Der Tag danach

Ein penetrantes Hämmern in ihrem Kopf weckte sie. Hermine öffnete die Augen, ein gleißender Lichtstrahl veranlassten ihre Lider jedoch sich blitzschnell wieder zu schließen. Dieses grelle Licht – es musste geschneit haben über Nacht. Welch ein pochender Schmerz in ihrem Kopf! Allmählich präsentierten sich vor ihr die vielen vollen und vor allem leeren Punschgläser des vergangenen Abends. Stück für Stück puzzelten sich die Fragmente zu einem Gesamtbild. Ron - Snape – Punsch – viel Punsch – Snape – RON! Sie riss ihre Augen plötzlich auf, nicht einmal die grellen Sonnenstrahlen konnten es mehr verhindern. Bei Merlin, sie hatte Ron geküsst! Nicht nur geküsst, sie hatte ihn gewaltsam auf die Tanzfläche gezerrt! Ihr Herz begann hörbar zu schlagen. Die Wut über Snape hatte ihr den Verstand geraubt. Dieser Mistkerl, warum musste er über Ron herziehen? Und zum Himmel, warum mischte er sich überhaupt in ihr Privatleben ein? Ausgerechnet Snape, der Mann, der sich in Gefühlsdingen auskannte wie McGonagall mit Reizwäsche! Sie hievte ihren Körper in vertikale Lage, wobei ihr ein lautes Stöhnen entfuhr - ein Kopfschmerztrank, schnell! Im Bad fand sie, was sie suchte und leerte ein kleines Fläschchen mit übel riechender Flüssigkeit. Sie schüttelte angewidert den Kopf. Ihr Spiegelbild wagte kaum, sie zu grüßen. Ihre Haare waren wild zerzaust. Ob sie gestern Abend mit Ron auch schon so schrecklich ausgesehen hatte? Sie legte den Kopf schief und betrachtete sich wie eine Fremde im Spiegel. Ron. - Autsch, welcher Teufel hatte sie nur geritten, die Geschichte mit ihm so zu forcieren? Sie mochte ihn, ohne Zweifel. Er war seit 7 Jahren zusammen mit Harry ihr bester Freund. Im letzten Jahr hatte sie sich ihm zugegebenermaßen gerne genähert, er hatte ihr immer Halt und Sicherheit gegeben. Natürlich hatte sie auch gespürt, dass Ron zunehmend mehr als nur Freundschaft für sie empfand. Es war nicht so, dass sie es sich mit ihm partout nicht vorstellen konnte. Aber sie hatte keine Schmetterlinge im Bauch, das musste sie sich einfach eingestehen. Trotzdem war sie bereit, mit Ron einen Versuch zu starten. Es war weniger Verliebtheit als Liebe, die sie für Ron empfand und das konnte ja eigentlich nicht das aller Schlechteste sein.

Himmel, - Snape, was hatte er nur mit der ganzen Sache zu tun? War er nicht maßgeblich dafür verantwortlich, dass das mit Ron passiert war? Und nicht nur das, sie hatte angeheitert ein Date für Freitag mit ihm ausgemacht! Sie war nicht bei Sinnen gewesen! Und dann dieser Tanz... Sie schloss kurz die Augen und konnte seinen geschmeidigen Körper beinahe noch einmal an ihrem spüren. Ein Seufzer entfuhr ihr. Warum konnte dieser lebendig gewordene Eisklotz nur so verflucht gut tanzen und warum um alles in der Welt musste er sie auch noch daran teilhaben lassen? Selbst Viktor Krum war weit davon entfernt, so atemberaubend getanzt zu haben wie Snape.

Sie spielen in einer anderen Liga als Ron. Snapes letzte Worte hallten in ihrem Gedächtnis nach und erzeugten auf der Stelle wieder Wut in ihrem Bauch. Was wusste Snape schon davon, was sie mit Ron alles durchgemacht hatte? Warum interessierte es ihn überhaupt, mit wem sie sich einließ, wo er doch selbst völlig überfordert war mit jeglicher Art von zwischenmenschlichem Kontakt? Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es bereits höchste Zeit fürs Frühstück in der Halle war. Sie konnte dort jetzt nicht hingehen. Allein der Gedanke an Essen ließ sie erschaudern. Und dann Ron sehen, nein. Sie musste den gestrigen Abend mental erst einmal für sich selbst verdauen. War sie eigentlich mit Ron zusammen? Gab es dafür irgend welche Regeln? Reichte ein Kuss dafür aus? Da würde ihr wohl auch die Bibliothek nicht weiter helfen können. Die Last dieser quälenden Fragen reichte aus, dass sie sich schwer wie ein Sandsack aufs Bett fallen ließ und nach einer Weile erschöpft noch einmal einnickte. Das Wundermittel aus dem Fläschchen hatte sein Möglichstes getan, trotzdem fühlte sich Hermine wie Dumbledores Urgroßmutter und schleppte ihren schweren Körper zum Mittagessen.

Ein Überfall von hinten riss ihr beinahe den Boden unter den Füßen weg, Ron umarmte sie temperamentvoll und küsste sie, ehe Hermine überhaupt wusste was geschah, auf den Mund.

„Guten morgen, Murmeltier!", brüllte Ron, - jedenfalls kam es Hermine wie Brüllen vor.

„Morgen, Ron", erwiderte sie müde.

Er packte sie und ging offensichtlich bester Laune Arm in Arm mit ihr weiter.

Am Gryffindortisch saßen schon Harry, Ginny und Neville.

Alle Blicke im Saal schienen auf das Paar des gestrigen Abends gerichtet, was Hermine in dem Moment unendlich peinlich war. Ron dagegen führte sie wie eine Trophäe zu ihrem Stuhl.

„Morgen, ihr Turteltauben. Seit ihr heute schon dem Kerkerschreck Snape begegnet?", fragte Neville. „Der hat mir 10 Punkte abgezogen wegen einer falsch gebundenen Krawatte, der Kerl hat wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank!", regte sich Neville auf.

„Mir hat er heute morgen auch schon 20 Punkte abgezogen, weil ich ihm angeblich den Weg abgeschnitten habe", fügte Ron hinzu.

In Hermine machte sich ein merkwürdiges Schuldgefühl breit. Ihre innere Stimme sagte ihr, dass Snapes Aggressionen in direktem Zusammenhang mit ihr standen. Sie hatte sich sozusagen seinem Ratschlag widersetzt und dafür musste nun ganz Gryffindor bluten. Er war wirklich unfair bis ins Mark. Und dabei hatte sie gerade angefangen, das Gute in ihm zu entdecken. Die Schüler erholten sich alle bei einem romantisch verschneiten Wintertag draußen, pilgerten über die Ländereien Hogwarts und verdauten ihre Kater. Hermine musste Ron einige Male in seinen euphorischen Küssattacken bremsen, sie war heute einfach nicht in Stimmung für Romantik. Stattdessen kuschelte sie sich an ihn, als sie alle auf einer großen Decke saßen und die frische Luft genossen.

Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Der Unterricht begann und Ron, Hermine und Harry waren bis unters Dach eingedeckt mit Nachholaufgaben. Sie wussten schon am Donnerstag nicht mehr, wo ihnen der Kopf stand. Das führte dazu, dass Hermine und Ron zwar offiziell als Paar galten, sie aber kaum Zeit hatten sich zu sehen. Außerdem hatte Hermine Ron in ihrer Beziehung – ja, das schien es wohl zu sein - um eine langsamere Gangart gebeten, als sie sie selbst noch auf der Party vorgelegt hatte. Hermine hatte bisher keine einzige Begegnung der snape'schen Art und sie war mehr als glücklich darüber. Die anderen Gryffindors litten jedoch nach wie vor unter seinen Laune-Attacken. Am liebsten wäre sie zu Snape hingegangen und hätte ihm 100 Sozial-Stress-Dart-Runden verordnet.

Freitag rückte näher, zwei Stunden Zaubertränke hingen über Hermine wie ein Damoklesschwert. Das konnte heiter werden. Wenn Snape nur halb so schlecht gelaunt war wie die Tage zuvor, würden hohe Punktabzügen zu erwarten sein.

Nichtsdestotrotz fühlte Hermine sich auf undefinierbare Weise sehr wohl, als sie das Klassenzimmer zum ersten Mal seit dem Wundbalsam wieder betrat. Dieses Ereignis hatte ihr diese eisigen Gemäuer auf eine Weise näher gebracht, die sie mit vertrauter Wärme erfüllte. Sie hatte den Zaubertrankunterricht vermisst, sogar Snapes fiese Kommentare. Aber das was heute auf sie zukam, war mehr, als sie alle je hatten ertragen müssen in diesem Klassenzimmer. Snape redete noch weniger im Unterricht als sonst. Er gab ihnen eine knappe Anweisung zum Brauen eines Trankes, dessen Rezept sie im Buch fanden. Dann tigerte er langsam durch die Reihen und schien auf jegliche Fehler zu lauern, die er ahnden konnte.

„Miss Granger haben Sie bei all Ihren Abenteuern mit ihren mutigen Freunden vergessen, wie man einen Kessel anfeuert?", herrschte er Hermine an, als sie ihre Zutaten zwar fein säuberlich vor sich liegen hatte, den Kessel aber vergessen hatte anzuzünden.

„Neville, nur weil sie wissen wie man eine Schlange tötet, heißt das noch lange nicht, dass Sie die Schlangenhaut mit dem Messer ruinieren sollen, ehe auch nur ein Fetzen davon im Kessel landet!"

In dieser Art kommentierte Snape die nächsten 45 alles, was auch nur in geringster Weise Anlass zu Kritik gab. Die Gryffindors machten allesamt drei Kreuze, als sie nach dem Unterricht mit 30 Punkten Abzug im Gepäck den Kerker verlassen durften.

Hermine machte es sich mit den anderen nach dem Abendessen im Gemeinschaftsraum gemütlich und las ein Buch. Ron kuschelte sich zu ihr auf das Sofa am Kamin. Nach einigen Seiten musste sich Hermine eingestehen, das das Buch ein pures Alibi darstellte, um nachdenken zu können. Es war kurz vor acht und sie wusste, dass sie eigentlich eine Verabredung in den Kerkern Hogwarts hatte. Gut, nach dieser Woche mit dem verbalen Krieg, den Snape verdeckt gegen sie führte, war ihr Termin garantiert nicht mehr gültig und Snape würde sie vermutlich schon nach dem ersten Klopfen hochkant aus dem Labor werfen. Aber der gryffindorsche Löwe in ihr regte sich wieder. Er zuckte und ließ sie nicht mehr los. Snape hatte es ihr zugesagt, unter der Bedingung, dass sie schlecht gelaunt wäre. Schlechte Laune was den Kerkermeister betraf, oh ja, die konnte sie vorweisen, kiloweise. Seit Montag hatte er Gryffindor 100 Punkte abgezogen, allein das war schon Grund genug ihn mit Senfpfeilen zu malträtieren. Entschlossen klappte sie ihr Buch zusammen und legte es auf den Tisch.

„Wo gehst du hin, Hermine?", fragte Ron sichtlich enttäuscht.

„Ich muss noch etwas erledigen. Wenn ich es nicht tue, wird Gryffindor spätestens nächste Woche mit den Hauspunkten im Minus sein."

„Nicht schon wieder dein hoffnungsloses Projekt, Mine, bitte", flehte Ron sie an.

Hermine reagierte nicht darauf.

„Wir sehen uns morgen, bis dann", sagte sie und trabte vom Gryffindorturm abwärts immer weiter bis auch die letzte Treppenstufe genommen war. Sie holte noch einmal tief Luft, dann klopfte sie kräftig dreimal hintereinander an die schwere Kerkertür.