unter uns", schwärmte Trelawney und die riesigen Augen hinter ihren Brillengläsern leuchteten. „Professor Snape, würden Sie mir ebenfalls die Ehre eines Tänzchens erweisen?", säuselte sie hoffnungsvoll.
Snapes Augen verengten sich zu Schlitzen. Dann stand er auf und verschwand einen Augenblick später aus der Halle.
„Was ist nur los mit ihm?", fragte Trelawney unschuldig.
„Ich glaube, Professor Snape ist gerade dabei, zurück ins Leben zu finden", sagte McGonagall und ihre Mundwinkel ließen ein verstecktes Lächeln erahnen.
