Ron
Hermine kehrte mit flauem Gefühl im Magen zurück von Hogsmeade. Den ganzen Abend schwirrte Snape in ihrem Kopf herum. Seine mögliche Begegnung mit Lily machte sie verrückt. Kopf und Kragen hatte sie riskiert, um ihm dieses Treffen zu ermöglichen und jetzt zweifelte sie daran, ob Snape die Begegnung überhaupt gewollt hatte oder ob er die Möglichkeit dazu überhaupt nutzen würde. Dieses Unwissen war kaum zu ertragen.Eine lange Nacht erwartete sie. Unzählige Male drehte und wendete sie sich im Bett und fand nur schwer zurück in den Schlaf. Immer wieder tauchte Lily vor ihr auf und nicht selten fand diese sich in einer innigen Umarmung mit Snape. Hermine wusste selbst nicht, was sie fühlen sollte. Wurde Snapes Verlangen durch das Wiedersehen nicht noch mehr geschürt? Trug das alles vielleicht dazu bei, dass alte Wunden neu aufgerissen wurden? War Snape mit seiner verlorenen Liebe in Persona nicht noch mehr überfordert als all die Jahre zuvor?Auch nach stundenlangen verworrenen Gedankengängen und pausenlos erhöhtem Pulsschlag konnte sie keine einzige dieser Fragen beantworten.
Hermine zog einen wackligen Lidstrich am linken Auge. Sie brauchte eine halbe Stunde extra im Bad um die anstrengende Nacht einigermaßen gut zu kaschieren. Nervös betrat sie die große Halle zum Frühstück. Aus dem Augenwinkel heraus sah sie Snape bereits am Tisch mit McGonagall sitzen. Die Butter war gerade auf ihrem Brötchen verteilt, als Hermine einen schwarzen Umhang in Bewegung sah. Snape war aufgestanden, um den Saal zu verlassen. Offensichtlich war er heute früher dran als sonst. Ohne den geringsten Blick in Hermines Richtung verschwand er. Nach einem notdürftigen Frühstück machte sich Hermine auf den Weg zurück in den Gemeinschaftsraum, um ihre Sachen für Verwandlung zu holen. Kurz vor dem Mädcheneingang bemerkte sie ein leises Pfeifen seitlich hinter ihr. Sie drehte sich um und sah einen Hauselfen, der sich hinter der bronzenen Merlinstatue versteckte. Er winkte sie herüber und nach einem kurzen Blick nach links und rechts folgte sie dem Elf.
„Hier von Master Snape", war alles, was der Elf sagte und drückte ihr sogleich ein kleines Päckchen in die Hand.
„Danke", erwiderte Hermine, doch der Elf war schon wieder mit einem kurzen ‚Poff' verschwunden.
Hastig öffnete Hermine das Päckchen und erkannte sofort den Rückkehr-Stein. Auf einem kleinen Stück Pergament stand in Snapes Handschrift „Danke".
Ratlos blickte Hermine noch einmal auf die Post, in der Hoffnung, sie hätte vielleicht irgend etwas übersehen. Himmel, konnte dieser Mann ein einziges Mal eine Silbe mehr sagen als zwingend notwendig?, dachte sie. Und dann wiederum fragte sie sich, wie viele Menschen jemals ein „Danke" von Snape gehört oder gelesen hatten. So oder so, es machte auf jeden Fall den Anschein, dass Snape den Stein benutzt hatte. Sie musste ihn dringend sehen. Sie wollte ihn sehen. Die Neugier war ihr auf den Fersen.
Hermines Wunsch war auch Tage später weit davon entfernt in Erfüllung zu gehen. Allein beim Gedanke an Snapes Namen kochte in Hermine die Wut hoch. Professor Snape war wie vom Erdboden verschluckt. Weder beim Essen noch bei nächtlichen Patrouillegängen durchs Schloss konnte Hermine auch nur einen Blick auf ihn erhaschen. Doch heute war es soweit, endlich war Mittwoch und ihre Nachhilfestunden standen an. Bei Merlin, endlich würde sie ihn treffen, ob er wollte oder nicht. Die Tür zum Labor stand einen Spalt weit offen, als Hermine sogleich eintrat. Üblicherweise war Snape bereits mit Vorbereitungen für den Unterricht beschäftigt. Nicht so heute. Von Snape war weit und breit keine Spur. Langsam näherte Hermine sich dem Versuchstisch, wo Snape offensichtlich diverse Zutaten fein säuberlich vorbereitet hatte. Frisch gehackte Kräuter, einige Ölfläschchen sowie diverse Blüten lagen ordentlich sortiert nebeneinander. Daneben erspähte Hermine ein großes Notizblatt vollgeschrieben mit schwarzer Tinte.
Miss Granger, ich bin heute verhindert. Lesen Sie das Manuskript und arbeiten Sie die Praxisversuche durch. Ich erwarte bis morgen Nachmittag einen schriftlichen Bericht über den Ausgang und Verlauf der Versuche.
Prof. Snape
Förmlicher ging es wohl wirklich nicht, fluchte Hermine wortlos in sich hinein. Ging Snape ihr wirklich aus dem Weg? Oder war das alles nur ein Zufall? Nein, daran konnte sie nicht glauben. Wenn eines in Snapes Leben selten war, dann Zufälle. Bei Merlin, welchen verfluchten Grund gab es, vor ihr zu fliehen? Ihr fiel im Traum keine Situation ein, die dieses Verhalten rechtfertigte! Warum zum Teufel versteckte er sich vor ihr? War sein Treffen mit Lily eine Katastrophe gewesen und er gab ihr dafür nun die Schuld? Oder das Gegenteil und er wurde nun nicht damit fertig, dass sie wieder fort war? Widerwillig machte sich Hermine an die Arbeit. Den Versuchsbeschreibungen zufolge hatte sie für mehrere Stunden zu tun. Zahlreiche Versuche musste sie mehrfach wiederholen, weil sie einfach zu unkonzentriert war. Am liebsten hätte sie alles hingeschmissen und den Raum verlassen, aber die Zutaten waren allesamt frisch und würden am folgenden Tag nicht mehr die gleiche Wirkung haben wie heute. Warum fühlte sie sich nur so unwohl? Warum machte es ihr so unendlich viel aus, wie Snape sie behandelte? Sie hatte einfach keine Antwort darauf.
Hermine war gerade noch rechtzeitig zum Abendessen aufgetaucht. Danach machten es sich die Gryffindors bei einem warmen Kaminfeuer im Gemeinschaftsraum gemütlich. In der hintersten ruhigsten Ecke wollte es sich Ron mit Hermine in trauter Zweisamkeit bequem machen. Hermine war allerdings überhaupt nicht zum Kuscheln zumute. Abwesend starrte sie in die zuckenden Flammen, die ihr die ersten warmen Hände des Tages bescherten.
„Über was grübelst du schon wieder, Hermine?", fragte Ron und seine Stimme ließ bereits Ungeduld erahnen.
„Hast du Snape diese Woche gesehen? Er meidet mich und geht mir ständig aus dem Weg", antwortete Hermine ehrlich.
„Uhh und das soll mir jetzt Sorgen machen, dass die Fledermaus sich wieder verkriecht? Ich würde eher sagen, er ist endlich vollkommen genesen", entgegnete Ron sichtlich genervt.
„Ich habe das Gefühl, dass ich Schuld bin, dass er sich so verhält."
„Warum, hast du ihn endlich wieder mal mit 1000 Fragen gequält?", spottete Ron.
Hermine sah Ron an. Sie ignorierte Rons Temperamentsausbrüche längst und redete einfach darüber hinweg.
„Er hat den Rückkehr-Stein. Ich habe ihn ihm gegeben", sagte Hermine knapp.
„Du hast W-A-S?"
„Es ist davon auszugehen, dass Snape Lily begegnet ist. Verstehst du jetzt, warum ich mir Sorgen um ihn mache?"
„Du bist völlig verrückt, Hermine!", schrie Ron und versuchte sogleich, seine Stimme zu zügeln, da die Gryffindors schon interessiert zu ihnen herüber sahen.
„Der Stein – er war doch...", stammelte Ron nun im Flüsterton.
„Ron, ich habe einen Weg gefunden, ihn wiederzubeschaffen, ok?"
„Harry wird dich umbringen!"
„Er hat den Stein einfach nicht gut genug versteckt. Ich bin nicht die Einzige, die ihn hätte finden können. Es war fahrlässig von Harry, den Stein einfach irgendwo im Verbotenen Wald zu vergraben."
„Warum, bei Merlin hast du das getan, Hermine?", fragte Ron völlig verständnislos und verärgert.
„Ich vertraue Severus und er hat es mehr als verdient."
Noch während Hermine die Worte von sich gab, erschrak sie über sich selbst, dass sie Snapes Vornamen völlig unbeabsichtigt ausgesprochen hatte.
„Na wundervoll, seid ihr auch schon beim Du? Ihr vertraut euch?" Ron spuckte die Worte regelrecht aus.
„Was kommt da noch alles, Hermine, sag es mir? Was läuft zwischen dir und Snape?"
„Hör auf damit, Ron. Wir sind so etwas wie Freunde geworden, weiter nichts."
„Freundschaft mit Snape? Das ich nicht lache. Weißt du, was ich glaube? Dir ist die „Freundschaft", oder „Was auch immer" mit Snape mehr wert als unsere Beziehung! Du verbringst längst mehr Zeit in den Kerkern als mit mir!"
„Fang nicht wieder damit an, Ron. Ich dachte, wir hätten das geklärt."
„Nichts ist geklärt, Hermine, überhaupt nichts und du merkst es noch nicht einmal!", fauchte Ron. „Sehen wir uns heute Abend?", fragte er provozierend.
Hermine stockte einen Moment und antwortete dann.
„Ich muss noch die Theoriefragebögen von Snape beantworten über die Versuche gestern, ich denke das wird den ganzen Abend dauern."
„Du bist nicht bei Sinnen, Hermine! Ich weiß nicht, was der Kerl mit dir macht, aber es muss aufhören! Wenn du heute Abend nicht zu mir kommst, dann ist es aus, Hermine!"
„Ist das dein letztes Wort, Ron?"
„Ja!"
„Dann scher dich zum Teufel, Ron Weasley! Du verstehst nichts von mir, GAR NICHTS!"
Ron stand auf und verließ den Raum. Eine Sekunde später knallte die Tür zu. Erschöpft stand Hermine auf und ging in ihr Zimmer. Sie wollte einfach nur schlafen ohne an etwas zu denken. Sie hatte mit Ron Schluss gemacht und alles was sie empfand war – ja, was war es, was sie fühlte? Befreiung? Jedenfalls war es weder Schmerz, Verlust noch Trauer. Die nervenzehrenden Diskussionen hatten ein Ende und es war gut so. Trotzdem verspürte sie eine große Leere. Aber wenn sie ganz tief in sich hineinhörte, dann wusste sie, dass diese Leere absolut nichts mit Ron zu tun hatte.
