Gelegenheiten

Am nächsten morgen musste Hermine sich erst einmal eine Standpauke von Ron anhören. Er wollte sich nicht damit abfinden, dass Snape Hermines neues B.E.L.F.E.R.-Projekt war.

„Du wirst ihn niemals ändern können, Hermine, warum siehst du das nicht endlich ein?", fragte Ron verzweifelt.

„Er hat uns unzählige Male den Arsch gerettet, also sei nicht so undankbar. Ohne ihn wären wir alle tot und Voldemort vermutlich an der Macht!", platzte Hermine nun endgültig der Kragen.

Harry schaltete sich in das Streitgespräch mit ein und hoffte, etwas schlichten zu können.

„Er hat es niemals für uns getan, Hermine, das weißt du so gut wie ich. Ich kann sein verbittertes Verhalten seit er mir seine Erinnerungen gezeigt hat, besser nachvollziehen, aber verstehen kann ich Vieles trotzdem nicht. Er hätte sein Leben gegeben, um mich zu retten, aber gleichzeitig hat er es geschafft, mich abgrundtief zu hassen. Das einzige, was er an mir nicht verabscheut hat, waren meine grünen Augen. Es ging ihm niemals um mich, er wollte immer nur, dass der Tod meiner Mutter nicht umsonst war. Als Mensch war ich ihm dabei völlig egal. Vergiss nicht, er hat mein Leben und das meines Vaters Voldemort angeboten, um meine Mutter zu verschonen! Das ist krank! Das ist das, was auch Ron meint. Snape hat nie gelernt, was Gut und Böse ist, er hatte seine ganz eigenen Richtlinien. Sie mögen auf seine verkorkste Erziehung zurückgehen, machen seine Taten aber nicht besser."

Hermine schwieg einen Augenblick und ließ Harrys Worte sacken. Es war anders, wenn er es sagte. Harry war sachlich, Ron schoss emotional immer gleich über die Stränge. Harry hatte definitiv Recht, sie wusste es. Jedes einzelne Wort entsprach der Wahrheit. Warum zum Henker verspürte sie trotzdem oder gerade deswegen diesen immensen Drang, die Nussschale Severus Snape zu knacken? Weil sie spürte, dass sie näher dran war als je jemand zuvor, inklusive Lily?

„Er verdient trotzdem eine Chance. Er ist viel umgänglicher geworden."

Sie klang wie ein Verteidiger eines eindeutig überführten Mörders.

„Man könnte meinen, hier spricht Hagrid über seinen Halbbruder Gwarp, jetzt fehlt nur noch, dass du ihn süß und putzig nennst", giftete Ron und Hermine musste sich beherrschen, Ron nicht eine Ohrfeige zu verpassen.

„Menschen können sich ändern, Ron. Snape hat einfach nie eine wahre Chance dazu bekommen. Er dachte vielleicht, Dumbledore hätte ihm eine zweite Chance gegeben. Das stimmte aber nur zum Teil. Dumbledore hat Snape dazu benutzt, Harry wie ein Schlachtvieh groß zu ziehen und dann zum Abschuss frei zu geben. Die wahren Gründe hat er Snape immer vorenthalten. Würdest du dich dabei nicht auch hintergangen fühlen? Für mich ist Dumbledore nicht besser als Snape."

„Hermine, ich habe es satt, mit dir ständig wegen der Fledermaus zu streiten. Können wir heute Nachmittag nicht etwas zusammen unternehmen, Hermine?", wechselte Ron abrupt das Thema. Er schien zu erkennen, dass er sonst keine Chance auf einen halbwegs friedvollen Nachmittag hätte. Hermines Gesichtszüge versteiften sich, als Ron das Wort „Fledermaus" in den Mund nahm.

„Wir haben so wenig Zeit für einander durch diese ganze kranke Lernstoffaufholerei", fuhr er fort, ohne Hermines Zorn auch nur bemerkt zu haben.

„Nach der Nachhilfe bei Snape, ok? Sagen wir um fünf im Gemeinschaftsraum?", fragte Ron und gab seiner Freundin einen Versöhnungskuss und ging auf sein Zimmer.

Hermine stand Mitten im Büro von Snape, der gerade noch einige Zeilen mit seiner Feder auf ein Papier kritzelte ohne dabei hochzusehen, während Hermine sich um die eigene Achse drehte und die hohen Bücherregale anhimmelte wie andere Leute die verschnörkelten Marmorsäulen einer Kathedrale.

Sie wünschte sich, sie wäre hier einmal eine ganze Woche lang eingesperrt, um sich die Bücher in aller Ruhe anschauen zu können. Snape verfügte garantiert über Dutzende von Büchern, die nicht in der Bibliothek zu finden waren.

„Ich würde mir zu gerne einmal ein Buch von Ihnen ausleihen, Professor..."

Snape hörte auf zu schreiben und richtete den Blick auf seine neugierige Schülerin.

„Lassen Sie die Finger davon!", erwiderte er knapp.

„Von was?"

„Von der Schwarzmagie. Ich sehe, dass es Ihnen die Bücher besonders angetan haben." Dieses Mal klang er regelrecht unfreundlich.

„Warum? Ihre Schränke sind voll davon."

„Ich bin nicht stolz auf meine Sammlung."

Hermine wandte sich zu Snape um und studierte seinen Gesichtsausdruck.

„Lily?", fragte sie leise, als fürchte sie sich bereits beim Stellen der Frage vor Snapes Antwort.

„Lassen Sie Lily aus dem Spiel", schnappte er wie ein Krokodil aus einem Tümpel, der gerade eben noch ein ruhiges Gewässer zu sein schien.

„Sie müssen sich Lily endlich stellen", entgegnete Hermine.

Snapes senkrechte Stirnfalte vertiefte sich, doch Hermines befürchteter Angriff blieb aus.

„Das geht nicht", sagte Snape so sachlich es ihm möglich war, doch Hermine erkannte, dass es hinter der Fassade brodelte. Sie war ihm aber insgeheim dankbar, dass er verbal nicht über sie hergefallen war.

„Sie könnten versuchen es mir zu sagen", wagte sie sich noch einen Schritt weiter auf ihn zu.

Snape entfuhr ein zynisches Lachen.

„Ja, das könnte ich wohl."

„Sie haben immer noch Angst, dass ich Ihr Vertrauen missbrauchen könnte, nicht wahr?"

Sie bewegte sich noch ein paar weitere Schritte auf ihn zu.

„Ich würde Ihr Vertrauen niemals missbrauchen, ich möchte, dass Sie das wissen."

Snapes Röntgenblick durchleuchtete sie, als suche er nach einem Beweis dafür, das eben Gesagte zu widerlegen.

„Vertrauen in andere Menschen ist nicht gerade mein Spezialgebiet, Miss Granger."

„Vielleicht gelingt es Ihnen trotzdem irgendwann einmal. Ich wünsche es mir. Nicht nur für Sie."

Snape sah Hermine nachdenklich an und einen Augenblick schien er tief in seine Gedanken versunken. Er fasste sich jedoch schnell wieder und flüchtete in ein anderes Thema.

„Ich schlage Ihnen vor, den Fall Nagini etwas genauer zu betrachten. Ein Teil vom Lernstoff, den Sie in den letzten Monaten verpasst haben, dreht sich um die Herleitung von Zaubertrankformeln auf Prüfungsniveau. Dafür ist das Wundbalsam und das Anti-Serum bestens als Beispiel geeignet. Ich werde Ihnen zeigen, wie sie die Formeln selbst herleiten können. Natürlich immer basierend auf praktischen Versuchen."

Eine Stunde lang arbeiteten die beiden Seite an Seite, füllten Reagenzgläser und testeten verschiedene Varianten des Gegengiftes. Sie redeten, wenn es nötig war, oder Hermine ihre unzähligen Fragen von Snape beantworten ließ. Er nahm sich viel Zeit, weil er erkannte, dass Hermine jedem seiner Ausführungen folgen konnte und auch wollte.

Plötzlich klopfte es an die Scheibe und Snape gewährte McGonagalls Taube widerwillig Einlass. Er faltete das kleine Stück Pergament auseinander, das die Taube bei sich trug und ließ sie wieder frei.

„Ich muss kurz zu McGonagall. Arbeiten Sie schon einmal weiter, ich bin gleich zurück."

Damit ließ er Hermine alleine. Mit einem Mal überfiel sie die Erkenntnis, dass Snape ihr gerade enormes Vertrauen entgegen brachte, indem er sie hier alleine auf ihn warten ließ. Er hätte den Unterricht ebenso gut abbrechen können. Hermine konnte ihre Augen nicht von der großen Bücherwand nehmen, zu verlockend waren all die noch nie gesehenen Titel. Sie verließ den Labortisch und bewegte sich wie ferngesteuert auf das Regal zu. In der Tat interessierten sie vor allem die Bücher über dunkle Magie. Wie hatte Snape das nur in wenigen Sekunden analysieren können? Seine Beobachtungsgabe erschreckte sie. Wie in Zeitlupe bewegten sich Hermines Finger gefühlvoll über jeden einzelnen Buchrücken. Immer wieder blieb sie stehen und legte den Kopf schräg nach links, um die Buchtitel besser in sich aufsaugen zu können. Hier reihte sich ein schwarzmagisches Buch an das nächste. Fasziniert studierte sie Titel für Titel.

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Jedes einzelne Buch hätte Hermine nur zu gerne in ihre Tasche gepackt. Die meisten Bücher hier waren in gewöhnlichen Buchhandlungen nicht zu kaufen. Gerade diese Bücher waren es aber wohl, die Snape letzten Endes Lilys Liebe gekostet hatten. War es nicht verwunderlich, dass er diese Bücher trotzdem in den Regalen stehen ließ und mehr noch, sie vermutlich auch nach unzähligen Jahren immer noch rege in Gebrauch hatte? Vermutlich waren zu viele Dinge ungesagt geblieben zwischen ihm und Lily. Vielleicht hatte Ron doch Recht, sie konnte Snape nicht helfen, über Lily hinweg zu kommen, solange er nur Lily selbst als Lösung sah. Würde sie es je schaffen, dass er sich ihr, statt Lily öffnete, um so seine Vergangenheit hinter sich zu lassen? Sie bezweifelte es mehr denn je.

Ein Geistesblitz ließ Hermine erstarren. Es war, als fiele die Lösung direkt vor ihre Füße. Eiligen Schrittes ging sie zurück zum Regal und griff zielsicher nach einem Buch, dessen Titel sie eben erhascht hatte. Vorsichtig zog sie es aus dem Regal und hielt es in ihren Händen wie einen Schatz. Ihre Hand strich darüber und wischte den Staub von der Oberseite. Dann griff sie zu ihrem Zauberstab und verwandelte das Buch in einen Holzring, den sie sich sogleich an den rechten Ringfinger steckte. Wie ein Dieb blickte sie sich um, ob Snape zu sehen war, aber nichts. Ihre Halsschlagader pochte. Sie war gerade dabei, ein Buch zu stehlen und mehr noch, sie missbrauchte das frisch in sie gesetzte Vertrauen von Severus Snape! Sie erzitterte auf der Stelle. War sie wirklich auch nur eine weitere Enttäuschung, die sich neben Snapes andere schlechte Erfahrungen mit Mitmenschen stellen konnte? Sie fühlte sich grauenvoll und wäre am liebsten sofort aus dem Raum gerannt. Nichtsdestotrotz erkundete Ihre linke Hand eifrig den Holzring an ihrer rechten Hand. Sie musste es tun. Es war die einzige Hoffnung. Snape kam zurück und Hermine erschrak, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt längst wieder über den Unterlagen für das Wundbalsam saß und fleißig Formeln herleitete.

Sieben Stunden später hatte Hermine mit Snapes Assistenz den kompletten Fall nachgearbeitet und alle Formeln für die Herstellung des Wundbalsams und des Gegengiftes von Nagini zu Papier gebracht. Snape lehnte sich stehend neben Hermine an den Schreibtisch, kreuzte seine Arme und betrachtete seine Schülerin mit der stolzen Genugtuung eines Lehrers.

„Ihre Leistung und Ausdauer sind bemerkenswert, Miss Granger."

Hermine wurde von Snapes abgrundtiefer und gleichzeitig samtweicher Stimme übergossen und eine angenehme Wärme durchströmte ihren Körper. Sie war sich sicher, dass sich ihre Wangen augenblicklich rot gefärbt hatten. Noch nie hatte Snape solch wohltuende Ruhe ausgestrahlt. Normalerweise war er im Unterricht ständig so sehr darauf erpicht, die Disziplin in der Klasse zu erhalten, dass er nie entspannt sein konnte. Davon abgesehen, dass er alle zwei Minuten Punktabzüge verhängte oder einen Schüler verbal zusammenfaltete. Das Lächeln und die vor Glück leuchtenden Augen Hermines ließen Snapes Blick länger auf ihr ruhen, als er eigentlich beabsichtigte.

„Ich hatte eigentlich vor, mit Ihnen diesen Stoff während der nächsten 4 Wochen zu erarbeiten", sagte er.

„Es war wundervoll, Professor" schwärmte Hermine. „Werden Sie mir weiterhin solche spannenden Dinge zeigen?", fragte sie überschwänglich.

„Es wir mir etwas einfallen."

„Danke, Professor..."

Hermine stand nun auch auf, um mit Snape auf einer Ebene zu sein. Sie sah ihm in die Augen und einen kurzen Moment schienen die Blicke in einer ganz eigenen Sprache miteinander zu kommunizieren.

„Darf ich Ihnen noch etwas als Privatperson sagen?", fragte sie ohne ihren Blick von ihm zu nehmen.

Snape verharrte bewegungslos.

„Ich fühle mich in Ihrer Gegenwart sehr wohl und das liegt nicht nur daran, dass Sie ein faszinierender Meister der Zaubertränke sind. Sie bedeuten mir sehr viel, auch als Mensch."

Snape stand da wie zur Eissäule erstarrt, seine Arme immer noch gekreuzt. Jede Bewegung schien ein Ding der Unmöglichkeit.

„Gute Nacht, Professor", flüsterte Hermine und Snape sah, wie sie beinahe lautlos an ihm vorbei in Richtung Tür ging.

Snape räusperte sich. „Gute Nacht...", beendete er den Satz, als er die Tür bereits ins Schloss fallen hörte.

Er schüttelte den Kopf bei den Gedanken, die ihm durch den Kopf schossen. Granger rüttelte so sehr an seiner Welt, dass ihn das Gefühl beschlich, dass er bald ein völlig neues Fundament errichten musste. Es war ihm beinahe unheimlich, wie furchtlos die Gryffondorhexe zu seinem Leben vordrang, ohne von ihm gemaßregelt zu werden.

Was wollte Granger nur mit Weasley? Verflucht, er würde ihr ganzes Leben ruinieren. Na und? Sollte sie sich stattdessen mit ihm einlassen? Er musste sich lauthals selbst auslachen. Nein, er war ganz gewiss keine bessere Wahl. Alles was er zu bieten hatte war ein Zaubertränkemeistertitel und ein kaputtes Leben.

Schon wieder drängten sich Bilder von Hermine an die Oberfläche. Sie war eine attraktive junge Frau geworden – rational und trotzdem starrköpfig, hochgradig intelligent und wissbegierig. Nur so konnte er Frauen überhaupt ertragen. Sie war Lily so verdammt ähnlich! Er strich sich mit beiden Händen durch die Haare und atmete schwer aus. War es das? Suchte sein Unterbewusstsein immer noch nach einem Ersatz für Lily, die Frau, die er liebte seit er denken konnte? Lechzte seine kaputte Seele nach wie vor nach etwas, das niemals ersetzbar sein würde? Er ging zum Schreibtisch und zog das einzige Foto von Lily aus der Schublade, das er besaß. Es war längst verknittert, aber das vertraute Lachen strahlte ihm genau wie damals lebhaft entgegen. Und auch nach all den Jahren schnürte ihm dieser Anblick immer noch gewaltsam die Kehle zu. Es würde nie anders sein - niemals.