Hogsmeade
Die ganze Woche über pendelte Hermine von Hogwarts zum Verbotenen Wald und zurück. Sie bekam ansatzweise zu spüren, wie es für Snape all die Jahre als Doppelspion gewesen sein musste. Ständig bewegte sie sich auf einer Gratwanderung zwischen ihrer verbotenen Mission und dem Leben als Hogwartsschülerin. Dazu kam die Beziehung mit Ron, die sie beinahe nicht mehr so nennen konnte, weil sie Ron wirklich nur in den Abendstunden sah. Der machte sich zunehmend und völlig zu Recht Sorgen um seine Freundin.
„Was ist los mit dir, Hermine, du stehst schon die ganze Woche völlig neben dir! Wie siehst du überhaupt aus? Du hast Augenringe bis zu den Fußzehen, die Prüfungen sind doch noch weit weg, was stresst dich so sehr?", fragte Ron am Freitagmorgen.
„Es ist nur..., du weißt, dass ich es hasse, mit dem Stoff hinterher zu sein. Ich versuche in der Nacht möglichst viel nachzuholen. Außerdem sind die Nachholprojekte bei Snape alles andere als Kinderkram."
„Versprich mir, dass du dich in Hogsmeade morgen erholen wirst und wenigstens ein paar Stunden nicht an Schulbücher denken wirst, ok?"
Hermine versuchte Ron so versöhnlich wie möglich anzusehen.
„Einverstanden, ich werde es versuchen", antwortete sie.
Hermine schlenderte durch die Gassen von Hogsmeade.
„Guten morgen, Professor Snape, einfach widerlich, dieses Frühlingsregenwetter und dazu noch klirrend kalt für März", sprach Hermine ihren Zaubertranklehrer von hinten an.
Der drehte sich mit wehendem Umhang zu ihr um und analysierte die Situation.
„Ganz ohne Anhang, Miss Granger?", fragte er spitz.
„Die Jungs und Ginny sind im Scherzartikelladen. Da ich in absehbarer Zeit kein Geschenk für Sie brauche, dachte ich, ich gehe alleine etwas bummeln", konterte Hermine kokett. „Ich möchte Ihnen etwas zeigen, Professor. Kann ich Sie einen Moment ungestört sprechen?"
Snape sah Hermine eindringlich an, als prüfe er, welche Absichten sie mit ihrer Frage hegte.
„Hier lang!", lautete Snapes knappe aber präzise Antwort.
Hermine wurde in eine schmale Gasse geführt, von der sie nicht einmal wusste, dass sie existierte. Links und rechts reihten sich enge Ladentüren aneinander, einiges schienen dunkle Kneipen zu sein, anderes kleine Geschäfte. Hermine identifizierte ein Kleidergeschäft und einen Schnapskeller.
„Da hinein", dirigierte Snape Hermine und hielt ihr eine Tür auf, aus der ein unerwartet angenehmer Kräuterduft strömte. „Trevor´s" las Hermine auf einem grünen Schild, das über der Tür hing.
Eine wohlige Wärme wehte Hermine entgegen, als sie Trevor's betraten. Der Raum war schmal und lang, etwa ein Dutzend kleine runde Tische mit je vier Stühlen waren aneinander gereiht. Snape ließ die Bar links liegen, nickte dem Wirt dabei kurz zu, der ihn zu kennen schien und seinen Gruß lautlos mit dem Kopf erwiderte. Die Kneipe war mäßig gefüllt, Hermine sah einige Männer mit Büchern und an der Bar zwei unauffällig gekleidete ältere Damen, die sich mit dem Wirt unterhielten. Sie gingen weiter ganz nach hinten, wo sich rechts eine kleine Nische mit einem Eichentisch befand. Sie legten ihre dicken Mäntel ab und setzten sich. Von hier hinten konnte man alles gut überblicken, ohne selbst sofort gesehen zu werden, der Eingang blieb gänzlich verborgen. Snape gab dem Wirt von weitem ein Zeichen.
„Sind Sie öfter hier?", fragte Hermine.
„Seit ich nach Hogwarts kam als Schüler."
„Waren Sie auch mit Lily hier?", fragte Hermine sehr direkt.
In den letzten Wochen hatte Hermine Snape was das Privatleben anging in Frieden gelassen. Er war außergewöhnlich distanziert gewesen. Obwohl Hermine sich darauf keinen Reim machen konnte, hatte sie beschlossen, ihm diesen Rückzug zu gewähren, solange sie mit ihrem schwarzmagischen Projekt beschäftigt war. Zu groß schien ihr das Risiko, dass Snape sie ertappen könnte.
„Erzählen Sie mir von Lily", versuchte Hermine es erneut.
„Ich bin nicht mit Ihnen hierhergekommen, um über Lily zu reden", wehrte er ihren Angriff ab.
„Es hat in jedem Fall mit Lily zu tun", erwiderte Hermine ruhig und sah ihm ernst in die Augen. „Außerdem lassen Sie ja auch keine Möglichkeit aus, sich über mein Liebesleben auszulassen. Ich hatte eigentlich gedacht, wir sind inzwischen so etwas wie Freunde. Dann sollten alle Arten von Fragen erlaubt sein, meinen Sie nicht?"
„Ich bin kein Experte, was Freundschaften angeht. Es ist mir ein Rätsel, wie Sie es geschafft haben, dass ich mit Ihnen hier bin!"
„Warum können Sie Lily nicht loslassen?", hakte Hermine nach.
Snape sah Hermine nachdenklich an und schien sich mühsam zu einer Antwort durchzuringen.
„Ich will nicht darüber reden."
Hermine blickte in tiefe schwarze Augen. Ob es nur das Licht war, mochte Hermine nicht zu beurteilen. Sie hätte erwartet, dass er sie anfauchen würde für ihren Versuch, etwas über Lily zu erfahren. Doch es war etwas anderes.
„Was würde Lily dazu sagen, würde sie wollen, dass Sie sich ein Leben lang ihretwillen quälen?"
„Ich würde alles geben um zu wissen, was sie sagen würde, Miss Granger, glauben Sie mir, ALLES!" Sein Tonfall wurde energischer, trotzdem war es eher Verzweiflung als Angriff.
„Sie müssen aufhören sich selber zu geißeln."
Snape schüttelte den Kopf.
„Sie wissen nichts von mir, Miss Granger, rein gar nichts. Sie wissen weder, was ich gesehen habe, noch was ich alles getan habe. Wenn sie es wüssten, würden Sie nicht hier mit mir Tee trinken."
Hermine staunte über die Wandlung, die Snape in den letzten Wochen vollzogen hatte, er wirkte plötzlich menschlich, verletzlich und ohne Maske.
„Was, wenn ich es als Teil von Ihnen akzeptiere?", fragte Hermine und schluckte schwer. „Lassen Sie endlich zu, dass Menschen Ihnen wieder näher als drei Meter kommen."
„Das sind höchstens 30 cm", versuchte Snape seinen Zynismus wiederzugewinnen.
„Professor, kennen Sie die Sage der Drei Brüder?", fragte Hermine mit erstickter Stimme, „die mit dem Tarnumhang, dem Rückkehr-Stein und dem Elder Wand?"
„Sicher. Wer kennt sie nicht?", antwortete Snape, dankbar dafür, dass er die Situation eben nicht näher erklären musste.
„Die Geschichte ist wahr. Es gibt jeden einzelnen der Gegenstände, der Tarnumhang ist in Harrys Besitz, Sie kennen ihn bereits. Und ich weiß auch, wo sich der Elder Wand und der Rückkehr-Stein befinden."
„Hier eure Kräutertees!", unterbrach sie der Wirt barsch und stellte mit griesgrämiger Miene zwei Glastassen auf den Holztisch, dann verschwand er wieder. Snape starrte ungläubig auf Hermine.
„Voldemort hat nur von einem mächtigen Zauberstab gesprochen."
„Voldemort kannte nicht die ganze Geschichte. Er hat den Elder Wand nie mit der Sage in Verbindung gebracht. Wenn Sie möchten, erzähle ich Ihnen die ganze Geschichte. Harry wird mich zwar umbringen, aber ich vertraue Ihnen und ich möchte, dass Sie alles wissen."
„Wollt ihr sonst noch was?", lehnte sich der Wirt schon wieder mit seiner breiten Gestalt über den Tisch und stellte ein Körbchen Ingwergebäck auf den Tisch. Hermine bat inständig darum, dass er verschwinden möge, gerade jetzt konnte sie keine Unterbrechungen gebrauchen und außerdem roch sein Atem ekelerregend vermodert.
„Trevor, verschwinde jetzt", fauchte Snape in einem Ton, der deutlich machte, dass die beiden sich schon länger kannten.
„Warum tun Sie das, Miss Granger? Warum erzählen Sie mir das alles?"
„Weil Sie deswegen beinahe gestorben sind", sagte Hermine.
Dann lehnte sie sich zu ihm nach vorne und erzählte ihm die ganze Geschichte über Grindelwald, darüber, dass Harry ein Nachfahre des Tarnumhangbesitzers ist und alles über den Rückkehr-Stein.
Aufmerksam folgte Snape Hermines Ausführungen.
„Der Stein befindet sich hier in meiner Tasche, Harry hat ihn versteckt, aber ich habe ihn wiedergefunden."
„Bei Merlin, das ist nicht ihr Ernst!", flüsterte Snape so leise es ihm möglich war. Die Bedeutung von Hermines Worten ließen sein Blut in Wallung geraten. Währenddessen öffnete Hermine den Reißverschluss ihrer Jackentasche und zog eine kleine schwarze Schachtel heraus. Dann führte sie Snapes Hände langsam an die Schachtel.
„Fragen Sie Lily alles, was Sie möchten. Sie müssen den Stein nur in die Hand nehmen."
Hermine legte ihre Hände um die von Snape und drückte sie schützend an das kleine Päckchen. Sie spürte, wie sich ihr Herzschlag dabei beschleunigte. Snape war versteinert. Hermine sah ihm in die Augen und versank in schwarzen wässrigen Seen. Noch nie hatte sie Snape auch nur ansatzweise so verletzlich gesehen. Hermine rückte ein Stück näher an Snape heran und nahm ihn in die Arme. In diesem Moment stürzten Snapes über Jahrzehnte aufgebaute Sicherheitsmauern wie ein Kartenhaus zusammen. Hermine hatte sie eingerissen, er saß vor ihr, schutzlos und wehrlos, mit Haut und Haaren ausgeliefert. Er konnte nur hoffen, dass sie das hier nicht ausnützen würde. Es war solange her, seit Snape von jemandem aufrichtig umarmt worden war, dass er völlig vergessen hatte, wie es sich anfühlte. Zuerst verfiel sein Körper in eine Starre, zu überrascht war er von dieser fremden Nähe. Doch dann spürte er, wie seine Arme den schmalen Körper vorsichtig an sich drückten. Sein Kopf vergrub sich in Hermines duftenden Haaren, er sog sie ein, als könnte dieser Duft seiner zerfallenen Seele zumindest ein klein wenig Linderung verschaffen. Hermine stiegen Tränen in die Augen, als sie spürte, wie er wie ein Verdurstender in der Wüste ein Glas Wasser gereicht bekam. Snapes erdrückende Gefühle legten sich gleichsam auch auf sie und sie drückte ihn noch fester an sich, als wolle sie ihm auch das letzte geben, was in dieser Situation möglich war. Hermine schob Snape ein wenig von sich, damit sie ihn wieder ansehen konnte.
„Ich kenne niemanden, der den Stein mehr verdient hätte, als Sie, Professor."
Severus Snape war sprachlos und Hermine konnte nicht leugnen, dass sie ihren Tränkeprofessor in diesem Zustand unendlich genoss. Ihr Plan war bisher aufgegangen, jetzt war Lily an der Reihe. Erleichtert und mit einem feinen Lächeln auf den Lippen sah Hermine Snape in die Augen.
„Ich muss jetzt gehen, die anderen warten auf mich."
Snape blickte Hermine hinterher und blieb noch eine lange Weile regungslos sitzen, die Schachtel mit dem Stein fest in seinen Händen.
Hermine eilte durch die Gassen und wischte sich die Tränen aus den Augen. Die Gefühle überwältigten sie, die gesamte Anspannung der letzten Wochen zerfiel in ihr. Sie hatte alles richtig gemacht und trotzdem beschlich sie das Gefühl, dass ihre Füße in eine völlig falsche Richtung liefen.
