Das Buch

„Guten Morgen? GUTEN MORGEN?" Ron lief krebsrot an und schnappte nach Luft.

„Das ist nicht dein Ernst, Hermine! Du kommst hier zum Frühstück als wäre nichts geschehen. Du weißt aber schon, dass wir gestern Abend verabredet waren und ich fünf geschlagene Stunden nichts von dir gesehen und gehört habe, oder?", blaffte Ron Hermine an.

„Wo zum Himmel warst du so lange? Ich habe dich überall gesucht!"

„Es tut mir Leid, Ron, ehrlich. Ich hatte doch Nachhilfe bei Snape", versuchte Hermine ihn mit ruhiger Stimme zu besänftigen.

„Fünf Stunden?", fragte Ron und verzog sein Gesicht dabei als hätte er in ein Stück verfaulte Melone gebissen.

„Wir haben völlig die Zeit vergessen, er hat mir gezeigt, wie er das Schlangenserum für Nagini hergestellt hat und das Wundbalsam. Jeden einzelnen Versuch haben wir nachgestellt, es war unbeschreiblich spannend."

Hermines Augen funkelten und die Worte sprudelten wie ein Wasserfall aus ihr heraus.

„Es ist unglaublich, wie viele Veränderungen Snape vorgenommen hat, bis er..."

„Hermine, hör auf damit, es interessiert mich nicht die Bohne, was du mit der Fledermaus gemacht hast. Hast du überhaupt den Hauch eines schlechten Gewissens? Zum Henker wir waren verabredet!", giftete er sie so laut an, dass selbst die Schüler der anderen Tische gespannt hinübersahen und Draco sich ein gehässiges Grinsen nicht verkneifen konnte.

Auch einige Blicke vom Lehrertisch blieben Hermine nicht verborgen. Das fehlte ihr gerade noch, dass Snape mitbekam, dass sie sich mit Ron zankte.

„Nicht so laut, Ron", fuhr sie ihn an. „Es tut mir Leid, das habe ich bereits gesagt." Hermines Augen waren dabei, sich in die einer Raubkatze zu verwandeln.

„Nimm das nicht so persönlich, du weißt wie ich reagiere, wenn ich die Möglichkeit bekomme, etwas Besonderes zu lernen. Snape hat mich mit diesem Thema völlig gepackt. Außerdem wollte er selbst eigentlich auch nur eine Stunde lang unterrichten. Es war nicht so geplant. Es ist einfach passiert."

„Ich kann einfach nicht fassen, dass du lieber mit Snape zusammen bist als mit mir", sagte Ron nun wieder in normaler Lautstärke und mit einer gehörigen Portion Verbitterung in der Stimme. „Ich meine, wir reden hier von der Kellerassel..."

„Er ist intelligent und immer noch der beste Lehrer, den wir je hatten – fachlich jedenfalls. Außerdem beginnt er allmählich mir zu vertrauen. Er ist anders als im Unterricht, glaub mir."

„Oh, wunderbar", echauffierte sich Ron sofort wieder, „jetzt findest du ihn auch als Mensch noch akzeptabel. Da kann ich mich ja gleich vom Acker machen!"

„Ron, bist du etwa eifersüchtig?", platze es aus Hermine heraus. Die ganze Situation wurde ihrer Meinung nach immer kindischer.

„Hermine, benutze deine Gehirnzellen doch einmal für etwas Mathematik, vielleicht kommst du dann darauf, dass du mit ihm gestern mehr Zeit verbracht hast als mit mir die ganze Woche!", stellte Ron fest.

Dann warf er seine Serviette demonstrativ auf den Tisch und verschwand aus der großen Halle. Einen Moment lang starrte Hermine auf ihren immer noch vollgefüllten Frühstücksteller. Rons Worte breiteten sich langsam Hermines Bewusstsein aus. Natürlich hatte er Recht. Mit jeder einzelnen Silbe – fast jeder. Nein, Snape war keine Fledermaus und erst Recht keine Kellerassel! Aber sonst? Sie hatte in der Tat nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Zu wundervoll waren die Stunden mit Snape im Büro und im Labor gewesen. Wann hatte sie das letzte Mal so viel gelernt und wann hatte ihr ein Lehrer jemals in diesem fachlichen Ausmaß Aufmerksamkeit zuteil werden lassen? Ja, Ron hatte Recht – und Snape auch. Diese Erkenntnis traf sie wie eine Ohrfeige ins Gesicht. Wie Snape vorausgesehen hatte, konnte Ron nicht im Mindesten nachvollziehen, warum ihr dieses Wissen derart viel bedeutete. Ron hatte sie einfach unterbrochen, als sie versuchte, ihn an ihrer Freude teilhaben zu lassen. Snape schien eine Menge mehr über sie zu wissen, als sie selbst. Und sie wusste mehr über Snape als der wiederum über sich. Welche chaotische Verbindung bestand hier nur zwischen ihr und dem Tränkemeister? Plötzlich blickte sie auf ihre Hand, an der immer noch der Holzring vom Tag zuvor steckte. Gefühlvoll strich sie darüber. Wieder überzog sie am ganzen Körper eine Gänsehaut, die Ursache dafür war schlechtes Gewissen in seiner pursten Form. Sie blickte hoch zum Lehrertisch und einen flüchtigen Moment lang trafen sich ihr Blick und der von Snape. Keine Sekunde konnte sie die schwarzen Seen auf sich ruhen lassen, es war als könne Snape durch sie hindurchsehen wie durch eine Glasscheibe. Sie war sich sicher, Snape würde auf der Stelle und auch über diese vielen Meter hinweg sofort erkennen, dass ihr Holzring ein Buch ist. Der Gedanke war natürlich völlig absurd, aber trotzdem musste sie den Zauber schnellstmöglich rückgängig machen. Zudem wollte sie noch heute damit beginnen, das Buch durchzuarbeiten.

Zurück in ihrem Zimmer blickte sie auf den gerade zurückverwandelten Fünfhundertseiten-Schmöker - ein Prachtexemplar, dachte Hermine. Es waren viele Hinweise zu praktischen Beispielen und Versuchen enthalten. Sie würde nicht umhin kommen, den ein oder anderen theoretischen Versuch in die Praxis umzusetzen. Ein Kribbeln im Bauch verriet ihr, dass Furcht und Vorfreude sich in ihr einen erbitterten Kampf liefern würden. Genüsslich und doch stets mit unterschwelligen Gewissensbissen sog sie Wort für Wort in sich auf. Den Buchumschlag hatte sie verzaubert, er trug nun den Titel „Verwandlungen gestern – heute – morgen", sie hoffte er war langweilig genug, um alle Leute inklusive Lehrer davon abzuhalten, sich näher damit zu beschäftigen, wenn sie sie zufällig damit herumlaufen sahen. In Wahrheit hütete Hermine dieses Buch aber wie ihren Augapfel. Selbst in der Nacht legte sie es unter ihr Kopfkissen, sie wollte einfach kein Risiko eingehen. Dazu waren ihr Snape und das Thema des Buches zu wichtig. Immer wieder fühlte sie sich hundselend, dass sie überhaupt im Stande war, ein Buch über Schwarze Magie für die Lösung ihrer Probleme heranzuziehen. War sie nicht immer diejenige gewesen, die Harry davor gewarnt hatte inklusive des Tagebuchs von Tom Riddle? Ihr fiel der Titel eines Mugglebuchs ein, das sie letzte Sommerferien zu Hause bei ihren Eltern gelesen hatte – „Die Physiker" von Dürrenmatt. Es handelte davon, dass alles, was jemals erdacht wurde auch immer von den Menschen benutzt werden würde, sei es noch so gefährlich für die Menschen selbst. Das Beispiel in dem Buch war die Entwicklung der Kernspaltung und der damit verbundenen Erfindung der Atombombe in der Mugglewelt. Sie hielt einen Augenblick inne. Genau so war es. Es war eine Tatsache, dass es die Dunkle Magie gab. Hunderte von Büchern existierten darüber und damit auch das Wissen. Es würde immer angewendet werden im Positiven wie im Negativen. Es ging also darum, dieses Wissen in positiver Form anzuwenden und das war mehr als ihre Absicht. Diese Erklärung genügte ihr für den Moment, um sich weiter in das Buch zu vertiefen.

Die nächsten Wochen vergingen wie im Flug. Zwischen Ron und Hermine kehrte allmählich wieder Friede ein. Ron hatte zu akzeptieren, dass Hermine jeden Mittwoch ab 15 Uhr nicht mehr auffindbar war, weil sie bis spät abends bei Snape die Nachhilfestunden in Anspruch nahm. Ron fehlte zwar nach wie vor jegliches Verständnis für diese Aktionen, verzichtete aber auch darauf, erneut einen Streit deswegen herauf zu beschwören. Derweil genoss Hermine jede Minute mit Snape, der sich wöchentlich neue Herausforderungen für sie ausdachte. Stundenlang brüteten sie über Formeln und Versuchen. Zweifelsohne waren sie ein perfektes Team. Inzwischen verstanden sie sich blind und Snape war immer wieder erstaunt, wie wenig es ihm ausmachte, dass eine zweite Person bei ihm im Labor herumwerkelte. Er schätzte ihre Gegenwart, das konnte er nicht leugnen. Hermine spürte diese unausgesprochene Akzeptanz und war unsagbar stolz darauf. Gleichzeitig merkte sie aber auch, dass Snape seit jenem Abend, als sie das Buch gestohlen hatte, ihr gegenüber etwas distanzierter war. Fachlich waren sie sich so nahe wie niemals zuvor, privat schaffte sie es jedoch nicht auch nur einen Millimeter bei ihm voranzukommen. Sie hatte einige Male probiert, das Gesprächsthema auf Lily zu lenken. Snapes Körpersprache verriet Hermine, dass er jedes Mal äußerst berührt war bei diesem Thema. Trotzdem machte er im entscheidenden Moment immer wieder einen Rückzieher und erklärte deutlich, dass er über Lily nicht zu reden gedachte.

Was Hermine ebenfalls auffiel war die Art und Weise wie Snape es zu meiden schien, dass sie sich in irgendeiner Form berührten. Er schien eindeutig darauf bedacht, jeder Annäherung aus dem Weg zu gehen. Selbst Phiolen, die er ihr für einen Zaubertrank reichte, platzierte er lieber auf dem Tisch, als sie ihr direkt in die Hand zu geben. Hermine ließ noch einmal Revue passieren, wie sie ihre Hände ineinander gelegt hatten für das Dart-Spiel. Hatte sie diese kurzen Sekunden nicht unheimlich genossen? War es überhaupt richtig, so zu empfinden? Natürlich, ihr erklärtes Ziel war es, Snape über Lily hinwegzuhelfen, sie wollte ihm einfach nur eine Freundin sein. Übertrieb sie es dabei nicht wirklich?

Sie wandte sich wieder ihrem gestohlenen Buch zu. Am Abend zuvor hatte sie die letzten Seiten durchgearbeitet. In den vergangenen Wochen hatte sie in Dutzenden Versuchen die Praxisteile ausprobiert. Mehrere Male hatte sie sich auf das Hogwartsgelände schleichen müssen, um ungestört arbeiten zu können. Jetzt war sie soweit, sie war ihrem Ziel greifbar nah! Heute war Montag, ab heute würde der gefährliche Teil beginnen, sie musste in den Verbotenen Wald – und das vermutlich mehr als nur einmal. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie an ihre ganzen Erlebnisse mit Hagrid, Ron und Harry im Wald dachte, die krabbelnden Spinnen, die Zentauren, Hagrids „putziger" Halbbruder... Bei Merlin, sie hatte wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank! Und das alles, um einem Mann über seine verflossene Liebe hinweg zu helfen! Dieses Mal war sie ganz auf sich gestellt aber sie würde einen Teufel tun, es irgendjemandem zu erzählen. Weder Harry noch Ron hätten auch nur einen Funken Verständnis für die Aktion, die sie geplant hatte. Sie verbannte die rationale Hermine in die letzten Ecken ihres Gehirns. Gut, ganz ohne Verstand würde es nicht gehen, aber erst, wenn sie bereits im Verbotenen Wald wäre. Sonst könnte sie ihr Vorhaben sofort abbrechen. Im Moment brauchte sie Mut und zwar tonnenweise! Noch nie war sie so entschlossen etwas Verbotenes zu tun. Bis Samstag wollte sie ihr Projekt Schwarzmagie abschließen, McGonagall hatte einen Hogsmeade-Ausflug angekündigt. Wenn alles glatt lief, würde es mit Snape am Samstag in eine völlig neue Runde gehen. Ein flüchtiges Grinsen stahl sich bei diesem Gedanken auf ihre Lippen...