Dart hoch zwei

Ruckartig öffnete sich die Tür.

„Verschwinden Sie Miss Granger, ehe ich meine höflichen Umgangsformen ablege."

„Wie wollen Sie etwas ablegen, das sie gar noch nicht angelegt haben? Guten Abend, Professor Snape."

Hermine sah einen merklich schlecht gelaunten Professor Snape vor sich, dessen senkrechte Stirnfalte zwischen den Augen noch furchiger schien als sonst.

„Wir haben eine Verabredung. Die einzige Bedingung, die sie mir gestellt haben, erfülle ich mehr als genug, ich habe extrem schlechte Laune, also lassen Sie mich rein, oder wollen Sie ihr Ehrenwort aufs Spiel setzen?", griff sie unbeeindruckt an.

„Warum bestehen Sie darauf sich mit freiwillig meiner auszusetzen? Ich habe noch nie von der masochistischen Veranlagung der Gryffindors gehört."

„Ich diskutiere gerne mit Ihnen weiter, wenn Sie mich endlich herein lassen. Ron ist stinksauer, dass ich ihn gerade sitzen gelassen habe, deshalb werde ich hier nicht wieder verschwinden, ehe Sie mit mir zivilisiert kommuniziert haben!", drohte sie.

Zu Snape schien allmählich die Erkenntnis vorzudringen, dass sie womöglich den ganzen Abend vor seiner Tür kampieren würde, bis er endlich nachgab.

„Wenn Sie sich unbedingt den Abend verderben möchten...", gab er sich nun doch geschlagen und Hermine trat ein.

„Was wollen Sie, Sie penetrantes Stück Gryffindor?", fragte er und blieb in der Mitte des Raumes stehen.

„Wie gesagt, ich bin hier um die Dartscheibe einzuweihen", versuchte es Hermine noch einmal eine Spur sanfter.

„Sie sind verrückt!", sagte er und seine Stimme beinhaltete ein diabolisches Lachen.

Er ging zum Bücherregal und nahm die Kartonschachtel mit den Pfeilen und dem Stein. Dann drückte er Hermine schnurstracks den Stein in die Hand, als könne er damit ein schnelleres Ende der gesamten Aktion herbeiführen. Das Hintergrundbild wurde immer deutlicher sichtbar, Severus Snape blickte sich im Bild nervös um, als wisse er nicht, warum er sich hier in diesem runden Etwas befand. Er machte abfällige Bemerkungen über seine Situation, aber man hörte selbstverständlich kein Wort.

„Sehr gut, darf ich um die Pfeile bitten – alle Geschmacksrichtungen bitte und ALLE Pfeile, ich werde jeden einzelnen davon brauchen!", kündigte sie trotzig an.

Snape beobachtete sie immer noch skeptisch. Er suchte nach dem Sinn dieses forschen Auftretens, aber er fand keine Antwort. Hermine begann mit Honigpfeilen und zielte nicht ganz auf das Zentrum, sondern absichtlich auf Snapes Haare. Zwei mal hob Hermine alle vier Pfeile auf und warf sie erneut mit voller Wucht und erstaunlicher Präzision auf jede einzelne von Snapes Fettstränen. Der tobte innerhalb des Bildes und versuchte gleichzeitig auszuweichen, um die klebrige Flüssigkeit aus den Haaren zu entfernen. Hermine wechselte die Pfeilart.

„Farbe steht Ihnen ausgesprochen gut, Professor", kommentierte sie zynisch den ersten Faule-Tomaten-Pfeil, „sollten Sie wirklich öfter tragen, passt hervorragend zu Schwarz!"

Snape observierte jede von Hermines Bewegungen. Sie war ein einziger großer Temperamentausbruch. Hermines Emotionen füllten den Raum bis unter die Decke und Snape spürte, wie ungewohnt dieses Leben in diesen Gemäuern war.

„Ich muss sagen, ich fühle mich schon geringfügig besser. Eigentlich bin ich aber hier, um das Spiel mit Ihnen gemeinsam zu spielen", sagte Hermine und strich sich ihre Strähnen aus dem Gesicht. Ihre Wangen waren inzwischen leicht gerötet von ihrem Gefühlsausbruch. Sie wendete sich Snape zu, legte den Stein erneut in ihre offene rechte Hand und streckte sie Snape entgegen.

„Ich weigere mich. Spielen Sie alleine, wenn es Ihnen Spaß macht", antwortete er immer noch abweisend.

„Legen Sie Ihre Hand auf meine und drücken Sie zu – keine Angst, ich beiße nicht. George hat mir einen Tipp gegeben, wie das Spiel noch etwas mehr an Dynamik gewinnt."

Snape starrte Hermine an, als müsste er gleich zur Schlachtbank. Trotzdem glaubte sie auch, einen Funken Neugier in seinen dunklen Augen blitzen zu sehen.

„Stellen Sie sich nicht so an, als Sie mit mir tanzten, waren Sie auch nicht so schüchtern."

Dieser Argumentation schien Snape nichts entgegensetzen zu können und er legte langsam seine Hand auf die von Hermine.

Ihre Blicke begegneten sich und plötzlich schienen sie für einen langen Moment beide zu vergessen, warum überhaupt ein Stein zwischen ihren Händen lag. Wie in Zeitlupe drückten sie ihre Hände gegeneinander und eine Hitzewelle durchfuhr beide Körper. Hermine fühlte sich in die große Halle zurück versetzt. Nur mit Mühe gelang es ihr, ihren Körperreflex zu unterdrücken, der sich auf der Stelle mit Snape in Tanzhaltung bringen wollte. Snapes Augen schienen ihr Gesicht wie eine Landkarte abzusuchen, als sie ihre Hände plötzlich ruckartig trennten, weil sie eine Stimme aus der Richtung der Dartscheibe fluchen hörten.

„Was suchen Sie denn auf einmal hier, es reicht doch schon, wenn Sie mir die ganze Zeit Honig in die Haare schmieren, verschwinden Sie!", hörte man Snape nun in aller Deutlichkeit aus der Dartscheibe fluchen.

„Danke, Sie sehen auch bezaubernd aus, Professor. Sie sollten sich wirklich etwas mehr um die Pflege Ihrer Haare kümmern, das ist zwar keine Neuigkeit, aber allmählich übertreiben Sie Ihre körperliche Verwahrlosung etwas!", schleuderte Dart-Hermine ihm entgegen und grinste dabei siegessicher. Sie hatte ihre Fäuste keck in die Seiten gestemmt und war fein säuberlich in ihre Schuluniform gekleidet. Sie war soeben zu Snape in das Hintergrundbild hineinkatapultiert worden.

Snapes Zurückhaltung schien sich in den letzten Sekunden in Luft aufgelöst zu haben. Flink legte er den Stein zur Seite und wappnete sich für die erste Runde mit Grüne-Senf-Pfeilen.

„Schön, gut gemacht, Severus, noch mehr grüner Lidschatten für die Nerv tötende Besserwisserin, wenn ich bitten darf ", spornte der Dart-Snape sein echtes Ebenbild angriffslustig an.

Der wiederum bückte sich, um die Tomatenpfeile aufzuheben und Hermine binnen Sekunden in eine lebendig gewordene Spaghetti-Sauce zu verwandeln. So keiften Dart-Snape und Dart-Hermine noch eine weitere Viertelstunde, bis die echten Snape und Hermine vor lauter Bücken, Werfen und fiesen Kommentaren nicht mehr konnten.

„Friede?", keuchte Hermine.

„Meinetwegen!", antwortete Snape ebenfalls schwer atmend. „Kalter Kräutertee?"

„Gute Idee", war alles, was Hermine als Antwort herausbrachte.

Erschöpft saßen beide auf dem Sofa, sortierten ihre Haare und leerten jeder zwei Tassen Kräutertee auf Ex.

„Warum sind Sie eigentlich sauer auf mich?", fragte Hermine nun wieder bei verbalen Kräften.

„Weil Sie meinen Rat voller pubertierendem Trotz ignoriert haben."

„Warum mischen Sie sich in mein Privatleben, wo Sie selbst erst seit so kurzer Zeit wieder über eines verfügen?"

„Ich hasse es, wenn Talent vergeudet wird."

„Was soll das denn nun wieder bedeuten?"

„Sie haben Talent, - mehr als ich je bei einem Zauberer gesehen habe. Wollen Sie wirklich als Hausmütterchen am Herd enden? Weasley kann ihre geistigen Bedürfnisse weder beurteilen, erkennen, noch wird er Sie ausreichend fördern. Über alles Weitere möchte ich lieber nicht mit Ihnen reden, wenn er physisch gesehen der Mann Ihrer Träume ist, dann tun Sie sich keinen Zwang an, es liegt mir fern, darüber zu urteilen."

Hermine starrte ihn mit großen Augen an. Ein Kompliment von Professor Snape? Nun gut, ein Kompliment in Stacheln verpackt, aber trotzdem... Sie brauchte einen Moment um zu antworten.

„So fehlgeleitet ich Ihre Interpretation auch finde, ich muss gestehen, eines überrascht mich – Sie machen sich Gedanken um mich?"

Snape nippte an seiner Tasse und antwortete so ernst und ruhig, dass Hermine ein kalter Schauer den Rücken hinunter lief.

„Sie haben mich mehrfach gezwungen, mich mit meinem Leben auseinander zu setzen. Es ließ sich nicht vermeiden, dass ich dabei auch über Sie nachgedacht habe."

„Können wir das Kriegsbeil endlich begraben? Vor allem bitte ich Sie darum, bei eventueller schlechter Laune wegen mir, die Punkte auch mir abzuziehen und nicht jedem Gryffindor, der Ihnen über den Weg läuft."

„Das Ergebnis wird das Selbe sein...", sagte er.

Hermine sah zum ersten Mal diesen Abend Zufriedenheit in Snapes Augen – und Ausgeglichenheit. Sie liebte dieses Dartspiel.

„Wann geben Sie mir Nachhilfe?"

„Nächste Woche Mittwoch 15 Uhr?"

„Einverstanden, ich hoffe, ich kann Sie etwas besänftigen, wenn ich Ihnen mitteile, dass ich ab sofort zumindest einmal die Woche mit einem meinem „Talent" angepassten Gesprächspartner kommunizieren werde. Vielen Dank für den Tee. Gute Nacht, Professor."