Lily
Als Snape sich aus seiner Starre erholt hatte, verließ er zügig Trevor´s Kneipe, um zurück nach Hogwarts zu apparieren. Die Lehrer waren bis 16 Uhr verpflichtet, sich zur allgemeinen Aufsicht in Hogsmeade aufzuhalten. Ein kurzer Blick auf die Uhr an der Bar sagte ihm, dass es keinen Grund gab, auch nur eine Minute länger mit der Rückkehr zu warten. Die Feuchtigkeit des Nebels breitete sich auf Snapes Haut aus und ließ seine glatten Haare noch schwerer als sonst in sein Gesicht hängen. Die Luft, die ihm durch seinen schnellen Schritt entgegenwehte, kühlte ihn unangenehm aus. In seinen Gemächern angekommen fröstelte er sogar. Er legte seinen Mantel in der Bibliothek ab und feuerte den Kamin an. Nachdenklich ging er zu seinem Schreibtisch, wo er einmal mehr sein altes verbleichtes Foto von Lily aus der Schublade nahm. Seine Linke umfasste krampfhaft das Foto, in der Rechten lag die Schachtel mit dem Rückkehr-Stein. Er schluckte schwer und rang mit sich. Tag für Tag und Jahr für Jahr hatte er sich nichts sehnlicher gewünscht, als Lily noch einmal wieder zu sehen, nur ein einziges Mal. Noch ein einziges Mal wollte er ihr Lächeln vor sich sehen, ihre seidige Stimme hören.
Einen Moment später glitt Lilys Foto durch Snapes Finger auf den Schreibtisch und er öffnete vorsichtig die dunkelblaue Schachtel. Mit zitternder und feuchter Hand nahm er den Stein aus dem Samteinsatz heraus in seine Hand und ballte sie tief durchatmend langsam zu einer Faust. Seine ganze Vergangenheit, sein Schicksal und all sein Leid schienen nun in seiner eigenen Hand zu liegen. Behutsam und etwas zögerlich drückten seine Finger den Stein gegen seinen Handballen. In diesem Augenblick war er sich selbst nicht sicher, ob er sich wünschen sollte, dass alles nur ein Traum war, oder ob er Lily wirklich gleich vor sich sehen wollte. Die Entscheidung darüber wurde ihm abgenommen. Es gab kein Zurück mehr, der Druck seiner Hand löste die Wirkung des Steines umgehend aus. Weißer geruchloser Rauch stieg vor ihm empor. Die Schwaden bündelten sich zu einer klar erkennbaren Silhouette – Lily Potter stand direkt vor ihm. Snapes Atem stockte. Sie war es, bei Merlin, leibhaftig und mit all ihrer Schönheit und Ausstrahlung stand sie ihm gegenüber! Snapes Pupillen vergrößerten sich, währen sein Herz raste.
„Lily", brachte Snape nur im Flüsterton heraus. Zu überwältigt war er von diesem Ereignis, dass er sich tausend Male erträumt und immer wieder vor sich gesehen hatte, aber niemals damit gerechnet hätte, dass dieser Traum Realität werden könnte.
„Severus", klang vor ihm die Stimme, die ihm so vertraut war und die er all die Jahre hinweg nie aus seinem Ohr hatte verbannen können.
„Bist du es wirklich?", fragte Snape zögerlich und streckte einen Arm nach ihr aus, um diese Illusion real werden zu lassen.
„Ja, ich bin es."
Ihre Stimme klang wie süßer Honig und das weite lange weiße Kleid schlängelte sich engelhaft um ihren schlanken Körper. Sie streckte ihm ihre Hand entgegen. Snape atmete tief ein, als sich ihre Hände begegneten. Diese Berührung löste Snapes Verkrampfung und gab ihm gleichzeitig seine Sprache zurück.
„Es tut mir... so... unendlich Leid, Lily. Ich... ich bin Schuld daran, dass du gestorben bist, die Prophezeiung, Voldemort, es war zu spät, ich war zu spät...", sprudelte es nun aus Snape heraus. Seine Stimme klang traurig, bestürzt, verzweifelt. Noch nie zuvor in seinem Leben wusste er so wenig, wo er anfangen sollte, deshalb versuchte er gar nicht erst, die richtige Reihenfolge zu finden. Keine Berechnung, keine Voraussehungen, kein 'Was geschieht, wenn ich dies oder jenes sage'. Seine Denkfähigkeit war ausgeschaltet, er sprach aus, was er fühlte, zum ersten mal seit unendlich vielen Jahren.
„Schscht", beruhigte ihn Lily und sah ihm voller Mitgefühl an.
„Du hättest es nicht verhindern können, Severus. Du warst jung und neugierig und Voldemort hat das ausgenutzt. Er hatte zu viel Macht – über dich und über uns alle."
Lily ging einen Schritt auf Snape zu, so dass ihr wehendes Gewand längst mit Snapes Robe in Berührung kam. Snapes Körper erwachte aus einer jahrelangen Starre, es war, als würde Lilys Kontakt alle Seile zerschlagen, die ihn seit ihrem Tod gefesselt und geknebelt hielten.
„Ohne mich wäre Voldemort nie so weit an die Macht gelangt!", stöhnte Snape kraftlos und voller Schmerz in Lilys lange braune Haare hinein. Er hatte seinen Kopf nur ein wenig nach vorne gebeugt und Lily gewährte ihm diese Nähe in ihren Armen.
„Du warst alles, was ich je hatte, Lily, und ich habe dich nicht nur fort gejagt sondern dich direkt in den Tod geschickt!"
„Severus, es war nicht unser Schicksal, zusammen zu sein. Meine Bestimmung war es, mit James zusammen zu kommen, um Harry das Leben zu schenken. Auf diese Weise wurde Voldemort letzten Endes zur Strecke gebracht und unser aller Leben hat einen Sinn bekommen."
„Du warst das einzige Licht in meinem Leben, Lily, aber so sehr ich versucht habe, es dir zu zeigen, ich bin jedes Mal gescheitert."
Lily schloss die Augen, um sie gleich darauf wieder langsam zu öffnen. Ein sanftes Lächeln umspielte dabei ihre Lippen.
„Das habe ich immer gewusst. Aber es war mir nicht genug."
Lilys Augen zeugten von Bedauern und trotzdem reflektierten sie gleichzeitig unbeschreiblichen inneren Frieden.
„Nicht nur du hast Fehler gemacht. Mein Fehler war, dass ich dich irgendwann aufgegeben habe. Ich wusste keinen Weg mehr, dich von dem abzuhalten, was dich grenzenlos fasziniert hat. Die schwarze Magie konnte ich nie akzeptieren, nicht einmal ihre Existenz. Ich wollte dich immer verändern, dich zurechtrücken, obwohl ich wusste, dass das nicht möglich war. – Und nun höre mir gut zu, Severus. Hermine will dich nicht verbiegen, sie nimmt dich so wie du bist. Du bist ein wundervoller Mensch und Hermine hat das längst erkannt. Du musst nur zulassen, dass sie es dir endlich zeigen darf."
Snapes Stirn bildete Falten und suchte in Lilys smaragdgrün leuchtenden Augen nach einer Erklärung zu dem eben Gesagten.
„Severus, hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass nicht ich, sondern Hermine dein Schicksal sein könnte? Wenn du wüsstest, was sie alles getan hat, um uns das hier zu ermöglichen. Mach endlich die Augen auf, dann wirst du sehen, dass sie dir viel näher ist, als ich es jemals bereit war zu sein! Hermine möchte zwar, dass du deine dunkle Seite für gute Zwecke benutzt, aber sie streitet nicht ab, dass sie existiert. Und sie ist bereit, einen gemeinsamen Weg mit dir zu gehen."
Snape brauchte einen Moment um Lilys Aussage einordnen zu können. Was hatte Hermine mit all dem zu tun? Zwar waren ihm ansatzweise schon ähnliche Gedanken durch den Kopf gespukt, er hatte sie aber jedes Mal erfolgreich zu verdrängen gewusst.
All das von Lily zu hören verschlug ihm die Sprache und er brachte nur ein einziges Wort heraus.
„Hermine?"
„Ja genau Hermine. Ich kann spüren, dass sie dir alles andere als gleichgültig ist. Sei ehrlich zu dir selbst, wie hat es sich angefühlt, als eure Hände sich berührten? Was hast du empfunden, als sie dich in ihre Arme genommen hat und wie war es, mit ihr zu lachen,- ja, Severus, zu LACHEN, als ihr euch gegenseitig mit den Dartpfeilen beworfen habt?"
Lily gab Snape nur einen kurzen Augenblick, ehe sie ihre Ansprache fortführte.
„Du sträubst dich immer noch dagegen, es wahrzunehmen, weil du glaubst, mich dabei zu verraten, hör auf damit, ich bitte dich. Sev, Ich habe dir nie gehört und werde dir nie gehören. Ich habe immer James geliebt."
„Das ist mir nicht verborgen geblieben, Lily", antwortete Snape ruhig. „Und obwohl ich das immer wusste, hat es nie aufgehört wehzutun. "
„Du musst mich loslassen. Ich habe dir längst verziehen und hoffe, du kannst mir vergeben."
Einen Moment lang herrschte eine vertraute Stille zwischen den beiden. Sie sahen sich einfach nur an und Snape ließ jedes einzelne Wort von Lily auf sich wirken, ohne Groll, ohne Angriffslust.
„Es gibt nichts, was ich dir nachtragen könnte, Lily, du warst mehr für mich, als ich je erwarten konnte", sagte Snape. Seine Augen glänzten wässrig im Schein des unregelmäßig flackernden Kaminfeuers.
„Sev, du wirst immer einen Platz in meinem Herzen haben", sagte sie und strich mit ihrer Hand an Snapes linker Schulter entlang bis zu seinem Unterarm.
Snape nahm ihre Hand, legte sie zärtlich an seine Wange und schloss dabei die Augen. Einige Male atmete er intensiv ein und aus.
„Leb wohl", flüsterte Snape und küsste sie sanft auf die Handfläche.
Er öffnete die Augen und sah sie ein letztes Mal eindringlich an, als könne er dieses Bild für ewig in sein Bewusstsein einbrennen.
Vorsichtig lösten sie sich voneinander.
„Leb wohl, Sev", sagte Lily und im selben Moment verschwand sie in weißem Nebel.
